von Stephanie Rebonati

Das ist kein Enthüllungsbuch

21 Jahre lang arbeitete Janet Groth beim New Yorker als Empfangsdame. Von 1957 bis 1978 nimmt sie Anrufe entgegen, giesst Pflanzen und schläft mit den Edelfedern und Karikaturisten. In ihrer Autobiografie erzählt Groth die Geschichte eines Mädchens, das in Iowa aufgewachsen ist und schon immer von den vielen Lichtern New Yorks träumte.

An einem kühlen Abend Mitte September in Manhattan sitzt die 75-jährige Janet Groth in einer alten Bibliothek in einem dunkelbraunen Ledersessel und unterhält sich mit Calvin Trillin, den sie liebevoll «Bud» nennt. Trillin ist selbst 76 Jahre alt und schreibt seit 1963 regelmässig für den New Yorker, ausserdem hat er 18 Bücher veröffentlicht. In der kleinen Bibliothek am Broadway unweit des Union Square wohnen gerademal 30 Leute der Lesung bei, Mikrofone sind überflüssig.

Die beiden Originale lachen über einen jungen Woody Allen, der sich inder Redaktion des New Yorker immer wieder verirrte und sie berichten stolz von der redaktionsinternen Jazzband, die wöchentlich in einer Bar auftrat. Auch von eifersüchtigen Ehefrauen wurde berichtet. Diese riefen Chefredaktor William Shawn an, um sich zu erkundigen, wo ihre Ehemänner steckten. Shawn leitete sie an Janet Groth weiter, die dann den Ehefrauen versicherte, dass die Ehemänner in der Redaktion sitzen und schreiben – und treu sind.

Ein Karikaturist war nicht treu. Janet Groth gibt ihm das Pseudonym Evan Simm. Er entjungfert sie und lässt sie nach einer stürmischen Affäre sitzen. Sie versucht sich das Leben zu nehmen. Es folgt noch ein amouröses Malheur, dieses Mal branchenextern. Ihr Liebhaber, ein bekannter Arzt, trägt lieber keine Kondome, weil das «Liebemachen durch eine Socke ist» und als Arzt wisse er schliesslich, wann eine Frau empfänglich ist und wann nicht. In der zehnten Schwangerschaftswoche verabreicht er der jungen Janet ein Mittel, um das gemeinsame Kind abzutreiben.

Janet Groth, alle nannten sie Jan, ist 1.70 Meter gross, hatte früher die Idealmasse 90-66-90, und trug ihr blondes Haar in einem 30-Zentimeter-Pferdeschwanz. «Was muss ein Mann sonst noch wissen?», fragt sie rhetorisch an einer Stelle in ihrer Autobiographie. Ihren «Daddy-Komplex» verdankt sie ihrem alkoholsüchtigen Vater, der die Familie in einem silbrigen Wohnwagen durch den Mittleren Westen jagte – nichtsdestotrotz liebte sie ihn «zutiefst».

Nicht selten reflektiert Janet Groth ihre Attribute. Sie nennt sich «Klischee» und «dummes Blondchen». Dabei hat sie einen Universitätsabschluss, später einen Doktortitel und Lehrstühle an renommierten Hochschulen in den USA. Noch heute, mit 75 Jahren, lehrt sie Englische Sprache an der Columbia University in Manhattan. Einige ihrer Essays und Bücher wurden ausgezeichnet.

In ihren 21 Jahren beim New Yorker schrieb sie nie für dessen Seiten. Warum? Das fragt sie sich auch. Dreimal schlug sie William Shawn –Chefredaktor von 1952 bis 1987 – einen Artikel vor – jedes Mal«verschwand» ihr Text im Durcheinander des Redaktionsalltags und als er plötzlich wieder auftauchte war das Thema nicht mehr aktuell.

Und das nagt an ihr. 1976 gab Janet Groth an der Elitehochschule Vassar College nördlich von New York einen Kurs namens «The Contemporary Press». E. J. Kahn Jr. (er schrieb fünfzig Jahre lang für den New Yorker und war Autor von «The New Yorker And Me») war Gastsreferent und führte «seine» Empfangsdame ein: «Sie ist eine authentische Kuriosität beim New Yorker. In den 19 Jahren als Empfangsdame wurde sie nie befördert. Wohl möglich, weil sie das selber gar nie richtig wollte». Die Annahme von E. J. Kahn Jr. stört Janet Groth bis heute.

In «The Receptionist» mit dem Untertitel «An Education At The New Yorker» geht es nur nebenbei um das legendäre Nachrichten-, Politik- und Literaturmagazin. Im Zentrum steht die sexuelle Revolution der langjährigen Empfangsdame. Und ja, einige Redaktionsmitglieder haben bei dieser Revolution tatkräftig mitgeholfen. Worüber man aber vor allem liest, sind gute Zeiten.

Janet Groth und Calvin Trillin hatten Spass beim New Yorker, obwohl der Vietnamkrieg tobte und John F. Kennedy erschossen wurde. «Es war eine andere Ära», sagt Janet Groth mit Wehmut in den Augen. Warum die Aussage von E. J. Kahn Jr. sie heute noch stört? Darauf kann Janet Groth nicht direkt antworten. Die 75-jährige Lady sagt nur so viel: «Heute ist halt alles anders für junge Frauen». Zum Glück.

«The Receptionist. An Education At The New Yorker», Janet Groth, 2012 bei Algonquin Books of Chapel Hill erschienen, bisher nur in Englisch erhältlich, ISBN: 9781616201319.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.