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	<title>Eva Hirschi | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Mon, 04 Jul 2022 12:51:57 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
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		<title>Journalismus in der Ukraine: «Unsere Medien sind sehr patriotisch geworden»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2022/07/04/unsere-medien-sind-sehr-patriotisch-geworden/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 04 Jul 2022 12:51:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Bevölkerung in der Ukraine sucht seriöse Nachrichtenquellen, findet sie aber in den einheimischen Medien nur noch bedingt. Lina Kuschtsch ist erste Sekretärin des nationalen Journalistenverbands der Ukraine (NUJU) und Mitglied der Kommission für journalistische Ethik des Landes. Der MEDIENWOCHE gibt sie einen Einblick in die aktuelle Lage von Medien und Journalismus seit Kriegsausbruch. «Es <a href="https://medienwoche.ch/2022/07/04/unsere-medien-sind-sehr-patriotisch-geworden/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/07/04/unsere-medien-sind-sehr-patriotisch-geworden/">Journalismus in der Ukraine: «Unsere Medien sind sehr patriotisch geworden»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Bevölkerung in der Ukraine sucht seriöse Nachrichtenquellen, findet sie aber in den einheimischen Medien nur noch bedingt. Lina Kuschtsch ist erste Sekretärin des nationalen Journalistenverbands der Ukraine (NUJU) und Mitglied der Kommission für journalistische Ethik des Landes. Der MEDIENWOCHE gibt sie einen Einblick in die aktuelle Lage von Medien und Journalismus seit Kriegsausbruch.</strong><br />
<a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/07/MW-Lina_Kushch_Bild_Eva_Hirschi.jpg" data-rel="lightbox-image-0" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title=""><img fetchpriority="high" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/07/MW-Lina_Kushch_Bild_Eva_Hirschi.jpg" alt="" width="1456" height="976" class="aligncenter size-full wp-image-98331" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/07/MW-Lina_Kushch_Bild_Eva_Hirschi.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/07/MW-Lina_Kushch_Bild_Eva_Hirschi-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/07/MW-Lina_Kushch_Bild_Eva_Hirschi-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/07/MW-Lina_Kushch_Bild_Eva_Hirschi-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/07/MW-Lina_Kushch_Bild_Eva_Hirschi-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /></a></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wie hat sich die Arbeit der ukrainischen Journalist:innen mit dem Krieg verändert?</p>
</div><div class="answer"><h4>Lina Kuschtsch:</h4> <p>Einerseits ist die physische sowie psychische Belastung sehr hoch. Rund 2000 Journalist:innen sind geflohen – 85 Prozent innerhalb des Landes, 15 Prozent ins Ausland. Andererseits stehen die Journalist:innen, die hier geblieben sind, auch finanziell unter Druck. Da Werbeeinnahmen weggebrochen sind, musste die Hälfte der Verlage die Löhne ihrer Angestellten kürzen, während gleichzeitig die Arbeitslast stieg. Die Werbeeinnahmen sind im Mai und Juni um bis zu 70 Prozent eingebrochen. Nicht nur für Zeitungen, für alle Medienarten. Ein Viertel der ukrainischen Journalist:innen hat während drei Monaten gänzlich ohne Lohn gearbeitet. Wer als Medium keinem Oligarchen gehört, hat grosse finanzielle Probleme – wir haben viele kleine Lokalmedien verloren, insbesondere in den Kampfzonen und besetzten Gebieten. Wenn man in Kampfzonen keine Zeitungen drucken oder ausliefern kann, weigern sich viele Leser:innen natürlich, die Zeitung weiterhin zu abonnieren.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wie sieht die ukrainische Medienlandschaft aktuell aus?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Die Ukraine hat mehrheitlich staatsunabhängige Medien. Fast alle Zeitungen, die früher dem Staat gehörten, wurden vor drei Jahren unabhängig. Jetzt gibt es nur noch zwei staatliche Zeitungen, von Parlament und Regierung. So auch bei den Fernsehsendern. Was speziell ist in der Ukraine: Viele Fernsehsender gehören Oligarchen. Im Grunde haben wir zu viele Fernsehsender; mehr, als es auf dem Markt Platz hat. Es gibt nicht genügend Werbung, damit diese Sender unabhängig sein könnten. Es liegt aber im Interesse vieler Oligarchen, einen eigenen Sender zu haben – weil er als politisches Instrument gebraucht wird, gut für die Wahlen ist und Vorteile für das eigene Geschäft schafft.</p>
</div><br />
 </p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wie haben diese Fernsehsender auf den Krieg reagiert?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Einige, die vorher keine politischen Nachrichten machten, begannen mit der Berichterstattung über den Krieg. Andere haben ihre Aktivitäten temporär eingestellt. Gemäss der Umfrage unseres Verbands haben seit Kriegsbeginn 30 Prozent der Medien die Aktivität während ein bis drei Monaten unterbrochen. Rund 10 Prozent hat die Arbeit seither noch nicht wieder aufgenommen. Interessant ist auch: Mit dem Ausbruch des Kriegs haben mehrere grosse Fernsehsender ihre Ressourcen zusammengelegt und das Projekt «United News» lanciert – eine Art Fernsehmarathon, für den verschiedene Sender Newsbeiträge liefern. Gerade in den ersten zwei Monaten des Kriegs war das wichtig, denn so konnten die Menschen Berichte und Geschichten auch aus anderen Regionen des Landes sehen. Es war sehr dynamisch.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Und wie sieht es bei der Presse aus?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Es gibt eine sehr grosse Nachfrage nach verifizierten, sicheren Informationen. Ein kleines Online-Medium hatte auf einmal eine 20 Mal grössere Leserschaft. Das war sehr ungewöhnlich. Die Leute suchen seriöse Nachrichtenquellen, sie wollen mehr als nur Infos über Messenger oder Telegram. Doch die Situation ist trotzdem sehr schwierig.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Es besteht die Gefahr, dass die Medien weniger objektiv berichten, sondern das erzählen, was die Leserschaft hören will.» </p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Welchen Einfluss hat der Krieg auf die Berichterstattung? Berichten die Medien unabhängig oder fühlen sie sich verpflichtet, die Regierung zu unterstützen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Ich habe festgestellt, dass unsere Medien sehr patriotisch geworden sind. Das hängt vielleicht auch mit der Nachfrage des Publikums zusammen. Man muss sich vorstellen: Die Leute konsultieren die Nachrichten Tag und Nacht. Sie suchen auch Hoffnung. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Medien weniger objektiv berichten, sondern das erzählen, was die Leserschaft hören will – über Gebietsgewinne, die vermeintliche Stärke der ukrainischen Armee und sonstige positive Nachrichten.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Worüber berichten die Medien aus Sicherheitsgründen nicht?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Das Verteidigungsministerium hat Regeln für Journalist:innen erlassen darüber, welche Informationen geteilt werden dürfen und welche unter Kriegsgeheimnis stehen. Wer diese Regeln bricht, dem wird die Akkreditierung entzogen. Menschenrechte – inklusive der Meinungsfreiheit – werden während eines Kriegs manchmal limitiert. Aber diese Limitierung sollte zeitlich begrenzt sein und zudem sollten Informationen von den Behörden und der Armee für alle Journalist:innen und alle Medien verfügbar sein. Unsere Gewerkschaft hat jedoch Beanstandungen erhalten, dass lokale Behörden oder Armeeangestellte die einzelnen Medien unterschiedlich behandelt haben. Einige erhalten Zutritt zu Kampfzonen, andere nicht. Das geht so nicht!</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Leider verhalten sich auch Menschen aus der Bevölkerung den Medienschaffenden gegenüber teilweise sehr aggressiv.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Gibt es politischen Druck auf die Medien?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Es gab einige Politiker, die sich negativ gegenüber Journalist:innen geäussert haben. Ein Mitglied des Parlaments wollte sogar, dass man einen Journalisten überprüfe, ob er nicht ein Spion sei. Wer politische Macht hat, darf sich nicht zu solchen Aussagen hinreissen lassen und auf Social Media Journalist:innen einschüchtern oder diskreditieren. Auch, wenn Angst besteht, dass die Feinde Informationen erfahren könnten – etwa, wo sich Zivilisten verstecken und wo sich viele Menschen versammeln. Natürlich sind solche Informationen heikel. Aber sie sind auch wichtig für die Bevölkerung. Zudem können Journalist:innen über einen Krieg nicht einfach aufgrund von offiziellen Mitteilungen der Regierung berichten – sie müssen vor Ort sein und zeigen, was los ist. Und sie müssen die Stimme den gewöhnlichen Bürger:innen geben. Leider verhalten sich auch Menschen aus der Bevölkerung den Medienschaffenden gegenüber teilweise sehr aggressiv, insbesondere TV- und Fotojournalist:innen. Die Angst ist gross.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Führt dies zu Selbstzensur?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Wenn ich vergleiche, wie ausländische und wie ukrainische Journalist:innen arbeiten, dann stelle ich fest, dass die Ukrainischen mehr Selbstzensur anwenden. Als Mitglied der Kommission für journalistische Ethik beurteile ich viele Anfragen. So wollten etwa Lokaljournalist:innen einen Bericht über ein Geburtsspital machen. Für das Publikum ist es wichtig zu wissen, dass das Spital über einen guten Bunker verfügt mit genügend Wasser, Elektrizität etc. – aber die Journalist:innen waren unsicher, ob sie diese Informationen teilen durften, nachdem ja tragischerweise die Geburtsklinik in Mariupol bombardiert worden war. Wir haben den Journalist:innen aber geraten, darüber zu berichten – es sind wichtige Informationen für die Bevölkerung. Ein anderes Beispiel sind Aufnahmen von Panzersperren in den Strassen von Kiew, die im März von einem Online-Medium publiziert und von zahlreichen internationalen Medien aufgegriffen wurden. Das Bild der grossen Betonklötze mitten im Stadtzentrum war sehr attraktiv. Doch das ukrainische Medium wurde danach bedroht, viele Leser:innen schrieben empört, man dürfe diese Informationen aus Sicherheitsgründen nicht publizieren. Gemäss den Regeln des Verteidigungsministers ist es aber in Ordnung – nur Aufnahmen versteckter Panzersperren dürften nicht verbreitet werden. Doch Journalist:innen spüren diesen Druck von der Bevölkerung, und er hat Einfluss auf ihre Arbeit.</p>
</div></p>

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<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wie sieht es mit Kritik an den Behörden oder an Präsident Selenskyj aus, ist das möglich?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Am Anfang zeigten Medien keine Gesetzesverletzungen oder Fehlverhalten des ukrainischen Militärs. Jetzt sieht man immer mehr Kritik – vor allem aber von Medien der Opposition. Auch gegen Selenskyj kann man kritische Stimmen lesen. Es handelt sich aber in der Regel um Zitate von Oppositionspolitikern oder von Meinungsmachern, die gegen Selenskyj sind. Kritische journalistische Analysen habe ich in jüngster Zeit keine gesehen.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Social Media ist eine wichtige Quelle für Informationen geworden.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Werden Medien für ukrainische Propaganda eingespannt?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Viele Medien verwenden tatsächlich offizielle Quellen und Mitteilungen – und nur diese. Viele Journalist:innen hinterfragen diese nicht, verifizieren sie auch nicht und suchen nicht nach einer anderen Sichtweise. Ich will damit nicht sagen, dass man für die Gegenseite die russischen Vertreter interviewen muss. Aber wir müssen als Journalist:innen den gewöhnlichen Leuten eine Stimme geben. Wenn zum Beispiel intern Vertriebene Hilfe von humanitären Organisationen erhalten, sollten Medien nicht nur die Vertreter der NGO und der lokalen Regierung interviewen, sondern auch die Geflüchteten selber. Vielleicht hat das weniger mit Propaganda als mit fehlenden Skills der Journalist:innen zu tun.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Was ist die Rolle von Social Media?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Social Media ist eine wichtige Quelle für Informationen geworden. In der Ukraine ist Social Media – insbesondere Facebook – allerdings sehr polarisiert und sehr Pro-Westen. Tiktok hat seine Reichweite ebenfalls vergrössert – es wird nicht nur von Teenagern benutzt. Telegram wurde zu einer der Hauptinformationsquellen des Krieges, dort finden lokale Gemeinschaften als erstes praktische Informationen. Auch wurden neue Channels kreiert mit Infos über den Krieg, das ist sehr nützlich.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Gelten auf solchen Plattformen die gleichen Regeln wie für die Medien?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Nein. Viele Informationen sind nicht verifiziert, werden sogar nach einer halben Stunde wieder gelöscht, damit niemand sieht, wer sie gepostet hat. Wir sehen, wie russische Propaganda über Telegram und Tiktok verbreitet wird. Sie kann den Krieg nicht direkt beeinflussen, aber sie teilt Informationen oder Narrative, die die ukrainische Bevölkerung stark spalten. Russische Propaganda publiziert möglichst viele Versionen einer Tatsache, um Zweifel zu streuen.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Bei diesem Krieg haben die Ukrainer:innen aber von Anfang an darauf geachtet, Informationen auch in anderen Sprachen zu publizieren.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Was denken Sie über die europäische Berichterstattung über den Ukraine-Krieg?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Dies ist der erste Krieg Europas, über den online berichtet wird. Ich stelle ein erhöhtes Interesse an der Ukraine fest. Das Verteidigungsministerium hat seit Kriegsbeginn bereits 4000 ausländische Medienschaffende für die Arbeit im Land akkreditiert. Auch stelle ich fest, dass diese Medienschaffenden ukrainische Quellen für ihre Arbeit brauchen. Bis 2014 verwendeten viele ausländische Medien, die über die Ukraine berichteten, russische Quellen wie «Russia Today» oder «Sputnik», da diese Informationen in 30 oder 40 Sprachen publizierten. Die Ukraine hatte keine Nachrichtenplattform in anderen Sprachen. Bei diesem Krieg haben die Ukrainer:innen aber von Anfang an darauf geachtet, Informationen auch in anderen Sprachen zu publizieren. Das hilft ausländischen Journalist:innen sehr. Jetzt haben sie zum ersten Mal einen unabhängigen Blick auf die Ukraine, da sie auch ukrainische Quellen und nicht nur russische verwenden können. Es besteht aber noch Verbesserungspotential.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wo denn?</p>
</div><div class="answer"><h4>Kuschtsch:</h4> <p>Ukrainer:innen sind sehr sensibel, wenn es um das Wording geht, das ausländische Medien anwenden. Natürlich ist es wichtig, dass ausländische Nachrichtenagenturen Informationen aus den besetzten Gebieten veröffentlichen. Nur können ukrainische Journalist:innen nicht von dort berichten, weshalb wir verstehen, dass man auf die Informationen russischer Journalist:innen vor Ort zurückgreift. Aber man muss darauf achten, nicht ihre Sprache zu übernehmen. Also nicht von pro-russischen Regionen zu sprechen, sondern von russisch besetzten Regionen. Es ist jedoch durchaus wichtig, das Filmmaterial von dort zu verwenden – so konnten Menschen zum Beispiel vermisst geltende Familienmitglieder entdecken und auch Kriegsverbrechen wurden festhalten.</p>
</div><br />
&nbsp;</p>
<div style="margin: 4%;border: 1px;border-style: solid;border-color: #cccccc;padding: 4%;font-size: 16px">
Lina Kuschtsch (*1967) ist Journalistin, Medienexpertin und Medientrainerin mit mehr als 25 Jahren Erfahrung, unter anderem als Mitarbeiterin von Reuters und BBC sowie als ehemalige Leiterin der regionalen Korrespondentenabteilung der gesamtukrainischen Zeitung «Holos Ukrajiny». Seit 2018 ist sie Generalsekretärin des nationalen Journalistenverbandes der Ukraine und koordiniert die Arbeit von 24 Regionalbüros mit rund 18‘000 Mitgliedern. Zudem ist sie seit 2020 Mitglied in der Kommission für journalistische Ethik. In ihrem Leben musste Lina Kuschtsch bereits zwei Mal vor den russischen Truppen fliehen: 2014 aus Donezk und jüngst nach Kriegsausbruch aus Kiew. Inzwischen wohnt sie wieder in Kiew. Die MEDIENWOCHE hat Lina Kuschtsch an der Versammlung der European Federation of Journalists (EFJ) Anfang Juni in Izmir, Türkei, getroffen.</div>
<p><small>Bild: Eva Hirschi</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/07/04/unsere-medien-sind-sehr-patriotisch-geworden/">Journalismus in der Ukraine: «Unsere Medien sind sehr patriotisch geworden»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Geld für die Vielfalt: Romandie setzt auf kantonale Medienförderung</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2022/05/05/geld-fuer-die-vielfalt-romandie-setzt-auf-kantonale-medienfoerderung/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2022/05/05/geld-fuer-die-vielfalt-romandie-setzt-auf-kantonale-medienfoerderung/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 May 2022 15:41:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Romandie]]></category>
		<category><![CDATA[Medienförderung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nahezu alle Westschweizer Kantone haben Massnahmen zur Medienförderungen ergriffen oder aufgegleist. Jetzt stellt sich die Frage: Braucht es eine kantonsübergreifende Koordination? Betroffene und Fachleute sind sich nicht einig. Mit insgesamt 6,2 Millionen Franken will der Kanton Waadt in den nächsten fünf Jahren die Medien unterstützen. Damit ist der grösste Westschweizer Kanton ein Vorreiter in Sachen <a href="https://medienwoche.ch/2022/05/05/geld-fuer-die-vielfalt-romandie-setzt-auf-kantonale-medienfoerderung/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nahezu alle Westschweizer Kantone haben Massnahmen zur Medienförderungen ergriffen oder aufgegleist. Jetzt stellt sich die Frage: Braucht es eine kantonsübergreifende Koordination? Betroffene und Fachleute sind sich nicht einig.</strong><br />
<a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/05/MW-Medienfoerderung-Romandie-20220505b.jpg" data-rel="lightbox-image-0" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title=""><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-96994" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/05/MW-Medienfoerderung-Romandie-20220505b.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/05/MW-Medienfoerderung-Romandie-20220505b.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/05/MW-Medienfoerderung-Romandie-20220505b-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/05/MW-Medienfoerderung-Romandie-20220505b-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/05/MW-Medienfoerderung-Romandie-20220505b-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/05/MW-Medienfoerderung-Romandie-20220505b-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /></a><br />
Mit insgesamt 6,2 Millionen Franken will der Kanton Waadt in den nächsten fünf Jahren die Medien unterstützen. Damit ist der grösste Westschweizer Kanton ein Vorreiter in Sachen <a href="https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/abstimmung-nach-dem-scheitern-des-medienpakets-so-wollen-westschweizer-kantone-ihre-zeitungen-retten-ld.2251104" target="_blank" rel="noopener">kantonale Medienförderung</a>. Nach dem Nein zum Medienpaket suchen nun vermehrt Kantone nach Fördermöglichkeiten. Dass Medien staatliche Hilfe brauchen, ist in der Romandie weitgehend unbestritten. Überhaupt scheinen hierzu die Sensibilitäten grösser zu sein als in der Deutschschweiz. So haben alle Westschweizer Kantone (mit Ausnahme des Wallis) das Eidgenössische Medienpaket angenommen.<br />
</p>
<p>Indirekte Fördermassnahmen wie etwa durch den Kauf von Inseraten oder mittels vergünstigter oder kostenloser Zeitungsabos für Jugendliche gehören zu den meistdiskutierten Förderformen. Der Kanton Waadt hat sie bereits umgesetzt. Auch von kantonalen Stiftungen für die Verteilung von Geldern an Medien ist die Rede. Die Krux: Die Kantonsgrenzen entsprechen nicht unbedingt den Einzugsgebieten der Medien. So wird die Freiburger Tageszeitung «La Liberté» auch im waadtländischen Payerne gelesen, die Genfer Zeitung «Le Temps» auch im Rest der Westschweiz. Es drängt sich also die Frage auf: Braucht es allenfalls ein Medienpaket für die gesamte Romandie?</p>
<blockquote><p>«Cinéforom hat sich bewährt, warum also nicht ein analoges Modell für den Journalismus?»<br />
<small>Frédéric Gonseth, Journalist und Filmemacher</small></p></blockquote>
<p>Erfahrung mit einer überregionalen Förderung hat die Westschweiz im Filmbereich. Die <a href="https://www.cineforom.ch/kurzportrait-cineforom" target="_blank" rel="noopener">Stiftung Cinéforom</a> (Fondation romande pour le cinéma) haben 2011 die Kantone Genf, Waadt, Wallis, Freiburg, Neuenburg und Jura sowie die Städte Genf und Lausanne gemeinsam gegründet. Das jährliche Budget von rund 10 Millionen Franken finanzieren zu zwei Dritteln die öffentliche Hand und zu einem Drittel die Loterie Romande. Ein Teil dieser Gelder fliesst direkt in Filmprojekte. Über deren Verwendung entscheiden Kommissionen bestehend aus Fachleuten (und ohne die Geldgeber). So bleibt diese Form der Filmförderung trotz Kantonsgeldern unabhängig.</p>
<p>Wäre die Westschweizer Filmförderung ein mögliches Vorbild für die Medienförderung? Ja, findet <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%A9d%C3%A9ric_Gonseth" target="_blank" rel="noopener">Frédéric Gonseth</a>. Der Journalist und Filmemacher hat Cinéforom ins Leben gerufen und engagiert sich auch im Medienbereich. So hat Gonseth etwa den Verein «Médias pour tous» (Medien für alle) gegründet und ist in verschiedenen Vereinen für die Förderung von Medien aktiv.</p>
<p>«Cinéforom hat sich bewährt, warum also nicht ein analoges Modell für den Journalismus?», sagt er auf Anfrage der MEDIENWOCHE. So könnten Gelder vom Kanton und allenfalls von Gemeinden in eine unabhängige Stiftung fliessen und so verteilt werden. «Damit besteht auch kein Risiko der Einflussnahme auf die Medien.»</p>
<blockquote><p>Der Bericht «Aider la presse» stellt fünf Mechanismen vor, die bereits in der einen oder anderen Form bestehen, und die ausgebaut werden könnten.</p></blockquote>
<p>Mit möglichen Fördermodellen hat sich Gilles Labarthe, Journalist und Medienforscher, im Rahmen einer <a href="https://www.impressum.ch/fileadmin/user_upload/Dateien/News/Rapport-aider_la_presse_2021_mandat_NP.pdf" target="_blank" rel="noopener">wissenschaftlichen Studie</a> auseinandergesetzt. Zusammen mit Denis Gay und Daniel Beck der Universität Freiburg ist er im Auftrag des Vereins <a href="https://nouvelle-presse.ch/" target="_blank" rel="noopener">«Association Nouvelle Presse»</a> der Frage nachgegangen, welche Mechanismen notwendig sind, um Medien in der Romandie zu unterstützen.</p>
<p>«Wir haben zuerst eine Bestandsaufnahme gemacht und realisiert: Im europäischen Vergleich hinkt die Schweiz hinterher, teilweise mit einer Verspätung von bis zu 20 Jahren. In zahlreichen Ländern – von Skandinavien bis zu den Nachbarländern – sind staatliche Medienförderungen bereits seit Jahren Teil der Finanzierung von Journalismus», sagt Labarthe im Gespräch mit der MEDIENWOCHE.</p>
<p>Mittels Gesprächen und Fragebögen hat das Forscherteam mit über 70 Expertinnen, Journalisten und anderen Medienakteuren über bereits bestehende oder schnell umsetzbare Mechanismen gesprochen, um deren Potential zu evaluieren. Der Bericht «Aider la presse», erschienen im Juni 2021, stellt insbesondere fünf Mechanismen vor, die bereits in der einen oder anderen Form bestehen, und die ausgebaut werden könnten:</p>
<p><strong>• Recherche</strong>: Schaffung eines neuen Fonds oder Nutzung von Synergien bestehender Fonds (wie Recherche-Fonds von investigativ.ch oder JournaFONDS)<br />
<strong>• </strong><strong>Ausbildung</strong>: Förderung der Medienausbildung (wie im Kanton Waadt)<br />
<strong>• </strong><strong>Zugang</strong>: Online-Kiosk für verschiedene Medientitel (wie My Press in Genf, das jedoch nicht umgesetzt wurde) oder vergünstigter Zugang zu Medien für Jugendliche (wie in einigen Waadtländer und Genfer Gemeinden sowie neu im Kanton Waadt)<br />
<strong>• </strong><strong>Neue Projekte</strong>: punktuelle Unterstützung neuer digitaler Medien (wie der Aufbau von «Heidi.news» oder der Kauf von «Le Temps» / «Heidi.news» durch die Stiftung Aventinus)<br />
<strong>• </strong><strong>Infrastruktur</strong>: gemeinsam nutzbare digitale Tools für Publikation und Distribution etc. (Apps, Websites) über die Grenzen von Redaktionen und Verlagen hinweg (wie <a href="https://wepublish.ch/" target="_blank" rel="noopener">We.Publish</a> oder <a href="https://www.persoenlich.com/digital/soziales-netzwerk-fur-news-in-den-startlochern?ref=refind" target="_blank" rel="noopener">Polaris</a>)</p>
<p>Die Schlussfolgerung von Gilles Labarthe: «Es gibt Massnahmen, die man bereits umsetzen kann oder bereits umgesetzt werden. Längerfristig könnte eine kantonsübergreifende Koordination von Vorteil sein; zurzeit geht es aber mehr um das Experimentieren. Schliesslich ist die Situation nicht in allen Kantonen dieselbe, deshalb ist es so schwierig, eine Einigung zu finden.»</p>

