von Redaktion

The Good, The Bad & The Ugly XXXII

Steffi Buchli, Aprilscherze, 20 Minuten

The Good – Steffi Buchli und die Buben im Sandkasten

Die Schlammschlacht um die Macht im FC Basel zwischen Ex-Spieler David Degen und dem amtierenden Präsidenten und Besitzer Bernhard Burgener scheint kein Ende zu nehmen. Indiskretionen hier, Anschuldigungen da. Klingt alles ein bisschen nach Buben im Sandkasten. Das findet auch Steffi Buchli. Die neue «Blick»-Sportchefin schreibt darum in einem aktuellen Kommentar eine fiktive Beobachtung vom Sandkastenrand. Damit trifft sie den Kern der Schlammschlacht wohl besser als jeder Versuch einer feinziselierten Analyse der Faktenlage. «Dann werfen sie mit Sand und zerren einander an den Haaren – bis einer heult und bis alle kreuz und quer über den Haufen fliegen. Gewinnen wird weder Dario noch Max noch Tim. Am Ende werden sie alle gebeutelt und verwundet von dannen ziehen.»

Sie führt damit allerdings fort, was sie in ihrer Karriere als Sportjournalistin gelernt hat. Seit zehn Jahren arbeitet sie in der männergeprägten Domäne, vieles sei seit ihrem Einstieg besser geworden, sagte sie vor ihrem Stellenantritt beim «Blick» im Interview mit dem Magazin «Sportlerin»: «Es gab früher viele Redaktionssitzungen, in denen halt mal ein Mann sagte: ‹Lasst uns Beachvolleyball bringen. Ein bisschen Füdli geht immer.› Am meisten nervt mich, dass ich damals nicht aufstand und sagte, das gehe so nicht. Ich liess den Bubenklub gewähren». Diese Zeiten sind vorbei.
Mirimam Suter

The Bad – Unlustige Medien am 1. April

Wirklich lustig zu sein, ist eine Kunst für sich. Jedes Jahr am 1. April beweisen die Schweizer Medien aufs Neue: Es ist eine Kunst, die ihnen nicht wirklich liegt. Und trotzdem versuchen sie sich Jahr für Jahr an der hohen Kunst der Aprilscherze.

Wirklich unlustig ist ein Witz vor allem dann, wenn man ihn erklären muss. Und nur noch peinlich ist es, wenn das ein traditionsreiches Satiremagazin tut. Der «Nebelspalter» macht vor, wie das geht: Am 1. April 2021 ging auf nebelspalter.ch ein Interview mit Toni Brunner online, in dem er verkündete, zurück ins Parlament zu wollen. Der Staat werde immer autoritärer und entwickle sich zur Diktatur. Brunners Lebenspartnerin Esther Friedli leistet auf Twitter Schützenhilfe und versprach zurück an den Herd zu gehen, wenn ihr Toni wieder nach Bern geht. Die Auflösung der Gähn-Story kam noch am 1. April per Mail an die Newsletter-Abonnent*innen des neuen «Nebelspalters»: «Toni Brunner geht nicht zurück nach Bern. Mit grosser Enttäuschung, ja Erschütterung müssen wir unseren Leserinnen und Lesern mitteilen, dass heute der 1. April ist», schreibt Verleger Markus Somm. Ha. Ha.
Mirimam Suter

The Ugly – 20 Minuten: einfach draufhalten

«Waaas?! Wir sind live… Nein, bitte nicht!» Dass sich gestern Abend in St. Gallen ein paar hundert Jugendliche trafen, versetzte alle News-Medien in Aufregung: Corona-Krawalle! Eskalation! Chaoten! Innerlich sieht man die sabbernden Blattmacher vor sich. Freitagnacht brachte Klicks, Klicks, Klicks von «CH Media» bis «Blick». Den Vogel schoss aber «20 Minuten» ab: Drei Stunden lang streamte ein Reporter live aus St. Gallen. Fünfmal wurde der Beitrag gepusht.

Die Kamera ruckelte, der Reporter wirkte unbeholfen, manchmal zeigt das Videobild minutenlang eine leere Ecke. Doch die Qualität ist bei diesem Inhalt nur eine Randnotiz wert: Während die «Blick TV»-Liveschaltung bemüht war, keine Gesichter zu zeigen, holte «20 Minuten» jede Person vor die Linse. Egal, wie jung sie aussah. Egal, wie betrunken sie wirkte.

Der «20 Minuten»-Reporter setzte dabei einen Ton an, als würde er eine lustige Strassenumfrage machen: «Was möchtest du uns noch erzählen?» «Willst du ein Meme werden?» «Willst du noch was zu den Corona-Massnahmen sagen?» Als ein Jugendlicher darum bittet, Abstand zu halten, reagiert der Reporter angesäuert. Als eine Gruppe über die «Scheiss-Politik» ausruft, reagiert er: «Das ist live, das ist live! Überlegt, was ihr sagt!» Dabei geht es gar nicht darum, was gesagt wird.

Der Reporter setzte mutmasslich Minderjährige und Betrunkene der totalen Öffentlichkeit aus. Vielen Gefilmten war nicht bewusst, dass ihre Gesichter und Aussagen live gestreamt werden. Einige reagierten geschockt, sobald sie es verstanden. Das ist berechtigt: Was ist, wenn Familie und Lehrbetriebe diese Aufnahmen sehen? Was macht die Polizei damit? Dieser Livestream war ein medienethisches Armutszeugnis.
Benjamin von Wyl

Leserbeiträge

Artur Vogel 04. April 2021, 20:22

„Was ist, wenn Familie und Lehrbetriebe diese Aufnahmen sehen?“ Ja, genau diese Frage sollte man sich stellen, und zwar, bevor (!) man in der Öffentlichkeit die Sau rauslässt. Ich verteidige damit nicht „20 Minuten“. Was die betreiben, kann man nur in Anführungszeichen noch als „Journalismus“ bezeichnen. Aber zuerst Krawall machen und sich dann wundern, dass man dabei nicht anonym bleibt, ist ebenfalls ziemlich kindisch.