von Benjamin von Wyl

The Good, The Bad & The Ugly II

Migrantisches Mediennetzwerk, Kein Wirtschaftsfernsehen, Entlassung von MAZ-Studierenden

The Good – Neue Schweizer Medienmacher*innen NCHM*

«Diversität ist ein wichtiges Ziel, es gibt keine Strategie», teilte das «Bieler Tagblatt» dem Magazin «Schweizer Journalist» kürzlich für eine Umfrage mit. Nach eigenen Angaben hätten zu dem Zeitpunkt genau null Migrant*innen in der Redaktion gearbeitet. In einer Stadt, in der mehr als ein Drittel der Bevölkerung keinen Schweizer Pass hat.

Anderswo sieht es kaum besser aus. In Schweizer Medienhäusern arbeiten fast keine Menschen mit Migrationshintergrund. «Die Redaktionen spiegeln die Gesellschaft in diesem Land nicht», sagt Anna Jikhareva. Die WOZ-Redaktorin gehört zum Netzwerk «Neue Schweizer Medienmacher*innen NCHM*», das sich am Donnerstag gründete. Das Netzwerk fordert einen «neuen Journalismus», der «Menschen mit Migrationsgeschichte» nicht mehr «undifferenziert, rassistisch und problembehaftet» darstellt.

«Wir helfen gerne!», sagt Jikhareva. Redaktionen und Journalist*innen können sich bei NCHM* melden, wenn Fragen auftauchen, wie man auf Augenhöhe berichtet. Damit das geht, müssen sich aber auch Redaktionen verändern. Jikhareva: «Heute hinterfragt ja auch niemand, dass es im Journalismus Frauen – ob berichtend oder in Leitungspositionen – braucht.»

Ein Viertel der Bevölkerung hat keinen Schweizer Pass; noch viel mehr Menschen haben Eltern, die nicht hier geboren sind. Alle diese Menschen lesen, schauen, hören, lösen Abos. Wer sie ignoriert, wird irrelevant.

The Bad: «ECO» und «CNN Money Switzerland»

Ich bin noch lange jung. Zumindest, wenn es nach den Kategorien von SRF geht. Am Donnerstag präsentierte SRF-Direktorin Nathalie Wappler einen Radikalumbau, in dessen Rahmen es zu Entlassungen kommt und eine ganze Reihe von Fernsehsendungen eingestellt werden. Neu dazu kommen vermehrt digitale Angebote, um ein eher jüngeres Publikum anzusprechen: «Leute unter 45 Jahren». Die Verjüngung ist Gesetz. Seit letztem Jahr muss SRF laut Konzession «Angebote für junge Menschen» produzieren.

Um jüngeren Formaten Platz zu machen, hat SRF auch das hintergründige Wirtschaftsmagazin ECO gekippt. Dabei werden andere Sendungen in Altersheimen häufiger geschaut als ECO. Die durchschnittliche ECO-Zuschauerin kommt auf stolze 61,5 Jahre. Damit ist sie aber immer noch jünger als das Publikum von beispielsweise der «Arena» oder der «Rundschau». Fast fünf Jahre älter sind gar die Zuschauer*innen von «Glanz & Gloria» und «Schweiz aktuell».

Die Einstellung von ECO ist diese Woche bereits der zweite Paukenschlag für Fernsehen, das wirtschaftliche Zusammenhänge vermittelt. Zuvor kam das definitive Aus des Privatsenders «CNN Money Switzerland». Die neuste «Blick»-Kolumne von Chefredaktorin Patrizia Laeri liest sich wie ein Anstellungsaufruf für ihre 25 (Ex-)Mitarbeitenden. Bleibt zu hoffen, dass er Wirkung zeigt und die Betroffenen bald einen neuen Job finden. Vielleicht bei SRF? Dort würden die Wirtschaftsjournalist*innen unseren 69-jährigen Finanzminister hoffentlich nicht mehr auf Englisch interviewen.

The Ugly: «Nau.ch» und «Lokalinfo AG»

Zwei Studierende der MAZ-Diplomausbildung sind während der Pandemie entlassen worden. Nun steht nicht nur ihre wirtschaftliche Existenz, sondern auch die Ausbildung auf der Kippe. Gemäss MAZ-Direktorin Martina Fehr seien «beide noch auf der Suche nach einer Lösung».

Eine der beiden arbeitete bei der Zürcher Lokalinfo AG. Der Entscheid sei «verbunden mit der Hoffnung, eine jüngere Person würde eher wieder eine Anstellung im Journalismus oder in einem anderen Bereich finden», teilt Geschäftsführerin Liliane Müggenberg mit. Das Sparpaket beim Zürcher Medienunternehmen des SVP-Altnationalrats Walter Frey betreffe «alle Abteilungen» und sei so umgesetzt, dass «soziale Härtefälle» möglichst vermieden werden. Die MAZ-Studierende war regulär angestellt; die Ausbildungskosten habe die Lokalinfo AG übernommen.

Die News-Plattform «Nau.ch» entliess Ende Mai neun Leute, darunter jene*n Redaktor*in, die nun womöglich die Maz-Ausbildung abbrechen muss. «Nau» teilt mit, deren Entlassung bedauere man «genau so, wie alle anderen Kündigungen auch». Einem Nau-Kadermann sei «mündlich zugesichert worden, dass die Fortsetzung der Ausbildung gewährleistet sei».

Nun ist es so, dass der betroffenen Person die Kurse weiter offenstehen – für den Abschluss und das Diplom braucht sie zwingend eine neue Anstellung. Nau schiebt die Verantwortung ans MAZ: «Seitens Nau media AG liegt uns viel daran, dass die besagte Person ihre Weiterbildung fortsetzen kann. Den weiteren Entscheid seitens MAZ können wir leider nicht beeinflussen.»

Wer hat sie nochmals entlassen?

Die Medienwelt ist zu aufgewühlt, um mit Reflexionen und Recherchen abzuwarten, bis sie Stoff für einen längeren Text bieten. Die Medienwelt ist zu aufgewühlt, um ihr nur mit nüchternen Branchen-News zu begegnen. Darum gibt es diese Kolumne.

«The Good, the Bad and the Ugly» ist das neue Kurzformat der Medienwoche: Ab sofort werden Woche für Woche eine besonders positive, eine besonders negative und eine bizarre News aus der Schweizer Medien- und Werbewelt präsentiert und kurz eingeordnet. Die Autor*innen sind nicht um Ausgeglichenheit bemüht, sondern schreiben so subjektiv, wie sie ihre Themen wählen.

Im «The Good, the Bad and the Ugly»-Redaktions-Chat finden sich von Anfang an ein Vielfaches mehr schlechte und bizarre Nachrichten als Good News. Ein Zeichen, dass es gut ist, dass «The Good» eine Regel ist. Im Wechsel schreiben Medienwoche-Redaktor Nick Lüthi, die langjährigen freien Mitarbeitenden Miriam Suter (u.a. Videokolumne), Benjamin von Wyl (u.a. «So schreibe ich») und – neu bei der Medienwoche – die freie Kulturjournalistin Anne-Sophie Scholl.

Niemand von ihnen ist Fan von Italo-Western.