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<p>Eine Möglichkeit, die in den meisten Kantonen diskutiert wird und die auch gemäss der Studie viel Potenzial hat: eine Stiftung zur Verteilung der öffentlichen Gelder. «Noch stellt die Definition der Kriterien das grösste Hindernis dar», sagt Labarthe. In Genf scheiterte ein Versuch schliesslich an der Umsetzung: Das Kantonsparlament versenkte 2021 den Vorschlag, weil die Förderkriterien viel zu komplex und restriktiv waren. «Schlussendlich hätte wohl nur die Tageszeitung ‹Le Courrier› von Geldern profitieren können. Da hat man am Ziel vorbeigeschossen», sagt Labarthe.</p>
<blockquote><p>Ganz neu ist das Stiftungsmodell in der Romandie nicht: 2019 wurde in Genf die Stiftung Aventinus gegründet, die zum Ziel hat, den Qualitätsjournalismus zu fördern.</p></blockquote>
<p>«So schwierig wäre es aber nicht», so Labarthe weiter. Einfachere Kriterien zur Definition förderungswürdigen Medien gäbe es durchaus, haben die Forscher bei der Analyse von 12 Ländern der OECD herausgefunden – Länder, die sogar direkte Presseförderung betreiben, indem sie Gelder für die Berichterstattung bereitstellen. Demnach werden Inhalte gefördert, die von allgemeinem Interesse sind und überwiegend selbst produziert und regelmässig aktualisiert werden, von Medien mit einer Mindestauflage und einer bestimmten Anzahl festangestellter Journalisten, die berufsethische Normen einhalten und den Presserat respektieren. «So ein Modell könnte in der Schweiz auch funktionieren», ist Labarthe überzeugt. Die Mehrheit der für die Studie befragten Schweizer Personen zeigten sich der Idee einer Stiftung gegenüber wohlgesinnt.</p>
<p>Ganz neu ist das Stiftungsmodell in der Romandie nicht: 2019 wurde in Genf die <a href="https://aventinusfondation.ch/" target="_blank" rel="noopener">Stiftung Aventinus</a> gegründet, die zum Ziel hat, den Qualitätsjournalismus zu fördern. Aufmerksamkeit erhielt Aventinus vor allem mit der Übernahme der Tageszeitung «Le Temps» im Jahr 2020. Doch auch andere Medienprojekte hat die Stiftung unterstützt – etwa insbesondere die Startphase von «Heidi.news». Aventinus hat ihr Kapital von verschiedenen Westschweizer Stiftungen und Mäzenen, unter anderem von der Hans-Wilsdorf-Stiftung, der die Uhrenmarke Rolex gehört.</p>
<p>Anne-Catherine Lyon, Mitglied des Stiftungsrats, zieht eine positive Bilanz der bisher finanzierten Projekte von Aventinus. Zahlen kommuniziert die Stiftung zwar keine, aber es hätten sehr unterschiedliche Projekte unterstützt werden können, sagt Lyon. Könnte also Aventinus die Rolle einer Dachstiftung für die Medienförderung in der Romandie übernehmen?</p>
<p>Nein, sagt Lyon: «Unsere Statuten schreiben vor, dass wir nur in den Kantonen Genf und Waadt den Journalismus unterstützen dürfen.» Mit Blick auf die Förderung durch Cinéforom findet sie die Idee einer neuen Stiftung für die gesamte Romandie jedoch durchaus interessant: «Ich bin überzeugt: Einigkeit macht stark.»</p>
<p>Doch es gibt auch Vorbehalte. Serge Gumy, Verleger der <a href="https://www.st-paul.ch/" target="_blank" rel="noopener">St.-Paul-Gruppe in Freiburg</a> (zu der die Zeitungen «La Liberté», «La Gruyère», «La Broye Hebdo» und «Le Messager» gehören), findet: «Die Debatte rund um die Medienförderung ist nicht in allen Kantonen gleich weit. Zuerst braucht es eine Lösung auf kantonaler Ebene, bevor man sich mit einem Modell für die ganze Westschweiz befassen kann.»</p>
<blockquote><p>«Doch auch eine rein kantonale Lösung wird nicht reichen, um die Medien zu retten.»<br />
<small>Serge Gumy, Verleger Freiburg</small></p></blockquote>
<p>Tatsächlich ist noch nicht klar, ob und wie die Kantone ihre Pläne umsetzen werden. Erst im Kanton Waadt ist die Medienförderung beschlossene Sache. Auch dürfte die Unterstützung für die Medien in den anderen finanziell schwächeren Kantonen bedeutend tiefer ausfallen.</p>
<p>Verleger Gumy befürchtet, dass es eine überregionale Lösung schwer hätte: «Die Kantone möchten ihre jeweiligen Regional- und Lokalmedien fördern – und nicht ein gemeinsames Kulturgut auf Ebene der gesamten Romandie.» Die eingestellten «Le Matin» und «L’Hebdo» seien Medien gewesen, die als Kitt für die ganze Romandie funktioniert hätten. Heute sei die Westschweizer Medienlandschaft viel mehr zerstückelt, die Interessen stärker regional geprägt. «Doch auch eine rein kantonale Lösung wird nicht reichen, um die Medien zu retten. Es braucht weitere Finanzierungsquellen», sagt Gumy. Womit er auch den – vorerst gescheiterten – Ausbau der Fördermassnahmen auf Bundesebene meinen dürfte.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/05/05/geld-fuer-die-vielfalt-romandie-setzt-auf-kantonale-medienfoerderung/">Geld für die Vielfalt: Romandie setzt auf kantonale Medienförderung</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<item>
		<title>Bei SRF ist Mobbing ein Problem, nicht sexuelle Belästigung</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/03/09/bei-srf-ist-mobbing-ein-problem-nicht-sexuelle-belaestigung/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2021/03/09/bei-srf-ist-mobbing-ein-problem-nicht-sexuelle-belaestigung/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Mar 2021 08:44:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Betriebsklima]]></category>
		<category><![CDATA[Mobbing]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Bei RTS in der Westschweiz und bei RSI im Tessin laufen Untersuchungen wegen sexueller Belästigung durch männliche Kader. Vom Deutschschweizer Radio und Fernsehen SRF waren bisher keine vergleichbaren Fälle bekannt. Zum einen scheint es tatsächlich weniger Übergriffe zu geben, zum anderen ist hier Mobbing das grössere Problem. «SRF ist ein testosterongeschwängertes Haifischbecken.» Das sagt eine <a href="https://medienwoche.ch/2021/03/09/bei-srf-ist-mobbing-ein-problem-nicht-sexuelle-belaestigung/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/03/09/bei-srf-ist-mobbing-ein-problem-nicht-sexuelle-belaestigung/">Bei SRF ist Mobbing ein Problem, nicht sexuelle Belästigung</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Bei RTS in der Westschweiz und bei RSI im Tessin laufen Untersuchungen wegen sexueller Belästigung durch männliche Kader. Vom Deutschschweizer Radio und Fernsehen SRF waren bisher keine vergleichbaren Fälle bekannt. Zum einen scheint es tatsächlich weniger Übergriffe zu geben, zum anderen ist hier Mobbing das grössere Problem.</strong><br />
<img decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-86631" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/03/MW-SRF-Mobbing-20210308.png" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/03/MW-SRF-Mobbing-20210308.png 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/03/MW-SRF-Mobbing-20210308-300x201.png 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/03/MW-SRF-Mobbing-20210308-768x515.png 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/03/MW-SRF-Mobbing-20210308-1024x686.png 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/03/MW-SRF-Mobbing-20210308-470x315.png 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
«SRF ist ein testosterongeschwängertes Haifischbecken.» Das sagt eine ehemalige Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte, gegenüber der MEDIENWOCHE. Sie kritisiert die «patriarchale Hierarchie» bei SRF am Standort Zürich-Leutschenbach und dass Frauen nicht ernst genommen würden. «Dieses Thema hat mich schwer beschäftigt und war mitunter auch ein Grund, weshalb ich SRF verlassen habe.» Heute arbeitet die Frau nicht mehr als Journalistin.<br />
</p>
<p>Sie ist nicht die Einzige. Auf einzelnen Abteilungen haben in den letzten zwei Jahren auffällig viele Frauen gekündigt. Ist das Arbeitsklima etwa frauenfeindlich? Die Frage ist berechtigt; seit den Vorwürfen <a href="https://www.letemps.ch/suisse/rts-darius-rochebin-loi-silence" target="_blank" rel="noopener">sexueller Belästigung bei RTS</a> und RSI steht die SRG-Führung massiv unter Druck. 230 Zeugenaussagen sind bei RTS in der Westschweiz über die speziell eingerichtete Hotline eingegangen, drei externe Untersuchungen laufen. Bei RSI im Tessin gab es 40 Zeugenaussagen, es läuft ebenfalls eine externe Untersuchung.<br />
&#8212;<br />
							<h3 style="margin-bottom:20px;display:block;width:100%;margin-top:10px">Die Situation bei RTS und RSI </h3>
						<style>
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									Untersuchungsergebnisse erst ab April								</span>
							</a>
						  </h4>
						</div>
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						  <div class="wpsm_panel-body">
							<p>Noch laufen die drei externen Untersuchungen, welche die SRG Anfang November bei der RTS in Auftrag gegeben hat: Eine zu den Vorwürfen <a href="https://medienwoche.ch/2020/11/12/rts-enthuellungen-irgendwann-musste-es-raus/">sexueller Belästigung</a> gegen das ehemalige RTS-Aushängeschild Darius Rochebin und zwei weitere RTS-Kadermitarbeiter, eine zur Verantwortungskette bei der RTS-Direktion und eine zu den Instrumenten zum Melden von Vorfällen.</p>

<p>Die Publikation der Resultate, ursprünglich für Mitte Februar angekündigt, verzögert sich jedoch. «Wir haben rund 230 Zeugenaussagen erhalten, viel mehr als erwartet, deshalb folgen die Ergebnisse erst im April», sagt Valérie Perrin der SSM Romandie. Die Anwälte, welche die Untersuchung durchführen, hätten um mehr Zeit gebeten. RTS-Chefredaktor Bernard Rappaz lässt sein Amt für die Dauer dieser Untersuchung ruhen. Auch der ehemalige RTS-Moderator Darius Rochebin muss <a href="https://www.24heures.ch/leventuel-retour-de-darius-rochebin-a-lantenne-repousse-341731478685" rel="noopener" target="_blank">warten</a>: Bei seinem neuen Sender LCI in Frankreich arbeite er zwar wieder, sei jedoch noch nicht am Bildschirm zu sehen – man wolle auf die Ergebnisse der RTS-Untersuchungen warten, liess die Gruppe TF1 verlauten. Rochebin hatte im Dezember eine Klage gegen die Zeitung «Le Temps» eingereicht, welche die Vorwürfe gegen den früheren RTS-Starmoderator veröffentlicht hatte.</p>

<p>Mit 40 Hinweisen auf sexuelle Übergriffe gingen auch bei RSI mehr Meldungen ein als erwartet. In einem Interview mit «Le Temps» erhob zudem die Präsidentin der Tessiner Sektion der Gewerkschaft SSM, Maria Chiara Fornari, schwere Vorwürfe gegen die RSI-Leitung und das Betriebsklima beim italienischsprachigen Radio und Fernsehen. Sexistische Witze seien an der Tagesordnung. Dem RSI-Direktor Maurizio Canetta wurde inzwischen das Dossier zu den sexuellen Belästigungen <a href="https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/srg-unangebrachte-tweets-dem-chef-des-tessiner-fernsehens-wird-das-dossier-zu-sexuellen-belaestigungen-entzogen-ld.2093645" rel="noopener" target="_blank">entzogen</a>. Grund sind zwei Tweets mit expliziten sexuellen Äusserungen. SRG-Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina und SRG-Generaldirektor Gilles Marchand taxierten sie als «inopportun». Bereits letztes Jahr hatte Canetta seinen Rücktritt angekündigt, er geht Ende März 2021 in Pension. Auf ihn folgt Mario Timbal. Die Ergebnisse der externen Untersuchung bei RSI werden noch vor dem Sommer erwartet.</p>						  </div>
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					<!-- Inner panel End -->
					
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&#8212;<br />
Bei SRF in der Deutschschweiz hört man allerdings von keinen solchen Fällen. Auch wurde keine Melde-Hotline eingerichtet. Doch Probleme gibt es auch bei SRF. «Mir sind insbesondere Fälle übergriffigen Verhaltens gegenüber Praktikantinnen bekannt», sagt eine ehemalige Mitarbeiterin. Davon hätten die Vorgesetzten gewusst, doch es sei geduldet worden. Auch müssten sich viele Frauen unangebrachte Sprüche anhören. Namentlich will jedoch auch sie nicht zitiert werden. Das Thema ist heikel, das hat auch der Enthüllungsartikel von «Le Temps» von letztem Oktober gezeigt, bei welchem alle Zeuginnen und Zeugen ebenfalls anonym bleiben wollten.</p>
<p>Die RTS-Mitarbeiterinnen, die den Instagram-Account <a href="https://www.instagram.com/swissmediatoo/" target="_blank" rel="noopener">SwissMediaToo</a> betreiben, kennen dieses Problem: «Viele Frauen fürchten um ihre berufliche Zukunft oder schämen sich für das, was passiert ist.» SwissMediaToo veröffentlicht regelmässig Aussagen von Medienschaffenden, die Übergriffe beschreiben. Auch wenn die Zeugenaussagen vor allem aus der Romandie stammen, so hatte es darunter auch schon Fälle aus der Deutschschweiz – auch von SRF.</p>
<p>Die Fälle scheinen nur den Standort Zürich zu betreffen. Die von der MEDIENWOCHE befragten SRF-Angestellten im Studio Bern haben keine Kenntnis von Fällen sexueller Belästigung bei ihnen. «Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir viele Frauen in der Chefetage haben», mutmasst eine langjährige Mitarbeiterin. Ein Ranking des Magazins «Schweizer Journalist:in» zeigt, dass Radio SRF zu den Medien gehört, die über die meisten Frauen in Führungsjobs verfügen. SRF 4 News, SRF 2 Kultur und Radio SRF 1 sind gar 100 Prozent weiblich geleitet. Dass beim Fernsehen Führungspositionen vornehmlich von Männern besetzt sind, könnte den Unterschied in der Unternehmenskultur erklären. Bei SRF geht man, anders als bei RTS und RSI, von keinem strukturellen Problem aus. Personalleiter Gerhard Bayard erklärt auf Anfrage:</p>
<blockquote><p>«Wie in jedem Unternehmen dieser Grösse gibt es leider Einzelfälle, die nicht geduldet werden.»</p></blockquote>
<p>Jeden Fall von sexueller Belästigung, Mobbing oder Diskriminierung behandle SRF nach einem klar festgelegten Ablauf, betont Bayard. Nach dem Bekanntwerden der Fälle bei RTS habe die Geschäftsleitung von SRF alle Mitarbeitenden per E-Mail aufgerufen, die internen Ansprechpersonen über entsprechende Vorkommnisse zu informieren. Es seien nur fünf Fälle gemeldet worden, die alle überprüft worden seien, zudem sei mit der Gewerkschaft SSM und der Frauenorganisation Femmes SRF abgeklärt worden, ob es eine Häufung solcher Fälle gebe. Solche Hinweise habe es nicht gegeben, weshalb keine spezielle Hotline wie bei RTS und RSI eingerichtet wurde.</p>
<p>Dennoch laufe auch bei SRF eine Untersuchung, wie Bayard sagt: «Einerseits hat die interne Revision der SRG – mit Unterstützung von externen Expertinnen – abgeklärt, ob die Instrumente zum Schutz der persönlichen Integrität der Mitarbeitenden funktionieren, ob sie bekannt sind und genutzt werden. Andererseits hat eine externe Stelle eine Überprüfung der dokumentierten Fälle aus der Vergangenheit durchgeführt und dabei abgeklärt, ob die vorhandenen Massnahmen richtig umgesetzt wurden.» Die Ergebnisse beider Untersuchungen stehen noch aus. Bei Vorfällen könnten sich SRF-Mitarbeitende an die Vorgesetzten, die HR-Beratung, die Whistleblower-Plattform oder an eine bestehende externe Stelle wenden, sagt Bayard. Dies reiche jedoch nicht, sagt Elena Obreschkow von der Gewerkschaft SSM:</p>
<blockquote><p>«Es gibt zwar interne und externe Anlaufstellen, aber die funktionieren nicht genügend gut.»</p></blockquote>
<p>Das SSM sei diesbezüglich mit SRF in Kontakt. Zurzeit sei man allerdings vor allem mit der Restrukturierung im Rahmen des Reformprojekts SRF 2024 und dem Personalabbau beschäftigt. Eine SRF-Journalistin vom Studio Bern sagt: «Das ist ohnehin zurzeit das Hauptthema bei uns, die Stimmung ist sehr schlecht.» Kritischen Angestellten sei klar gemacht worden, dass sie besser schweigen sollten. «Vielleicht wagt auch deshalb niemand, über Probleme wie Sexismus zu sprechen?»</p>
<p>Von Seiten des SSM werde man aber auch das Thema sexuelle Belästigung und Diskriminierung weiterverfolgen. «Uns ist aufgefallen, dass Mobbing und Diskriminierung ein viel grösseres Problem zu sein scheint als sexuelle Belästigung», sagt Obreschkow. Wobei die Grenzen zwischen Sexismus, Diskriminierung und Mobbing oft fliessend sind. Die Aussage von Obreschkow bestätigen auch befragte SRF-Mitarbeiterinnen in Bern und Zürich. «Frauen haben es schwerer, sich durchzusetzen und neue Projekte anzustossen», sagt eine langjährige SRF-Mitarbeiterin. «Man muss als Frau viel mehr leisten im Vergleich zu jungen Männern in gleicher Position», sagt etwa eine junge Journalistin. Andere fühlen sich benachteiligt, in vielen Redaktionen seien immer noch vorwiegend Männer in Chefpositionen, Frauen würden kaum gefördert.</p>
<p>Gut möglich also, dass durch die laufende Untersuchung bei SRF auch noch strukturelle Probleme ans Licht kommen. Die Chefetage weiss, dass das Arbeitsklima nicht zufriedenstellend ist und Handlungsbedarf besteht. Das zeigt auch die <a href="https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/nach-belastigungsfallen-bei-rts-jetzt-reagiert-srf-chefin-wappler-und-kundigt-mitarbeiter-umfrage-an-ld.1278645" target="_blank" rel="noopener">interne E-Mail</a> der SRF-Direktorin Nathalie Wappler von letztem November, in welcher sie verlauten liess, dass man die Themen Mitarbeitendenschutz und Vertrauenskultur weiterentwickeln werde und ein Berichtssystem etablieren wolle. Dennoch loben einige Journalistinnen die neu geschaffenen Initiativen, die Frauen fördern sollen, wie die 50:50-Initiative, «idée femme» oder ein Diversity-Board, das sich um Vielfalt kümmern soll. Die Situation sei, sagt eine weitere SRF-Journalistin, immerhin schon viel besser als noch vor 15 Jahren.<br />
&#8212;<br />
							<h3 style="margin-bottom:20px;display:block;width:100%;margin-top:10px">Tamedia-Journalistinnen protestieren gegen Diskriminierung </h3>
						<style>
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									«Konkrete Vorschläge» bis 1. Mai gefordert								</span>
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						  </h4>
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							<p>Eigentlich hätten die 78 Redaktorinnen der Tamedia-Zeitungen ihr <a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/03/Brief.pdf" rel="noopener" target="_blank">Protestschreiben</a> anlässlich des Frauentags vom 8. März 2021 ihren Vorgesetzten überreichen wollen. Als die Tamedia-Leitung am letzten Freitag per Mail über Massnahmen zur Frauenförderung informierte, änderten die Journalistinnen kurzfristig ihren Plan und verschickten das Schreiben früher als geplant; aus Gründen. «Seit Jahren – und auch im aktuellen Mail wieder – gelobt Tamedia, den Frauenanteil zu verbessern – Stichwort ‹Diversity›. Wir erwarten, dass dieser eigene Anspruch endlich erfüllt wird», lautet eine der Forderungen des Briefs.</p>

<p>In dem zwölfseitigen Dokument listen die Journalistinnen «Erlebnisse aus den Tamedia-Redaktionen» auf, die eine von «Männern geprägte Betriebskultur» illustrieren. Das geht von Beleidigungen und unangebrachten, sexistischen Bemerkungen über den allgemeinen Umgangston bis zu professioneller Geringschätzung, fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten und unerklärbarer Ungleichheit beim Lohn.</p>

<p>Anlass für das Protestschreiben sind Kündigungen mehrerer Redaktorinnen, die die Tamedia-Redaktionen verlassen haben «aus Resignation und darüber, dass sich die Situation für die Frauen auf den Tamedia-Redaktionen trotz anderslautender Statements nicht verbessert.»</p>

<p>Rund hundert Redaktoren unterstützten die Forderungen ihrer Kolleginnen mit einem <a href="https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/nach-vorwuerfen-neuer-protestbrief-tamedia-maenner-solidarisieren-sich-mit-journalistinnen-ld.2112366" rel="noopener" target="_blank">Solidaritätsschreiben</a>. Sie sehen es als «dringlich, dass die Geschäftsleitung die Forderungen unserer Kolleginnen ernst nimmt und entsprechend handelt».</p>

<p>In einer ersten öffentlichen Reaktion auf den Brief teilte Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser dem Portal persoenlich.com mit: «Verschiedene der erwähnten Beispiele sind nicht akzeptabel. Jegliche Art von Belästigung und Diskriminierung wird bei uns nicht toleriert.»</p>

