von Nick Lüthi

Erfolgreicher Schrotthändler

Ringier bleibt weiterhin stark im Geschäft mit gedruckten Medien verankert, forciert aber unaufhaltsam den Ausbau des Digital- und Unterhaltungsgeschäfts. Im letzten Jahr erzielte das Unternehmen einen Gewinn von 32 Mio. Franken bei einem Umsatz von rund 1 Mrd.

«Zeitungsjournalisten entlarven das Funkengestiebe des Internets, von bildschirmsüchtigen Kids und Nerds fürs Sternenzelt gehalten, als unendlich viel Meteoritenschrott.» Frank A. Meyer, 2013

Der Epilog passt zum Ringier-Jahresbericht wie die Faust aufs Auge. Da geisselt einer das Internet und preist Zeitungen und Zeitschriften als «Salon unserer demokratischen Gesellschaft». Die Illustration mit einem «Lesekabinett» von 1840 zeigt eindrücklich, wonach sich der Autor offenbar sehnt. Die Realität sieht anders aus. Meyers Arbeitgeber Ringier ist längst kein Medienunternehmen mehr im engeren Sinn, sondern ein vertikal integrierter Unterhaltungskonzern. Der Autor ist Frank A. Meyer, einst Chefpublizist im Hause Ringier, heute ein pensionierter Journalist in Berlin. Während sein Arbeitgeber sich konsequent vom Medienunternehmen zum Unterhaltungskonzern wandelt, hält Meyer stramm dagegen. Ein Ritual, das sich Jahr für Jahr wiederholt. Und von Jahr zu Jahr weniger mit der Realität von Ringier zu tun hat.

Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte Meyer in Verleger Michael Ringier einen treuen Verbündeten wider das Internet. «Wir brauchen Edelmetall, den Schrott gibt es im Internet», sagte der Verleger noch vor zweieinhalb Jahren vor deutschen Branchenkollegen. Nun ist Ringier selbst ein Schrotthändler. Und dazu erst noch ein erfolgreicher, wie die Geschäftszahlen für das letzte Jahr zeigen. Entsprechend stolz zeigt sich Ringier, dass sein Haus zu einem der «aggressivsten Medienunternehmen» zähle bei den Investitionen ins Internet. Damit meint er auch die gewagte Akquisition einer 50-Prozent-Beteiligung an jobs.ch für knapp 200 Millionen Franken (die andere Hälfte hält Tamedia). Bei Ringier Schweiz trägt das digitale Geschäft bereits mit 28 Prozent zum Ergebnis bei.

Doch so gut wie der Verkauf von Tierfutter und Tickets im Netz funktioniert, so harzig kommt Ringier mit kostenpflichtigen journalistischen Angeboten voran. Die erst kürzlich angekündigte Einführung einer «Blick»-Paywall im kommenden Herbst, wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. «Wenn man von den Lesern Geld will, muss man etwas Besonderes bieten», sagte Michael Ringier. Die bestehenden Inhalte taugen offenbar nicht, um sie gegen Geld online anzubieten. Wahrscheinlicher als redaktionelle Beiträge kommen multimediale Zusatzangebote aus dem Geschäftsfeld Entertainment hinter die Paywall. Als Veranstalter und Vermarkter von Sportanlässen und Konzerten bestehen ideale Voraussetzungen, die Wertschöpfungskette auch bis hinter Paywall zu verlängern. Exklusive Videos der Fussball-Super-League, die Ringier exklusiv vermarktet? Die Bild-Zeitung in Deutschland macht es vor mit der Bundesliga.

Doch vorerst bleibt bei Ringier das klassische Mediengeschäft mit Zeitungen und Zeitschriften und Druckereien das stärkste Standbein. Gerade in Osteuropa, wo Ringier in zwei Ländern alleine und in vier weiteren mit Axel Springer zusammen auftritt, dominiert der Printbereich das Geschäft. So konnte Ringier in Ungarn und Rumänien den Erlös aus den Druckereien sogar massiv steigern. In der Schweiz steuert der Bereich Publishing, massgeblich Zeitungen und Zeitschriften, immer noch deutlich über die Hälfte des Umsatzes zum Gesamtergebnis bei. Doch die Anzeichen des Niedergangs waren auch im vergangenen Jahr nicht zu übersehen. So hat Ringier im letzten Jahr gleich drei Druckereien geschlossen und dabei im grossen Stil Personal abgebaut. Das «gute Ergebnis» sei deshalb nur aufgrund dieser Entlassungen erzielt worden, vermutet die Gewerkschaft.

Als Einziges der grossen Schweizer Medienhäuser scheint Ringier eine Formel gefunden zu haben, seine Geschäfte den veränderten Vorzeichen der digitalen Medien- und Konsumwelt erfolgreich anzupassen. Dass dabei die Unabhängigkeit des Journalismus unter Druck gerät, weil er vermehrt als Erfüllungsgehilfe für Promotion und Bewerbung der lukrativen Geschäftsfelder hinhalten muss, scheint Ringier nicht allzu grosse Sorgen zu bereiten. Ganz neu ist auch das nicht. Denn die bunten Blättli und Heftli standen den Stars und Sternchen aus Showbiz und Sport schon immer sehr nahe. Nun sind sie quasi offizielle Ringier-Mitarbeiter. Auch das ist eine Form von Transparenz.

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