von Miriam Suter

The Good, The Bad & The Ugly LXVIII

Sonntagsblick, Watson, Tages-Anzeiger

The Good – «Sonntagsblick» mit neuer Recherche-Power

Fabian Eberhard ist ein derart hartnäckiger Rechercheur, dass er immer wieder bedroht wird: von Neonazis oder Erdogan-Fans zum Beispiel. Journalistisch fällt Eberhard mit grossen Enthüllungen auf, jüngst etwa mit seiner Recherche über Gianni Infantinos heimlichen Umzug nach Katar. 2019 wurde seine Recherche-Serie über Schweizer Waffen in Kriegsgebieten mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet.

Nun wurde der 38-Jährige per Februar zum Recherche-Chef des «Sonntagsblick» ernannt, wo er seit 2017 als Reporter arbeitet. Eberhard betreibt einen Journalismus abseits vom klassischen Boulevard. Seine Ernennung steht auch für einen Wandel, für (noch) mehr Recherche beim «Sonntagsblick» und für einen politisch und gesellschaftlich relevanten Journalismus. Das lässt hoffen, dass das auch auf den «Blick» abfärbt. Dem Blatt täte das auf jeden Fall gut, das sich aktuell mit einem Riesenprozess wegen frauenfeindlicher Berichterstattung herumschlagen muss.

The Bad – «Watson» im Tabak-Dilemma

Am 13. Februar 2021 sind Abstimmungen und wer etwas mit Medien zu tun hat, spricht, tweetet und streitet nur noch über das Medienpaket. Alle? Nicht ganz. Beim werbefinanzierten News- und Unterhaltungsportal «Watson» befasst man sich auch mit der Initiative «Kinder ohne Tabak», die ein strenges Werbeverbot für Tabakprodukte fordert.

Watson-Vermarktungschef Tarkan Özküp erklärte diese Woche in einem Interview mit «persoenlich.com», dass bei einer Annahme der Initiative Werbeeinnahmen wegfallen würden, mit denen man eigentlich rechnet. Die Einnahmen bewegen sich laut Özküp im einstelligen Prozentbereich des Gesamtumsatzes – der Wegfall würde schmerzen, existenziell sei er aber nicht. Es sei eine Haltungsfrage, wie man der Initiative gegenüberstehe, findet Özküp. Sie sei zu extrem und öffne die Tür für andere Werbeverbote. Watson verdient Geld mit Werbung – auch für Tabakprodukte wie Snus oder E-Zigaretten.

Die Redaktion dagegen hat wenig fürs Rauchen übrig: Die frühere Sexkolumnistin Emma Amour hörte auf zu rauchen, die Redaktion probiert Rauchstopp-Kurse aus und auch der Nichtrauchertag wird abgefeiert. Eigentlich löblich, diese Haltung müsste sich aber konsequenterweise auch dann widerspiegeln, wenn es um die Initiative – und ums Geld – geht.

The Ugly – Antisemitismus im «Tages-Anzeiger»

Am Montag erschien im «Tages-Anzeiger» ein Porträt der Zürcher FDP-Stadtratskandidatin Sonja Rueff-Frenkel. Es schlug die ganze Woche lang so hohe Wellen, wie schon lange kein «Tagi»-Text mehr – allerdings nicht, weil er so gut war. Autor Kevin Brühlmann sprach im Interview mit Rueff-Frenkel nicht nur ihr politisches Engagement für eine jüdisch-orthodoxe Mädchenschule an, sondern wollte in diesem Zusammenhang wissen, inwiefern die «unterdrückte Sexualität» von «unreinen» orthodoxen Frauen mit Gleichstellung zusammenpasse. Dass Rueff-Frenkel selber jüdischen Glaubens ist, rechtfertigt diese Frage nicht. Der Text enthielt zudem weitere klassische antisemitische Stereotypen.

Es folgte ein Shitstorm auf Twitter, Autor Brühlmann entschuldigte sich und zwei Tage später entschuldigte sich auch die Chefredaktion öffentlich. Weder Antisemitismus noch die «unfaire Behandlung von Frauen» hätten im «Tages-Anzeiger» etwas zu suchen. Bloss: Beides fand seinen Platz im Text – und steht «aus Transparenzgründen» weiterhin online.

Dieser Text hätte so nicht erscheinen dürfen. Brühlmann hat den Artikel ja nicht im Alleingang auf einem privaten Blog veröffentlicht. Dass mit dem Text antisemitische und frauenfeindliche Stereotypen reproduziert werden, hätte mindestens einer anderen Person auf der Redaktion auffallen müssen.

Aber niemandem ist etwas aufgefallen. Auf Anfrage der MEDIENWOCHE schreibt Mario Stäuble, der Co-Chefredaktor des «Tages-Anzeigers»: «Der Text durchlief wie jeder Text eine Reihe von Kontrollinstanzen. Ich verweise auf unseren Kommentar zum Fall: ‹In diesem Fall haben wir unsere Qualitätsstandards nicht eingehalten, und die Kontrollinstanzen, die diese sicherstellen, haben nicht funktioniert. Wir ziehen daraus unsere Lehren, damit das ein Einzelfall bleibt.›»

Leserbeiträge

Toni Koller 29. Januar 2022, 14:27

Also ich verstehe das nicht ganz: Wenn man eine Vertreterin einer Religion, welche eine frauenfeindliche Fraktion besitzt (Orthodoxie), auf diese Frauenfeindlichkeit anspricht, dann ist das … Antisemtismus? Dann dürfte man auch keine Muslime mehr auf die frauenfeindlichen Teile des Islam ansprechen? Keine Katholischen auf die frauenfeindlichen Seiten der römischen Kirche? Scheint mir fragwürdig. Ich muss allerdings sagen, dass ich den Tagi-Artikel selbst nicht gelesen habe. Vielleicht würde ich die massiven Vorwürfe an Brühlmann dann verstehen. Aber aus der Medienwoche erschliesst sich mir das nicht.