<p>Als Reaktion auf den zum Internationalen Frauentag vom 8. März 2021 formulierten Brief erwarten die Autorinnen bis zum Tag der Arbeit am 1. Mai «konkrete Vorschläge zur Umsetzung unserer Forderungen und eurer ‹verbindlichen Ziele›».</p>
<small><em>Nick Lüthi</em></small>						  </div>
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</script>	</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/03/09/bei-srf-ist-mobbing-ein-problem-nicht-sexuelle-belaestigung/">Bei SRF ist Mobbing ein Problem, nicht sexuelle Belästigung</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://medienwoche.ch/2021/03/09/bei-srf-ist-mobbing-ein-problem-nicht-sexuelle-belaestigung/feed/</wfw:commentRss>
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			</item>
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		<title>«Heidi.news»: Nach starkem Start vor ungewisser Zukunft</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/01/12/heidi-news-vor-einer-unbekannten-zukunft-zusammen-mit-le-temps/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Jan 2021 13:29:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Le Temps]]></category>
		<category><![CDATA[Westschweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Heidi.news]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit den «Tamedia Papers» machte «Heidi.news» Ende 2020 in der Deutschschweiz von sich reden; nicht zum ersten Mal. Nun spannt das junge Online-Magazin aus Genf mit der Tageszeitung «Le Temps» zusammen. Eine finanzkräftige Stiftung hat die beiden Medien gekauft. Es ist die umfassendste Recherche zur Geschichte des grössten Schweizer Medienhauses, die in den letzten Jahren <a href="https://medienwoche.ch/2021/01/12/heidi-news-vor-einer-unbekannten-zukunft-zusammen-mit-le-temps/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/01/12/heidi-news-vor-einer-unbekannten-zukunft-zusammen-mit-le-temps/">«Heidi.news»: Nach starkem Start vor ungewisser Zukunft</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Mit den «Tamedia Papers» machte «Heidi.news» Ende 2020 in der Deutschschweiz von sich reden; nicht zum ersten Mal. Nun spannt das junge Online-Magazin aus Genf mit der Tageszeitung «Le Temps» zusammen. Eine finanzkräftige Stiftung hat die beiden Medien gekauft.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-84862" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Heidi-News-Le-Temps-20210112.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Heidi-News-Le-Temps-20210112.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Heidi-News-Le-Temps-20210112-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Heidi-News-Le-Temps-20210112-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Heidi-News-Le-Temps-20210112-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Heidi-News-Le-Temps-20210112-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Es ist die umfassendste Recherche zur Geschichte des grössten Schweizer Medienhauses, die in den letzten Jahren publiziert wurde: Mit den <a href="https://medienwoche.ch/2020/12/22/tamedia-papers/">«Tamedia Papers»</a> hat das unabhängige Westschweizer Online-Portal «Heidi.news» eine 12-teilige Serie über Einfluss, Macht und Geld des Zürcher Medienkonzerns Tamedia (heute TX Group) auf die Schweizer Medienlandschaft veröffentlicht. Daran mitgearbeitet hat auch das Online-Magazin «Republik», das die Serie auf Deutsch publiziert hat.<br />
</p>
<p>Viel Neues erfahren Branchenkenner in dem Bericht allerdings nicht. Viel eher trägt er ausführlich bereits vorhandenen Fakten zusammen und reichert sie durch zahlreiche Gespräche mit ehemaligen Mitarbeitenden und Brancheninsidern an. Dennoch ist es das erste Mal, dass ein Medium so offensiv ein ganzes Medienhaus an den Pranger stellt. Ausgerechnet die Westschweiz wehrt sich gegen die Zürcher Dominanz – aus gutem Grund: In der Romandie gehören 70 Prozent der grossen Nachrichtenmedien Tamedia; in der Deutschschweiz sind es 40 Prozent.</p>
<p>Eine Folge der «Tamedia Papers» sorgte für besondere Furore: Unter den angeblichen Opfern der erdrückenden Tamedia-Dampfwalze wird auch der Geschäftsmann und Milliardär Frederik Paulsen erwähnt, der sich gerichtlich gegen Artikel der Tamedia-Titel zur Wehr setzte. Der gleiche Paulsen überwies «Heidi.news» eine Spende von 250&#8217;000 Franken. «Heidi.news» wurde <a href="http://www.kleinreport.ch/news/republik-nach-artikel-uber-tamedia-bedrangnis-96096/" target="_blank" rel="noopener">Parteilichkeit vorgeworfen</a>. Die Spende ist im Artikel jedoch transparent erwähnt, das stellt auch «Heidi»-Mitbegründer Serge Michel in seiner <a href="http://www.kleinreport.ch/news/serge-michel-ich-habe-mich-vollkommen-neutral-verhalten-96134/" target="_blank" rel="noopener">Replik im «Klein Report»</a> klar. Den Vorwurf der Befangenheit weist er dezidiert zurück.</p>
<blockquote><p>Für eine achtteilige Serie zu Corona-Verschwörungstheorien musste «Heidi.news» viel Kritik einstecken.</p></blockquote>
<p>Es ist nicht die erste Recherche, mit der das erst <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/10/wir-sehen-uns-eigentlich-konkurrenzlos-unser-konzept-gibt-es-so-noch-nicht/">im Mai 2019 lancierte Online-Portal</a> «Heidi.news» von sich reden macht. Für eine <a href="https://www.heidi.news/explorations/au-coeur-de-la-complosphere" target="_blank" rel="noopener">achtteilige Serie zu Corona-Verschwörungstheorien</a> musste «Heidi.news» viel Kritik einstecken – jedoch weniger zu deren Inhalt als viel mehr zur Machart: Der Journalist Sami Zaïbi unterwanderte während zwei Monaten eine Gruppierung aus sogenannten Verschwörungstheoretikern, die gegen die SwissCovid-App mobil machte und Demonstrationen gegen die Corona-Massnahmen des Bundes organisierte. Während einige Stimmen die Recherche lobten, kritisierten andere unlautere Undercover-Methode.</p>
<p>Doch das war nicht alles: Zahlreiche Hassnachrichten und Bedrohungen erreichten «Heidi.news» und den Autor der Serie. Selbst «Reporter ohne Grenzen» äusserte Sorge über die <a href="https://rsf-ch.ch/de/nicht-tolerierbare-rassistische-kommentare-gegen-einen-journalisten-von-heidi-newspropos-racistes-intolerables-tenus-contre-un-journaliste-de-heidi-news/" target="_blank" rel="noopener">«nicht tolerierbaren rassistischen Kommentare»</a>. Möglich, dass die Artikelserie ein Nachspiel haben wird: Eine im Bericht prominent vorgestellte Lehrerin reichte eine Beschwerde beim Schweizer Presserat ein. Das tat ebenso der Walliser SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor, auch er ein Kämpfer gegen die SwissCovid-App. Noch ist offen, ob der Presserat auf die Beschwerden eingehen wird.</p>
<p>Gerade in Journalistenkreisen hat «Heidi.news» somit immerhin rasch an Bekanntheit gewonnen – vielleicht auch, weil in den letzten Jahren kaum von neuen Medienprojekten in der Romandie zu lesen war. Ein Projekt wie «Bon pour la tête», das nach der Einstellung von L&#8217;Hebdo gegründet, hat es nicht geschafft, grössere Aufmerksamkeit zu erlangen oder sich breit zu etablieren.</p>
<p>Anders bei «Heidi.news»: Innert 20 Monaten hat das Online-Magazin über 6’000 Abonnements verkauft, das Break-even-Ziel liegt bei 15&#8217;000 Abonnements bis Ende 2023. Zum Vergleich: Die «Republik» – ebenfalls als unabhängiges Start-up gegründetes Online-Bezahlmedium ohne Werbung – hatte nach zwei Geschäftsjahren 18&#8217;000 Mitgliedschaften und Abonnements erreicht und den Break-even von 25&#8217;000 Mitgliedern und Abos im Juni 2020 überschritten – im bedeutend grösseren Deutschschweizer Markt. «Heidi.news» schneidet also nicht schlecht ab.</p>
<blockquote><p>Insbesondere bei der Berichterstattung zur Gesundheit kann «Heidi.news» mit spezialisierten Journalistinnen und Journalisten punkten.</p></blockquote>
<p>Neben langen Recherchen überzeugt «Heidi.news» vor allem mit innovativen (kostenlosen) Newslettern aus verschiedenen Teilen der Welt sowie der Berichterstattung in ihren Schwerpunktbereichen. Anders als Tagesmedien setzt «Heidi.news» nämlich nicht auf die üblichen Ressorts, sondern hat sich auf eine Anzahl thematische Feeds («les flux») spezialisiert, zurzeit zu Gesundheit, Wissenschaft, Klima, Wirtschaft, Innovation, Kultur und Bildung.</p>
<p>Insbesondere bei der Berichterstattung zur Gesundheit, die von vielen Medien lange vernachlässigt wurde, nun aber wegen Covid-19 neuen Aufwind erhalten hat, kann «Heidi.news» mit spezialisierten Journalistinnen und Journalisten punkten. Ein pensionierter Epidemiologe sagt gegenüber der MEDIENWOCHE, «Heidi.news» liefere in der Westschweiz als einziges Medium seriöse, verifizierte Informationen zum Coronavirus – für ihn ausschlaggebend für sein Abonnement.</p>
<p>Dennoch: Während sich «Heidi.news» langsam bei einer an Qualitätsjournalismus interessierten Leserschaft mit hohem Bildungsgrad einen Namen macht, ist das Magazin bei der breiten Bevölkerung noch längst nicht angekommen. Wohl auch aus dem Grund, dass «Heidi.news» keinen News- und Tagesjournalismus bietet und stärker das grosse Ganze als kleine Lokalthemen anschaut. Trotz des Erfolgs bleibt «Heidi.news» (noch) ein Nischenprodukt. Die Zusammenarbeit mit «Le Temps» könnte das ändern.</p>
<blockquote><p>Es stellt sich die Frage, wie es mit «Heidi.news» weitergehen soll, wird doch die Redaktion mit jener von «Le Temps» zusammengelegt.</p></blockquote>
<p>Letzten November wurde bekannt, dass die <a href="https://aventinusfondation.ch/" target="_blank" rel="noopener">Stiftung Aventinus</a> <a href="https://www.persoenlich.com/medien/stiftung-aventinus-ubernimmt-le-temps" target="_blank" rel="noopener">sowohl die Westschweizer Tageszeitung «Le Temps»</a> <a href="https://www.persoenlich.com/medien/die-stiftung-aventinus-ubernimmt-auch-heidi-news" target="_blank" rel="noopener">als auch das Online-Portal «Heidi.news»</a> kaufen wird. Finanziell bringt dies somit vorerst etwas Entspannung. Dennoch stellt sich die Frage, wie es mit «Heidi.news» weitergehen soll, werden doch die beiden Redaktionen zusammengelegt. Für das kleine Online-Portal bedeutet dies ein grösseres Risiko als für «Le Temps» – das achtzigköpfige Redaktionsteam der etablierten Tageszeitung wird kaum das Dutzend Medienschaffende von «Heidi.news» verdrängen.</p>
<p>Die Herausforderung für «Heidi.news» wird darin bestehen, eine komplementäre Funktion zu «Le Temps» zu finden. Denn die Zielgruppen sind ähnlich, im Moment sind die beiden Medien eher Konkurrenten, und «Le Temps» kann auf eine bereits vorhandene treue Leserschaft zählen. Möglich wäre eine noch stärkere Spezialisierung von «Heidi.news», etwa im Bereich der Gesundheit.</p>
<p>Wie genau die inhaltliche Ausrichtung der beiden Medien in Zukunft aussehen soll, dazu will sich noch niemand äussern. Sowohl die neue Chefredaktorin von «Le Temps», Madeleine von Holzen, als auch der Redaktionsleiter von «Heidi.news», Serge Michel (der Teil der erweiterten sechsköpfigen stellvertretenden Chefredaktion der beiden Titel wird), sagen, man warte den effektiven Kauf durch die Stiftung Aventinus ab – der voraussichtlich nicht vor April stattfindet. Die Identität der beiden Titel solle aber fortbestehen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/01/12/heidi-news-vor-einer-unbekannten-zukunft-zusammen-mit-le-temps/">«Heidi.news»: Nach starkem Start vor ungewisser Zukunft</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>RTS-Enthüllungen: Irgendwann musste es raus</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/11/12/rts-enthuellungen-irgendwann-musste-es-raus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Nov 2020 16:46:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Darius Rochebin]]></category>
		<category><![CDATA[#MeToo]]></category>
		<category><![CDATA[RTS]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Fälle von sexueller Belästigung beim Westschweizer Fernsehen RTS waren in der Medienbranche schon lange bekannt. Warum wird erst jetzt darüber berichtet? Und: Geht «Le Temps» zu weit mit dem unfreiwilligen Outing von Darius Rochebin? Überrascht von den Fällen von Mobbing, Sexismus und sexueller Übergriffe bei Radio Télévision Suisse RTS war eigentlich nur das Publikum <a href="https://medienwoche.ch/2020/11/12/rts-enthuellungen-irgendwann-musste-es-raus/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/11/12/rts-enthuellungen-irgendwann-musste-es-raus/">RTS-Enthüllungen: Irgendwann musste es raus</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Fälle von sexueller Belästigung beim Westschweizer Fernsehen RTS waren in der Medienbranche schon lange bekannt. Warum wird erst jetzt darüber berichtet? Und: Geht «Le Temps» zu weit mit dem unfreiwilligen Outing von Darius Rochebin?</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-83328" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/11/MW-Rochebin-Sexuelle-Belaestitung-20201112b.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/11/MW-Rochebin-Sexuelle-Belaestitung-20201112b.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/11/MW-Rochebin-Sexuelle-Belaestitung-20201112b-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/11/MW-Rochebin-Sexuelle-Belaestitung-20201112b-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/11/MW-Rochebin-Sexuelle-Belaestitung-20201112b-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/11/MW-Rochebin-Sexuelle-Belaestitung-20201112b-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Überrascht von den Fällen von Mobbing, Sexismus und sexueller Übergriffe bei Radio Télévision Suisse RTS war eigentlich nur das Publikum – hinter den Kulissen wussten viele Bescheid. Seit Jahren kursierten Gerüchte über Starmoderator Darius Rochebin, aber auch über andere RTS-Kader. Und das längst nicht nur auf den Gängen des Westschweizer Fernsehens in Genf – fast die ganze Medienbranche in der Romandie schien davon gewusst zu haben. «Von den Gerüchten über Darius Rochebin wusste ich schon, als ich mit dem Journalismus überhaupt erst begann», sagt ein RTS-Journalist mit knapp zehn Jahren Berufserfahrung gegenüber der MEDIENWOCHE.<br />
							<h3 style="margin-bottom:20px;display:block;width:100%;margin-top:10px"> </h3>
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									Vorwürfe gegen RTS und Ex-Moderator								</span>
							</a>
						  </h4>
						</div>
						<div id="ac_83323_collapse1" class="wpsm_panel-collapse collapse "  >
						  <div class="wpsm_panel-body">
							<p>In einem Artikel auf fünf Seiten hat die Westschweizer Tageszeitung <a href="https://www.letemps.ch/suisse/rts-darius-rochebin-loi-silence" rel="noopener" target="_blank">«Le Temps»</a> Ende Oktober zahlreiche Fälle sexueller Belästigungen und Übergriffe durch drei RTS-Angestellte aufgedeckt, wovon sich einige vor fast zwanzig Jahren ereignet haben. Für diesen Artikel hat das Rechercheteam von «Le Temps» gemäss eigenen Angaben mehrere Monate lang recherchiert und mit rund 30 Zeugen gesprochen.</p>

<p>Nebst zwei anonymisierten Kaderleuten adressieren sich die Vorwürfe auch an den beliebten Starmoderatoren Darius Rochebin, der diesen Sommer von der RTS an den französischen Sender LCI in Paris gewechselt hat. Ihm wird zusätzlich vorgeworfen, falsche Facebook-Accounts verwendet zu haben, um als «Studentin» mit jungen Männern in Kontakt zu treten und diese zu einem späteren Zeitpunkt zu treffen. Die Verwendung der falschen Facebook-Accounts durch Rochebin wurde bereits 2017 dem RTS-Direktoren Pascal Crittin gemeldet.</p>

<p>Es blieb jedoch bei einem Hinweis auf die Social-Media-Regeln des Hauses. Zahlreiche RTS-Angestellte sowie die Gewerkschaft SSM werfen der RTS-Direktion mangelnde Verantwortung und ungenügende Instrumente zum Schutz für Opfer von sexuellen Übergriffen und Mobbing vor.</p>						  </div>
						</div>
					</div>
					<!-- Inner panel End -->
					
