von Ronnie Grob

Rituelle Putsch-Fantasien

Ewig grüsst das Murmeltier im Richtungsstreit der SVP, der schon seit Jahrzehnten zwischen den Leitfiguren Adolf Ogi und Christoph Blocher in den Medien ausgetragen wird. Die MEDIENWOCHE hat dazu einige alte Zeitungsberichte ausgegraben und fragt: Wird das so weitergehen? Die Chancen stehen gut.

«Geheimplan: Putsch gegen Ogi», war auf der Titelseite der «Sonntagszeitung» vom 31. Oktober 1999 zu lesen:

BERN – Adolf Ogi kommt unter Druck. Politiker quer durch alle Parteien planen den Putsch. Am 15. Dezember soll der Berner Bundesrat abgewählt und durch Christoph Blocher ersetzt werden.

Und was passierte bei den Gesamterneuerungswahlen am 15. Dezember 1999? Adolf Ogi wurde mit im 1. Wahlgang mit 191 Stimmen gewählt, dem besten Resultat der antretenden Bundesräte. Das Jahr 2000 verbrachte er als Bundespräsident.

Am Sonntag vor einer Woche war es nun umgekehrt, und die «Sonntagszeitung» titelte «Ogi ruft SVP zum Putsch gegen Blocher auf».


Titelseite der «Sonntagszeitung» vom 17. August 2014.

Im Artikel hiess es:

BERN – Jahrelang hat Alt-Bundesrat Adolf Ogi sich geweigert, die SVP-Politik zu kommentieren. Doch nachdem die SVP unter der Führung von Christoph Blocher die bilateralen Verträge offen angreift und mit Initiativen das Recht auf Asyl faktisch abschaffen und die Gültigkeit des Völkerrechts infrage stellt, ruft Ogi seine Partei zum Putsch gegen Christoph Blocher auf.

Und was passierte die Woche darauf? Gar nichts. Die SVPler schwiegen, mit der Kampagne des «Blick», die sich von Montag bis Mittwoch der Schlagzeile anschloss, musste man fast schon Mitleid haben. Einsam steht ein Putschist im Blätterwald.


«Ogi will SVP retten!» Seiten 2 und 3 im «Blick» vom 18. August 2014.

Um die SonntagsBlick-Kolumne von Frank A. Meyer am Tag zuvor zu verstehen, musste man ein echter Schweiz-Experte sein. Es war darin zwar die Rede von einem «Volkstribun», «Populisten» und «Oligarchen», doch aufgeklärt, von welcher Person überhaupt die Rede ist, wurde der unkundige Leser nicht. Faszinierend, dass derart kryptische Texte ausgerechnet in einer Boulevardzeitung erscheinen (übrigens nicht zum ersten Mal).

Christoph Blocher selbst nimmt die Angriffe, die er als «konzertierte Aktion» aus der «Ringier-Küche» wertet, gelassen. Er legte seine Sicht am letzten Freitag auf Teleblocher.ch dar:

Wahr ist, dass Adolf Ogi tatsächlich öfters mal vorsichtig formulierte, wenn es um die eigene Partei und ihre Exponenten ging. Aber still war er nie. Und die Medien schon gar nicht, seit vielen Jahrzehnten schreiben sie über den Kampf angeblich «vernünftiger» Kräfte gegen eine SVP unter dem Einfluss von Christoph Blocher.

Markus Somm, Blocher-Biograf, BAZ-Chefredaktor und seit vielen Jahren mit Innenpolitik befasst, wähnt sich «seit zwanzig Jahren im gleichen Theater mit den gleichen Darstellern und den gleichen Komparsen». In seinem Leitartikel vom Samstag schrieb er:

Die Gegner und Kritiker der SVP sind schwer zu verstehen. Wenn sie wenigstens erlebt hätten, dass ihre Strategie der Dämonisierung der Volkspartei zum Erfolg führt, dann hätte ich ja ein gewisses professionelles Verständnis. Doch das Gegenteil haben sie erreicht: Die SVP ist seit 1992 fast unablässig gewachsen, während die Konkurrenz welkt, und es gelingt ihr immer wieder, ja vielleicht immer öfter, wichtige Abstimmungen zu gewinnen – gegen Bundesrat, Parlament und weite Teile der Medien. Ihre Positionen sind im Gespräch wie selten zuvor: Immigration, Europa, sogar das abstrakte Völkerrecht bewegt nun die einfachen Wähler, weil die Gegner der SVP das ganze Land in Alarmstufe Rot versetzt haben. Kurz, es wäre Zeit, die Bürgerlichen aus der Mitte würden aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Tun sie das? Es sieht nicht so aus. Und deshalb werden wir schon bald erleben, wie Blocher-Gegner unter den Journalisten sich einen nächsten «Putsch» ausdenken werden. Die Realität wird es nur insofern tangieren, als dass gewisse Menschen ein nicht ganz so gutes Gedächtnis haben und glauben werden, es handle sich um neue Entwicklungen. Auf der Frontseite der «BZ Basel» hiess es am 19. August:

Bei den Politikern stösst die Kritik auf wenig Resonanz, doch Adolf Ogi ist überzeugt, dass es richtig war, den Weckruf zu platzieren. «Ich habe Hunderte von SMS und E-Mails erhalten und wurde in der Öffentlichkeit auf das Interview angesprochen. Die Reaktionen kann man in einem Wort zusammenfassen: ‹endlich›.» Endlich habe jemand den Mut gehabt, Christoph Blocher zu kritisieren.

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