von Nick Lüthi

Gut adaptiert ist halb gewonnen

Der «Blick» experimentiert mit einem international erprobten Smartphone-Spiel. Beim Publikum kommt das Live Quiz gut an. Ob es weitergeführt wird, hat Ringier noch nicht entschieden.

Die Einwohnerzahl Liechtensteins wurde schon vor Wochen übertroffen. Das nächste Ziel sei es, die 78’000 Andorras zu erreichen, witzelte Sven Ivanić. Der Nachwuchskomiker führt als einer von drei Spielleitern durch das «Blick Live Quiz». Inzwischen, Stand 22. November, spielen bis zu 65’000 Leute auf ihren Smartphones mit, Tendenz zunehmend. Bis Andorra ist es nicht mehr weit. Das Online-Spiel zählt derzeit zu den am meisten heruntergeladenen Apps in der Schweiz. Dafür sorgt unter anderem ein einfacher Anreiz: Wer andere einlädt, erhält ein Gratis-Leben dank dem man auch nach einer falsch beantworteten Frage weiterspielen kann.

Schummeln geht praktisch nicht. Innert zehn Sekunden Bedenkzeit schaffen es selbst die flinksten Finger nicht, Google oder Wikipedia aufzurufen.

Seit Anfang September läuft es jeden Abend gleich: Ein Quizmaster stellt elf Fragen mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad. Zu jeder Frage gibt es drei Antwortmöglichkeiten. Thematisch stammen die Fragen aus dem weitern Feld des Allgemein- und Lexikonwissens. In welchem Land liegt die geografische Mitte Europas? Wann hat Schriftstellerin X das Werk Y geschrieben? Welche Farbe hat das Blut von Hummern? Immer dabei auch Fragen zu People und Prominenz, schliesslich sind wir beim «Blick». Schätzfragen, deren Antwort niemand einfach so wissen kann, helfen das Teilnehmerfeld zu dezimieren. Wer falsch tippt, fliegt raus. Schummeln geht praktisch nicht. Innert zehn Sekunden Bedenkzeit schaffen es selbst die flinksten Finger nicht, Google oder Wikipedia aufzurufen.

Das Quiz dauert eine knappe Viertelstunde. Dann gibt die App wieder Ruhe für gut 23 Stunden, bis eine Push-Meldung die Quiz-Community am folgenden Abend wieder zum Leben erweckt. Zu gewinnen gibt es zwischen 250 und 1000 Franken. Beantworten mehrere Personen alle Fragen richtig, was eigentlich immer der Fall ist, teilen sie sich den Betrag. So kommt es regelmässig vor, dass als Preisgeld nur ein paar wenige Franken herausschauen. Doch ums grosse Geld geht es nicht. Wir sind nicht bei «Wer wird Millionär?».

Quiz-Spielerinnen und -Spieler dokumentieren mit eingesandten Fotos ihren Spieltrieb in allen möglichen Ländern und Lebenslagen.

Mit den drei Stand-up-Comedians Sven Ivanić, Yves Keller und Frank Richter, die im Turnus durchs Spiel führen, fand der «Blick» drei Figuren mit der passenden Mischung aus Seriosität und Spassigkeit; von beidem nicht zu viel. Das Quiz soll weder zu einer Volkshochschule noch zur Lachnummer verkommen, sondern unterhaltend eine Tagesration Allgemeinbildung vermitteln. Die unspektakuläre, bisweilen etwas biedere Moderation scheint gut anzukommen. Den Draht zum Publikum finden die Quizmaster, wenn sie, bevor die Fragerei losgeht, jeweils eine Auswahl eingesandter Bilder zeigen. Quiz-Spielerinnen und -Spieler dokumentieren ihren Spieltrieb in allen möglichen Ländern und Lebenslagen. Dafür braucht es kein ausgeklügeltes Community-Tool, E-Mail reicht vollauf. Auch der Status-Ticker wird mehrheitlich dazu genutzt, mitzuteilen, wo man sich gerade befindet.

Dass Ratespiele nach TV-Vorbild auf dem Smartphone gut funktionieren, zeigte bereits der Hype um Quizduell.

Alles in allem erinnert das Live Quiz an die gute alte TV-Spielshow: Fixer Sendetermin, definierte Programmdauer, ein Moderator, der die Fragen stellt, eine kontrollierte (und beschränkte) Interaktivität mit dem Publikum und die Aussicht auf einen Bargeldgewinn – alles Elemente, die so gar nichts mit moderner Online-Kommunikation zu tun haben. Doch genau das ist einer der Schlüssel zum Erfolg: Das Spiel bietet einen Moment der Fokussierung in der Zerstreuung.

Dass Ratespiele nach TV-Vorbild auf dem Smartphone gut funktionieren, zeigte bereits der Hype um Quizduell, eine App, die 2014 millionenfach heruntergeladen wurde. Während dieses Format noch stärker den Online-Gepflogenheiten folgte mit spontaner und dezentraler Vernetzung und zeitversetzter Nutzungsmöglichkeit, ging HQ Trivia den ganzen Weg zurück zum moderierten Live-Spiel.