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</script>	<br />
Wie kommt es also, dass diese Verfehlungen und Übergriffe durch den Enthüllungsartikel von «Le Temps» ausgerechnet jetzt publik wurden? Die Chefredaktion der Westschweizer Zeitung, weist in ihrem Editorial zur Recherche darauf hin, dass in der Vergangenheit «alles Mögliche getan wurde, um inakzeptables Verhalten unter dem Deckel zu halten». Ausserdem hätten die Recherchen mehrere Monate gedauert. Eine Erklärung für den Zeitpunkt der Veröffentlichung liegt in der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre. «Das muss man im Kontext der #MeToo-Debatte und des Frauenstreiks anschauen, die zu einem gesellschaftspolitischen Wandel geführt haben. Früher wurden sexuelle Belästigungen kaum irgendwo ernst genommen», sagt Géraldine Savary, zukünftige Chefredaktorin des Westschweizer Frauenmagazins «Femina». «Dass gerade drei junge Medienschaffende darüber recherchiert haben, zeigt auch, dass dieses Thema die jüngere Generation besonders beschäftigt.»<br />
</p>
<p>Die Journalistin und ehemalige SP-Ständerätin aus dem Kanton Waadt findet die Publikation dieses Artikels auch deshalb wichtig, weil damit ein strukturelles Problem aufgezeigt werde: Die männlich dominierte Hierarchie der RTS verhindere oft – man kennt es aus anderen Unternehmen –, dass gegen Fälle sexueller Belästigung etwas unternommen werde. «Solche Männer verhalten sich wie eine Fussballmannschaft und schützen sich gegenseitig», sagt Savary. «Nur weil – oder gerade weil – die RTS Service public anbietet, darf sie aber von solcher Kritik nicht verschont bleiben.»</p>
<p>Ein naheliegender Grund für den Zeitpunkt der Publikation: Darius Rochebin hatte im Juli bekannt gegeben, die RTS zu verlassen und zum Nachrichtensender LCI nach Paris zu wechseln. Im Sommer füllten zahlreiche Porträts und Reportagen zu Rochebins Abgang die Westschweizer Medien – fast alle durchaus positiv. Die drei Journalistinnen und Journalisten von «Le Temps» sowie der Chefredaktor Stéphane Benoit-Godet wollten sich gegenüber der MEDIENWOCHE nicht äussern.</p>
<blockquote><p>Obwohl die Gerüchte schon seit Jahren zirkulierten, fehlten der RTS-Direktion angeblich die Belege.</p></blockquote>
<p>Die glorifizierende Berichterstattung über Starmoderator Rochebin soll bei einigen Opfern Wut ausgelöst haben. Nun waren sie bereit, mit den Medien zu sprechen – neben «Le Temps» recherchierten auch die beiden Genfer Tageszeitungen «Tribune de Genève» und «Le Courrier» gemeinsam zu diesem Fall und publizierten kurz nach «Le Temps» ihre Recherchen. Auch zeigten die Betroffenen die Nachrichten von den falschen Facebook-Accounts, die Darius Rochebin für die Kontaktaufnahme mit ihnen verwendet hatte, mit anzüglichen Nachrichten oder Fragen zu sexuellen Vorlieben. Denn obwohl die Gerüchte schon seit Jahren zirkulierten und der Fall der falschen Facebook-Accounts von Rochebin der RTS seit 2017 bekannt war, fehlten der RTS-Direktion angeblich die Belege.</p>
<p>Simone Rau, Reporterin beim Recherchedesk von «Tamedia», hat letztes Jahr grossflächig zu sexueller Belästigung und Sexismus in der Schweizer Medienbranche recherchiert. In einer anonymen Umfrage berichteten 244 Journalistinnen und 34 Journalisten, dass sie sexueller Belästigungen oder Übergriffen bei der Arbeit ausgesetzt waren. Simone Rau und ihr Team stellten in der Umfrage fest: Nur die wenigsten Betroffenen melden die Vorfälle. «Juristische Klagen gibt es bei sexuellen Belästigungen selten, das zeigt auch unsere Recherche. Denn oft finden sie in einer Grauzone statt. Die Opfer sind sich nicht sicher, wie gravierend ihr Fall ist.»</p>
<blockquote><p>Die Recherchen von «Le Temps» zeigen auch, dass die vorhandenen Strukturen von RTS zur Bekämpfung solcher Fälle offensichtlich versagt haben.</p></blockquote>
<p>Sexuelle Übergriffe und Belästigungen in der Medienbranche würden besonders häufig von Vorgesetzten begangen, und die belästigten Frauen und Männer seien oft junge Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, die sich häufig nicht trauten, die Fälle zu melden, sagt Rau. «Und auch wenn die Vorfälle strafrechtlich relevant wären: Es handelt sich dabei in den allermeisten Fällen um Vier-Augen-Delikte, und da stellt sich immer auch die Frage nach der Beweisbarkeit», so Rau. Genau darin liegt das Problem: Fehlen Beweise, wird die Schuld an solchen Fällen häufig den Betroffenen überwiesen – sie hätten auf rechtlichem Weg reagieren sollen. Dabei sollte es erst gar nicht so weit kommen müssen. Dass die vorhandenen Strukturen von RTS zur Bekämpfung solcher Fälle offensichtlich versagt haben, zeigt der Artikel von «Le Temps».</p>
<p>In der Tat handelte es sich auch im Fall von RTS mehrheitlich um junge Journalistinnen und Journalisten oder um Studierende, die in den Journalismus einsteigen wollten, die von Belästigungen und Übergriffen berichten. «Gerade in diesen Konstellationen melden die wenigsten Belästigten die Vorfälle – was soll man schon gegen den Chef ausrichten? Im Falle von RTS: Gegen einen Star?», sagt Rau.</p>
<blockquote><p>Die Namensnennung im Fall von Darius Rochebin stösst auf Kritik. Gar von «medialem Meuchelmord» ist die Rede.</p></blockquote>
<p>Dennoch gibt es auch Kritik am Enthüllungsartikel von <a href="https://www.letemps.ch/suisse/rts-darius-rochebin-loi-silence" target="_blank" rel="noopener">«Le Temps»</a> – wenn auch hauptsächlich von älteren Männern, sei dies auf Social Media oder etwa im Artikel von Peter Rothenbühler in der <a href="https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2020-45/diese-woche/fertigmacher-journalismus-die-weltwoche-ausgabe-45-2020.html" target="_blank" rel="noopener">«Weltwoche»</a>. Insbesondere die Namensnennung im Fall von Darius Rochebin, dem bekanntesten und beliebtesten Journalisten der Romandie, stösst auf Kritik. Gar von «medialem Meuchelmord» ist die Rede. Doch bei Darius Rochebin handle es sich ganz klar um eine Person des öffentlichen Interesses, sagt die ehemalige Politikerin Géraldine Savary: «Rochebin war sich seiner Rolle sehr bewusst. Er stellte sein Privatleben zur Schau und liess sich beispielsweise mit seiner Frau und seinen Kindern fotografieren.»</p>
<p>Auch der Jurist und Journalist Dominique Strebel, der an der Journalistenschule MAZ in Luzern Medienethik unterrichtet, sieht die Namensnennung gerechtfertigt. Dass es sich um eine Person des öffentlichen Interesses handle, reiche als Argument allein allerdings noch nicht: «Die entscheidende Frage ist, ob am Eingriff in sein Privatleben ein berechtigtes öffentliches Interesse in Zusammenhang mit seiner Funktion besteht. Das ist nur gegeben, wenn der Vorwurf einen Zusammenhang mit dem Grund hat, weshalb die Person eine öffentliche Person ist», sagt Strebel. Bei Rochebin sei dies gegeben: «Der begründete Verdacht beruht offenbar auf einer Ausnutzung seiner Machtposition, seiner mangelnden Integrität und Haltung, sowie der Verwendung einer falschen Identität auf Facebook, was den journalistischen Standards widerspricht, für die er eine Vorbildfunktion innehatte. Dieser Zusammenhang begründet das öffentliche Interesse, das gegenüber dem Eingriff in die Privatsphäre überwiegt», sagt Strebel.</p>
<blockquote><p>«Vielleicht hätte es gereicht, von den betroffenen Personen ohne Nennung des Geschlechts zu sprechen.»<br />
<small>Géraldine Savary, designierte Chefredaktorin «Femina»</small></p></blockquote>
<p>Etwas komplizierter sei die Frage, ob das unfreiwillige Outing des verheirateten Vaters zweier Töchter gerechtfertigt war. Seine mutmassliche Bi- oder Homosexualität war bis anhin öffentlich nicht bekannt. Dieses unfreiwillige Outing wird von einigen Medienbeobachtern stark kritisiert. Dominique Strebel sieht das öffentliche Interesse nur dann als gegeben, sollte der Verweis auf seine sexuelle Orientierung im Artikel eine sachlich wichtige Information darstellen, etwa, wenn der Artikel aufzeigen wolle, dass von sexueller Belästigung nicht nur Frauen, sondern auch Männer betroffen sind. Ist dieser Verweis jedoch kein sachlich wichtiges Element und wird eher beiläufig erwähnt, sei die Publikation dieser Information unverhältnismässig, so Strebel. Im Artikel von «Le Temps» war dies nicht der Fall. Géraldine Savary sagt dazu: «Vielleicht hätte es gereicht, von den betroffenen Personen ohne Nennung des Geschlechts zu sprechen.»</p>
<p>Auch bei «Le Temps» war man sich längst nicht einig gewesen über die Offenlegung dieser Recherche, anscheinend sprachen sich einige Redaktionsmitglieder gegen die Publikation aus. Fest steht, dass der Artikel einiges ins Rollen gebracht hat: Die zwei im Artikel anonym erwähnten Kaderleute hat die RTS mittlerweile suspendiert, eine externe Untersuchung wurde eingeleitet. Auch sei eine Hotline eröffnet worden, wo Fälle von sexueller Belästigung gemeldet werden können – auch solche, die schon länger zurückliegen. «Anscheinend ist der Ansturm enorm, es soll bis zu drei Wochen Wartezeit geben, bis man einen Termin erhält», sagt ein RTS-Journalist gegenüber der MEDIENWOCHE.</p>
<p>Und der Starmoderator? Beim französischen Sender LCI wurde Darius Rochebin vorübergehend suspendiert, er sei zurzeit bei seiner Familie in der Schweiz – ob er zu einem späteren Zeitpunkt zu LCI zurückkehren wird, ist noch unklar. Die französische Politik-Journalistin Elizabeth Martichoux springt für ihn ein, damit Rochebin sich um die Angelegenheit kümmern kann, denn er hat angekündigt, Anzeige gegen «Le Temps» zu erstatten. Zu den Vorwürfen liess Rochebin über seinen Genfer Anwalt ausrichten: «Ich habe nie eine nicht einvernehmliche oder unrechtmässige Beziehung gehabt.» Ob dem Moderator juristisch etwas vorgeworfen werden kann, ist unklar. Es gilt die Unschuldsvermutung.</p>
<p><small>Bild: iStockphoto/Montage: Marco Leisi</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/11/12/rts-enthuellungen-irgendwann-musste-es-raus/">RTS-Enthüllungen: Irgendwann musste es raus</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Ein Zeichen, dass man die Westschweiz nicht vergessen hat»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/10/08/ein-zeichen-dass-man-die-westschweiz-nicht-vergessen-hat/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 08 Oct 2020 20:05:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Blick]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nur sechs Monate, nachdem «Watson» seine Expansion in die Westschweiz angekündigt hat, zieht es auch den «Blick» westwärts. Die beiden Deutschschweizer Medien wollen das Monopol von «20 Minutes» angreifen. In der Romandie heisst man die Neuankömmlinge willkommen. Doch ebenso rechnet man mit einem Verdrängungskampf. Im April haben die AZ Medien von Verleger Peter Wanner angekündigt, <a href="https://medienwoche.ch/2020/10/08/ein-zeichen-dass-man-die-westschweiz-nicht-vergessen-hat/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/10/08/ein-zeichen-dass-man-die-westschweiz-nicht-vergessen-hat/">«Ein Zeichen, dass man die Westschweiz nicht vergessen hat»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nur sechs Monate, nachdem «Watson» seine Expansion in die Westschweiz angekündigt hat, zieht es auch den «Blick» westwärts. Die beiden Deutschschweizer Medien wollen das Monopol von «20 Minutes» angreifen. In der Romandie heisst man die Neuankömmlinge willkommen. Doch ebenso rechnet man mit einem Verdrängungskampf.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-82072" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/10/MW-Blick-Westschweiz-20201008b.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/10/MW-Blick-Westschweiz-20201008b.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/10/MW-Blick-Westschweiz-20201008b-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/10/MW-Blick-Westschweiz-20201008b-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/10/MW-Blick-Westschweiz-20201008b-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/10/MW-Blick-Westschweiz-20201008b-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Im April haben die AZ Medien von Verleger Peter Wanner angekündigt, mit dem News- und Unterhaltungsportal <a href="https://www.watson.ch/schweiz/in%20eigener%20sache/698726047-watson-will-newsportal-fuer-die-romandie-starten" target="_blank" rel="noopener">«Watson»</a> in die Westschweiz zu expandieren. Ein halbes Jahr später zieht Ringier nach: Ebenfalls 2021 soll es ein Westschweizer Pendant zu <a href="https://www.ringier.ch/de/press-releases/blick-expandiert-die-westschweiz" target="_blank" rel="noopener">«Blick.ch»</a> geben. Einen gedruckten «Blick» wird es, zumindest vorerst, nicht geben. Beide Redaktionen werden sich in Lausanne niederlassen.</p>
<p>«Das sind sehr gute Nachrichten», sagt Peter Rothenbühler, ehemaliger Chefredaktor von «Le Martin», «Sonntagsblick» sowie «Schweizer Illustrierte» und Kenner der Medienbranche beidseits des Röstigrabens. «Lange gab es in der Westschweiz nur Hiobsbotschaften.»<br />
<br />
In der Tat ist es in der Westschweizer Medienlandschaft kahl geworden: Die Einstellung von <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/25/das-wunder-dauerte-immerhin-36-jahre/">«L’Hebdo»</a> und <a href="https://www.persoenlich.com/medien/printausgabe-von-le-matin-wird-eingestellt" target="_blank" rel="noopener">«Le Matin»</a>, der Abbau bei «Le Temps» und «L’illustré» prägten die Medienwelt. Einzig mit <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/10/wir-sehen-uns-eigentlich-konkurrenzlos-unser-konzept-gibt-es-so-noch-nicht/">«Heidi.news»</a> ist ein neues Online-Medium entstanden, das sich durchzusetzen scheint, allerdings keinen klassischen Tagesjournalismus betreibt. Die ebenfalls 2019 gegründete Gratiszeitung <a href="https://medienwoche.ch/tag/micro/">«Micro»</a>, die sich als Ersatz für «Le Matin» verstand, ging nach nur einem Jahr wieder ein.</p>
<blockquote><p>Dass mit «Blick» und «Watson» gleich zwei Deutschschweizer Medien in die Westschweiz drängen, scheint die Romands nicht zu stören.</p></blockquote>
<p>Mit «Blick.ch» und «Watson» wird nicht nur die Westschweizer Medienlandschaft wieder vielfältiger, es entstehen auch neue Arbeitsplätze für Journalistinnen und Journalisten. «Das ist gerade für junge Absolventen der Journalistenschulen ein wichtiges Zeichen», sagt Rothenbühler. Auch für Politik, Wirtschaft und Promis sei dies eine gute Nachricht: In der Vergangenheit hatte «Le Matin» als einziges Boulevardmedium das Sagen, wer gross herauskommt oder wer ignoriert wird – «umso mehr, weil sich ‹20 Minutes› als neutral versteht und keine Kommentare oder Meinungen publiziert», sagt Rothenbühler. Der Westschweizer Medienlandschaft könne mehr Konkurrenz nur guttun: «In einer Monopolstellung werden Redaktionen faul.»</p>
<p>Dass mit «Blick» und «Watson» gleich zwei Deutschschweizer Medien in die Westschweiz drängen, scheint die Romands nicht zu stören. Im Gegenteil: Die Reaktionen sind durchwegs positiv. «Es ist ein Zeichen, dass man die Westschweiz nicht vergessen hat», sagt Gabriel Sigrist. Der Journalist und Mitgründer der Westschweizer Medienagentur <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/LargeNetwork" target="_blank" rel="noopener">LargeNetwork</a>, begrüsst es, dass endlich wieder in die Medien investiert wird.</p>
<blockquote><p>Ziel der Expansion der beiden Medientitel ist in erster Linie, den Anzeigenkunden eine gesamtschweizerische Abdeckung anbieten zu können.</p></blockquote>
<p>«Zudem werden eigenständige Redaktionen aufgebaut mit starken Köpfen», sagt Peter Rothenbühler. Chefredaktor des Westschweizer «Blick» wird Michel Jeanneret, gegenwärtig Chefredaktor der Zeitschrift «L’illustré», die ebenfalls zum Ringier-Verlag gehört. «Watson Romandie» wird von Sandra Jean geleitet, ehemalige Chefredaktorin der Tageszeitungen «Le Matin» und «Le Nouvelliste».</p>
<p>Bereits beginnt das Personalkarussell zu drehen: «Watson» konnte schon einige Journalistinnen und Journalisten von Tamedia abwerben: Marie-Adèle Copin, aktuell noch bei «20 Minutes Friday» wird bei «Watson» Unterhaltungschefin. Christian Despont, zurzeit Leiter der gemeinsamen Sportredaktion der Westschweizer Tamedia-Titel, wechselt zu «Watson» als Sportredaktor.</p>
<blockquote><p>Dass kurz nacheinander zwei neue Angebote auf den Westschweizer Markt kommen sollen, ist kein Zufall.</p></blockquote>
<p>Ziel der Expansion der beiden Medientitel ist in erster Linie, den Anzeigenkunden eine gesamtschweizerische Abdeckung anbieten zu können. Auch sind in der Genferseeregion zahlreiche internationale Firmen angesiedelt, die ebenfalls Interesse an nationalen Plattformen für ihre Werbung haben könnten. Zurzeit kann dies von den Schweizer Nachrichtenmedien nur der «20 Minuten»-Verbund anbieten. Dieses Monopol wollen AZ Medien und Ringier nun brechen, indem sie auch in die Westschweiz expandieren.</p>
<p>«Da ‹20 Minutes› bereits einen Kundenstamm hat, könnten sie allerdings die Preise der Anzeigen runterdrücken, um so den Einstieg für die neuen Konkurrenten ‹Blick› und ‹Watson› auf dem Werbemarkt zu erschweren», sagt Sigrist. Dass kurz nacheinander zwei neue Angebote auf den Westschweizer Markt kommen sollen, sei kein Zufall, sagt Rothenbühler: «Das Projekt war beim ‹Blick› wohl schon lange im Köcher, nur wollte man zuerst abwarten, was mit ‹Le Temps› passiert.» In der Tat deuten manche Zeichen zurzeit darauf hin, dass Ringier «Le Temps» an eine Genfer Stiftung verkaufen wird. Ladina Heimgartner, die neue Chefin der «Blick»-Gruppe, bestätigt auf Anfrage der MEDIENWOCHE, dass das Projekt nicht einfach eine Reaktion auf den Schritt von «Watson» sei. «Ein solches Expansionsprojekt entsteht nicht über Nacht», teilt Heimgartner schriftlich mit.</p>
<p>Bleibt die Frage, ob es genügend Platz gibt im kleinen Westschweizer Markt. «Das glaube ich nicht, ich denke eher, dass es zu einer regelrechten Schlacht kommen wird», sagt Gabriel Sigrist. Das sieht auch Peter Rothenbühler so. Wer den Verdrängungskampf gewinnen wird, ist schwierig abzuschätzen. Schon klar scheint die Zukunft von einem der vier Player zu sein: «‹Lematin.ch› dürfte es schwer haben in dieser neuen Konstellation, weil das Angebot quasi eine Doublette von ‹20 Minutes› ist und dem gleichen Verlag gehört», sagt Sigrist.</p>
<blockquote><p>Bei «Watson» stand von Anfang an fest, dass sie mit dem gleichen Namen wie in der Deutschschweiz auch in der Romandie auftreten würden.</p></blockquote>
<p>Als etablierte Plattform kann «20 Minutes» auf eine grosse Leserschaft sowie treue Werbekunden zählen. Für «Blick.ch» spricht, dass man sich im Gegensatz zu «20 Minutes» dank pointiertem Meinungsjournalismus publizistisch profilieren kann. Auch sind der Name und die Ausrichtung in der Romandie – zumindest bei der älteren Generation – bereits bekannt. Es stellt sich die Frage, ob sich der Online-Auftritt grafisch von der Deutschschweizer Version unterscheiden wird – und, vor allem, ob der Name beibehalten wird. «Hierzu haben wir noch keine abschliessende Entscheidung gefasst», teilt Ladina Heimgartner mit. «Primär geht es uns darum, mit der Etablierung des ‹Blick›-Pendants in der Romandie eine publizistische Alternative zu den bestehenden Angeboten zu bieten und damit auch zur Medienvielfalt in der französischsprachigen Schweiz beizutragen. Welcher Name sich dafür am besten eignet, wollen wir sorgfältig abklären.»</p>
<p>Bei «Watson» stand von Anfang an fest, dass sie mit dem gleichen Namen wie in der Deutschschweiz auch in der Romandie auftreten würden. «Der englische, frische und urbane Name ist vielleicht ein Vorteil», mutmasst Gabriel Sigrist. Ebenfalls für «Watson» spreche der kreative Journalismus, den man so in der Romandie noch nicht kennt. Mögen die Spiele beginnen!</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/10/08/ein-zeichen-dass-man-die-westschweiz-nicht-vergessen-hat/">«Ein Zeichen, dass man die Westschweiz nicht vergessen hat»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Neue Medien rücken das internationale Genf ins Rampenlicht</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/01/14/neue-medien-ruecken-das-internationale-genf-ins-rampenlicht/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jan 2020 16:15:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Genf]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Gleich mehrere neue Medienprojekte wollen sich schwerpunktmässig dem internationalen Genf widmen. Finanziert werden sie massgeblich von der öffentlichen Hand und von Stiftungen. Wer steckt dahinter? Zuerst kam der «Geneva Observer». Dann folgte die SRG, und mit «Geneva Solutions» will ein drittes Medium verstärkt über das internationale Genf berichten. Genf, das ist der zweite Hauptsitz der <a href="https://medienwoche.ch/2020/01/14/neue-medien-ruecken-das-internationale-genf-ins-rampenlicht/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/01/14/neue-medien-ruecken-das-internationale-genf-ins-rampenlicht/">Neue Medien rücken das internationale Genf ins Rampenlicht</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Gleich mehrere neue Medienprojekte wollen sich schwerpunktmässig dem internationalen Genf widmen. Finanziert werden sie massgeblich von der öffentlichen Hand und von Stiftungen. Wer steckt dahinter?</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-75663" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/01/MW-Geneva-Genf-Medien_20200114b.jpeg" alt="" width="1456" height="972" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/01/MW-Geneva-Genf-Medien_20200114b.jpeg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/01/MW-Geneva-Genf-Medien_20200114b-300x200.jpeg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/01/MW-Geneva-Genf-Medien_20200114b-768x513.jpeg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/01/MW-Geneva-Genf-Medien_20200114b-1024x684.jpeg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/01/MW-Geneva-Genf-Medien_20200114b-470x315.jpeg 470w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/01/MW-Geneva-Genf-Medien_20200114b-728x485.jpeg 728w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Zuerst kam der «Geneva Observer». Dann folgte die SRG, und mit «Geneva Solutions» will ein drittes Medium verstärkt über das internationale Genf berichten. Genf, das ist der zweite Hauptsitz der UNO, das ist der Standort von 40 internationalen Organisationen, von Vertretungen von über 176 Staaten und von Hunderten von NGOs, wie auch von renommierten akademischen Institutionen. Doch warum entdecken die Schweizer Medien die Stadt Genf als Zentrum der Weltordnungspolitik erst jetzt?</p>
<p>Über die letzten Jahre hat das internationale Genf in den Medien an Bedeutung verloren, die Zahl der Korrespondenten vor Ort ist geschrumpft, 2012 trennte sich die SRG von World Radio Switzerland, das auf Englisch über das internationale Genf berichtete. Diese Entwicklung hängt womöglich – nebst Medienkrise – auch mit dem vermeintlichen Tod des Multilateralismus zusammen: Staaten scheinen vermehrt den Alleingang zu suchen, was man etwa an dem von den USA einseitig aufgekündigten Atomabkommen mit dem Iran sieht, oder am Austritt der USA aus dem UNO-Menschenrechtsrat, aber auch an Ereignissen wie Brexit oder Chinas bilateral organisierter «Belt and Road Initiative».</p>
<blockquote><p>Es ist Aufgabe der Medien, die grossen Zusammenhänge aufzuzeigen und im globalen Kontext zu verordnen. Dafür bietet das internationale Genf ideale Voraussetzungen.</p></blockquote>
<p>Gleichzeitig aber kennen viele der gegenwärtigen Herausforderungen – Klimawandel, Migration, Epidemien, Terrorismus, Digitalisierung – keine Grenzen und können nur in staatenübergreifender Form angegangen werden. Das Bewusstsein der Bevölkerung von der Notwendigkeit globaler Lösungen steigt; die weltweit organisierten Klimastreiks sind ein Beispiel für das neue Bewusstsein. An den Medien ist es nun, solche Phänomene nicht nur durch lokale Berichterstattung abzudecken, sondern die grossen Zusammenhänge aufzuzeigen und im globalen Kontext zu verordnen. Dafür bietet das internationale Genf ideale Voraussetzungen.</p>
<p></p>
<p>All diese Themen werden dort bereits seit Jahrzehnten behandelt: Mit Fragen rund um das Klima beschäftigt sich die Weltorganisation für Meteorologie WMO, mit Migration die Internationale Organisation für Migration IOM und das Hohe Flüchtlingskommissariat UNHCR. Selbst Facebook hat als Sitz für die geplante digitale Währung Libra Genf gewählt. Gleichzeitig, so sagt der Think Tank Foraus, sei die Schweizer Bevölkerung erstaunlich schlecht über das internationale Genf informiert: «Die meisten wissen knapp, dass der Sitz der UNO in Genf ist. Dann hört es aber bei den meisten schon auf», sagt Maria Isabelle Wieser, Direktorin von Foraus in der Romandie. Dem wollen neue Medienprojekte nun Abhilfe verschaffen.<br />
							<h3 style="margin-bottom:20px;display:block;width:100%;margin-top:10px"> </h3>
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									RTS will in Genf die Gemüter beruhigen								</span>
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							Auch die SRG will das internationale Genf fortan stärker in den Fokus rücken. Um «dem Publikum in der Schweiz sowie auf der ganzen Welt zu erklären, was aus Sicht von Genf die zentralen internationalen Themen sind», wie es in einem <a href="https://www.rts.ch/entreprise/espace-pro/communiques-de-presse/10914645-la-rts-lance-un-pole-media-sur-la-geneve-internationale.html" target="_blank" rel="noopener">im Dezember veröffentlichten Communiqué</a> heisst, will die SRG einen sogenannten Medienhub lancieren, um in Genf Kräfte zu bündeln. Die Westschweizer RTS und der von der SRG mitunterstützte internationale Sender «TV 5 Monde» produzieren dafür die Sendung «Objectif Monde». Swissinfo will den <a href="https://www.swissinfo.ch/eng/podcast_inside-geneva--the-value-of-the-un-human-rights-council/45270712" target="_blank" rel="noopener">englischsprachigen Podcast «Inside Geneva»</a> ausbauen. Zu den institutionellen Partnern gehören die Universität Genf und das Institut für Internationale und Strategische Beziehungen in Paris (IRIS). Ziel dieser Zusammenarbeit sei es, die Berichterstattung über das internationale Genf zu stärken und Synergien zu nutzen.

Neu an dieser Ankündigung ist – zumindest redaktionell gesehen – nicht viel: Die Sendung «Objectif Monde» gibt es bereits seit knapp einem Jahr, nun soll lediglich eine wöchentliche Version dazukommen, die in Genf produziert wird. Auch der Podcast von Swissinfo, «Inside Geneva», entstand unabhängig vom geplanten Medienhub mit der RTS. Den Podcast will Swissinfo, deren Zielpublikum an der Schweiz interessierte Ausländer sowie Auslandschweizer sind, in erster Linie in den USA verbreiten. Was neu dazukommen soll, ist ein gemeinsamer Newsletter. Allerdings fliessen für den neuen Medienhub keine zusätzlichen finanziellen Mittel, auch werden keine Medienschaffenden neu angestellt, es findet lediglich eine Umstrukturierung statt. Die Journalisten der RTS, die im Medienhub aktiv sein werden, arbeiten weiterhin für ihre jeweiligen Redaktionen. Bei Swissinfo gibt es Überlegungen, ein oder zwei Personen aus der Redaktion in Bern nach Genf überzusiedeln, um das jetzige Zweierteam vor Ort zu unterstützen.

