von Elena Link

Die Versprechen des Datenjournalismus auf dem Prüfstand

Mehr Fakten, mehr Transparenz, mehr Interaktion: Der Datenjournalismus bringt vieles von dem mit, woran es sonst im Journalismus mangelt. Doch machen Daten den Journalismus wirklich besser?

Die Kommunikationswissenschaft hat auch einen gesellschaftlichen Auftrag: Den Medienwandel nicht nur zu beobachten, sondern ihre Analysen auch in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Dieser Artikel ist Teil einer Serie zu aktueller kommunikationswissenschaftlicher Forschung.

Die Menge der digital verfügbaren Daten wächst, «Big Data» durchdringt immer mehr gesellschaftliche Bereiche, auch die Medien. Mit dem Datenjournalismus gibt es ein eigenes Genre, das Daten mittels statistischer Verfahren analysiert und auswertet und für die Leser*innen zugänglich macht. Den Datenjournalismus gibt es seit rund zehn Jahren. Als Geburtsstunde gilt der Start des «Guardian Datablog» 2009. Mit der Berichterstattung über die «Afghanistan War Logs» oder die «Panama Papers» hat das Genre in breiten Kreisen viel Aufmerksamkeit erhalten.

Der stärkere Einbezug von Daten verändert die Erscheinungsform des Journalismus. Neben der eigentlichen Berichterstattung veröffentlicht der Datenjournalismus Datensätze und beschreibt Analyseschritte. Mittels statistischer Quellen lassen sich einzelne Aussagen besser belegen. Ausserdem gewinnen Partizipationsangebote für das Publikum als neue Erzählform an Bedeutung, etwa in Form interaktiver Visualisierungen. Der Interaktionsgrad kann dabei erheblich variieren. Einfache Formen sind etwa Diagramme, die zusätzliche Inhalte anzeigen oder mittels einer Zeitleiste Verläufe abbilden.

Ein deutlich höherer Interaktionsgrad liegt vor, wenn die Leser*innen umfassend Einfluss auf die Darstellung nehmen können. Inhalte können personalisiert und auf individuelle Interessen zugeschnitten werden. Ein Beispiel für eine komplexe Datenvisualisierung ist zum Beispiel die Darstellung der politischen Ausrichtung des Nationalrats von 1996 bis heute auf nzz.ch.

Der Datenjournalismus hat hohe Erwartungen an eine vermeintlich neue Art des Journalismus geweckt.

Individuell zugeschnittene Daten vermittelt das SRF-Projekt «Auf Achse – Eine persönliche Reise durch das Pendlerland», das von spezifischen Suchanfragen der Nutzer*innen lebt. Das Projekt zeigt, wie viele Menschen täglich die gleiche Strecke pendeln wie der einzelne Leser, die einzelne Leserin. Die Besonderheit solcher Aufbereitungsformen ist, dass sich die Leser*innen die Daten durch individuelle Anpassungen selbst erschliessen und eine aktive Erfahrung machen.

Der Datenjournalismus hat nicht nur viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Er hat auch hohe Erwartungen an eine vermeintlich neue Art des Journalismus geweckt. Der Datenjournalismus soll mittels Daten neue Geschichten aufspüren. Er soll die Transparenz und Qualität des Journalismus steigern. Er soll dem Vertrauensverlust entgegenwirken. Er soll neue Finanzierungsquellen erschliessen. Und letztlich soll er auch die Leserschaft durch Web-Anwendungen und interaktive Grafiken einbeziehen, binden und begeistern.

Doch kann der Datenjournalismus diesen Erwartungen gerecht werden? Inwiefern können datenjournalistische Berichterstattungselemente die wahrgenommene Qualität, Glaub- und Vertrauenswürdigkeit eines Artikels steigern und das Lesevergnügen erhöhen?

Um diese Fragen zu beantworten, lohnt es sich, die Perspektive des Publikums einzunehmen. Als datenjournalistische Berichterstattungselemente ziehen wir dabei die aus Lesersicht auffälligsten Unterscheidungsmerkmale im Vergleich zu anderen Genres heran: Partizipationsangebote in Form von interaktiven Daten-Visualisierungen sowie ein höherer Anteil statistischer Belege für Aussagen.