Mit der Lancierung Ende August 2017 landeten die beiden Gründer Rus Yusupov and Colin Kroll, die zuvor die Kurzvideo-Plattform «Vine» geschaffen und später an Twitter verkauft hatten, einen Instant-Erfolg. Bereits wenige Monate später kürte das «Time»-Magazin das Smartphone-Spiel zur App des Jahres. HQ Trivia scheine «ein Zeichen dafür zu sein, wohin interaktives Entertainment in Zukunft geht.»

«Die App wurde komplett von einem internationalen Anbieter zusammen mit der Technik als Lizenz erworben.»
René Beutner, Ringier

Vom Erfolg im englischsprachigen Raum beflügelt, brachte HQ Trivia Ende Juni dieses Jahres eine deutsche Version an den Start. Nach gut einem Monat war aber schon wieder Schluss. Mehr als 4000 Spielende erreichte die App in Deutschland nie. Zum Vergleich: «Blick Live Quiz» zählte bereits nach einem Monat über 17’000 Nutzerinnen und Nutzer. Überhaupt scheint Deutschland ein hartes Pflaster zu sein für dieses Spielformat. Alle Anbieter, die meinten, schnell von einem Hype profitieren zu können, haben den Betrieb entweder eingestellt, pausieren auf unbestimmte Zeit oder reduzierten die Spielfrequenz massiv. Trotzdem will es nun ProSiebenSat1 in Deutschland und Österreich versuchen.

Pionier auf dem Schweizer Markt mit dem Live Quiz war die Kioskbetreiberin Valora. Während der Fussball-Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer präsentierte die «K Kiosk»-App während den Halbzeitpausen ein moderiertes Live-Quiz. Die Leistung von Valora und jetzt auch von Ringier/«Blick» besteht aber nicht in der technologischen Entwicklung, sondern allein in der Adaption. «Die App wurde komplett von einem internationalen Anbieter zusammen mit der Technik als Lizenz erworben», erklärt ein Ringier-Sprecher auf Anfrage.

Über Erfolg oder Misserfolg entscheidet wie bei jedem werbefinanzierten Medienformat letztlich die Reichweite. Wenn die stimmt, kommen auch die Sponsoren. Und ein attraktiver Sponsor kann wiederum seinen Teil dazu beitragen, den Zustrom an Spielenden zu steigern. Als etwa der Sportartikelhersteller Nike im vergangenen März eine Ausgabe von HQ Trivia sponserte, spielte die Rekordzahl von 1,7 Millionen Menschen mit, da es neben dem Preisgeld auch noch ein exklusiv für den Anlass gestaltetes Paar Turnschuhe zu gewinnen gab.

Eine der elf Fragen formuliert die Redaktion zu einem Aspekt des Geldgebers.

Von solchem Werbeerfolg ist man bei Ringier und «Blick» noch weit entfernt. Die ersten Monate Live Quiz fanden werbefrei statt. Den ersten Sponsorenauftritt hatte diese Woche der Autohersteller BMW mit seiner Marke «Mini». In der knappen Viertelstunde, die ein Spieler auf das Smartphone starrt, tritt die Marke dreimal in Erscheinung. Während des Countdowns bis zum Spielbeginn erscheint ein animierter Trailer, wenn der Moderator die Preissumme nennt, erwähnt er, das das Geld diesmal von «Mini» bereitgestellt wurde und schliesslich greift der Sponsoringdeal auch direkt in das Quiz ein. Eine der elf Fragen formuliert die Redaktion zu einem Aspekt des Geldgebers. Bei Sponsor BMW lautet sie zum Beispiel so: In welcher Stadt werden die meisten MINIs heute produziert? Antwortvorschläge: Oslo, Ottawa, Oxford.

Wenn Ringier schreibt, das «Blick Live Quiz» biete «ein sehr attraktives Umfeld für Sponsoring und weitere Werbemittel», dann ist das für einmal keine hohle Phrase. Im Online-Umfeld gibt es nur wenige Formate, wo die Augenpaare so gebannt auf den Bildschirm starren. Gleichzeitig lässt sich das Sponsoring einigermassen unstörend und unaufdringlich in den Spielablauf integrieren.

«Die Entscheidung, ob wir die App und das Blick Live Quiz in 2019 weiterführen, steht noch aus.»
René Beutner, Ringier

Selbst wenn die Spielerzahl weiter ansteigt und sich Firmen um die Sponsorenplätze reissen sollten, garantiert das noch keinen längerfristigen Erfolg. Darum will sich Ringier jetzt auch noch nicht festlegen, wie es mit dem Quiz weitergeht. Gegenwärtig befindet sich das Spiel im Projekt-Status mit einer vorgesehenen Laufzeit bis im Dezember. «Die Entscheidung, ob wir die App und das Blick Live Quiz in 2019 weiterführen, steht noch aus», teilt ein Ringier-Sprecher auf Anfrage mit. Man werde «nach verschiedenen internen Kriterien entscheiden», die Ringier jedoch nicht genauer benennt.

So schnell wie ein Hype entsteht, so schnell kann er wieder abflauen. Das lässt sich auch bei HQ Trivia beobachten. An manchen Tagen erreicht die Quiz-App derzeit noch gut 150’000 Spielende, also nur noch ein bisschen mehr als doppelt so viele wie das «Blick Live Quiz» an guten Tagen.

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