Die Ankündigung dieses neuen Genfer Schwerpunkts sehen mehrere Branchenkenner deshalb als politischen Schachzug, als Antwort auf den angekündeten (und in Genf sehr umstrittenen) Umzug der RTS-Nachrichtenabteilung von Genf nach Lausanne. Um die Gemüter zu beruhigen, würde die RTS nun zeigen wollen, dass man immer noch in Genf präsent sei – und dass es eine Verwendung für die bald leeren Büros gebe. André Crettenand, der für die RTS das Projekt umsetzt, negiert: «Vom Umzug sind etwa 200 Personen betroffen – unser Team für das internationale Genf wird gerade mal aus fünfzehn bis zwanzig Personen bestehen. Es liegt auf der Hand, dass der Medienhub keine Antwort auf den Umzug sein kann, da dies in keinem Verhältnis zueinandersteht.» Vielmehr habe man bemerkt, dass es einen Bedarf von Seiten des Publikums gebe. «Unsere Sendung Géopolitis etwa verzeichnet einen grossen Erfolg auf Social Media. Daran wollen wir anknüpfen», so Crettenand. Interessant: Beim Projekt der sonst so auf die Brückenfunktion pochenden SRG bleiben die deutsch- und italienischsprachige Schweiz aussen vor, die geplanten Inhalte werden nur auf Französisch und Englisch publiziert.						  </div>
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Mit <a href="https://www.eda.admin.ch/missions/mission-onu-geneve/fr/home/actualite/news.html/content/missions/mission-onu-geneve/fr/meta/news/2019/nouvelle-plateforme-journalistique" target="_blank" rel="noopener">«Geneva Solutions»</a> geht ein brandneues Medium auf Englisch an den Start, das sich explizit dem internationalen Genf widmen soll. Dahinter steht das erst letztes Jahr lancierte <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/10/wir-sehen-uns-eigentlich-konkurrenzlos-unser-konzept-gibt-es-so-noch-nicht/">Online-Medium «Heidi.news»</a>. «Geneva Solutions» ist das Resultat einer im Juli publizierten gemeinsamen <a href="https://www.dfae.admin.ch/missions/mission-onu-geneve/en/home/news/news.html/content/missions/mission-onu-geneve/en/meta/news/2019/csp" target="_blank" rel="noopener">Projektausschreibung</a> des Bundes, des Kantons Genf sowie der Stadt Genf. Ziel: Eine Medienplattform, die eigene journalistische Inhalte sowie Berichte anderer Medien über das internationale Genf verbreiten, Journalisten von aussen bei ihren Recherchen unterstützen und einen Kongressort betreiben soll.</p>
<p>Diese Ausschreibung ist eine der Massnahmen der vom Bundesrat letzten Februar verabschiedeten neuen Botschaft zur <a href="https://www.dfae.admin.ch/countries/guatemala/de/home/aktuell/news.html/content/eda/de/meta/news/2019/2/20/74051" target="_blank" rel="noopener">Stärkung der Rolle der Schweiz als Gaststaat</a> für die Zeit von 2020 bis 2023. Mit einer ähnlichen Aufgabe wurde in den letzten drei Jahren der 1997 gegründete <a href="http://pressclub.ch/" target="_blank" rel="noopener">Club suisse de la presse</a> betraut.</p>
<p>Hierbei ging es allerdings nicht um die Herausgabe einer eigenen journalistischen Plattform, sondern um Unterstützung von Medienschaffenden und die Organisation von Pressekonferenzen. Ende 2017 geriet der Club suisse de la presse allerdings <a href="https://www.letemps.ch/suisse/coup-semonce-contre-club-suisse-presse" target="_blank" rel="noopener">heftig in die Kritik</a>, weil der damalige Präsident, CVP-Grossrat Guy Mettan, eine <a href="https://www.letemps.ch/monde/club-suisse-presse-tourmente-syrienne" target="_blank" rel="noopener">kontroverse Medienkonferenz</a> zu Syrien organisiert hatte. Die <a href="https://www.letemps.ch/suisse/coup-semonce-contre-club-suisse-presse" target="_blank" rel="noopener">Genfer Regierung drohte gar</a>, die kantonalen Subventionen zu streichen.</p>
<p>Inzwischen wurde der Streit beigelegt und der kantonale Unterstützungsbeitrag von 100&#8217;000 Franken für 2020 genehmigt. Wie der Club suisse de presse seine Arbeit allerdings ohne die restlichen Subventionen fortsetzen wird, ist noch unklar. Pierre Ruetschi, der im Dezember zum neuen Präsidenten ernannt wurde, evaluiert zurzeit die Möglichkeiten.</p>
<p>Diese Kontroverse Ende 2017 habe jedoch dem Bund, so hört man sagen in Genf, ganz und gar nicht gefallen, weshalb das Aussendepartement einen Weg suchte, die Subventionsgelder neu zu vergeben. Offiziell heisst es lediglich, dass die Vereinbarung des Bundes mit dem Genfer Presseclub Ende 2019 ohnehin ausgelaufen wäre und man sich für den transparenten Weg einer Projektausschreibung entschieden habe, da mehrere Medienschaffende diesbezüglich das Gespräch gesucht hatten.</p>
<blockquote><p>Während die Projekte der SRG, wie auch «Geneva Solutions», ein breites Publikum ansprechen wollen, konzentriert sich «The Geneva Observer» auf die internationale Gemeinschaft und die Fachleute.</p></blockquote>
<p>Einer, der bereits seit längerem mit dem Bund im Gespräch für eine allfällige Unterstützung war, ist der Westschweizer Journalist und ehemalige Nachrichtenchef des Westschweizer Radio- und Fernsehens RTS, Philippe Mottaz. Im Oktober hat er die Testphase seiner neuen Online-Plattform lanciert: «The Geneva Observer». Während die Projekte der SRG (siehe Kasten oben) wie auch «Geneva Solutions» ein breites Publikum ansprechen wollen, konzentriert sich «The Geneva Observer» auf die internationale Gemeinschaft und die Fachleute.</p>
<p>«Wir sind ein Branchenmagazin», sagt Mottaz. Noch sind die ersten Artikel kostenlos lesbar, er plant aber eine Paywall für sein auf Englisch und Französisch publiziertes Medienprodukt. Ein Mix aus kuratierten Nachrichten bekannter Medien sowie eigenen Artikeln (unter anderem ist eine Partnerschaft mit der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» angedacht) sollen über Geschehnisse in Genf berichten, die in anderen Medien untergehen. So findet man auf der Seite ein Porträt des Direktors des Weltfonds zur Bekämpfung von Aids oder eine Gesetzesänderung des Römisches Statut des Internationalen Strafgerichtshofs.</p>
<blockquote><p>Traditionelle, private Medienhäuser waren von der Projektausschreibung ausgeschlossen, die Anwärter mussten entweder als Verein oder als Stiftung konstituiert sein.</p></blockquote>
<p>Nebst der Finanzierung durch die Leserschaft ist Mottaz seit 2017 mit verschiedenen Geldgebern in Kontakt und hat durch ein Crowdfunding sowie durch eine Stiftung bereits ein Startkapital von 500&#8217;000 Franken erhalten. Sichtlich enttäuscht ist er darüber, dass er leer ausgegangen ist bei der Vergabe der öffentlichen Gelder. In der Tat fiel der Konkurrenzkampf härter aus als erwartet: Gleich zwölf Projekte bewarben sich für die Subventionierung eines Medienprojekts zum internationalen Genf.</p>
<p>Traditionelle, private Medienhäuser waren von der Projektausschreibung ausgeschlossen, die Anwärter mussten entweder als Verein oder als Stiftung konstituiert sein. Dies ist auch der Grund, weshalb Serge Michel sich nicht direkt mit seinem Online-Medium «Heidi.news» beworben hat, sondern mit «Geneva Solutions» ein neues Unternehmen plant.</p>
<p>Dass sein Projekt das Rennen gemacht hat, wurde kurz vor Weihnachten bekanntgegeben. Insbesondere der Ansatz des konstruktiven Journalismus habe die Jury überzeugt, die aus dem ehemaligen SRG-Generaldirektor Roger de Weck, der Informationsdirektorin der UNO Alessandra Vellucci sowie dem ehemaligen RTS-Journalisten und Gründer der Sendung «Géopolitis» Xavier Colin besteht.</p>
<blockquote><p>«Was es braucht, ist ein globaler Fonds für einen Zusammenschluss verschiedener Medienprojekte, die Themen des internationalen Genfs gemäss ihrer Spezialisierung behandeln»<br />
<small>Edward Girardet, Global Geneva</small></p></blockquote>
<p>Genau dies kritisieren jetzt verschiedene Journalisten in Genf, wie etwa Edward Girardet, der vor drei Jahren <a href="https://www.global-geneva.com/" target="_blank" rel="noopener">das Magazin «Global Geneva»</a> gegründet hat. Auch sein Magazin behandelt Themen des internationalen Genfs, allerdings durch Artikel aus verschiedenen Ländern. <a href="https://www.global-geneva.com/a-new-journalism-platform-are-we-missing-the-point-of-international-geneva/" target="_blank" rel="noopener">Girardet kritisiert</a>, dass einerseits die Jury, bestehend aus zwei Westschweizer Journalisten sowie einer UNO-Mitarbeiterin, zu einseitig gewesen sei, sprich zu Gunsten der Westschweiz, statt die ganze Schweiz oder gar internationale Akteure zu berücksichtigen. Andererseits sei nicht klar gewesen, ob sich die neue journalistische Plattform an ein einheimisches oder ausländisches Publikum richten solle. Girardet ist zudem der Meinung, es sei falsch, nur ein Medium zu unterstützen: «Was es braucht, ist ein globaler Fonds für einen Zusammenschluss verschiedener Medienprojekte, die Themen des internationalen Genfs gemäss ihrer Spezialisierung behandeln», sagt er gegenüber der MEDIENWOCHE.</p>
<p>Was er und andere Kritiker aber falsch verstanden zu haben scheinen: Bei den öffentlichen Subventionen für ein Medienprojekt handelt es sich nicht um Medienförderung im herkömmlichen Sinn. Ziel ist es, «das Wissen und Verständnis des breiten Publikums gegenüber der Arbeit des internationalen Genfs zu verbessern», wie es in der Ausschreibung heisst. Im Klartext: Es geht also auch um die Promotion des Standorts Genf.</p>
<p>Die Enttäuschung ist dennoch nachvollziehbar, kommt sie doch aus Journalistenkreisen, die sich bereits seit langem mit dem internationalen Genf befassen: Girardet etwa hat als Reporter über grosse globale Themen und Krisengebiete berichtet und war zudem Berater verschiedener UNO-Institutionen und NGOs; Philippe Mottaz war früher Leiter des Swiss World Radio der SRG, das über das internationale Genf berichtete. Sie fühlen sich von dem Entscheid aus Bern und Genf vor den Kopf gestossen und kritisieren, dass «Heidi.news» gar nicht über erfahrene Journalistinnen oder Journalisten verfüge, die sich mit dem internationalen Genf auskennen.</p>
<blockquote><p>Von der öffentlichen Hand erhält «Geneva Solutions» 220&#8217;000 Franken pro Jahr für eine Periode von drei Jahren.</p></blockquote>
<p>Serge Michel kontert: «Ich war stellvertretender Chefredaktor bei <b>‹</b>Le Monde<b>›</b> in Paris und arbeitete mit 400 Journalisten auf der ganzen Welt zusammen, ausserdem war ich früher selber Korrespondent im Ausland.» Zudem werde für «Geneva Solutions» eine eigenständige, englischsprachige Redaktion, bestehend aus vier bis fünf Journalistinnen und Journalisten, aufgebaut – darunter auch Spezialisten des internationalen Genfs. Geleitet wird es von Michel selbst. Er hatte bereits im September seine Rolle als Chefredaktor an Paul Ackermann, bis dahin Redaktionsleiter der «Huff Post» in Paris, weitergegeben, um sich als Redaktionsleiter um spezifische Projekte von «Heidi.news» zu kümmern.</p>
<p>Bei gewissen Themen werde «Geneva Solution» mit der Redaktion von «Heidi.news» zusammenarbeiten, etwa beim Thema globale Gesundheit, wo «Heidi.news» über Experten verfügt. Eine der neuen Aufgaben Michels wird zudem sein, weitere Geldgeber zu finden. Von der öffentlichen Hand erhält «Geneva Solutions» 220&#8217;000 Franken pro Jahr für eine Periode von drei Jahren, was für die Bewältigung des Auftrags nicht ausreichen wird. Eine der Bedingungen in der Ausschreibung war zudem, dass sich die neue Plattform nicht ausschliesslich auf diese Subventionen stützen dürfe.</p>
<p>Hier kommt die Stiftung Aventinus ins Spiel: Die im Oktober unter anderem vom ehemaligen Genfer Regierungspräsidenten François Longchamp gegründete Stiftung hat zum Ziel, Qualitätsjournalismus in Genf sowie in der Romandie zu unterstützen. Aventinus hatte angekündigt, dass sie den Club suisse de la presse unterstützen wird, sollte dieser die Projektausschreibung gewinnen. Da dies nun nicht der Fall ist, stellt sich die Frage, ob das vorgesehene Geld stattdessen an «Geneva Solutions» oder an ein anderes Medium, etwa «The Geneva Observer» oder «Le Temps», geht.</p>
<p>Interessant ist: Die Stiftung Aventinus hatte bereits im Dezember bekanntgegeben, dass sie sich mit einem Beitrag in der Höhe von <a href="https://www.heidi.news/articles/heidi-news-consolide-son-financement-par-une-augmentation-de-capital" target="_blank" rel="noopener">500&#8217;000 Franken bei «Heidi.news» beteiligt</a>. «Wir befinden uns nun in einer etwas speziellen Situation, da wir dadurch bei <b>‹</b>Heidi.news<b>›</b> zum Mitaktionär wurden», sagt Stiftungspräsident François Longchamp gegenüber der MEDIENWOCHE. «Wir werden mit dem gesamten Stiftungsrat im ersten Trimester dieses Jahres besprechen, was für weitere Projekte wir finanzieren wollen.»</p>
<p>Die Entscheidung wird in der Westschweiz deshalb so ungeduldig erwartet, weil die Stiftung über beträchtliche Mittel zu verfügen scheint. <a href="https://www.letemps.ch/suisse/une-fondation-richement-dotee-se-propose-daider-presse-romande" target="_blank" rel="noopener">Drei Stiftungen sowie private Mäzene</a> haben sich bei der Finanzierung beteiligt. «Wir wurden beinahe überschwemmt von Anfragen», sagt Longchamp.</p>
<blockquote><p>Und die Deutschschweiz? Die verschläft das Thema allem Anschein nach.</p></blockquote>
<p>In Genf wurde im Dezember zudem eine zweite Stiftung mit einem ähnlichen Zweck ins Leben gerufen: Die Fondation pour l&#8217;innovation et la diversité dans l&#8217;information, kurz FIDI. Diese könnte sowohl «Heidi.news» als auch «Geneva Solutions» unterstützen. Im Stiftungsrat sitzen nämlich unter anderem Serge Michel selbst sowie Tibère Adler, der Verleger von «Heidi.news». Präsidiert wird die Stiftung von Joëlle Kuntz, einer in der Romandie bekannten, inzwischen pensionierten Journalistin. Laut Michel ist aber noch nicht entschieden, welche Projekte die Stiftung unterstützen wird.</p>
<p>Und die Deutschschweiz? Die verschläft das Thema allem Anschein nach. Bei der NZZ, den Deutschschweizer Tamedia-Medientiteln sowie der CH Media gibt es nur je eine Korrespondentenstelle, die die gesamte Westschweiz inklusive Genf abdeckt. Für die Westschweizer Tamedia-Redaktionen gibt es immerhin einen festen UNO-Korrespondenten. Bei SRF zieht man es vor, aus der Ferne über Genf zu berichten: Neben zwei Radio- und zwei Fernsehkorrespondentinnen in Genf gibt es bei Radio SRF einen internationalen Korrespondenten, der über internationale Organisationen u.a. in Genf berichtet. Stationiert ist diese Person aber in Bern.</p>
<p>Die selbe Funktion wird bei Fernsehen SRF im Frühjahr 2020 neu geschaffen, als künftiger Internationaler Korrespondent wird <a href="https://medien.srf.ch/-/personalmeldu-1" target="_blank" rel="noopener">Sebastian Ramspeck</a> tätig sein – mit Sitz in Zürich. Bei der Nachrichtenagentur Keystone-SDA gibt es für das internationale Genf zurzeit einen französischsprachigen Korrespondenten vor Ort. Allerdings wird überlegt, zusätzlich noch eine deutschsprachige Korrespondenz zu schaffen, wie Keystone-SDA der MEDIENWOCHE bestätigt.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/01/14/neue-medien-ruecken-das-internationale-genf-ins-rampenlicht/">Neue Medien rücken das internationale Genf ins Rampenlicht</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Radio Lac: Gratwanderung als privates Informationsradio</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/10/22/radio-lac-gratwanderung-als-privates-informationsradio/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Oct 2019 22:05:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Radio Lac]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit grossen Ambitionen war Radio Lac vor zwei Jahren in Genf neu gestartet: Statt auf Musik und Unterhaltung setzte der Lokalsender auf einen für Privatradios ungewöhnlich hohen Informationsanteil. Ein gewagter Schritt. Drei Kameras, Bildschirme mit Slogans in knalligen Farben und faustgrosse Mikrofone mit aufgedrucktem Logo in Himmelblau: Das Studio von Radio Lac ist so eingerichtet, <a href="https://medienwoche.ch/2019/10/22/radio-lac-gratwanderung-als-privates-informationsradio/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/10/22/radio-lac-gratwanderung-als-privates-informationsradio/">Radio Lac: Gratwanderung als privates Informationsradio</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Mit grossen Ambitionen war <a href="https://www.radiolac.ch/" target="_blank" rel="noopener">Radio Lac</a> vor zwei Jahren in Genf neu gestartet: Statt auf Musik und Unterhaltung setzte der Lokalsender auf einen für Privatradios ungewöhnlich hohen Informationsanteil. Ein gewagter Schritt.</strong><br />
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Drei Kameras, Bildschirme mit Slogans in knalligen Farben und faustgrosse Mikrofone mit aufgedrucktem Logo in Himmelblau: Das Studio von Radio Lac ist so eingerichtet, dass es auch ästhetisch was hergibt. Das muss es auch, denn hier in Genf wird Radio nicht nur zum Hören, sondern auch zum Sehen gemacht.</p>
<p>Sobald eine Redaktorin auf Sendung geht, leuchtet das LED-Dreieck auf der Mitte des grossen Tisches rot; die Kameras zeichnen das Geschehen aus verschiedenen Winkeln für die Website und die sozialen Netzwerke auf. Auch sonst wirkt das Studio im Zentrum Genfs topmodern. Kein Wunder, ist es doch erst zwei Jahre alt. Im August 2017 hat die Westschweizer <a href="https://www.mediaonegroup.ch/#groupe" target="_blank" rel="noopener">Media One Group</a> das Genfer Privatradio Yes FM gekauft und ihm seinen alten Namen zurückgegeben, unter dem der Sender 1986 gegründet wurde.</p>
<p>Das wiedergeborene Radio Lac erhielt ein neues Profil. «Wir setzen auf Innovation und neue Technologien sowie auf gehaltvolle Informationen», erklärt Programmleiter Fabrice Benedet im Gespräch mit der MEDIENWOCHE. In den zwei Jahren seither hat Radio Lac bereits viel von sich zu reden gemacht – im Guten wie im Schlechten.</p>
<blockquote><p>«Es ist nicht nur das Privatradio mit dem kleinsten Musikanteil in der ganzen Schweiz, auch nur wenige SRG-Radioprogramme sind so wortreich wie Radio Lac.»<br />
<small>Programmanalyse Bakom</small></p></blockquote>
<p>Der Investigativ-Journalist und frühere Chefredaktor von Radio Lac, Raphaël Leroy, hatte die Affäre um die Reise des <a href="https://www.facebook.com/RTSinfrarouge/videos/308587779906980/?v=308587779906980" target="_blank" rel="noopener">Genfer Staatsrats Pierre Maudet</a> nach Abu Dhabi aufgedeckt und zusammen mit der Genfer Tageszeitung Tribune de Genève publik gemacht. Das brachte dem Privatradio viel Anerkennung in der Branche. Auffallend war von Anfang an auch der grosse Nachrichtenanteil im Programm. Das Bundesamt für Kommunikation Bakom lobte Radio Lac in der «<a href="https://www.bakom.admin.ch/bakom/de/home/elektronische-medien/studien/programmanalysen-privatradios.html" target="_blank" rel="noopener">Programmanalyse der Schweizer Privatradios</a> mit Leistungsauftrag 2018» regelrecht in den Himmel: Kein anderes Privatradio der Schweiz würde so viel Sendezeit in der Prime Time für die Informationsvermittlung einsetzen wie Radio Lac, «das zu fast drei Vierteln Wortinhalte für ein informationsaffines Publikum ausstrahlt und damit in der Privatradiolandschaft einzigartig dasteht. […] Es ist damit nicht nur das Privatradio mit dem kleinsten Musikanteil in der ganzen Schweiz, auch nur wenige SRG-Radioprogramme sind so wortreich wie Radio Lac.»</p>
<p></p>
<p>Dies sei insofern bemerkenswert, heisst es im Bakom-Bericht weiter, als dass das Radio keine Gebühren erhalte, wie dies bei vielen anderen Lokalsendern der Fall ist. Damit liege Radio Lac programmstrukturell näher bei <a href="https://programmesradio.rts.ch/la-1ere/" target="_blank" rel="noopener">«La Première» von RTS</a> – dem Radio mit dem höchsten Wortanteil – als bei einem durchschnittlichen Westschweizer Privatradio. Das war natürlich Absicht: Mit dieser Ausrichtung wollte man dem Publikum und den Werbekunden eine Alternative zur RTS bieten.</p>
<blockquote><p>Radio Lac sollte mit einem hohen Informationsanteil ein älteres und gebildeteres Publikum ansprechen.</p></blockquote>
<p>Diese Strategie eines informationslastigen, thematisch eher elitär orientierten Programms lässt sich mit Blick auf die Eigentümerstrukturen der Media One Group nachvollziehen: Mit dem <a href="https://www.onefm.ch/" target="_blank" rel="noopener">Genfer Musikradio One FM</a> und seiner <a href="https://www.lfm.ch/" target="_blank" rel="noopener">Lausanner Schwester LFM</a> besitzt die Mediengruppe bereits zwei Privatradios, die sich auf ein eher junges und musikaffines Publikum fokussieren. Radio Lac sollte mit einem hohen Informationsanteil ein älteres und gebildeteres Publikum ansprechen.</p>
<p>Die Ambitionen von Radio Lac waren hoch – zu hoch. «Unsere Roadmap war zu ambitiös, wir mussten sie anpassen», sagt Benedet. Der Wechsel vom musiklastigen Popradio Yes FM zum puren Informationssender Radio Lac war zu radikal gewesen, die Zahl der Zuhörenden fiel stark. 2014 zählte Yes FM gemäss Mediapulse den Rekordwert von täglich bis zu 62&#8217;500 Zuhörenden; 2017 zählte Radio Lac noch 45&#8217;000. Heute sind die Zahlen noch tiefer, allerdings hat Mediapulse im März 2018 die Erhebungsmethode geändert, weshalb ein Vergleich schwierig ist. Aktuell zählt Radio Lac gemäss neuer Methode 34&#8217;000 Zuhörende.</p>
<blockquote><p>Im Dezember letzten Jahres mussten das Privatradio aus Kostengründen drei Mitarbeitende entlassen, eine vierte Person kündigte auf eigenen Wunsch.</p></blockquote>
<p>Erstaunlich ist der massive Einbruch nicht: Wer Musik hören wollte, schaltete bislang Yes FM ein; wer hingegen Informationssendungen sucht, hört in Genf RTS. «Dieses Publikum zu einem Wechsel zu einem Privatsender zu bewegen, ist dementsprechend schwierig und braucht Zeit», sagt der frühere Chefredaktor Raphaël Leroy rückblickend. Zeit, die sich das Privatradio nicht nehmen konnte: Im Dezember letzten Jahres musste es aus Kostengründen drei Mitarbeitende entlassen, eine vierte Person kündigte auf eigenen Wunsch, im Februar dann wechselte Leroy zur RTS. Nicht wegen der Situation bei Radio Lac, wie er betont, sondern weil ihn die Stelle bei der RTS reizte. Für den Sender bedeuteten diese personellen Veränderungen einen herben Verlust.</p>
<p>Die Strategie musste angepasst werden, nun setzt Radio Lac wieder stärker auf Musik. Der Informationsanteil bleibt im Vergleich zu anderen Privatradios in der Romandie, aber auch im Rest der Schweiz, dennoch bemerkenswert hoch: bei zwischen 50 und 60 Prozent des gesamten Programms, sagt Philippe Verdier, der seit Mai dieses Jahres den Posten als Chefredaktor übernommen hat. Auch inhaltlich setzt das Radio andere Schwerpunkte: Nun stehen nicht mehr politische Themen im Vordergrund, sondern Gesellschaftsthemen: «Wir haben gemerkt, dass wir zu weit weg von unserem Publikum waren», sagt Verdier. «Wir müssen näher beim Alltag der Zuhörerinnen und Zuhörer sein.»</p>
<p>Mit Konkurrenzanalysen, Marktstudien und der Unterstützung eines Consultant sei man zur Einsicht gelangt, dass man sich mehr auf die Region Genf sowie auf breitere Themen konzentrieren müsse: Der Genfer Radiohörer interessiere sich nicht für die Verkehrsinfos in Lausanne oder die aktuellen Debatten am UNO-Hauptsitz, sondern für Themen, die den Alltag betreffen, wie Gesundheit, Bildung und Mobilität.</p>
<blockquote><p>Radio Lac verfolgt einen klar konstruktiven Ansatz: Naturellement opitimiste – natürlich optimistisch – lautet der Leitspruch.</p></blockquote>
<p>Der typische Zuhörer ist bei Radio Lac eine Zuhörerin: «Wir stellen uns eine Frau zwischen 25 und 35 Jahren vor, geschieden, Mutter von zwei Kindern», sagt Programmleiter Fabrice Benedet. «Wir setzen beispielsweise auf Themen wie Ökologie und neue Technologien, da Frauen in der Regel sensibler sind für Gesellschaftsveränderungen. Aber natürlich richten wir uns auch an Männer.» Zudem verfolge man nun einen klar konstruktiven Ansatz: Naturellement opitimiste – natürlich optimistisch – lautet der Leitspruch.</p>
<p>Mit der regionaleren und breiteren Ausrichtung hat sich Radio Lac anderen Privatradios wieder etwas angenähert. Internationale Politik wird nur noch am Rande behandelt, für nationale Politik kann Radio Lac wie andere Privatradios auf Beiträge der zwei Bundeshauskorrespondenten Jérôme Favre und Serge Jubin zurückgreifen, die durch Radio Régionales Romandes, dem Westschweizer Pendant zum Bundeshaus-Radio, die Bundespolitik für Privatradios abdecken. Synergien werden auch innerhalb der Sendergruppe von Media One genutzt: Die Journalistinnen und Journalisten produzieren Beiträge für Radio Lac und One FM gleichermassen – für Radio Lac mit einem Fokus auf Genf, für One FM mit einem etwas breiteren Ansatz.</p>
<blockquote><p>Mit Videoformaten für Websites und Social Media will man ein Publikum erreichen, das kein Radio hört.</p></blockquote>
<p>Allerdings versucht Radio Lac punkto Innovation neue Wege zu gehen: Mit Videoformaten für Websites und Social Media will man ein Publikum erreichen, das kein Radio hört. «Der Medienkonsum hat sich stark verändert und Richtung Websites und Social Media verschoben. Auch als Radio muss man mit der Zeit gehen», sagt Benoît Rouchaleau. Der Journalist ist bei Radio Lac unter anderem für visuelle Inhalte zuständig. Nur Audiodateien auf eine Website zu stellen, ginge zu wenig weit. Deshalb ist Radio Lac zurzeit daran, zwei neue Videoformate zu entwickeln.</p>
<p>Auf der einen Seite will man mit Material von Keystone-SDA kurze Videos passend zum Audiobeitrag zusammenschneiden, mit Spektogramm sowie Untertitel des Gesagten, Bild der Person, Name und Funktion – ähnlich wie die <a href="https://www.srgssr.ch/en/news-media/news/nouvo-videos-fuer-social-media/" target="_blank" rel="noopener">Videos von Nouvo</a>, der Social-Video-Plattform der SRG-Sender. Auf der anderen Seite will man selber Frontalvideos von Interviewpartnern zu spezifischen Themen aufnehmen – kurz, dynamisch und natürlich für Instagram optimiert. «So haben wir einerseits den O-Ton für die Sendungen und andererseits mit wenig Mehraufwand auch noch visuelles Material für Social Media und die Website», sagt Rouchaleau. Die Videos sind vor allem für die digitale Distribution der Audiobeiträge gedacht: «Audio steht im Zentrum. Wir wollen ein Radio bleiben, und nicht zum Fernsehsender werden.»</p>
<p><small>Bild: Eva Hirschi</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/10/22/radio-lac-gratwanderung-als-privates-informationsradio/">Radio Lac: Gratwanderung als privates Informationsradio</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Aufwändiger Journalismus im Scheinwerferlicht: Reportagenfestival und True Story Award</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/09/03/aufwaendiger-journalismus-im-scheinwerferlicht-reportagenfestival-und-true-story-award/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Sep 2019 15:06:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[True Story Award]]></category>