Interaktivität kann die Qualitätsbewertung und das Vertrauensurteil begünstigen und das Lesevergnügen erhöhen.

Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Datenjournalismus gibt es kaum. Allerdings lassen sich aus kommunikationswissenschaftlichen Theorien und Modellen, wie etwa den Erkenntnissen aus der Fallbeispiel- und Persuasionsforschung, sowohl Rückschlüsse auf die Wirkung von interaktiven Anwendungen als auch auf die Wirkung von Zahlenbelegen ziehen.

Auf Basis der Erkenntnisse der Persuasionsforschung können wir davon ausgehen, dass interaktive Visualisierungen mit einem als höher wahrgenommenen Informationswert und einer höheren Aufmerksamkeit der Leser*innen einhergeht. Zudem kann Interaktivität auch die Qualitätsbewertung und das Vertrauensurteil begünstigen und das Lesevergnügen erhöhen.

Mit Blick auf die Wirkung von Zahlenbelegen ist aus dem Bereich der Fallbeispielforschung bekannt: Menschen bilden sich ihre Meinung eher anhand von personalisierten Fallbeispielen als anhand summarischer Realitätsbeschreibungen. Beide Strategien lassen sich derzeit besonders gut in der Impf-Debatte beobachten: Während vor allem Impfgegner*innen die Risiken und Nebenwirkungen von Impfungen anhand einzelner Schicksale (Fallbeispiele) verdeutlichen, versuchen Behörden und Medien eine generelle Risiko- und Nutzabwägung auf gesellschaftlicher Basis vorzunehmen (summarische Realitätsbeschreibung). Übertragen auf die Wirkung datenjournalistischer Berichterstattung bedeutet dies: Zahlenbelege wie etwa das umfangreiche Zitieren von relativen und absoluten Häufigkeiten, um Aussagen zu untermauern, sind für die Meinungsbildung weniger eindrücklich als konkrete Fallbeispiele.

Die Interpretation von Zahlen setzt gewisse Kompetenzen voraus. Doch viele Menschen weisen eine eher geringe Numeracy auf.

Im Gegensatz dazu zeigen jedoch Studien mit Blick auf die Glaubwürdigkeit eines Artikels, dass akkuratere Darstellungen, etwa in Form von Prozentwerten, im Vergleich zur Beschreibung mit Worten die Glaubwürdigkeit erhöhen. Wichtig zu berücksichtigen: Die Interpretation von Zahlen setzt gewisse Kompetenzen voraus. Gerade aus dem Bereich der Gesundheitsforschung ist bekannt, dass viele Menschen eine eher geringe Numeracy aufweisen. So wird die Fähigkeit bezeichnet, Zahlen zu verstehen und beispielsweise Risiken adäquat einzuschätzen. Das wäre aber entscheidend dafür, dass Leser*innen Zahlenbelege in Texten korrekt interpretieren, Diagramme verstehen und den Artikel als positiv und unterhaltsam bewerten.

Zu Forschungsprojekten, die sich spezifisch auf Datenjournalismus beziehen, zählt eine norwegische Studie aus dem Jahr 2013. Sie zeigt, dass Leser*innen nur in begrenztem Ausmass daran interessiert sind, Datensätze durch interaktive Anwendungen zu erkunden. Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2017 zur Wirkung von Zahlenbelegen und interaktiven Grafiken zeigt, dass diese Merkmale die Bewertung des Artikels nur in geringem Masse beeinflussen. So scheint die Anzahl an Zahlenbelegen eher unbedeutend für die Wahrnehmung des Artikels zu sein. Lediglich die Präsentation einer interaktiven Visualisierung verbessert laut der Studie das Leseerlebnis und die Qualitätswahrnehmung.

Eine Studie zeigt, dass Leser*innen Artikel mit Visualisierungen als innovativer, gründlicher recherchiert und glaubwürdiger wahrnehmen.

Eine weitere deutsche Studie aus dem Jahr 2018 fokussiert ausschliesslich auf das Potenzial von Visualisierungen. Die Befragung von 265 Personen zeigt, dass Visualisierungen sowohl in statistischer als auch interaktiver Form die Bewertung des Artikels verbessern. Die verwendeten vier interaktiven Visualisierungen basieren dabei auf einem datenjournalistischen Projekt, das darstellt, wie sich Terrorismus seit 1970 ausgebreitet und örtlich verlagert hat. Einander gegenüber stellt die Studie Artikel mit interaktiven Visualisierungen, solche mit statischen Grafiken und solche, die aus reinem Text bestehen. Die Ergebnisse zeigen, dass Leser*innen Artikel mit Visualisierungen als innovativer, gründlicher recherchiert und glaubwürdiger wahrnehmen. Die Unterschiede zwischen statischen und interaktiven Visualisierungen waren dabei jedoch gering.

Mit der Bewertung interaktiver Grafiken befasst sich auch eine österreichische Studie aus dem Jahr 2016, die insgesamt 215 Leser*innen von Online-Nachrichtenseiten befragte. Mehr als zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie interaktive Visualisierungen wertschätzten, da diese einen guten Überblick böten und die relevanten Zahlen und Fakten präsentierten. Allerdings gaben nur 6 Prozent der Befragten an, dass sie sich intensiv mit den Grafiken auseinandersetzten. Die Mehrheit berichtete zudem von Problemen im Umgang mit den interaktiven Tools. So seien zum Beispiel die interaktiven Features nur schwer erkennbar. Zu ähnlichen Erkenntnisse kommt auch eine deutsche Usability-Studie aus dem Jahr 2013. Sie verweist darauf, wie herausfordernd die Gestaltung interaktiver Daten-Visualisierungen sei.

Aus Sicht der Leser*innen bedeuten diese Ergebnisse, dass der Datenjournalismus nicht immer halten kann, was er verspricht. Aus wissenschaftlicher Sicht bestätigt sich damit eine Aussage des Journalisten Lorenz Matzat, der im Dezember 2018 in seinem Blog festgehalten hat, dass es schwer zu zeigen sei, «inwiefern Datenjournalismus Journalismus im Digitalen attraktiver und bezahlwürdiger gemacht haben könnte.»

Neben dem Ruf nach mehr Forschung bleibt auch die Frage, wie sich der Datenjournalismus weiterentwickeln kann.

Die bisherigen Erkenntnisse können jedoch lediglich ein Zwischenfazit liefern. Denn bisher handelt es sich bei den Forschungsergebnissen nicht nur um eine überschaubare Anzahl von Studien – diese untersuchen auch jeweils nur das Leistungsvermögen einzelner interaktiver Visualisierungen. Ein bedeutender nächster Schritt wäre es, ganze Projekte zu betrachten sowie vergleichend zu analysieren, um Erfolgsfaktoren zu identifizieren.

Neben dem Ruf nach mehr Forschung bleibt auch die Frage, wie sich der Datenjournalismus weiterentwickeln kann. Die bisherige Schwäche des Genres könnte in der Umsetzung liegen. Diese umfasst einerseits die Usability für die Leser*innen – ebenso aber auch den kompetenten Umgang der Journalist*innen mit den Daten.

Für die journalistische Praxis ruft die «Spiegel Online»-Ressortleiterin Christina Elmer dazu auf, die Potenziale des Datenjournalismus stärker auszuschöpfen. Laut Lorenz Matzat darf es dabei aber nicht bei einzelnen Leuchtturmprojekten bleiben. Gerade bei der Themenauswahl könne der Datenjournalismus von einem langfristigen Gesamtkonzept profitieren. So würden es Daten ermöglichen, bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen zu beobachten. Dazu zählten politische Entwicklungen ebenso wie das Monitoring von Social-Media-Plattformen. Ähnliches fordert auch der Journalist Michael Hörz, der darauf hinweist, dass neue Aufbereitungsformen wie interaktive Grafiken alleine nicht ausreichten, um das Leistungsvermögen des Journalismus zu steigern. Denn letztendlich gehe es immer darum, eine Geschichte zu erzählen.