von Nick Lüthi

Ist das noch Radio oder ist das schon Fernsehen?

Seit dem 3. Juni wird das abendliche Infomagazin «Forum» des Westschweizer Radios RTS auch als TV-Sendung aufgezeichnet und ausgestrahlt. Ein riskantes Vorgehen. Anstatt das Beste aus zwei Welten zusammenzubringen, droht das langsame Fernsehen das schnellere Radio auszubremsen.

Wenn einer Radiosendung das Publikum allmählich abhanden kommt, bietet sich ein möglicher Weg an: Man folgt den abtrünnigen Zuhörerinnen und Zuhörern und passt sich dem veränderten Nutzungsverhalten an. Genau so macht es das Westschweizer Radio RTS und präsentiert sein tägliche Infomagazin «Forum» nicht mehr nur als Tonspur am Radio, sondern auch als bewegtes Bild im Fernsehen.

Zeitgleich mit der Radiosendung wird die Sendung zwischen sechs und sieben Uhr abends auf dem zweiten Fernsehkanal von RTS ausgestrahlt, unter dem Vorbehalt, dass dort kein wichtiges Sportereignis übertragen wird. Ausserdem sind die Ton- und Bild-Version der Sendung auf der Website rts.ch live und zeitversetzt abrufbar und so einem breiteren Publikum zugänglich.

RTS experimentiert bereits seit 2016 mit gefilmtem Radio. Bisher allerdings in bescheidenem Rahmen. So wird die Morgeninformationssendung «La Matinale» mit fix installierten Kameras aufgezeichnet. Weder Studioeinrichtung noch Sendungsablauf wurden dafür speziell angepasst. Mit dem «Forum» geht RTS einen Schritt weiter.

Einer Radiokorrespondentin beim Ablesen ihres Berichts aus Bern zuzuschauen, berührt einen eher peinlich.

Als Moderatorin Elisabeth Logean zur Première des neuen «Forum» das Publikum begrüsst, das nun auch am Bildschirm die Sendung verfolgen kann, wähnt man sich ganz in der TV-Welt: das Dekor, das Moderationspult, die Kameraführung, der Auftritt der Moderatorin – alles wie im «richtigen» Fernsehen. Doch schon nach zwei Minuten folgt gefilmtes Radio. Und das ist nicht besonders attraktiv für das TV-gewohnte Auge. Einer Radiokorrespondentin beim Ablesen ihres Berichts aus Bern zuzuschauen, berührt einen eher peinlich. Der Situation haftet etwas Voyeuristisches an. Man blickt hier in eine Arbeitssituation, die eigentlich nicht für die Kamera gemacht ist.

Der visuelle Mehrwert beschränkt sich auf die sprechenden Köpfe, die man nun auch sieht und nicht nur hört. Bei der grossen Gesprächsrunde kann es durchaus helfen, den Überblick zu behalten, wenn man sieht, wer gerade spricht, anstatt dass nur die verschiedenen Stimmen zu hören sind. Die gut zwanzig Minuten dauernde «Débat», die im Zentrum der neu strukturierten Sendung steht, ist denn auch das attraktivste und TV-tauglichste Element.

Die RTS-Chefredaktion wollte damit ein breiteres Gefäss schaffen gegenüber dem bisherigen Pro-contra, bei dem meist ein linker auf einen rechten Politiker traf. Überhaupt soll es weniger konfrontativ, dafür analytischer zu und her gehen im Debattenteil der Sendung. Was die Verantwortlichen damit meinen, zeigte sich bereits in der zweiten Ausgabe, als eine Runde von Fachleuten über die Auswüchse des modernen Tourismus diskutierten.

Dass sich jemand die ganze Stunde «Forum» vor einem Fernsehgerät antut, ist unwahrscheinlich und auch gar nicht das Ziel der neuen Formel.

In einem dritten Sendungsteil verschreibt sich «Forum» neu dem konstruktiven, lösungsorientierten Journalismus. Hier kommen Leute zur Sprache, die sich im Kleinen um Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen und Probleme bemühen. In der ersten Sendung erklärte eine Vertreterin von Pro Infirmis, warum die Behindertenorganisation das weltberühmte Kinderbuch «Der kleine Prinz» in leichte Sprache übersetzen liess und so auch für Leserinnen zugänglich macht, welche die Originalausgabe nicht oder nur schlecht verstehen. Das Gespräch findet in einem lockeren Talk-Setting statt, zwei Sessel, ein Clubtisch und im Hintergrund ein TV-Bildschirm mit dem Sendungslogo. Für den TV-Zuschauer gibt das durchaus etwas her.

Dass sich jemand die ganze Stunde «Forum» vor einem Fernsehgerät antut, ist aber unwahrscheinlich und auch gar nicht das Ziel der neuen Formel. Vielmehr geht es darum, Video-Material zu generieren, das hernach über die verschiedenen Online-Plattformen verbreitet werden kann. Damit folgt RTS den dominierenden Nutzungsgewohnheiten: Bild schlägt Ton. Ein Videoausschnitt findet schneller sein Publikum als ein Audiofile.

Wenn Radio-Chefredaktor Laurent Caspary betont, «Forum» bleibe weiterhin eine Radiosendung, dann stimmt das zwar. Aber der Zwang zum Bild schränkt die Flexibilität doch erheblich ein. Radio gilt zu Recht als schnellstes Medium. Wenn nun die Gesprächsgäste stets im Studio in Lausanne erscheinen müssen, erfordert dies eine intensivere Planung. Als reines Radioformat war es möglich, kurz vor der Sendung noch schnell jemanden anzurufen und als Gesprächsgast zuzuschalten. Die Dauer der einzelnen Elemente konnte einigermassen spontan und flexibel angepasst werden. Jetzt muss alles in einen streng getakteten Ablauf passen. Damit geht RTS ein erhebliches Risiko ein, am Ende nicht das Beste aus beiden Welten zu kombinieren, sondern das Radio ins TV-Korsett zu zwängen.

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