von Stephanie Rebonati

Zwischen Vorhaut und Zeigefinger

Es hätte ein Buch über den Journalismus als Traumberuf werden können. Schliesslich blickt Georg Brunold auf eine reichhaltige Vita zurück, von der viele Kollegen nicht einmal zu träumen wagen. Stattdessen schreibt sich der ehemalige NZZ-Korrespondent und «du»-Redaktor den Frust von der Seele, der sich in all den Berufsjahren auf fünf Kontinenten aufgestaut hat. Herausgekommen ist eine irritierende Abrechnung.

Dieses Buch ist keine Strandlektüre. Ich habe es versucht. Letzte Woche auf Sandy Hook, einer 9.7 Kilometer langen Landzunge in der Lower New York Bay. Rechts von mir zankte sich ein älteres Ehepaar: er wollte mit Sonnenschirm, sie ohne. Links knutschten sich zwei pubertierende Menschen in den Sand hinein. Und vor mir lag Georg Brunold auf einer mexikanischen Wolldecke und schimpfte über Chefredaktoren, Auslandredakteure und Ressortleiter, ja über die ganze «Arena rauer Sitten».

Dazwischen erfährt man, dass er mit zwölf wegen einer zu engen Vorhaut im Kreuzspital Chur beschnitten worden war. Und auf seinem Grabstein soll eines Tages «Thank you for the music» stehen, nachdem er irgendwann aufgehört hat, nach Boccaccios Satz zu leben: «Lieber versuchen und dann bereuen als nicht versuchen und dann bereuen». Wird Georg Brunold dieses Buch bereuen? Er hätte allen Grund dafür.

Georg Brunold wurde 1953 in Arosa geboren, er studierte in Zürich Philosophie und Geschichte, lernte Arabisch und wurde Journalist, weil er nicht Lehrer werden wollte. Von 1991 bis 1995 war er Afrikakorrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung» in Nairobi, wo er auch heute wieder lebt. Später schrieb er als stellvertretender Chefredaktor der Kulturzeitschrift «du», als Freiberufler arbeitete er für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Zeit, Die Weltwoche, Geo, Lettre International, Cicero. Bisher veröffentlichte er zehn Bücher, darunter ein herausragendes, das 2,5 Kilogramm schwere Überformat: «Nichts als die Welt. Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren».

Georg Brunold hat als Journalist viel erreicht, was er in «Traumberuf» aber zu oft erwähnt. In der Medienmitteilung bezeichnet der Verlag das Buch als «Abenteuerroman», als «dringender Beitrag», als «Werkstattbericht besonderer Art». «Was ist das?», fragt man neugierig vor der Lektüre. Danach weiss man: nichts von alledem. Es ist eine Abrechnung.

In «Traumberuf» erzählt Georg Brunold – penetrant abschweifend – seinen Kindern seine Lebensgeschichte, «die es sich gründlich überlegt haben sollten, falls sie sich selber einmal auf solche Wege begeben möchten». Er beschreibt seine vielen Exkursionen, gibt dem Leser hie und da ein «kleines Lehrstück und Bijou zum Reisen»: An kongolesischen Grenzposten soll man Witze machen, in der Republik Guinea auf keinen Fall.

Die meiste Zeit aber, rechnet er ab, oder wie in der Medienmitteilung formuliert «zieht er Bilanz» – vor allem puncto «NZZ». Hugo Bütler (ehemaliger «NZZ»-Chefredaktor) könne nicht delegieren, Hansrudolf Kamer (damals «NZZ»-Auslandchef) hingegen «wenigsten schreiben», sei aber «ein Eiszapfen ersten Ranges» und «zu den Kollegen vom Inland und vom Lokalteil, diesen Bollwerken des rechtsliberalen Kampfblatts, behielt ich Distanz».

Auf Seite 180, 36 vor Schluss, wird das Buch doch noch interessant. Aber da geht es mehrheitlich um ein anderes Buch von Brunold: den oben erwähnten Folianten «Nichts als die Welt». Hier liest man endlich über das Journalistenhandwerk, über «Subjektivität und Objektivität», über «Nähe versus Anschaulichkeit», über das «Verhältnis von Stil und Technik», kurzum: was Reportagejournalismus, die schillernde Königsdisziplin, ausmacht. Denn hierzu hat Georg Brunold viel zu sagen. In der Frankfurter Allgemeine Zeitung stand über ihn: «Mit seinen Reisereportagen machte er sich in der literarischen Welt einen Namen».

Mit «Traumberuf» wird er diesem Ruf nicht gerecht. Auf unnachvollziehbare, unangenehme Art hebt er den Zeigefinger und richtet diesen auf Leute; er kommentiert, korrigiert und pauschalisiert. Der Leser dreht sich im Warum-macht-er-das-bloss-Kreis. Der «Hexenkessel der Medien», der «Zirkus von hochkultivierten Eitelkeiten, Eifersüchteleien und Neid», ja die ganze «Arena rauer Sitten», hat ihm doch so viel ermöglicht. Das schreibt er zwar an einer Stelle, nur glaubt man es ihm nicht.

«Traumberuf. Erzählung vom Journalistenleben» von Georg Brunold ist im Juni 2012 im Echtzeit Verlag erschienen. Wie alle Bücher des Verlags bleibt auch dieses dem wunderbar schlichten Corporate Design treu: ganzflächiges schwarzweiss Portrait im Querformat, matt auf porösem Buchdeckel.

«Traumberuf. Erzählung vom Journalistenleben», Georg Brunold, Echtzeit Verlag, 216 Seiten, gebunden, 29 Franken.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge