von Adrian Lobe

Medien als Spielzeuge von Milliardären

Nach «Washington Post», «Los Angeles Times» und «South China Morning Post» gehört neu auch das «Time»-Magazin einem Milliardär aus der Internet- und Technologie-Branche. Welche Strategien und Interessen verfolgen die neuen Verleger? Ein Überblick.

Das «Time»-Magazin hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Auflage der gedruckten Ausgabe ist auf drei Millionen Exemplare gesunken und auch die Seitenumfänge sind kleiner geworden. Die grossen Geschichten erscheinen bei der Konkurrenz, wie etwa im «New Yorker» oder im «Atlantic». Aufsehen erregt das «Time»-Magazin nur noch mit der jährlich gekürten «Person des Jahres». Nun wurde das traditionsreiche Nachrichtenmagazin verkauft: an den Salesforce-Gründer Marc Benioff. 190 Millionen Dollar zahlt der Cloud-Computing-Pionier an die Mediengruppe Meredith, die bisherige Eigentümerin – in bar. Was er mit dem neuen Spielzeug vorhat, weiss man noch nicht.

Benioff ist nicht der erste Internet-Milliardär, der in das Zeitungsgeschäft einsteigt. Amazon-Gründer Jeff Bezos erwarb 2013 für 250 Millionen Dollar die «Washington Post». Alibaba-Gründer Jack Ma kaufte 2015 für einen ähnlich Betrag (266 Millionen Dollar) die «South China Morning Post». Facebook-Mitgründer Chris Hughes erwarb 2012 die Mehrheit am traditionsreichen Magazin «New Republic»,verkaufte seine Anteile aber bereits vier Jahre später wieder. Und Laurene Powell Jobs, die Witwe des verstorbenen Apple-Gründers Steve Jobs, stieg bei der Zeitschrift «The Atlantic» ein (dem Vernehmen nach soll sie auch Interesse an einem Kauf der «New York Times» bekundet haben). Die Liste der Verleger aus der Internet- und Technologie-Branche lässt sich weiter fortsetzen: So kaufte der Pharma-Milliardär Patrick Soon-Shiong für 500 Millionen Dollar die «Los Angeles Times» und weitere Regionalzeitungen in Kalifornien. Und wenn sie nicht kaufen, dann gründen sie Medien. Ebay-Gründer Omidyar, auch er milliardenschwer, finanziert das Medien-Start-up First Look Media, welche die Investigativ-Plattform «The Intercept» herausgibt. Die Frage ist, warum Milliardäre in Medienunternehmen investieren und welche Interessen sie mit der Akquisition nicht gerade profitabler Zeitungsverlage verfolgen.

«Washington Post»
Als Jeff Bezos im August 2013 für 250 Millionen Dollar die «Washington Post» übernahm, fragten sich Analysten, was er damit wohl anfangen wolle. In das Portfolio des Onlinehändlers schien ein Player der Old Economy, dazu noch ein so unbequemer, nicht zu passen. Bezos sei nie ein «Fan von Journalismus oder Journalisten» gewesen, schrieb die «New York Times» damals mit etwas bitterem Unterton. Klar: Es handelte sich um die Konkurrenz. James Marcus, einstiger Mitstreiter (er arbeitete von 1996 bis 2001 als Mitarbeiter Nr. 55 bei Amazon.com) und später als Redaktor beim Harper’s Magazine, versuchte es anders zur erklären: «Bezos ist fasziniert von kaputten Geschäftsmodellen. Und was immer man von Zeitungen hält – das Geschäftsmodell ist kaputt.» Unter dem neuen Eigentümer wurde der Ausbau zum Digitalunternehmen konsequent vorangetrieben. Die Zeitung heuerte nicht nur neue Reporter an, sondern auch neue Softwareentwickler. Im Gegensatz zum Buchmarkt hat Bezos den Zeitungsmarkt nicht revolutioniert, sondern reformiert.

Mit der neuen Digitalstrategie entwickelt die «Post» Software für Medienunternehmen, etwa einen Überschriftentester, die sie an andere Unternehmen lizenziert. Damit tritt sie den Beweis an, dass man im Journalismus nicht nur mit Abonnements und Anzeigen, sondern auch mit Technologie Geld verdienen kann. In den Redaktionsräumen der «Washington Post» prangt ein Zitat von Jeff Bezos, das an die Innovationsfähigkeit erinnert: «Gefährlich ist, sich nicht weiterzuentwickeln».

Seit der Übernahme konnte die «Washington Post» ihre Digitalabos und Reichweite deutlich steigern und den Rückstand zur «New York Times» reduzieren. Mittlerweile erreichen die «Washington Post» über 90 Millionen unique visitors im Monat.

Unter Bezos wurde die «Post» konsequent in die Welt der Amazon-Produkte integriert. So ist etwa auf den Kindle-Fire-Tablets standardmässig die App der «Post» vorinstalliert, Amazon-Prime-Kunden erhalten sechs Monate lang kostenlos Zugang zu allen Digitalangeboten der «Washington Post». Die Zeitung experimentierte 2014 – «unabsichtlich», wie es später hiess – mit einem Kaufbutton («Buy it now»), der in einem Online-Artikel direkt auf das Warenangebot von Amazon verlinkte. Dass das nicht jedem gefällt, ist offenkundig. US-Präsident Donald Trump, der eine Privatfehde gegen Bezos ausficht, denunziert das Blatt als «Amazon Washington Post». Die «Post» ist eines der Hauptziele von Trumps «Krieg gegen die Medien». Damit macht sich sowohl Bezos als Verleger, wie auch die Zeitung selbst angreifbar.

Bezos selbst pflegt ein entspanntes bis distanziertes Verhältnis zur Redaktion: Zur Filmpremiere des Kinofilms «The Post», der die Affäre der Pentagon-Papers auf die Leinwand brachte, erschien er milde lächelnd im Anzug; in das Tagesgeschäft mischt er sich nicht ein. Den Vorwurf, die «Post» sei bloss ein Sprachrohr von Amazon, entkräften selbst renommierte Journalismus-Professoren wie Dan Kennedy. Das Blatt berichtet regelmässig kritisch und mit der gebotenen Distanz und Transparenz über das Geschäftsgebaren seines Eigentümers.

«South China Morning Post»
Die Übernahme der in Hongkong ansässigen «South China Morning Post» durch Jack Ma gleicht jener des «Post»-Deals von Bezos: Der Gründer einer Online-Handelsplattform und reichster Mann des Landes erwirbt für fast denselben Kaufpreis eine englischsprachige Tageszeitung. Trotzdem könnten die Rahmenbedingungen unterschiedlicher nicht sein: Anders als Bezos finanzierte Ma den Kauf der Zeitung nicht aus seinem Privatvermögen, sondern aus der Kasse von Alibaba.. Der E-Commerce-Riese verfolgt mit der Akquisition das Ziel, die Zeitung zum Soft-Power-Werkzeug zu machen. Das traditionsreiche Blatt, das 1903 unter der britischen Kolonialverwaltung gegründet wurde und sich an eine englischsprachige Business-Elite im Land richtet, soll zu Chinas Stimme in der Welt werden. Eine Art «New York Times» aus China.

Kurz nach der Übernahme machten sich Befürchtungen breit, der Konzern könne die redaktionelle Unabhängigkeit gefährden und der Zeitung eine neue Blattlinie aufoktroyieren. Die Rolle der Zeitung war schon immer besonders: ein Presserzeugnis in einem Land, in dem die Pressefreiheit eingeschränkt ist und Zensur herrscht. Ganz so frei war die Zeitung in ihrer Berichterstattung aber auch im liberalen Hongkong nicht. So schrieb der Journalist Danny Gittings, der zwischen 2000 und 2001 die Meinungsseiten der Zeitung verantwortete, dass er regelmässig unter politischem Druck stand. Doch seit der Übernahme durch Alibaba herrscht bei der «South China Morning Post» ein anderes Klima. Gut ein Dutzend Redaktoren reichten ihre Kündigung ein, die abwanderungswilligen Journalisten soll Jack Ma mit grosszügigen Geldschenken zum Verbleib bewogen haben. Kritiker monieren, dass sich die Zeitung vom unabhängigen Journalismus verabschiedet habe und zu einem Propagandaorgan verkommen sei. Im vergangenen Jahr zog die Zeitung eine Wirtschaftskolumne zurück, die eine Klüngelei zwischen einem Hongkonger Investor und einem engen Berater von Präsident Xi Jinping unterstellte. Ob die Zeitung auf Geheiss der Behörden handelte, ist unklar. Trotzdem berichtet die Zeitung bis heute noch erstaunlich frei über die Überwachungspraktiken in Festlandchina.

«The Intercept»
Man beisst nicht die Hand, die einen füttert. Dieser Satz gehört zu den Grundgewissheiten des Mäzenatentums. Auch bei First Look Media kam es zu Querelen zwischen Gönner Pierre Omidyar und der Redaktion. Der renommierten Journalist Matt Taibbi, der eine satirische Webseite aufbauen sollte, verliess die Plattform nach nur wenigen Monaten, nachdem es zu Differenzen mit dem Management über die Funktionalität der Webseite kam. Das Online-Magazin «PandoDaily» kritisierte das «Omidyar Network» für die Finanzierung ukrainischer Oppositioneller. Omidyar arbeite Hand in Hand mit der US-Aussenpolitik, um sich in die Belange ausländischer Regierungen einzumischen. «The Intercept» sei bloss ein Instrument im Dienste der «nationalen Sicherheit».

Um den Vorgang zu verstehen, muss man wissen, dass zu den Investoren von PandoDaily der libertäre und milliardenschwere Risikokapitalist Peter Thiel gehört, der mit seiner klandestinen Prozessfinanzierung das Online-Magazin «Gawker» in die Insolvenz trieb und ganz allgemein ein sonderbares Verhältnis zu Institutionen hat. So verglich er etwas die neue europäische Datenschutzgrundverordnung mit der Berliner Mauer.

Omidyar darf man durchaus lautere Motive und eine intrinsisch Motivation unterstellen, den Journalismus fördern zu wollen. So interessierte er sich für die «Washington Post» und das Recherchebüro «Pro Publica», das jedoch nicht zum Verkauf stand. Der Ebay-Gründer lancierte die Investigativ-Plattform aus der Idee heraus, die Snowden-Enthüllungen fortzusetzen und auf ein institutionelles Fundament zu setzen. Dafür heuerte er den Rechercheur und Snowden-Vertrauten Glenn Greenwald und die Filmemacherin Laura Poitras an. Gemessen am journalistischen Output und der Aufklärungsarbeit zu geheimdienstlichen Verstrickungen darf man «The Intercept» durchaus als einen Gewinn betrachten.

«Los Angeles Times»
Die «Los Angeles Time» macht in Europa derzeit vor allem durch Unzugänglichkeit von sich reden: Aufgrund der neuen Datenschutzregeln sind Nutzer mit europäischer IP-Adresse von der Internetseite ausgesperrt. Die grösste Zeitung Kaliforniens geniesst auch jenseits der Bundesstaatsgrenzen einen exzellenten Ruf: Mehrere Pulitzerpreise hat das Blatt bisher eingeheimst, vielen Redaktoren diente die Zeitung als Sprungbrett. So war der ehemalige Chefredaktor der New York Times, Dean Baquet, jahrelang Redaktor der «Los Angeles Times». Dass der bis dato unbekannte südafrikanische Pharma-Unternehmer Patrick Soon-Shiong die Zeitung übernimmt, sorgte für Aufsehen. Der Chirurg soll der Zeitung eine Rosskur verordnen. Als eine seiner ersten Amtshandlungen installierte Shiong den erfahrenen Norman Pearlstine als Chefredaktor, einen altgedienten Journalisten, der von 1968 bis 1992 in verschiedenen Positionen beim «Wall Street Journal» gearbeitet hatte (unter anderem als Tokio-Korrespondent und Chefredaktor) und später in den Verwaltungsrat der «Bloomberg Businessweek» einzog. Soon-Shiong glaubt an die Zukunft von Print, allerdings mehr als Vintage-Produkt. «Die Kinder von heute wollen Vinyl-Schallplatten kaufen. Bald werden die Hipster-Kids Zeitungen auf Papier wollen.»

«New Republic»
Dass es mit erfolgreichen Technologie-Unternehmern im Mediengeschäft rund läuft, ist indes nicht immer der Fall. Die Erfahrungen, die das 1914 von Walter Lippmann gegründete linke Politikmagazin «New Republic» mit ihrem neuen Eigentümer machte, waren gelinde gesagt suboptimal oder deutlicher ausgedrückt: schlicht desaströs. Chris Hughes, ein versnobter Schöngeist und Zimmerkollege von Mark Zuckerberg in Harvard, dachte Journalismus von Facebook her: Klickzahlen steigern, virale Hits produzieren. Hughes brachte zwar mit, was der bis dato etwas verstaubten Zeitschrift fehlte: Modernisierungseifer und jede Menge Geld. Dass dieser Clickbait-Ansatz des Facebook-Mitgründers jedoch nicht zu einem Magazin passt, das sich über Tiefenschärfe und ausgeruhte Geschichten definiert, war absehbar. 2014 verliess rund ein Dutzend gestandener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Blatt, zwei Jahre später hatte dann auch Hughes genug und verkaufte seine Anteile. Der langjährige «New Republic»-Redaktor Franklin Foer hat über diese Episode ein interessantes Kapitel in seinem Buch «World Without Mind: The Existential Threat of Big Tech» verfasst. Darin beschreibt er, wie Hughes Datengurus anheuerte, die nur noch auf die Klickzahlen schauten. Gewiss schwingt darin Verbitterung mit: Hughes hatte bereits einen Nachfolger für Foer gefunden, ehe dieser selbst den Rückzug antrat.

Fazit
In der Gesamtschau zeigt sich, dass die Verbindung zwischen Milliardären aus der Internet- und Technologie-Branche und dem Journalismus keine schlechte sein muss. In der Synthese können fruchtbare Lösungen entstehen. So hat Jeff Bezos die «Washington Post» mit einer klugen Digitalstrategie und Investition ins Personal wieder konkurrenzfähig gemacht und so zur führenden «New York Times» aufgeschlossen. Auch «The Intercept» realisiert mit dem Geld von Ebay-Gründer Pierre Omidyar Aufsehen erregende Investigativ-Storys und bringt regelmässig Primeurs, die von den Weltmedien weiterverbreitet werden.

In der Zeitungsgeschichte gab es immer wieder Konflikte zwischen Redaktion und Verlegern – die Publikation der Pentagon-Papers, wo «Washington Post»-Verlegerin Katharine Graham die Interessen der Redaktion und Banken austarieren musste, liefert hier ein gutes Beispiel. Das Problem liegt eher darin, dass mit den Milliardären ein neuer Verlegertypus entsteht, die Zeitungen als Labor für digitale Experimente betrachten.

Es gibt aber auch kritische Stimmen. So fragte die Journalistin Kara Swisher («Recode», «New York Times»): «Können die gleichen Leute, die das Nachrichtengeschäft beinahe in den Ruin getrieben haben, es nun retten?» Der Buchatuor Razib Khan glaubte in den Übernahmen ein Muster zu erkennen: «Rechte Oligarchen kaufen Sport-Teams. Linke Oligarchen kaufen Medienunternehmen.» Was Salesforce-Chef Marc Benioff mit dem «Time»-Magazin vorhat, ist nicht absehbar. Interessant ist die Konstellation insofern, als Trump geradezu obsessiv die Wahl der Time-«Person des Jahres» verfolgt (er selbst wurde 2016 gekürt) und das Magazin stärker in die Schusslinie rücken könnte – das Verhältnis zwischen Trump und Benioff gilt als angespannt. Zwar betonte Salesforce, dass der «Time»-Kauf aus dem Privatvermögen von Benioff vollzogen wurde und organisatorisch nichts mit dem Unternehmen zu tun habe. Allzu viel Differenzierungsvermögen sollte man Trump, der in seinem Furor Medienunternehmen personifiziert, aber nicht zutrauen. Doch womöglich ist Trump mit seiner Hetzkampagne gegen Medien das grösste Konjunkturprogramm für Zeitungen und Zeitschriften. Und davon profitiert auch der Verleger-Typus.

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Leserbeiträge

Habnix 29. September 2018, 16:02

 
Pressefreiheit ist nicht gleich Meinungsfreiheit, da Pressefreiheit eigentlich Kapitalfreiheit ist.
 

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