von Nick Lüthi

Der fusionierte Chefredaktor

Ab 2016 leitet Arthur Rutishauser in Personalunion zwei der grössten Zeitungen der Schweiz. Der amtierende Chefredaktor der Sonntagszeitung wird in einem Jahr auch die Nachfolge von Res Strehle als Tages-Anzeiger-Chef antreten. Mit der faktischen Fusion der beiden Titel verabschiedet sich Tamedia vom redaktionellen Binnenpluralismus.

Vor einem halben Jahr hiess es noch, eine Zusammenlegung von Tages-Anzeiger und Sonntagszeitung sei kein Thema. Es gehe lediglich um eine punktuelle Zusammenarbeit der beiden Tamedia-Titel mit dem Ziel, Kräfte zu bündeln, ohne die jeweilige Marke zu verwässern. Seither wurden die Ressorts Gesellschaft, Kultur, Wissen der beiden Zeitungen zusammengelegt, bald folgt auch noch das Ausland. Eine eigenständige Berichterstattung in den sogenannten Kernressorts Inland, Wirtschaft und Recherche reiche aus, um das publizistische Profil zu wahren. Nun folgte der nächste, weit bedeutsamere Schritt hin zu einer Verschmelzung von Tages-Anzeiger und Sonntagszeitung. Ab Frühjahr 2016 werden die beiden Zeitungen von ein und demselben Chefredaktor geleitet. Gestern hat Tamedia bekannt gegeben, dass Arthur Rutishauser nach der Pensionierung von Res Strehle dessen Amt als Chefredaktor des Tages-Anzeigers übernehmen wird. Die Leitung der Sonntagszeitung behält er weiter.

Das ist kein neues Modell. Bereits Rutishausers Vorvorgänger Andreas Durisch amtete als Doppelchef von Sonntagszeitung und Nachrichtenmagazin Facts – das dann allerdings eingestellt wurde. Als schlechtes Omen für das Schicksal des Tages-Anzeigers muss man das nicht lesen. Vielleicht nur dahingehend, dass ein Titel ohne eigenen Chefredaktor zwangsläufig an Profil verliert, was sich wiederum auf die wirtschaftliche Entwicklung negativ auswirken kann. Res Strehle, ein linker Schreiber und streitbarer Publizist, prägte und prägt noch bis zu seiner Pensionierung die öffentliche Wahrnehmung des Tages-Anzeigers massgeblich. Ein halber Tagi-Chefredaktor hingegen, wie Rutishauser einer sein wird, muss dauernd erklären, welchen Hut er gerade aufhat.

Mit dem gemeinsamen Chef endet auch das Konkurrenzverhältnis zwischen den beiden Blättern. 1987 gründete die damalige TA-Media die Sonntagszeitung, um die trägen Strukturen des Tages-Anzeigers aufzubrechen. Der interne Wettbewerb hatte aber nicht nur innen-, sondern auch medienpolitische Implikationen: «Das gepflegte, interne Konkurrenzverhältnis bot einen weiteren Vorteil: Es galt in der politischen Debatte als Beweis dafür, dass die zunehmende Medienkonzentration auf Unternehmensebene durch den Wettbewerb der Redaktionen kompensiert werde», schrieb der Medienjournalist Christian Mensch. Nun wird der interne publizistische Wettbewerb ausgeschaltet. Den Vorwurf des Einheitsbrei muss sich Tamedia gefallen lassen.

In der Tages-Anzeiger-Redaktion hielt sich gestern die Begeisterung in Grenzen nach Bekanntwerden der Spitzenpersonalie. So kursierten flugs lakonische und empörte Kommentare auf Twitter. Ein Redaktor meinte, ihm sei egal, wer unter ihm Chefredaktor sei, ein anderer pflichtete ihm umgehend bei. Ein weiterer Journalist schrie in einem Tweet raus: «LAUT STATUT BESTÜNDE EIN ANHÖRUNGSRECHT DER REDAKTION.» Tamedia hat die Redaktion nicht in das Auswahlverfahren miteinbezogen, wie dies gemäss der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten vorgesehen wäre. Die schweigende Mehrheit der Tagi-Redaktion wird den Entscheid mit einiger Gelassenheit entgegengenommen haben, schliesslich ist der designierte Chef kein Unbekannter. Von 2010 bis 2013 arbeitete Rutishauser als stellvertretender Chefredaktor des Tages-Anzeigers.

