von Ronnie Grob

Sieg der Schwachen

Andrea Bleicher verliert den Machtkampf gegen die Ringier-Führungsspitze und verlässt das Unternehmen per sofort, Rolf Cavalli folgt ihr. Installiert wird mit René Lüchinger ein loyaler «Blick»-Chef, der es gut kann mit der Werbung, aber Langeweile verspricht. Chefredaktoren in der Schweiz sind je länger je weniger gewichtige Publizisten, sondern führungsloyale Verlagsadlaten.

Fangen wir an mit den Neuen, den Siegern:

Neuer «Blick»-Chefredaktor ist der 54-jährige René Lüchinger, einst Chefredaktor von «Facts» und «Bilanz», irgendwann aber ohne Job – die «Weltwoche» nahm sich seiner an und liess ihn firmenfreundliche Porträts schreiben: Interessante Einsichten manchmal, langweiliges PR-Gesülze in anderen Fällen, hier ein Beispiel. Seine Anteile an der Corporate-Publishing-Agentur Lüchinger Publishing GmbH wird er mit dem Jobantritt abgeben.

Sein Stellvertreter wird der 49-jährige Andreas Dietrich, der journalistisch zuletzt als Mitglied der Chefredaktion des «Tages-Anzeigers» die zweimal täglich erscheinende iPad-Ausgabe verantwortete, ein gescheitertes Projekt. Aktueller Arbeitgeber (seit Januar) ist die Kommunikationsagentur Ammann, Brunner & Krobath AG. Sein LinkedIn-Profil weist Erfahrungen aus als «Berater» und «PR-/Werbetexter».

Aufgefallen sind die beiden bisher mit einigen guten Stücken und, mit zunehmendem Alter, gar nicht mehr. Die Bissigkeit jüngerer Tage ist bei beiden der Gemütlichkeit gewichen, nicht die Eigenschaft, die es in einer Boulevard-Chefredaktion braucht. Unter dieser Führung ist ein langweiliger und publizistisch ärmlicher «Blick» zu erwarten, der vermehrt die Ringier-Verwertungskette bedient und sich weniger um journalistische Erfordernisse kümmert.

Alles Neue und Umwälzende beim «Blick» ist nämlich mit dem Abgang von Andrea Bleicher gestoppt. Nach der Absetzung von Ralph Grosse-Bley im Februar (der heute zuständig ist für Blick-«Käferspiele»), bewegte die selbstbewusste Interims-Chefredaktorin einiges. Sie stellte fröhlich viele neue Mitarbeiter ein (mehrheitlich Frauen), gewährte einige Interviews und machte einen angriffigen und dennoch gefälligen «Blick». Die unter Grosse-Bley notorischen Presseratsbeschwerden versiegten plötzlich. Bleicher bewies, dass man eine Boulevardzeitung machen kann, ohne täglich Grenzen zu überschreiten. Ihre Personalentscheide waren progressiv und liessen Hoffnung auf Veränderung aufkeimen. Die öffentlichen Auftritte dagegen hinterliessen eher Verwirrung, zum Beispiel das Gespräch mit der SRF-3-Talksendung «Focus». Bleicher hörte sich darin nicht wirklich an wie die Stimme einer grossen Boulevardzeitung (fehlende Interview-Skills könnten aber auch ein Ausbildungsversäumnis sein von Seiten Ringier).

Die vor allem von Weltwoche-Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann geäusserte Kritik an Bleicher blieb oberflächlich und befasste sich ernsthaft mit Haarfarben («Es begegneten sich eine Blonde und eine Dunkle»). «Lustlosen Blut-Boulevard wie aus dem Mittelalter» warf er Bleicher vor und dozierte, heutige Boulevardzeitungen müssten Celebrity-Quatsch betreiben. Ausserdem fehle der Zeitung, trotz dem täglichen Seite-1-Girl, der Sex. Die Wahrheit ist: Gedruckte Boulevardzeitungen verlieren an Auflage, weil die ihn lesenden Senioren wegsterben, mit dem Inhalt hat das oft weniger zu tun. Als sehr kurzes Gedankenexperiment: Was hätte Zimmermann geschrieben, wenn Bleicher keinen «Crime» geliefert hätte? Eben.