		<category><![CDATA[Reportagenfestival]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In intimen Lokalen in der Berner Altstadt ging am ersten internationalen Reportagenfestival vom letzten Wochenende das Publikum mit Medienschaffenden aus aller Welt auf Tuchfühlung, bevor dann auf der grossen Theaterbühne erstmals der True Story Award verliehen wurde. Wäre man in der Schweiz nicht so höflich und zurückhaltend, man hätte sich die Nase platt gedrückt an <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/03/aufwaendiger-journalismus-im-scheinwerferlicht-reportagenfestival-und-true-story-award/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In intimen Lokalen in der Berner Altstadt ging am ersten internationalen <a href="https://reportagenfestival.ch/" target="_blank" rel="noopener">Reportagenfestival</a> vom letzten Wochenende das Publikum mit Medienschaffenden aus aller Welt auf Tuchfühlung, bevor dann auf der grossen Theaterbühne erstmals der <a href="https://truestoryaward.org/" target="_blank" rel="noopener">True Story Award</a> verliehen wurde.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-72136" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Reportagefestival-Bern_20190903.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Reportagefestival-Bern_20190903.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Reportagefestival-Bern_20190903-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Reportagefestival-Bern_20190903-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Reportagefestival-Bern_20190903-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Reportagefestival-Bern_20190903-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Wäre man in der Schweiz nicht so höflich und zurückhaltend, man hätte sich die Nase platt gedrückt an den frisch geputzten Fensterscheiben an der Gerechtigkeitsgasse in Bern, um das ungewöhnliche Bild dahinter genauer zu studieren. Stattdessen bleiben die Passantinnen und Passanten an diesem sonnigen Spätsommertag höchstens kurz stehen und spähen verstohlen durch die grossflächigen Schaufenster: In einem Inneneinrichtungsfachgeschäft in der Berner Altstadt sitzen 85 Personen auf zusammengewürfelten Designmöbelstücken und nackten Treppenstufen, die Blicke gebannt auf zwei Frauen gerichtet.</p>
<p>Hätten die Passantinnen und Passanten die Diskussion auf der anderen Seite der Scheibe gehört, ihre Gesichter wären wohl noch verwirrter gewesen, sprechen doch die indische Reporterin und die Schweizer Radioproduzentin von heiligen Kühen, genauer der gesellschaftspolitischen Bedeutung von Rindfleisch im Gliedstaat Uttar Pradesh, und Tatmotiv eines von Hindus verübten Totschlags an einem Muslimen. Als wäre die Stimmung zwischen Seidenkissenbezügen und Herrenlederstiefeln umrahmt von modularen USM-Möbelbausystemen nicht schon bizarr genug, zieht just in diesem Moment draussen in der Gasse eine hinduistische Prozession anlässlich des Wagenfestivals Ratha Yatra mit lauten Trommeln und Glocken vorbei.<br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-72137" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/Reportage-Festival-Bern-2019_DSC4092.jpg" alt="" width="1534" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/Reportage-Festival-Bern-2019_DSC4092.jpg 1534w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/Reportage-Festival-Bern-2019_DSC4092-300x191.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/Reportage-Festival-Bern-2019_DSC4092-768x489.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/Reportage-Festival-Bern-2019_DSC4092-1024x652.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1534px) 100vw, 1534px" /><br />
Die grosse Welt im kleinen Bern. Genau das hatte Daniel Puntas, Chefredaktor des <a href="https://reportagen.com/" target="_blank" rel="noopener">Magazins «Reportagen»</a>, versprochen, als er im letzten November das erste Reportagenfestival im deutschsprachigen Raum unter dem Titel «Erzählte Welt» ankündigte. Am vergangenen Wochenende reisten 60 Reporterinnen und Reporter aus der ganzen Welt in die Bundesstadt, um zu erzählen, was die Menschen in ihren Herkunftsländern bewegt: Exorzismus in Polen, Social Media in Thailand, Zigarettenschmuggel in Ägypten, Rohstoffabbau im Kongo und in Kolumbien, Menschenhandel in Mauretanien.</p>
<p>Nicht in sterilen Konferenzräumen und anonymen Hörsälen fanden die 52 Veranstaltungen statt, sondern im Ladenlokal, im Kellertheater, in einem Kulturzentrum oder in einem Zunftgesellschaftssaal. Und so kam es, dass unter goldgerahmten Gemälden ehrwürdiger Patrizier vier Journalistinnen über Frauen im Reporterberuf diskutierten, im Bernischen Historischen Museum auf Farsi die Zukunft des Irans besprochen wurde, und hoch oben im Käfigturm, dem ehemaligen Stadtgefängnis, hinter vergitterten Fenstern zwei Autoren vom Schreiben im Exil erzählten.</p>
<blockquote><p>Das Reportagenfestival wollte bewusst keine Nischenveranstaltung sein und nicht in erster Linie Medienschaffende ansprechen.</p></blockquote>
<p>Ganz ohne Ablenkung durch digitales Rauschen, ohne Bildschirme mit Botschaften oder Tablets mit Tweets: Im Zentrum stand das Wort. Die Räumlichkeiten fassten in der Regel nur um die 80 Besuchende. Kein Wunder, bildete sich vor der Veranstaltung mit der <a href="https://truestoryaward.org/jury/member/jon-lee-anderson" target="_blank" rel="noopener">Reporterlegende Jon Lee Anderson</a> eine lange Schlange auf der Kramgasse; nicht alle erhielten Einlass. Das Reportagenfestival wollte bewusst keine Nischenveranstaltung sein und nicht in erster Linie Medienschaffende ansprechen, und so trafen an den Diskussionen und Workshops wissbegierige Reporterinnen und Reporter auf neugierige Betriebsanleitungsschreiber und Gymnasiallehrerinnen.</p>
<p></p>
<p>Anlässlich von individuellen Speed Dates konnte ein interessiertes Publikum gar im tête-à-tête preisgekrönte Medienleute zu ihrer Arbeit ausfragen. Auf Bänken und an Bistrotischen draussen in der Sonne entstanden so 15-minütige Gespräche: Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan erzählte etwa vom Alltagsleben in Teheran, die Reporterin Margrit Sprecher von den guten alten Zeiten im Journalismus.</p>
<p>Ein junges Paar aus dem Festivalpublikum – sie mit Wurzeln in Ägypten, er mit Wurzeln in Kolumbien – hatte sich entschieden, Veranstaltungen mit Medienschaffenden aus den beiden Ländern zu besuchen. «Wir verschlingen das Magazin ‹Reportagen› regelrecht. Nun auch mal die andere Seite zu sehen, also wie solche Texte überhaupt entstehen und die Reporterinnen und Reporter dahinter kennenzulernen, hat uns sehr gereizt.» Ein Beruf, der fasziniert – vor allem, wenn er in anderen Ländern unter schwierigen Arbeitsbedingungen ausgeübt wird.</p>
<blockquote><p>Lügenpresse, Fake News, Fact Checking waren denn auch Themen, die am Festival immer wieder auftauchten, wie auch der ehemalige «Spiegel»-Redaktor Claas Relotius und seine gefälschten Reportagen.</p></blockquote>
<p>Es gab aber auch kritische Stimmen. So meinte ein Grafiker nach der Veranstaltung über Tschetschenien: «Ich fühlte mich nicht richtig abgeholt. Ich hatte den Eindruck, ich hätte die entsprechende Reportage vorher lesen müssen.» Dass diejenige wie auch andere Reportagen von den Referentinnen und Referenten online auf der Website zu lesen waren, hatten in der Tat die wenigsten Besuchenden mitgekriegt. Überhaupt erst von der Veranstaltung erfahren hatte eine ältere Psychotherapeutin, als sie das <a href="https://www.srf.ch/sendungen/tagesgespraech/daniel-puntas-bernet-das-festival-ist-ein-transparenz-angebot" target="_blank" rel="noopener">«Tagesgespräch» mit Daniel Puntas</a> auf Radio SRF hörte. Spontan habe sie beschlossen, das Reportagenfestival zu besuchen. «Gerade in Zeiten von Fake News ist es wichtig, gutem und seriösem Journalismus eine Plattform zu geben», sagte sie.</p>
<p>Lügenpresse, Fake News, Fact Checking waren denn auch Themen, die am Festival immer wieder auftauchten, wie auch der ehemalige «Spiegel»-Redaktor Claas Relotius und seine gefälschten Reportagen. An einer der vielen Diskussionen fragte SRF-Journalist Franz Fischlin die Anwesenden, wer überhaupt vom Fall Relotius gehört hatte. Alle Hände gingen in die Höhe. Und wer von ihnen im Medienbereich arbeitete, wollte Fischlin weiter wissen. Nur vereinzelte Arme wurden hochgestreckt. Das Thema war also definitiv nicht in der Journalistenbubble steckengeblieben. Solche Veranstaltungen hätten denn auch zum Ziel, das Vertrauen in den Journalismus zu stärken – auch wenn es nie eine hundertprozentige Wahrheitsgarantie gebe, sagte Fischlin. Dass so viele Nicht-Journalisten sich für eine Veranstaltung wie diese interessierten, rührten ihn sichtlich.</p>
<blockquote><p>«Den feinen Unterschied machten die Geschichten, die einem im Herzen blieben, an die man sich auch noch nächste Woche, in einem Jahr oder vielleicht sein ganzes Leben lang erinnern wird.»<br />
<small>Margrit Sprecher, Reporterin</small></p></blockquote>
<p>Zusammen mit der Reporterikone Margrit Sprecher bot Fernsehmann Fischlin an dieser Veranstaltung Einblick, was guten Journalismus überhaupt ausmacht. Sie beide waren Mitglieder der Jury, die den ersten True Story Award verleihen würden. Auch darum waren so viele Reporterinnen und Reporter nach Bern gereist. Von über 900 eingereichten Artikeln aus 98 Ländern und in 21 Sprachen nominierte die Jury 39 Arbeiten für drei mit insgesamt 60&#8217;000 Franken dotierten Preise.</p>
<p>Wie man aus so einer Menge die besten Geschichten auswählt? Ausführlich recherchiert, gesellschaftlich relevant, handwerklich gut geschrieben seien schliesslich alle Reportagen gewesen. «Doch den feinen Unterschied machten die Geschichten, die einem im Herzen blieben, an die man sich auch noch nächste Woche, in einem Jahr oder vielleicht sein ganzes Leben lang erinnern wird», sagte Jury-Präsidentin Margrit Sprecher.</p>
<blockquote><p>Shura Burtin, Reporter aus Russland, der eben den ersten Preis des True Story Awards überreicht erhalten hatte, schien der ganze Rummel etwas zu viel zu sein.</p></blockquote>
<p>Von den mit rotem Samt bezogenen Stühlen blickten die Gäste am Samstagabend im Berner Stadttheater denn auch gespannt auf die Bühne, wo Schauspielschüler Szenen aus den nominierten Texten inszenierten. Den Inhalt so zu vermitteln, gelang zwar nicht wirklich, doch die erzeugte Stimmung und die Dramatik verliehen der Preisverleihung des True Story Award etwas Würdevolles.</p>
<p>Ganz im Kontrast dazu stand die Figur des grossen Gewinners: Auf die hohe Bühne unter den goldenen Stuckverzierungen trat ein hagerer, glatzköpfiger Mann in dunkelgrauen Funktionshosen und weissem T-Shirt mit hellgrünem Aufdruck, und schaute die SRF-Moderatorin Susanne Wille etwas verdutzt an, während er seine zitternden Hände in den Hosentaschen versteckte. Shura Burtin, Reporter aus Russland, der eben den ersten Preis des True Story Awards überreicht erhalten hatte, schien der ganze Rummel etwas zu viel zu sein – ob aus Überraschung, aus mangelnder Sprachkenntnis, oder beidem.<br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-72138" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/RFB_2019_13.jpg" alt="" width="1456" height="971" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/RFB_2019_13.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/RFB_2019_13-300x200.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/RFB_2019_13-768x512.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/RFB_2019_13-1024x683.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/RFB_2019_13-728x485.jpg 728w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Zwar eilte schnell ein russischer Journalist für die Übersetzung herbei, doch der Gewinner, der <a href="https://truestoryaward.org/story/63" target="_blank" rel="noopener">auf 75&#8217;000 Zeichen ein feinfühliges Porträt</a> eines im Gefängnis sitzenden Menschenrechtsaktivisten aus Tschetschenien geschrieben hatte, blieb dann doch erstaunlich wortkarg und taute erst später etwas auf, als ihn Daniel Puntas ein zweites Mal auf die Bühne bat, nachdem drei Schauspieler Auszüge seines Textes szenisch vorgelesen hatten.</p>
<blockquote><p>Das Reportagenfestival hinterlässt ein Gefühl von Dringlichkeit, auch weil es zeigte, dass Journalismus mehr ist, als nur schöne Geschichten zu erzählen.</p></blockquote>
<p>Das Experiment, Journalismus auf die Bühne zu bringen, funktionierte am Folgetag dann doch etwas besser. Zum Abschluss des Festivals gab es im Theater am Käfigturm «Reportagen live» zu sehen und hören. Sieben Journalistinnen und Journalisten berichteten von der Arbeit an einer ihrer Reportagen. Etwa Urszula Jabłońska aus Polen, die von einem Chefredaktor angefragt wurde, ob sie für einen Artikel über Exorzismus sich den inneren Satan austreiben lassen könnte, oder der Grieche Daniel Howden, der sich in Fukushima plötzlich mit einem nicht japanisch-sprechenden Fixer an der Grenze der Kontaminationszone befand und sich fragte, was er hier eigentlich mache.</p>
<p>Diese Anekdoten vermochten die Stimmung etwas aufzulockern, denn ansonsten waren die meisten Themen des Reportagenfestivals doch eher düster; von Kriminalität über Repression bis hin zu Gewalt und Mord. Insbesondere der investigative Journalismus war prominent vertreten; Ansätze von konstruktivem Journalismus waren, mit wenigen Ausnahmen, nicht viel zu hören. Das Reportagenfestival hinterlässt aber ein Gefühl von Dringlichkeit. Doch, und vielleicht war dies den Organisatoren ein Anliegen, sollte damit unterstrichen werden, dass Journalismus eben mehr ist, als nur schöne Geschichten zu erzählen.</p>
<p><small>Bilder: zvg und Eva Hirschi</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/03/aufwaendiger-journalismus-im-scheinwerferlicht-reportagenfestival-und-true-story-award/">Aufwändiger Journalismus im Scheinwerferlicht: Reportagenfestival und True Story Award</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>«Die New York Times versetzte der Meinungsäusserungsfreiheit einen herben Schlag»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/06/18/die-new-york-times-versetzte-der-meinungsaeusserungsfreiheit-einen-herben-schlag/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Jun 2019 07:11:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[New York Times]]></category>
		<category><![CDATA[Karikatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die New York Times hat entschieden, keine politischen Karikaturen mehr zu veröffentlichen. Damit verliert auch Patrick Chappatte, einer der bekanntesten Schweizer Pressezeichner, eine prominente Plattform. Im Interview mit der MEDIENWOCHE prangert er das fehlende Rückgrat der Redaktionen an. Bild: Eddy Mottaz/Patrick Chappatte (Montage: Marco Leisi)</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die New York Times hat entschieden, keine politischen Karikaturen mehr zu veröffentlichen. Damit verliert auch Patrick Chappatte, einer der bekanntesten Schweizer Pressezeichner, eine prominente Plattform. Im Interview mit der MEDIENWOCHE prangert er das fehlende Rückgrat der Redaktionen an.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-70166" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-Interview-Patrick-Chappatte-Combi.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-Interview-Patrick-Chappatte-Combi.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-Interview-Patrick-Chappatte-Combi-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-Interview-Patrick-Chappatte-Combi-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-Interview-Patrick-Chappatte-Combi-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-Interview-Patrick-Chappatte-Combi-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
<div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Patrick Chappatte, waren Sie überrascht vom <a href="https://www.nytimes.com/2019/06/10/business/international-new-york-times-political-cartoons.html" target="_blank" rel="noopener">Entscheid der New York Times</a>, keine politischen Karikaturen mehr zu publizieren?</p>
</div><div class="answer"><h4>Patrick Chappatte:</h4> <p>So halb. Vor einem Monat gab es einen grossen «Shitstorm» nach einer Karikatur eines portugiesischen Pressezeichners, die Benjamin Netanjahu als Blindenhund mit Davidstern am Halsband zeigt, der den blinden Donald Trump mit Kippa führt. Die New York Times hat sich daraufhin sehr schnell entschuldigt und das Bild sowie die Zusammenarbeit mit der externen Agentur, von der das Bild stammte, beendet – obwohl die Zeitung ja selber entschieden hatte, diese Karikatur zu drucken. Auch wenn ich diese Zeichnung gar nicht erst publiziert hätte, habe ich gespürt, dass diese Situation problematisch werden könnte und so habe ich versucht, das Gespräch mit dem entsprechenden Redaktionsleiter zu suchen. Leider erfolglos. Das Schweigen der Redaktionsleitung konnte ich nicht richtig einordnen, aber ich war eigentlich davon ausgegangen, dass der grosse Sturm bereits an uns vorbeigezogen war. Dem war leider nicht so.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Offiziell begründet die New York Times ihren Entscheid aber nicht als Konsequenz der erwähnten Karikatur, sondern sagt, dass dies schon länger diskutiert wurde.</p>
</div><div class="answer"><h4>Patrick Chappatte:</h4> <p>Ja, aber dann frage ich mich, warum ich im April, nur eine Woche vor der erwähnten Publikation der unglücklichen Zeichnung, eine Glückwunsch-Nachricht des Verlegers erhalten habe, als ich in New York mit dem 3. Preis des «Overseas Press Club Award» ausgezeichnet wurde – eben gerade für meine Karikaturen in der New York Times. Zudem wurden meine Zeichnungen seit letztem Jahr auch für die spanische und chinesische Ausgaben der New York Times übersetzt, es machte also den Anschein, als würde die New York Times an Pressezeichnungen glauben und sie ausbauen wollen.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wie haben Sie reagiert, als Sie von der Einstellung aller politischen Karikaturen erfahren haben?</p>
</div><div class="answer"><h4>Patrick Chappatte:</h4> <p>Ich wurde per E-Mail über diese Entscheidung informiert. Eine Woche lang habe ich darüber nachgedacht. Dann habe ich beschlossen, meine Meinung <a href="https://www.chappatte.com/en/the-end-of-political-cartoons-at-the-new-york-times/" target="_blank" rel="noopener">in einer Art Manifest</a> zu publizieren. Dieser Text ist zu meiner grossen Überraschung auf ein riesiges Echo gestossen und wurde von Medien weltweit aufgenommen. Inzwischen gebe ich fast pausenlos Interviews. Der Entscheid der New York Times scheint ganz unterschiedliche Menschen zu bewegen und ist sehr symbolisch, natürlich auch vor dem Hintergrund des Attentats auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015. Die Gesellschaft verliert etwas, was ihr wichtig ist. Ausserdem scheint es, als würden die sozialen Medien den Redaktionen diktieren, was sie tun sollten.</p>
</div></p>
<p></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>In Ihrem Manifest haben Sie unter anderem auch Twitter angeprangert und gesagt, es handle sich um einen Ort der Furore und nicht der Debatte.</p>
</div><div class="answer"><h4>Patrick Chappatte:</h4> <p>Ich kritisiere nicht Twitter an sich, aber die Tatsache, dass Medien es nicht schaffen, damit umzugehen. Angesichts heftiger Kritik wirken viele Medien wie paralysiert, der Umgang mit sozialen Netzwerken ist sehr unreif. Es ist nicht das erste Mal, dass grosse Medienhäuser zurückweichen, sobald ihre Inhalte auf Kritik stossen. Dies betrifft natürlich insbesondere Pressezeichnungen – sie sind vereinfacht, übertrieben, ein einfacher Vorwand für Angriffe. Die Sozialen Medien haben inzwischen eine viel grössere Macht als die traditionellen Medien. Diese haben Angst, ihre Leserschaft zu verlieren, sie wollen sich sofort entschuldigen, weil sie das Gefühl haben, Opfern gegenüber zu stehen. Doch damit werden Stimmen zum Schweigen gebracht, man getraut sich nicht mehr, zu schockieren.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Warum nicht?</p>
</div><div class="answer"><h4>Patrick Chappatte:</h4> <p>Früher waren die Menschen durch Dinge, die in den Zeitungen gedruckt wurden, zwar auch schockiert, doch am nächsten Tag hatte sich der Zorn oder Unmut oft bereits etwas gelegt. Heute greift ein wütender Mensch sofort zum Smartphone und schreibt einen hasserfüllten Kommentar. Deshalb hört man nur noch die empörtesten Stimmen, sie definieren den Diskurs, und die Masse folgt. Da fällt so manchen Medien die Decke auf den Kopf, und sie vergessen, dass nicht Twitter ihre Leserschaft ist, und auch nicht ihr Chefredaktor.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wie sollten die Medien in so einem Fall reagieren?</p>
</div><div class="answer"><h4>Patrick Chappatte:</h4> <p>Standhalten, sich wehren, zurückschlagen. Sie sollten nicht Angst vor dem Mob haben, sondern sich auf ihre Kernaufgaben besinnen. Sprich: nachdenken, analysieren, in Beziehung setzen, Zusammenhänge aufzeigen. Dies gilt ganz allgemein: Welche Artikel werden nämlich auf den Websites der Medien hervorgehoben? Die meistgelesenen, oder die mit den meisten Likes. Das ist das Facebook-Prinzip. Dieser Wert kann doch nicht der einzige Wert im Journalismus sein!</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Was bedeutet dieser Entscheid der New York Times für Sie persönlich?</p>
</div><div class="answer"><h4>Patrick Chappatte:</h4> <p>Es ist das Ende einer rund zwanzigjährigen Zusammenarbeit, was ich sehr schade finde. Für mich ist es beruflich zum Glück nicht so schlimm, da ich immer noch bei der «NZZ am Sonntag» und bei «Le Temps» als Pressezeichner angestellt bin, und regelmässig auch für das deutsche Magazin «Spiegel» sowie die französische Satirezeitschrift «Le Canard Enchaîné» zeichne. Ausserdem halte ich oft Konferenzen und produziere thematische Comics. Projekte habe ich somit genug. Aber für die Branche und für die Meinungsäusserungsfreiheit allgemein ist es ein herber Schlag.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Weshalb?</p>
</div><div class="answer"><h4>Patrick Chappatte:</h4> <p>Mit den Pressezeichnungen verstummt eine der Stimmen der Meinungsäusserungsfreiheit. Eine Pressezeichnung ist die direkteste, ehrlichste und kritischste Stimme. Dass die New York Times nun wegen einer einzelnen Zeichnung ein ganzes Genre aus der Zeitung verbannt, ist für mich nicht nachvollziehbar. Sie hat doch auch schon Artikel publiziert, für die sie sich später geschämt und deren Publikation sie bereut hat. Zum Beispiel hat die New York Times die These, dass es Massenvernichtungswaffen im Irak gibt, während langer Zeit in ihrer Berichterstattung bestätigt. Und was ist passiert, als sich dies als Fehler herausgestellt hat? Hat man deswegen die gesamte Auslandberichterstattung verbannt? Natürlich nicht.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wie sehen Sie die Zukunftsperspektiven, wird es in zwanzig Jahren den Beruf Pressezeichner und Pressezeichnerin überhaupt noch geben?</p>
</div><div class="answer"><h4>Patrick Chappatte:</h4> <p>Kommt drauf an: Wird es in zwanzig Jahren noch Zeitungen geben? Das hängt wohl damit zusammen. Ich hoffe es sehr! Es müssen ja nicht unbedingt gedruckte Zeitungen sein, auch wenn ich bis jetzt mit den Tablet-Versionen noch nicht zufrieden bin, aber das wird sich hoffentlich noch ändern. Humor wird der Mensch immer nötig haben, ob in Form von Pressezeichnungen oder auf andere Art und Weise. Ich bleibe auf jeden Fall optimistisch, insbesondere auch nach diesem grossen Echo auf den Entscheid der New York Times.</p>
</div></p>
<p><small>Bild: Eddy Mottaz/Patrick Chappatte (Montage: Marco Leisi)</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/06/18/die-new-york-times-versetzte-der-meinungsaeusserungsfreiheit-einen-herben-schlag/">«Die New York Times versetzte der Meinungsäusserungsfreiheit einen herben Schlag»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>«Pressezeichnungen sind nicht braver geworden, aber vielleicht weniger scharfsinnig»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/05/28/pressezeichnungen-sind-nicht-braver-geworden-aber-vielleicht-weniger-scharfsinnig/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 May 2019 13:08:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Karikaturen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Morges ist das Mekka der Pressezeichnung: Von 1989 bis 2009 fand am Genfersee der «Salon du Dessin de Presse» statt und seit zehn Jahren steht hier das «Maison du Dessin de Presse». Anlässlich des runden Geburtstags hat die MEDIENWOCHE mit Pascal Pellegrino gesprochen. Der Waadtländer Journalist leitet die Institution seit zwei Jahren. Hier lacht man <a href="https://medienwoche.ch/2019/05/28/pressezeichnungen-sind-nicht-braver-geworden-aber-vielleicht-weniger-scharfsinnig/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Morges ist das Mekka der Pressezeichnung: Von 1989 bis 2009 fand am Genfersee der «Salon du Dessin de Presse» statt und seit zehn Jahren steht hier das «Maison du Dessin de Presse». Anlässlich des runden Geburtstags hat die MEDIENWOCHE mit Pascal Pellegrino gesprochen. Der Waadtländer Journalist leitet die Institution seit zwei Jahren.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-69594" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/05/MW-Interview-Pascal_Pellegrino_Eva-Hirschi_20190528.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/05/MW-Interview-Pascal_Pellegrino_Eva-Hirschi_20190528.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/05/MW-Interview-Pascal_Pellegrino_Eva-Hirschi_20190528-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/05/MW-Interview-Pascal_Pellegrino_Eva-Hirschi_20190528-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/05/MW-Interview-Pascal_Pellegrino_Eva-Hirschi_20190528-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/05/MW-Interview-Pascal_Pellegrino_Eva-Hirschi_20190528-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Hier lacht man ohne Tabus – über Saudi-Arabien und Pressefreiheit, den Papst und Homosexualität, Migranten und das Mittelmeer, den Doppeladler und die Doppelbürgerschaft. Im Herzen der Altstadt von Morges, wenige Schritte vom Ufer des Genfersees entfernt, lädt das unscheinbare <a href="http://mddp.ch/" target="_blank" rel="noopener">«Maison du Dessin de Presse»</a> Neugierige ein, sich die alle paar Monate wechselnden Ausstellungen im Erdgeschoss anzuschauen – Eintritt frei.</p>
<p>Auch wenn sich die Galerie auf einen weitläufigen Raum mit Stellwänden beschränkt, so bleibt man vor den 250 eher kleingehaltenen Pressezeichnungen wohl länger stehen, als vor manchem grossen Kunstgemälde. Denn jede von ihnen regt zum Nachdenken an, lässt einen laut lachen, die Augen erschreckt aufreissen oder einfach nur den Kopf schütteln. Der Direktor des Hauses der Pressezeichnung und gleichzeitig Chefredaktor der Lokalzeitung <a href="http://www.journalcossonay.ch/" target="_blank" rel="noopener">«Journal de la Région de Cossonay»</a>, Pascal Pellegrino (53), könnte jedes einzelne der Bilder kommentieren. Sein Redefluss ist kaum zu stoppen und seine Leidenschaft ansteckend.</p>
<p>Selbst auf seinem Körper gibt es Zeichnungen – in Form grossflächiger Tattoos an den Oberarmen. Ein Interview mit einem Journalisten, dem es nicht nur um das Lachen geht, sondern auch um die Momente, in denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt, und der in Pressezeichnungen nicht nur Unterhaltung, sondern ein Instrument zur Verteidigung der Pressefreiheit sieht.</p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Pascal Pellegrino, Sie beobachten die Entwicklung der Pressezeichnung seit Jahrzehnten. Wie lautet Ihre aktuelle Diagnose?</p>
</div><div class="answer"><h4>Pascal Pellegrino:</h4> <p>Pascal Pellegrino: Wir befinden uns in einer Periode der politischen Korrektheit. Es ist schwierig geworden, sich so unabhängig auszudrücken wie vorher. Ich würde nicht sagen, dass Pressezeichnungen braver geworden sind, aber vielleicht weniger scharfsinnig.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Woran machen Sie das fest?</p>
</div><div class="answer"><h4>Pascal Pellegrino:</h4> <p>Konkret stelle ich eine Art Selbstzensur bei Pressezeichnerinnen und -zeichnern fest. Mit dem Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» im Januar 2015 wurde man sich schmerzhaft bewusst, dass der Humor plötzlich auf der ersten Sinnebene verstanden worden war. Humor muss aber auf der zweiten Sinnebene verstanden werden. Es handelt sich um einen etwas schrägen Kommentar zur Aktualität, nicht um einen Angriff. Nach diesem schrecklichen Anschlag überlegen sich gewisse Zeichner jetzt wohl zweimal, ob sie eine Zeichnung über Allah machen möchten. Wie auch gewisse Chefredaktoren sich wohl zweimal überlegen, ob sie eine solche Zeichnung publizieren würden. Doch auch wenn die Grenzen des Zeichnens enger gezogen werden, so haben das menschliche Genie und die Fantasie dafür gesorgt, dass die Zeichnungen immer noch bissig sind. Sie haben nicht an Qualität eingebüsst, sie haben ihre Ironie und ihren Sarkasmus behalten. Allerdings habe ich den Eindruck, dass man mehr aufpassen muss, welche Themen man wählt.</p>
</div></p>
<p></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Sehen Sie den Anschlag auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» als Wendepunkt in der Geschichte der Pressezeichnung?</p>
</div><div class="answer"><h4>Pascal Pellegrino:</h4> <p>Oh ja. Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Ich empfinde den Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» als einen ersten Schlag gegen die Freiheit des Zeichnens in unserer Gesellschaft. Alle Länder haben eine andere Art von Humor, man lacht nicht über dieselben Dinge in Paris, Tokio, Riad oder New York. Vor dem digitalen Zeitalter bereitete dies keine Probleme. Aber heute geht eine Pressezeichnung aus Paris in Sekundenschnelle um die Welt. Die Zeichnerinnen und Zeichner stehen deshalb vor der Schwierigkeit: Wird ihr Humor in anderen Ländern genauso gut ankommen wie in ihrem Land? Somit stellt sich auch die grosse Frage der Meinungsäusserungsfreiheit: Was darf man zeichnen, was nicht? Wenn Sie eine humorvolle Zeichnung über das muslimische Kopftuch in Frankreich machen, müssen Sie dann berücksichtigen, ob das Bild in anderen Ländern als Provokation angesehen werden könnte?</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Das ist paradox: Man sagt, das Internet habe die Meinungsäusserungsfreiheit beflügelt, weil man einfacher seine Meinung kundtun kann, aber bezüglich Pressezeichnungen scheint die Digitalisierung die Zeichnenden einzuengen.</p>
</div><div class="answer"><h4>Pascal Pellegrino:</h4> <p>Ich würde nicht sagen, dass sie sie einengt. Aber in meinen Augen müssen sich die Zeichnenden heute mehr Fragen stellen. Diese Situation hat sich wegen des Obskurantismus verschärft. Plötzlich hat eine laute Minderheit eine Pressezeichnung als Vorwand genommen, um terroristische Anschläge zu verüben. Aber diese Minderheit wird nie repräsentativ sein für den Rest der Gesellschaft. Die Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten versteht, dass eine Pressezeichnung mit Humor zu nehmen ist, dass sie eine zweite Sinnebene hat, dass sie keine Kritik oder persönliche Attacke darstellt. Was eine Pressezeichnung von anderen Zeichnungen unterscheidet, ist die Idee dahinter, die Diskrepanz, die Absurdität.</p>
</div><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-69596" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/05/ob_1aafa0_mix-et-remix-lampedusa-490-jpg.jpg" alt="" width="490" height="581" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/05/ob_1aafa0_mix-et-remix-lampedusa-490-jpg.jpg 490w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/05/ob_1aafa0_mix-et-remix-lampedusa-490-jpg-253x300.jpg 253w" sizes="auto, (max-width: 490px) 100vw, 490px" /><br />
<div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Was macht für Sie eine gute Pressezeichnung aus?</p>
</div><div class="answer"><h4>Pascal Pellegrino:</h4> <p>Die Idee: Je stärker sie ist, desto besser die Zeichnung. Eine Pressezeichnung ist die Quintessenz einer Vielfalt an Informationen in einem einzigen Bild. Nehmen wir die Zeichnung von «Mix &amp; Remix», worauf man ein Flüchtlingsboot sieht, das im bekannten Hafen von Lampedusa einfährt. Ein italienischer Polizist schaut zu und die Migranten rufen ihm zu: «Tut uns leid … Wir leben noch!» Diese Zeichnung behandelt die komplexe und erschütternde Situation der Flüchtlingsströme in Europa. Ein Thema, das überhaupt nicht lustig ist. Aber dank des Humors trifft einen die Realität der Situation mit voller Wucht. Der Zeichner macht sich nicht über die Migranten lustig, aber mit seiner grausamen und richtigen Sichtweise katapultiert er uns zurück vor die grosse, grundlegende Frage der Migration. Dieses Bild soll uns zum Nachdenken bringen, indem es uns zuerst zum Schmunzeln bringt. Es soll einen Dialog ermöglichen, eine Diskussion auslösen – mit den anderen, aber auch mit sich selber. Eine Zeichnung hat die Macht, eine komplexe Situation vereinfacht darzustellen und ermöglicht es, sie mit anderen Augen zu sehen. Deshalb ist die Pressezeichnung so wichtig für unsere Gesellschaft: Sie ist ein grossartiges Instrument der Meinungsäusserungsfreiheit, das man unbedingt schützen und verteidigen muss.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Dann sind für Sie Autoren von Pressezeichnungen keine Künstler, sondern Journalisten?</p>
</div><div class="answer"><h4>Pascal Pellegrino:</h4> <p>Sie sind beides. Es gibt natürlich einen künstlerischen Aspekt in ihrer Arbeit, jede und jeder hat seinen eigenen Stil. Aber sie sind auch Journalistinnen und Journalisten, weil sie die politische Situation verstehen müssen, bevor sie sie einordnen und zeichnen können. Die Pressezeichnung ist ein Medium des Dialogs. Es ist kein einzigartiges Kunstwerk, da es von Anfang an multipliziert wird. Eine Pressezeichnung ist ein Werk, das sich nicht an sich selbst richtet, sondern an andere. Während man Kunst nicht immer versteht, ist eine Pressezeichnung, die nicht verstanden wird, keine gute Pressezeichnung.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Die neuen Online-Medien wie Watson in der Deutschschweiz oder heidi.news in der Romandie haben keine Pressezeichnungen, sie verfügen über andere Elemente des Storytellings. Führt die Digitalisierung zum Verschwinden des Berufes des Karikaturisten?</p>
</div><div class="answer"><h4>Pascal Pellegrino:</h4> <p>Nein, sicherlich nicht. Das Problem besteht im Begriff selbst: Eine Pressezeichnung erscheint schon lange nicht mehr nur in der Presse. Deshalb müsste man viel eher von Aktualitätszeichnung oder Medienzeichnung sprechen. Im Internet gibt es viele Pressezeichnungen, es ist ein Ort des Teilens, wo es immer ein Publikum für diese Vermischung von Humor und Journalismus geben wird. Aber wie wir alle wissen, wirft das Internet kein Geld ab. Alle Erschafferinnen und Erschaffer von Pressezeichnungen sind dazu verdammt, noch eine andere Arbeit zu haben, eine weitere Einnahmequelle. Mit den Schwierigkeiten der Medienbranche, wie man dies etwa in der Romandie sieht mit dem Verschwinden von «L’Hebdo» und «Le Matin» oder dem Verkleinern traditioneller Zeitungen, hat sich auch das Territorium der Karikaturistinnen und Karikaturisten verkleinert. Ausserdem habe ich den Eindruck, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten auch einen Einfluss auf die Meinungsäusserungsfreiheit haben. Kann ein bei Tamedia angestellter Karikaturist eine kritische Zeichnung über sein Verlagshaus machen? Ich weiss es nicht, aber ich stelle mir die Frage.</p>
</div></p>
<div style="margin: 4%; border: 1px; border-style: solid; border-color: #cccccc; padding: 4%; font-size: 16px;"><strong>Maison du Dessin de Presse</strong><br />
Am 1. Juni 2019 feiert das Haus der Pressezeichnungen mit einem grossen Fest auf dem Casinoplatz in Morges sein 10-jähriges Jubiläum. An diesem Tag wird auch die neue Sommer- und Jubiläumsausstellung eröffnet: «Zeichnungen aus der Kelter – 100 Jahre André Paul», die sich Werken des Wahlwaatdländer Künstlers André Paul zur Welt der Reben und des Weines widmet. Zudem wird es eine Buchhandlung, Zeichnungskurse, Karikatur-Ateliers und Zeichnungsduelle geben. Das Haus der Pressezeichnung in Morges wurde 2009 gegründet mit dem Ziel, Schweizer Pressezeichnungen zu verteidigen. Pro Jahr finden dort drei bis vier Ausstellungen mit nationalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern zu unterschiedlichen Themen statt. Dabei werden nicht nur Pressezeichnungen, sondern auch Zeichnungen über die Gesellschaft ausgestellt. Am Ende des Jahres widmet sich die «rétrospective» jeweils einem Jahresrückblick in Form von Pressezeichnungen aus der ganzen Schweiz.</div>
<p><small>Bild: Eva Hirschi<br />
Zeichnung: Mix &amp; Remix zvg</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/05/28/pressezeichnungen-sind-nicht-braver-geworden-aber-vielleicht-weniger-scharfsinnig/">«Pressezeichnungen sind nicht braver geworden, aber vielleicht weniger scharfsinnig»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Konstruktiver Journalismus ist Teil unserer DNA geworden»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/01/22/konstruktiver-journalismus-ist-teil-unserer-dna-geworden/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2019/01/22/konstruktiver-journalismus-ist-teil-unserer-dna-geworden/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Jan 2019 13:46:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[konstruktiver Journalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Hype um den konstruktiven Journalismus ist zwar vorbei, aber in vielen Medien rund um die Welt hat er die Redaktionsarbeit verändert. Die MEDIENWOCHE hat sich in Genf an der 2. Global Constructive Journalism Conference in Genf umgehört. v.l.n.r.: Christophe Deloire (Reporter ohne Grenzen), Nick Wrenn (Facebook), Emma Tucker (The Times), Robert Roth (Geneva Academy <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/22/konstruktiver-journalismus-ist-teil-unserer-dna-geworden/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Hype um den konstruktiven Journalismus ist zwar vorbei, aber in vielen Medien rund um die Welt hat er die Redaktionsarbeit verändert. Die MEDIENWOCHE hat sich in Genf an der 2. Global Constructive Journalism Conference in Genf umgehört.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Constructive-Journalism-Converence_20190122a.jpg" alt="" width="1456" height="976" class="alignnone size-full wp-image-65500" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Constructive-Journalism-Converence_20190122a.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Constructive-Journalism-Converence_20190122a-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Constructive-Journalism-Converence_20190122a-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Constructive-Journalism-Converence_20190122a-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Constructive-Journalism-Converence_20190122a-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><small>v.l.n.r.: Christophe Deloire (Reporter ohne Grenzen), Nick Wrenn (Facebook), Emma Tucker (The Times), Robert Roth (Geneva Academy of International Humanitarian Law and Human Rights), Noel Curran (EBU)</small></p>
<p>«Während News-Journalismus über das Heute berichtet und investigativer Journalismus über das Gestern, geht es beim konstruktiven Journalismus um das Morgen!», erklärte Ulrik Haagerup an der zweiten globalen <a href="https://www.ebu.ch/events/2019/01/global-constructive-journalism-confer" rel="noopener" target="_blank">Konferenz über konstruktiven Journalismus</a> am Freitag in Genf. Der frühere Nachrichtenchef des dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat das Konzept des «konstruktiven Journalismus» in den letzten Jahren wieder populär gemacht. Erste Forderungen nach mehr lösungsorientiertem Journalismus wurden bereits nach Ende des zweiten Weltkriegs laut.</p>
<p>Gemäss dem Konzept des konstruktiven Journalismus sollen Nachrichten nicht nur aus Verbrechen, Terror, Kriegen, Naturkatastrophen und anderen Sensationen bestehen, sondern sich vermehrt mit Lösungsansätzen für Probleme befassen. Dabei geht es – im Gegensatz zum positiven Journalismus – nicht darum, sich auf positive statt negative Meldungen zu konzentrieren. Der Journalismus solle weiterhin seine gesellschaftliche Aufgabe als Wachhund und vierte Gewalt wahrnehmen können, jedoch gleichzeitig auf mögliche Lösungen hinweisen.</p>
<p>Mehrere Studien bestätigten, dass die Medienberichterstattung als überwiegend negativ und pessimistisch empfunden wird. <a href="https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/risj-review/news-avoidance-varies-greatly-country-country-why" rel="noopener" target="_blank">Eine vielzitierte Studie</a> von 2017 vom «Reuters Institute for the Study of Journalism» an der Universität Oxford zeigt, dass 48% der Befragten keine News mehr konsumierten, weil sich dies negativ auf ihre Stimmung auswirken würde; 37% sagten, sie trauten dem Inhalt nicht; 28% gaben an, sie könnten ja ohnehin nichts gegen all die Katastrophen tun. Die britische Tageszeitung The Times ist auf ähnliche Schlussfolgerungen gekommen.</p>
<p><H3>Emma Tucker, stellvertretende Chefredaktorin The Times:</H3> <em>«Unsere Artikel gehen in eine Richtung, die man durchaus konstruktiven Journalismus nennen könnte. Diese Herangehensweise ist aber organisch entstanden, aus den Bedürfnissen der Leserschaft. Wir liessen eine schwedische Firma eine tiefgehende Analyse unserer Online-Artikel machen. Sie hat untersucht, welche Themen mehr gelesen wurden als andere, bei welchen die Leserschaft länger online blieb, etc. Eine der Schlussfolgerungen war, dass die Leserschaft unsere Hintergrundartikel und unsere Expertise schätzen, und eben das, was man als konstruktiven Journalismus bezeichnen könnte, sprich lösungsorientierte Artikel. Bei solchen Themen war die Engagement-Rate der Leserschaft höher. So eine Herangehensweise ist jedoch nicht bei allen Artikeln möglich, etwa bei einem Gerichtsfall. Wir könnten aber schon noch weitergehen und noch öfter mögliche Lösungen präsentieren. Die Anwendung einer konstruktiven Herangehensweise wird bei unseren Redaktionssitzungen allerdings nicht explizit diskutiert, zumindest nennen wir es nicht so. Bei uns geschieht dies unbewusst.»</em></p>
<p>Mehrere Redaktionen in verschiedenen Ländern weltweit, hauptsächlich in Europa und in den USA, begannen ab 2012, sich mit diesem Konzept verstärkt auseinanderzusetzen. Es wurden teilweise Gefässe spezifisch für konstruktiven Journalismus entwickelt, etwa <a href="https://www.theguardian.com/world/series/the-upside" rel="noopener" target="_blank">«The Upside» vom «Guardian»</a> oder <a href="https://subscribe.washingtonpost.com/newsletters/#/bundle/optimist?noredirect=on" rel="noopener" target="_blank">«The Optimist» von der Washington Post</a>. Auch wurden Medien gegründet, die sich explizit dem konstruktiven Journalismus verschrieben, wie etwa <a href="https://decorrespondent.nl/" rel="noopener" target="_blank">«De Correspondent»</a> in Holland oder <a href="https://perspective-daily.de/" rel="noopener" target="_blank">«Perspective Daily»</a> in Deutschland.</p>
<p>So finden sich bei «Perspective Daily» beispielsweise Artikel, die aufzeigen, wie es mit der Wirtschaft auch ohne Wachstum weitergehen kann, wie unzufriedene Bürger die Bundesregierung legal und ohne Anwendung von Gewalt loswerden können, wie eine kranke Person komplett genest und wie ein Spital mit einer einfachen, nachahmbaren Methode hohe Kosten einsparen kann.</p>
<p>In einigen Ländern scheint die Herangehensweise mittels konstruktivem Journalismus bereits in den Redaktionsalltag eingeflossen zu sein. Gerade Nordeuropa nimmt eine Pionierrolle ein. So gab etwa die dänische Journalistin Tine Rud Seerup an der Konferenz in Genf einen Einblick in das konstruktive <a href="https://www.dr.dk/radio/p1/public-service" rel="noopener" target="_blank">Radioprogramm «Public Service» des dänischen Radios DR</a>, und Anne Lagercrantz erzählte der MEDIENWOCHE von der Vorgehensweise beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen Schwedens SVT.</p>
<p><H3>Anne Lagercrantz, Nachrichtenchefin SVT:</H3><em>«Bei SVT haben wir uns ziemlich früh mit lösungsorientiertem Journalismus befasst, im Rahmen einer Neuausrichtung unserer Strategie entstand unser Leitsatz: ‹Das ganze Bild darstellen›. Seit etwa zwei Jahren wenden wir nun konstruktiven Journalismus an, nicht bei allen Themen, aber dort wo es möglich ist. An den Redaktionssitzungen ist das nicht einmal mehr ein Thema, dieses Vorgehen ist bereits Teil unserer DNA geworden. Wir verpassen aber schon noch Themen, über die wir konstruktiv hätten berichten können. Es braucht Zeit, um die Kultur im Newsroom zu ändern. Wir haben dafür verschiedene Methoden. Wir evaluieren zum Beispiel jeden Tag, wie viele Beiträge in der Hauptausgabe unserer Nachrichtensendung konstruktiv waren und wie viele nicht. Wir haben kein quantitatives Ziel, aber wenn an einem Tag diese Zahl viel höher oder viel tiefer als am Vortag ist, dann diskutieren wir das und schauen weshalb. Es geht nicht darum, konkrete Ziele zu haben, wir haben eine ganze Palette an News-Kriterien, aber wir wollen dieses Konzept stets im Kopf behalten. Einige Redaktorinnen oder Redaktoren sind natürlich schon skeptisch, manche missverstehen es als positiven Journalismus, doch darum geht es nicht. Es soll genauso relevant, transparent und kritisch sein wie immer, und kein Marketing für irgendwelche Organisationen. Um die Redaktionskultur zu ändern, haben wir Treffen zwischen Journalisten und Zuschauern organisiert, wo sich jeweils zwei Personen zum Kaffee getroffen haben und die Journalistinnen und Journalisten zugehört haben, was die Erwartungen an SVT und den Journalismus sind, was stört oder was gewünscht wird. Das hat sicher geholfen, die Haltungen des Redaktionsteams zu ändern und zu einem besseren Verständnis unseres Publikums geführt – und eben gezeigt, dass oft ein konstruktiver Aspekt gewünscht wird.»</em></p>
<p>In Finnland entsteht derweil wiederum eine neue Spielart: conciliatory journalism, was man am ehesten mit Vermittlungsjournalismus übersetzen könnte. Heutzutage führe Journalismus zu einer Polarisierung der Gesellschaft, statt zwischen verschiedenen Meinungen zu vermitteln. Dies käme auch davon, dass Themen zugespitzt, Aussagen stark verkürzt oder falsch zitiert und irreführende Titel gesetzt würden, dies alles im Kampf um Aufmerksamkeit. Die Skepsis gegenüber Medienschaffenden wachse. Medien sollten jedoch viel eher eine Vertrauensbasis schaffen und einen Dialog zwischen verschieden denkenden Menschen anstossen, so dass die Debatte danach weitergeführt werden könne. In Zeiten der Polarisierung sei ein sozialverträglichen Journalismus wichtig, erklärte Noora Kettunen vom <a href="http://www.sopiva.org/" rel="noopener" target="_blank">Verein Sopiva</a> im Gespräch.</p>
<p><H3>Noora Kettunen, Journalistin und Kursleiterin:</H3><em>«Das Ziel von conciliatory journalism ist sicher ähnlich wie beim konstruktiven Journalismus, wir verwenden dafür aber bewusst Methoden der Vermittlung und der Mediation. Es beginnt schon bei der Themenwahl: Es geht darum, eine Fragestellung zu nehmen, die man nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten kann, denn solcher Journalismus führt zu einer höheren Polarisierung und zu Stereotypen. Zweitens sollte man sich fragen, wen man interviewt, also Menschen zu Wort kommen zu lassen, die nicht so oft angehört werden. Wir sind daran, einen Diversitätsmeter zu entwickeln, mit welchem wir zählen wollen, wie oft in finnischen Medien Frauen, wie oft Männer, wie oft Politiker, etc. zu Wort kommen. Drittens geht es darum, welche Fragen man stellt. Man sollte nicht nur fragen, was für eine Meinung eine Person hat, sondern auch warum und ob sie Beispiele geben kann. Oft hören Journalisten den Menschen gar nicht richtig zu und geben sich zufrieden, sobald sie das Statement haben, das sie erwarten. Vermittlungsjournalismus ist noch sehr neu in Finnland, wie auch die Diskussion über konstruktiven Journalismus, aber die Ziele sind sehr ähnlich. Mit unserem Verein bieten wir übrigens auch Workshops für konstruktiven Dialog an, nicht nur für Journalisten, sondern auch für Firmen oder Private. So haben wir sogar eine neue Einnahmequelle erschlossen.»</em></p>
<p>Geld war auch sonst an der Global Constructive Journalism Conference in Genf ein Thema. Konstruktiver Journalismus zahle sich durchaus aus, war man sich auf einem Podium einig. Der Westschweizer Journalist Serge Michel hatte während seiner Zeit bei der französischen Tageszeitung Le Monde einen Test mit zwei Artikeln zum gleichen Thema – die zu Hungersnot führende Trockenheit in Ostafrika – gemacht und eine Journalistin einen Nachrichtenartikel und einen konstruktiven Artikel mit möglichen Lösungsansätzen schreiben lassen. Er stellte fest: Der konstruktive Artikel hatte zu besonders vielen Neuabonnenten geführt, sogar zu den meisten für diesen Monat. Michel, der im Frühling das neue Online-Medium Heidi.news lanciert, ist überzeugt, dass Menschen viel eher bereit seien, für «nützliche» Medien zu zahlen.</p>
<p>David Bornstein, Co-Gründer und CEO des <a href="https://www.solutionsjournalism.org/" rel="noopener" target="_blank">Solutions Journalism Network</a>, zeigte dies anhand eines Beispiels auf: «In der USA sind Menschen nicht bereit, 50 Dollar für ein Zeitungsabonnement zu bezahlen – aber sie sind bereit, 60&#8217;000 Dollar für ein Studium auszugeben.» Wissen sei Macht, deshalb würden sie dafür bezahlen. Da Wissen also mehr Wert habe als Nachrichten, müssten sich die Medien dementsprechend wandeln. So könne man auch einfacher an Stiftungsgelder oder andere Sponsoren gelangen, sagte Bornstein.</p>
<p>Natürlich gibt es auch am konstruktiven Journalismus Kritik: Etwa, dass Journalisten zu Aktivisten verkommen könnten, oder – noch schlimmer – zu Promotern von netten Projekten. Auch beim «Guardian» musste Mark Rice-Oxley gegen solche Vorurteile ankämpfen. Er ist unter anderem verantwortlich für «The Upside», einer losen Serie von multimedialen, konstruktiven Beiträgen, die man durch einen wöchentlichen, kostenlosen Newsletter abonnieren kann. Im Gespräch erklärte er, wie er vorging.</p>
<p><H3>Mark Rice-Oxley, Verantwortlicher «The Upside» vom «Guardian»:</H3><em>«Am Anfang bin ich auf viel Skepsis gestossen, auch innerhalb der Redaktion. Viele dachten, wir würden nun einfach über schöne Medienmitteillungen berichten und so zu Sprachrohren von PR-Firmen werden. Es stimmt, dass ich solche PR-Mitteilungen erhalte. Ich lese sie auch. Aber ich schreibe nicht darüber! Ich benutze diese als Inspiration. Ein Beispiel: Eine Firma schreibt, sie hätte eine App zur Verbesserung der Ernte in Indien erfunden. Ich schaue mir daraufhin Ernteerträge in Indien genauer an, warum Ernten tief ist, wer was dagegen macht, ob es überhaupt möglich ist, mit einer einzigen App das Problem zu beheben, oder ob es auch andere Lösungen braucht, wie etwa bessere Strassen, mehr Dünger, oder sonst etwas. Vielleicht erwähne ich in diesem Artikel die App, vielleicht aber auch nicht. Aber sie dient mir als Ausgangslage. Warum wir unsere Artikel überhaupt als konstruktiven Journalismus deklarieren? Nun, wir wollten den Leser zeigen, was wir machen, dass es etwas Innovatives ist. Beim ‹Guardian› labeln wir viele unserer Artikel und machen oft Serien. Mein Ziel für ‹The Upside› ist aber, dass wir sie bald nicht mehr kennzeichnen müssen, sondern intrinsisch so arbeiten. Wenn es in weniger als drei Jahren ‹The Upside› nicht mehr gibt, dann ist das ein Erfolg – gibt es die Rubrik in drei Jahren immer noch, dann sind wir gescheitert.»</em></p>
<p>Und wie steht es um den konstruktiven Journalismus in der Schweiz? Auch hierzulande nahmen Medien das Konzept auf, allen voran der Tages-Anzeiger mit der <a href="https://www.tagesanzeiger.ch/Die-Loesung/story/24942352" rel="noopener" target="_blank">montäglichen Rubrik «Die Lösung»</a>, in welcher Beiträge zur Bewältigung sozialer, ökonomischer oder politischer Probleme publiziert wurden. Diese 2015 lancierte Serie wurde jedoch bereits 2016 beerdigt. Judith Wittwer, damalige Co-Leiterin der Rubrik und heutige Chefredaktorin des Tages-Anzeigers, schreibt auf Anfrage: «Konstruktive Lösungen und Ideen sind nicht an den Tag gebunden. Deshalb haben wir Ende 2016 entschieden, die wöchentliche Rubrik ‹Die Lösung› nicht mehr weiterzuführen, sondern uns täglich um lösungsorientierte journalistische Ansätze zu bemühen.» An der Konferenz in Genf gab der MEDIENWOCHE Titus Plattner, Reporter beim Recherchedesk und Senior Innovation Projekt Manager, einen kleinen Einblick in den Redaktionsalltag bei Tamedia.</p>