Die Ernennung Rutishausers kam indessen für alle Beteiligten überraschend. Res Strehle soll durchaus bereit gewesen sein, auch über das reguläre Pensionsalter hinaus als Chefredaktor zu arbeiten. Arthur Rutishauser wiederum ging nicht davon aus, dass die beiden Zeitungen je zusammengelegt werden könnten. Vor eineinhalb Jahren, als er die Leitung der Sonntagszeitung übernahm, sagte er in einem Interview auf die Frage, ob er dereinst als Superchefredaktor auch den Tages-Anzeiger leiten werde: «Das sicher nicht, weil die Zeitungen nicht zusammengelegt werden. Sie bleiben unabhängig, sie haben andere Abonnenten und eine andere politische Ausrichtung.»

Dass es plötzlich schnell gehen musste, dürfte nicht zuletzt eine Folge der jüngsten Entwicklung am Währungsmarkt sein. Die Medienbranche rechnet mit unabsehbaren negativen Folgen, insbesondere auf dem Werbemarkt. Erste Branchen haben bereits einen Inseratenstopp verordnet. Das sind keine schönen Aussichten für einen Medienkonzern, der sich mitten in einer Transformationsphase befindet und dessen Eigentümerfamilie einen konstanten Geldfluss erwartet. Entsprechend hoch ist der Druck auf die Leitungspersonen, die Renditeerwartungen zu erfüllen.

Rutishauser empfahl sich der Unternehmensleitung als Idealbesetzung, weil er in der kurzen Zeit als Chefredaktor der Sonntagszeitung gezeigt hat, dass er mit den harten Budgetvorgaben von Tamedia umgehen kann. Die Sonntagszeitung arbeitet gegenwärtig mit einem Sparauftrag von 4.5 Millionen Franken, verteilt über drei Jahre. Zahlreiche Abgänge auf der Redaktion sind die Folge davon. Zwar hat Rutishauser auch wieder Leute angestellt, unter dem Strich arbeiten aber weniger Leute für die Zeitung und auch die Ressortfusion mit dem Tages-Anzeiger trägt zur Verschlankung bei.

Der journalistische Leistungsausweis von Arthur Rutishauser ist dagegen durchzogen. Im Fall einer Recherche zur BVK-Pensionskasse verstiess er gegen vertragliche Abmachungen. Der Fall hatte Kostenfolgen für Tamedia in sechsstelliger Frankenhöhe. Auch sonst griff Rutishauser daneben. Etwa im letzten April, als er vermeintliche Ungereimtheiten eines Unternehmers aus der Start-up-Szene skandalisierte. Um grösseres Übel abzuwenden, gewährte Rutishauser schliesslich dem Unternehmer ein Interview als Möglichkeit zur Gegendarstellung. Unglücklich war jüngst auch die Aufmachung eines Interviews mit Bundesrat Johann Schneider-Ammann, das Rutishauser am WEF für den Tages-Anzeiger geführt hatte. Der übermässig zugespitzte Titel sorgte für grossen Ärger im Wirtschaftsdepartement und die NZZ rieb der Konkurrenz ihre grenzwertige Redaktionspraxis genüsslich unter die Nase.

Noch dauert es ein Jahr, bis Arthur Rutishauser seinen zweiten Chefredaktorenposten übernimmt. Bis dann wird sich der 49-Jährige Journalist an der Columbia Journalism School in New York weiterbilden in Sachen Digitaljournalismus. Schliesslich erfolgte die Zusammenlegung der Chefredaktionen von Tages-Anzeiger und Sonntagszeitung «nicht zuletzt durch die zunehmende Bedeutung der digitalen Verbreitungskanäle», schreibt Tamedia. Rutishauer war bisher nicht unbedingt als Digitalspezialist aufgefallen. Der digitale Relaunch der Sonntagszeitung im letzten Jahr unter Rutishausers Leitung taugt schlecht als Massstab für eine künftige Online-Strategie. Wahrscheinlicher ist die Integration der Sonntagszeitung ins Newsnet, wie dies demnächst auch mit «Das Magazin» geschehen soll. Ob eine Schnellbleiche in den USA das nötige Rüstzeug bietet, um die Herkulesaufgabe der digitalen Transformation bewältigen zu können, kann man mit Fug bezweifeln. Darum kommt dem künftigen Organigramm der beiden Redaktionen eine grosse Bedeutung zu. Denn ein Superman ist Rutishauser nicht. Er braucht ein Entourage, an die er Aufgaben delegieren kann. Schliesslich will er auch als doppelter Chefredaktor als schreibender Journalist weiterarbeiten.

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