Auch wenn es möglicherweise Gründe für die Absetzung von Bleicher und Cavalli gibt, von denen die Öffentlichkeit nichts weiss, ist der Entscheid der Ringier-Führung ein Paradebeispiel, wie man ein motiviertes Redaktionsteam entmutigt. Marc Walder hat die eigene Macht im Verlag zu beachtlicher Grösse auswachsen lassen, was mehr und mehr an das System Merkel erinnert. Im Konfliktfall trennt sich die Führungsspitze auch von langjährigen, augenscheinlich hochloyalen Mitarbeitern wie Cavalli, der dem Unternehmen immerhin 16 Jahre gedient hat. Es ist auch eine Zementierung der eigenen Unfähigkeit, Kritik anzunehmen und umzusetzen. In einem Brief hat sich ein grosser Teil des Führungskaders gegen die schon im Vorfeld bekannt gewordene Ablösung gestellt. Nun wird es unter dem neuen Chefredaktor arbeiten müssen – was eine grosse Herausforderung sein wird sowohl für Lüchinger als auch für die Belegschaft. Zu erwarten ist eine «peinliche erste Redaktionssitzung». Ein Chef muss enorm stark sein, um ein Führungskader für sich zu gewinnen, das sich nahezu geschlossen gegen ihn ausgesprochen hat. Ob Lüchinger solche Kräfte entfalten kann, wird sich weisen.

Bis zu Lüchingers Antritt übernehmen Felix Bingesser sowie Thomas Ley, Dominik Hug und Fabian Zürcher die redaktionelle Verantwortung für den «Blick» – letztere drei haben den Brief gegen die Absetzung von Bleicher unterschrieben (die ursprüngliche Fassung, die später von persoenlich.com kommentarlos ausgetauscht wurde). In der es hiess, «mit dem jetzt geplanten Wechsel an der Blick-Spitze ist die Grenze unseres Verständnisses erreicht. Wir halten ihn für ein abermaliges Experiment mit ungewissem Ausgang».

Die Ringier-Experimente gehen also weiter. Besonders verschaukelt vorkommen dürfen sich jene Angestellten, die von Bleicher (mit dem offensichtlichen Einverständnis von Ringier) geholt worden sind und sich nun neu orientieren dürfen. Aber Ringier hat Geld zum Verschwenden, im Zweifel zahlt man einfach alle anständig aus und lässt sie einen neuen Job suchen.

Andrea Bleicher ist nun eine valable Kandidatin für die Spitze der «SonntagsZeitung», die nach dem Abgang von Martin Spieler dringend (offiziell ab 2014) eine neue Führung braucht. Sie wäre die richtige Person, um den eingeschlafenen Laden aufzumischen. Allerdings wurde sie von dieser Zeitung bereits übergangen, als sie Inlandchefin werden wollte. Ganz generell scheinen Schweizer Verlage bei der Besetzung von Spitzenpositionen eher auf Führungstreue und Aussenwirkung zu setzen als auf publizistische Leistungen. Die Anzahl von Chefredaktoren, die nicht vor allem Managementaufgaben erfüllen, schwindet – vielleicht sollten sie umbenannt werden in «Verlagsadlaten».

Als Detail am Rande. So wirbt der «Blick» heute für sich selbst:

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Leserbeiträge

Marco 20. August 2013, 16:43

Schundblatt bleibt Schundblatt. Wenn ich da an die Hajrovic-Hetze oder ähnliche Storys der letzten Monate denke, stört es mich kein bisschen, ist Bleicher weg.

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Frank Hofmann 20. August 2013, 20:41

Sie stellte fröhlich viele neue Mitarbeiter ein (mehrheitlich Frauen), gewährte einige Interviews und machte einen angriffigen und dennoch gefälligen «Blick». – Das isch emol en “publizistische Leistungsausweis”. Nur dass SIE den … Blick GEMACHT hat, hätte sie wohl nicht gesagt. Das sagen Männer – etwa der ehemalige Handelszeitung-CR.

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thomas gfeller 10. September 2013, 11:23

Nachdem ich nun Frau Bleicher bei Schawinski gesehen habe, begreife ich, dass man sie beim Blick nicht mehr gebrauchen konnte.

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Romana Knorr 13. September 2013, 12:42

Genau. Danke für den Beitrag.

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Thomas Knieß 24. Oktober 2013, 02:19

Zuerst den “ungeliebten Deutschen” RGB niedermachen, der wenigstens wusste wie Boulevard zu machen ist, um sich nun über “weichgespülte” Landsmänner zu beklagen! Bei uns am Rhein pflegt man(n) in solchen Fällen zu fragen:”Junge Frau – wie hätten Sie’s denn gerne?”

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