<p><H3>Titus Plattner, Reporter und Innovation-Manager Tamedia:</H3><em>«Abgesehen von diesem Experiment vor zwei Jahren, wenden wir in unserem Redaktionsalltag konstruktiven Journalismus kaum an, oder zumindest nicht auf eine systematische Art. Es ist aber ein sehr interessantes Konzept und wir überlegen uns sicher, ob wir nicht auch in diese Richtung gehen wollen. Ich glaube allerdings nicht an Einzelprojekte, konstruktiver Journalismus sollte nicht nur punktuell wie etwa in einer Rubrik oder Serie angewendet werden. Die grösste Herausforderung liegt meiner Meinung nach beim nötigen Kulturwandel in den Redaktionen, um neue Reflexe und Herangehensweisen zu entwickeln. Das wird nicht von einem auf den anderen Tag möglich sein. Indem wir bei einer Recherche auch positive Beispiele aufzeigen, könnten wir besser auf die Bedürfnisse der Leserschaft eingehen – wer will schon am Abend vor dem Einschlafen eine News-App öffnen, wenn dort nur negative, deprimierende Nachrichten erscheinen?»</em></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/22/konstruktiver-journalismus-ist-teil-unserer-dna-geworden/">«Konstruktiver Journalismus ist Teil unserer DNA geworden»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Johan Galtung: «Meine Theorie war nicht als Anleitung für die Berichterstattung gedacht!»</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Jan 2019 12:32:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Nachrichtenwert]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Johan Galtung macht sich Sorgen, denn der 88-jährige Vater der Nachrichtenwert-Theorie sieht sich falsch verstanden: «Das war nicht eine Anweisung, wie man Journalismus machen sollte, sondern eine Warnung, wie man ihn nicht machen sollte!» Die MEDIENWOCHE hat in Genf mit dem Politikwissenschaftler und Friedensforscher aus Norwegen gesprochen. Warum sprechen Medien von einem Attentat mit fünf <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/22/meine-theorie-war-nicht-als-anleitung-fuer-die-berichterstattung-gedacht/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/22/meine-theorie-war-nicht-als-anleitung-fuer-die-berichterstattung-gedacht/">Johan Galtung: «Meine Theorie war nicht als Anleitung für die Berichterstattung gedacht!»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Johan Galtung macht sich Sorgen, denn der 88-jährige Vater der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nachrichtenwert" rel="noopener" target="_blank">Nachrichtenwert-Theorie </a>sieht sich falsch verstanden: «Das war nicht eine Anweisung, wie man Journalismus machen sollte, sondern eine Warnung, wie man ihn nicht machen sollte!» Die MEDIENWOCHE hat in Genf mit dem Politikwissenschaftler und Friedensforscher aus Norwegen gesprochen.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Interview-Johan-Galtung_20190122.jpg" class="alignnone size-full wp-image-65464" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Interview-Johan-Galtung_20190122.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Interview-Johan-Galtung_20190122-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Interview-Johan-Galtung_20190122-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Interview-Johan-Galtung_20190122-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Interview-Johan-Galtung_20190122-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Warum sprechen Medien von einem Attentat mit fünf Toten in den USA, aber nicht von einem Attentat mit 500 Toten in Pakistan? Warum wird jeder Tweet von US-Präsident Trump analysiert, nicht aber vom luxemburgischen Premierminister Xavier Bettel? Warum wird über die Pariser Banlieues berichtet, in welchen Feuer gelegt und Scheiben eingeschlagen werden, aber nicht über die Banlieues mit der tiefsten Kriminalitätsrate? Seit Jahren beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Medienforscher mit den sogenannten Nachrichtenfaktoren und sind sich einig: Je berühmter die Person, je näher geografisch oder kulturell oder je negativer ein Ereignis ist, desto eher wird darüber berichtet.</p>
<p>Die norwegischen Soziologen Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge gelten als Begründer der Nachrichtenwert-Theorie und zeigten 1965 in der Studie <a href="http://www.archivio.formazione.unimib.it/DATA/Insegnamenti/11_2423/materiale/aa_2015-2016_galtung-ruge-newsvalues.pdf" rel="noopener" target="_blank">«The Structure of Foreign News»</a> auf, was den Wert einer Nachricht bestimmt. Dafür hatten sie die Repräsentierung der Krisen im Kongo, in Kuba und in Zypern in vier norwegischen Zeitungen analysiert und untersucht, welche Faktoren dazu geführt hatten, dass über diese Krisen berichtet wurde. Unter den insgesamt zwölf Faktoren befinden sich etwa die Intensität eines Ereignisses, die kulturelle Betroffenheit oder die Unvorhersehbarkeit, aber auch Faktoren wie ein Bezug zu führenden Nationen und Persönlichkeiten («Elitenationen» und «Elitepersonen»), die Personalisierung oder die Negativität eines Ereignisses.</p>
<blockquote><p>«Meine Theorie war eine Warnung, wie man es nicht machen sollte!»</p>
</blockquote>
<p>Auch wenn diese Nachrichtenwert-Theorie in die Jahre gekommen ist und Kritiker die Liste von Galtung und Ruge inzwischen um andere Faktoren erweitert haben – wer Journalismus oder Kommunikationswissenschaften studiert hat, dürfte an ihr dennoch nicht vorbeigekommen sein. Nur: Sie wird oft missverstanden. Dies stellte Galtung am Freitag am Graduate Institute in Genf an einer Konferenz über konstruktiven Journalismus richtig: «Das war nicht eine Anweisung, wie man Journalismus machen sollte, sondern eine Warnung, wie man ihn nicht machen sollte!» Liest man seine Studie, steht am Ende: «Deshalb besteht zusätzlicher Bedarf für eine breiter gefächerte Berichterstattung im Einvernehmen mit diesen Prinzipien.»</p>
<p>Galtung findet: Medien würden sich zu stark auf Faktoren wie Negativität und Prominenz fixieren. Dies hätte unter anderem auch zu einem «Flughafen-Journalismus» geführt: «Alle berichten darüber, wie wichtige Menschen in ein Flugzeug ein- und wieder aussteigen, ohne Kontext. Das kann ich nicht verstehen, damit degradieren sich Medienschaffende ja selbst, wie sie da vor dem Flugzeug warten, nur um ein paar Schritte einer bestimmten Person zu sehen.» Einen Mehrwert sehe er darin nicht. Er findet hingegen: «Newspapers sollten gleichzeitig auch oldpapers sein, also nicht nur die Neuigkeiten des Tages, sondern auch die ‹Altigkeiten› des Tages beinhalten. Neuigkeiten sprechen von gestern, ‹Altigkeiten› sprechen von heute.» Was Galtung damit sagen will: Medien sollten mehr voraussichtlich denken und mehr Lösungsansätze beinhalten. «Man sollte nicht nur sagen, was ist, sondern sich fragen: Was nun?»</p>
<blockquote><p>«Im Westen wird Konflikt mit Gewalt gleichgestellt. Dabei haben wir ein eigenes Wort für Gewalt: Gewalt.»</p>
</blockquote>
<p>Aus der Medien- und Kommunikationswissenschaft kommt Galtung allerdings nicht. Der 88-Jährige gilt als Gründungsvater der Friedens- und Konfliktforschung. Auch in diesem Bereich kritisiert er den Journalismus. Übermässig oft würden diese das Wort «Konflikt» verwenden. «Im Westen wird Konflikt mit Gewalt gleichgestellt. Dabei haben wir ein eigenes Wort für Gewalt: Gewalt. Und wenn es um Staaten geht, dann nennen wir das Krieg.»</p>
<p>Als Journalistin oder Journalist müsse man versuchen, die Natur eines Konflikts zu verstehen: «Was ist ein Konflikt? Wenn unterschiedliche Ziele aufeinandertreffen. Und wie löst man einen Konflikt? Indem wir die Ziele miteinander vereinbar machen. Wichtig ist es, mit allen Parteien zu sprechen. Nicht nur mit zwei. Das ist auch so ein Problem der englischen Sprache, wir sagen immer ‹on one hand, on the other hand›, aber es kann vorkommen, dass es mehr als zwei Parteien gibt.»</p>
<p>In der Friedensförderung und Vermittlung sei der Dialog grundlegend. Das gleiche gelte für Medienschaffende. «Fragt die verschiedenen Parteien, was sie wollen. Und wie sie dies rechtfertigen – auf legaler Ebene, was Menschenrechte angeht, was Grundbedürfnisse betrifft.» Erst dann könne man einen Kompromiss finden. «Ein Dialog ist aber keine Debatte. Bei einer Debatte beendet man den Satz mit einem Ausrufezeichen. Bei einem Dialog mit einem Fragezeichen. Journalisten sollten versuchen, ihre Sätze öfters mal mit einem Fragezeichen zu beenden.»</p>
<blockquote><p>«Ich muss in der New York Times nicht die Nachrichten lesen, weil sie Meinungen sind. Aber ich lese die Meinungen in der New York Times, und manchmal finde ich darin Nachrichten.»</p>
</blockquote>
<p>Am Schluss seiner Rede stellte ihm der Moderator ein paar Fragen, unter anderem, welche Nachrichten er denn heute lese. Galtung musste überlegen. «Ich lese nicht mehr viele Nachrichten», meint er. «Lesen Sie nicht die New York Times?», versuchte der Moderator ihm eine Antwort zu entlocken. «Ich muss in der New York Times nicht die Nachrichten lesen, weil sie Meinungen sind. Aber ich lese die Meinungen in der New York Times, und manchmal finde ich darin Nachrichten.» Eigentlich lese er gerne polynesische Medien, sagte Galtung, denn es sei interessant zu beobachten, was in dieser Inselregion im Sandwich zwischen Asien und Amerika vom ganzen internationalen Geschehen als berichtenswert angesehen werde und was nicht.</p>
<h3>Drei Fragen an Johan Galtung:</h3>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Herr Galtung, worin sehen Sie die Rolle der Medien?</p>
</div><div class="answer"><h4>Johan Galtung:</h4> <p>Johan Galtung: Zu berichten und dabei ein akkurates Bild zu zeichnen. Und in die Tiefe zu gehen. Was mich stört, ist die Negativität. Das Positive sollte man als Journalist nicht aussen vorlassen. Es braucht beides. Die Menschen werden bombardiert mit negativen Schlagzeilen, das macht sie passiv, das hinterlässt ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht, dann wollen sie sich schützen. Was könnte schlimmer sein für eine Demokratie?</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Nachrichtenchefs entscheiden als sogenannte «Gatekeeper», worüber die Medien berichten und worüber nicht. Worin sehen Sie die Rolle eines Nachrichtenchefs?</p>
</div><div class="answer"><h4>Johan Galtung:</h4> <p>Der Knackpunkt ist der Abendredaktor. Am Tag läuft viel, doch der Abschlussredaktor hat das letzte Wort. Aber ich traue diesen Abendredaktoren nicht, das sind düstere Gestalten. Der Dienstredaktor sieht wenigstens noch das Tageslicht. Aber Abendredaktoren sollten alle in einer Reihe aufgestellt und boykottiert werden (lacht). Im Ernst: Bei der Wahl des Abschlussredaktors wäre ich sehr, sehr vorsichtig.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Sie haben Nachrichtenfaktoren definiert, sagen aber, dass diese nicht als Richtlinie verstanden werden sollten, wie zu berichten sei. Auf welche Kriterien sollten sich Medien bei der Nachrichtenselektion Ihrer Meinung nach stützen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Johan Galtung:</h4> <p>Auf diese Kriterien zwar, aber genauso auf ihr Gegenteil. Über Elitepersonen wie auch über unbekannte Personen, über Negatives wie auch über Positives und so weiter. Ausserdem sollte man als Journalist nicht nur sagen, was ist, sondern auch, welche Struktur darunter liegt. Gewisse Machtstrukturen nahmen wir lange Zeit als selbstverständlich an, etwa während des Kolonialismus, das ging bis in die 1930er-Jahre so. Über die Struktur des Kolonialismus selbst schrieben die Medien von damals aber nicht. Dabei hätte man auch Positives und Konstruktives über kleine Staaten in Afrika berichten können, über die Menschen dort.</p>
</div></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/22/meine-theorie-war-nicht-als-anleitung-fuer-die-berichterstattung-gedacht/">Johan Galtung: «Meine Theorie war nicht als Anleitung für die Berichterstattung gedacht!»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>«Wir sehen uns eigentlich konkurrenzlos, unser Konzept gibt es so noch nicht.»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/01/10/wir-sehen-uns-eigentlich-konkurrenzlos-unser-konzept-gibt-es-so-noch-nicht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Jan 2019 13:16:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Heidi.news]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Heidi.news will hoch hinaus. Das Genfer Start-up zielt mit seinem Mix aus Themen-Dossiers und aufwändigen Multimedia-Reportagen auf ein internationales Publikum. Mit Startinvestoren und ohne Crowdfunding sucht das Team um das Westschweizer Journalismus-Urgestein Serge Michel und Ex-Edipresse-CEO Tibère Adler nach Abonnentinnen und Abonnenten, die 160 Franken zu zahlen bereit sind pro Jahr. Die MEDIENWOCHE hat Michel <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/10/wir-sehen-uns-eigentlich-konkurrenzlos-unser-konzept-gibt-es-so-noch-nicht/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Heidi.news will hoch hinaus. Das Genfer Start-up zielt mit seinem Mix aus Themen-Dossiers und aufwändigen Multimedia-Reportagen auf ein internationales Publikum. Mit Startinvestoren und ohne Crowdfunding sucht das Team um das Westschweizer Journalismus-Urgestein Serge Michel und Ex-Edipresse-CEO Tibère Adler nach Abonnentinnen und Abonnenten, die 160 Franken zu zahlen bereit sind pro Jahr. Die MEDIENWOCHE hat Michel gefragt, wie sie das erreichen wollen.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-65321 size-large" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/004_serge-michel_P2A0176b-1024x686.jpg" alt="" width="1024" height="686" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/004_serge-michel_P2A0176b-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/004_serge-michel_P2A0176b-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/004_serge-michel_P2A0176b-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/004_serge-michel_P2A0176b-470x315.jpg 470w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/004_serge-michel_P2A0176b.jpg 1456w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><br />
<div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p><a href="https://www.heidi.news/" target="_blank" rel="noopener">Heidi.news</a>, das klingt für mich nach einem Projekt aus den Bergen, etwas alt, konservativ, deutschschweizerisch. Wieso dieser Name?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Ehrlich gesagt war der Name am Anfang nur als Witz gedacht, als Arbeitstitel, doch dann haben wir uns in diesen zwei Jahren schliesslich so daran gewöhnt, dass wir ihn behalten haben. Zudem kann der Name auch für die englische Abkürzung HD – High Definition – stehen, was unseren Präzisionsjournalismus umschreiben soll. Ausserdem ist die Geschichte von Heidi nach wie vor aktuell: Sie steht für die Rückkehr zur Natur, zu den ursprünglichen Werten, sie zeigt den Kontrast zwischen Dörfli und Industriestadt, zwischen Tradition und Moderne. Ich finde, der Name passt gut.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Zu Beginn werden Sie sich auf die Themen Wissenschaft und Gesundheit konzentrieren. Warum ausgerechnet diese Themen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Zum einen sind dies Themen, bei denen präzise, verifizierte Informationen grundlegend sind und die von den traditionellen Medien in den letzten Jahren vernachlässigt wurden. Zum anderen besteht für diese Themen eine klare Nachfrage, von der breiten Öffentlichkeit aber auch von der Forschungswelt. Allein in der Romandie gibt es dank der EPFL, dem CERN und vielen Unternehmen im Gesundheits- und Wissenschaftsbereich ein grosses potentielles Zielpublikum – man sagt, die Romandie sei das «health valley» der Schweiz. Wir wollen aber nicht nur Professoren und Ärzte ansprechen, wir wollen nicht als Branchenmagazin wahrgenommen werden.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wie werden Sie diesen Spagat zwischen breiter Öffentlichkeit und wissenschaftlicher Community hinkriegen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Wir wollen beide Zielgruppen gleichzeitig erreichen. Unsere Artikel sollen sehr präzis und hintergründig sein, aber die wissenschaftlichen Themen so behandeln, dass sie alle verstehen können. Es ist uns wichtig, dass wir als «nützliches» Medium wahrgenommen werden. Unser Ziel ist es, eine hochwertige Leserschaft anzusprechen, die anspruchsvoll ist und der «20 Minuten» nicht genügt.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Welche weiteren Themen werden später hinzukommen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Das Ziel ist, im Schnitt etwa alle sechs Monate ein neues Thema hinzuzufügen, zum Beispiel Kultur, Rechtswesen, Finanzen oder Ähnliches. Damit werden wir jeweils auch immer wieder eine neue Zielgruppe anlocken können, die sich für dieses eine Thema interessiert. So kann unser Medium stetig wachsen.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wie wird Ihr neues Medium konkret aussehen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Es wird zwei Formate geben, den Feed («flux») und die Erkundung («exploration»). Jeder Feed verfolgt ein eigenes Thema, am Anfang starten wir also mit zwei, Gesundheit und Wissenschaft. Dort werden wir News kuratieren. Ein Team wird jeweils zuerst die Neuigkeit kurz zusammenfassen, danach folgt ein einordnender Abschnitt darüber, warum dies wichtig ist, und am Schluss kann man noch weitere Informationen in Form von Bulletpoints lesen. So kann man sich bei uns über ein Thema auf dem Laufenden halten. Bei den «Erkundungen» geht es darum, jeden Monat ein spezifisches Thema anhand einer grossen Reportage sehr tiefgehend und multimedial zu behandeln, sprich mit Text, Bilder, Videos, Quiz etc. Dies aber nicht in ellenlangen Texten wie bei der «Republik», sondern aufgeteilt in kleinere Texte, die als Serie über zwei oder drei Monate laufen. Fast ein bisschen wie Netflix. Ein Thema ist beispielsweise die Revolution der Toiletten, wofür wir einen Reporter nach Indien, China, Afrika und Dübendorf geschickt haben. Jede Episode wird in sich Sinn machen und einen unterschiedlichen Aspekt des Themas beleuchten, aber soll so gut sein, dass man all die anderen Teile der Serie auch lesen will. Das ist eigentlich ein altes Rezept, insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden grosse Reportagen als Serien publiziert.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wenn das ein altes Rezept ist, was ist dann das Innovative an Heidi.news?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Wir wollen nicht innovieren, um zu innovieren. Ich finde aber, dass unser gesamtes Konzept an sich innovativ ist, das gibt es bisher nicht. Auch werden Sie mehrere Überraschungen finden, die ich aber noch nicht verraten kann. Zudem wollen wir keine top-down Herangehensweise, sondern wir wollen die Leserschaft miteinbeziehen. Am Ende einer grossen Reportage werden wir jeweils alle Episoden zusammen in einem Magazin abdrucken sowie das Thema mit einer Veranstaltung beenden. Uns ist es wichtig, eine Beziehung zur Leserschaft aufzubauen.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Dort setzen Sie auch an, Sie wollen auf Werbung verzichten, sondern das Magazin über die Leserschaft finanzieren. Wie genau sieht Ihr Businessmodel aus?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Der Grossteil, so zwischen 70 und 80 Prozent, wird von der Leserschaft getragen, ja. Der jeweilige Anfangsteil einer News wird gratis zugänglich sein. Wir werden auch Partnerschaften eingehen, zum Beispiel mit Stiftungen, denen es ein Anliegen ist, Wissenschaft populär zu vermitteln. Wir werden aber darauf achten, dass es zu keinem Interessenkonflikt kommt.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wie stehen Sie eigentlich zur Medienförderung?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>
Ich bin gegen Subventionen des Staats, die Unabhängigkeit zur Politik sicherzustellen ist zu schwierig. Ich glaube viel eher an eine private philanthropische Haltung und dass wir Unterstützung erhalten, weil Medien wichtig für die Demokratie sind. Die philanthropische Haltung hat sich auch bei Stiftungen verändert – früher haben Stiftungen vor allem kulturelle und soziale Projekte unterstützt. Jetzt aber erhalten auch immer mehr Medien Unterstützung, das sieht man ja in den USA. Ich habe zum Beispiel für Le Monde mehrere Projekte mit der Bill &amp; Melinda Gates Foundation entwickelt. Die Menschen werden sich bewusst, dass auch Medien ein Kulturgut sind, das man schützen muss.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Warum haben Sie kein Crowdfunding gemacht wie «Bon pour la tête» oder die «Republik»?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Wir wollten Heidi.news nicht vom Erfolg des Crowdfunding abhängig machen – erreicht man das Ziel nicht, dann wird das Projekt ja nicht realisiert. Wir wollten aber so oder so starten, weil wir daran glauben. Wir haben nun ein Startkapital von einer Million Franken zusammengetragen, welches von zehn Gründungsmitgliedern sowie von zehn privaten Investorinnen und Investoren stammt. Diese zehn Privatpersonen haben je nicht mehr als 1% der Aktien gekauft. Es stehen also nicht finanzielle Überlegungen im Vordergrund, sondern ihnen allen liegt tiefgründiger Qualitätsjournalismus und Unabhängigkeit der Redaktion am Herzen. Wir sind daran abzuklären, ob sie anonym bleiben oder mit Namen auftreten wollen.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Seit November kann man «Vor-Abonnements» kaufen. Das erste Ziel liegt bei 2000 Abonnenten bis zum Start im Frühling. Wie viele Abonnements müssen Sie langfristig verkaufen, um rentabel zu sein?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Unser Erfolg hängt nicht so sehr von diesen 2000 Abonnements ab, das ist mehr wie eine Testphase, in welcher wir nun seit November regelmässig einen Newsletter versenden, worauf die Leserschaft auch Feedback geben kann. Unser erstes Etappenziel ist es, in drei Jahren sechs Themen-Feeds anbieten zu können. Das ist aber nur ein erster Meilenstein eines viel ambitionierteren Projekts.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wird es Heidi.news deshalb auch auf Englisch geben?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Ja, auf Englisch setzen wir bewusst aus dem Grund, weil es viele englischsprachige Personen in der Romandie gibt, und um schnell einmal ins Ausland expandieren zu können. Der Westschweizer Markt ist zu klein. Wir wollen aber – und deshalb auch der schweizerische Name – klar ein Schweizer Medium bleiben, sprich ein Produkt von hoher Qualität, das aber auch im Ausland gekauft wird, so wie etwa unsere Uhren oder unsere Präzisionsmaschinen. Wir werden aber kein durchgehend zweisprachiges Medium sein. Wenn der Journalist oder die Journalistin Französisch schreibt, wird der Artikel auf Französisch erscheinen und nicht auf Englisch übersetzt. Dasselbe gilt umgekehrt auch für Beiträge von englischsprachigen Autorinnen und Autoren.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wie sieht Ihr Redaktionsteam aus?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Wir starten mit einem <a href="https://www.heidi.news/team" target="_blank" rel="noopener">Dutzend Personen</a>, darunter einige Teilzeitanstellungen, insgesamt entspricht es ungefähr zehn Vollzeitstellen. Tibère Adler ist der Verleger und ich der Chefredaktor. Dann wird es jeweils eine verantwortliche Person für Social Media, Video, Redaktion und Business geben. Jeder News-Feed wird relativ autonom arbeiten, mit einem Leiter oder einer Leiterin, einem Senior, einem Junior sowie Praktikanten. Um die Qualität sicherzustellen, wird jeder Feed einen Beirat zur Seite haben, welcher Feedback und Inputs liefert und aus Fachpersonen der jeweiligen Branche besteht. Die Redaktion bleibt aber selbstverständlich unabhängig. Für die grossen Reportagen arbeiten wir mit Freelancern zusammen. Da dies sehr grosse Aufträge sind, kommt das jeweils ungefähr einer auf zwei, drei Monate befristeten Stelle gleich.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Sie haben den Medienwandel aus nächster Nähe miterlebt, Sie verfügen über fast dreissig Jahre Erfahrung in der Medienbranche, haben für Le Nouveau Quotidien, l’Hebdo, Le Figaro, Le Temps, und am Schluss bei Le Monde in Paris gearbeitet. Wie haben sich die Medien verändert?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Fast die Hälfte der Zeitungen, für die ich gearbeitet habe, gibt es heute nicht mehr: le Journal de Genève, le Nouveau Quotidien und l’Hebdo. Im Ernst: Diese Situation beunruhigt mich. Während eines halben Jahrhunderts, von 1950 bis 2000, ging es den Medien sehr gut. Als dann das Internet aufkam und die Medien an einem Wendepunkt standen, haben die Verleger aus meiner Sicht völlig falsch gehandelt. Statt in das Kerngeschäft zu investieren und noch besseren Journalismus zu machen, haben sie sich diversifiziert und Geld in E-Commerce-Projekte gesteckt, die sehr weit vom Journalismus entfernt sind. Dadurch haben sie ihren Schatz, ihren einzigen Mehrwert, vernachlässigt, statt auf ihn zu vertrauen. Um anschliessend die Defizite zu limitieren, wurde erneut wieder nur an die Kosten gedacht, nicht aber an die Qualität. Das bereitet mir Sorgen und das war der Grund, weshalb ich mit Tibère Adler Heidi.news lancieren wollte.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wo positionieren Sie sich in der Medienlandschaft der Westschweiz? Sind Sie ein Konkurrent für die Tageszeitung «Le Temps»?</p>
</div><div class="answer"><h4>Serge Michel:</h4> <p>Wir sehen uns eigentlich konkurrenzlos, unser Konzept gibt es so noch nicht. Wir sind auch nicht eine Westschweizer Version der «Republik». Vielleicht werden wir ja eines Tages ein Konkurrent für die Financial Times (lacht).</p>
</div></p>
<div style="margin: 4%; border: solid; border-width: 1px; border-color: #cccccc; padding: 4%;">
<p class="Text"><span style="font-size: 15px;"><br />
<strong>Zur Person:</strong><br />
Serge Michel wurde 1969 in Yverdon-les-Bains geboren. Nach dem Studium in Politikwissenschaften und internationalen Beziehungen in Genf begann er als freier Journalist für die damalige Tageszeitung Journal de Genève zu arbeiten, welche 1998 mit Nouveau Quotidien zu Le Temps fusionierte. Michel arbeitete während mehreren Jahren als Korrespondent aus Zürich sowie aus dem Iran, dem Balkan und aus Westafrika, unter anderem auch für französische Medien wie Le Figaro und Le Monde. Er ist Co-Autor von Büchern über diese Regionen. Während seiner Zeit beim Magazin L’Hebdo gründete er 2005 den <a href="https://www.bondyblog.fr/" target="_blank" rel="noopener">Bondy-Blog in der Banlieue von Paris</a>, welcher vor Ort über die damaligen Unruhen berichtete. Nach einer Station als stellvertretender Chefredaktor von Le Temps, arbeitete er die letzten sieben Jahren in Paris für Le Monde, zunächst als stellvertretender Chefredaktor und danach als Reporter sowie als Gründer und Chefredaktor von Le Monde Afrique.</span></p>
</div>
<p>Bild: Nicolas Lieber/zvg</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/10/wir-sehen-uns-eigentlich-konkurrenzlos-unser-konzept-gibt-es-so-noch-nicht/">«Wir sehen uns eigentlich konkurrenzlos, unser Konzept gibt es so noch nicht.»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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