AUF DEM RADAR

Keine Rettung, kein Plan, keine Wahrheit, keine Zeit

Übertriebene Hoffnungen in journalistische Startups

Ernüchternde Bilanz einer aktuellen Studie zu Startups als journalistische Innovatoren: Bestenfalls schafften sie es in Nischen neue Akzente zu setzen. Aber «je mehr sich die Berichterstattung eines Medien-Start-ups an die Gesamtgesellschaft richtet, desto schwerer fällt das Geldverdienen» mit Journalismus, schreibt Studienautor Christopher Buschow. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Positiv sieht Buschow Project R. Das Schweizer Startup, das ab 2018 das Online-Magazin «Die Republik» herausgeben will, gehe die Gründung geschickter an als andere.

«Spiegel Daily»: war da was?

Offizielle Zahlen zu «Spiegel Daily», der digitalen Abendzeitung des «Spiegel», gibt es weiterhin keine. Gut sichtbar sind hingegen die Social-Media-Aktivitäten. Und die sind praktisch inexistent. Als Marke konnte sich die Neugründung bisher nicht etablieren. Christian Jakubetz wirft die naheliegenden Fragen auf, die auch gleich die Antworten liefern zum bisherigen Misserfolg: Wenn es schon Spiegel Online und den Spiegel gibt, warum dann noch «Spiegel Daily»? Warum ab 17 Uhr für etwas bezahlen, was es gefühlt den ganzen Tag kostenlos gibt?

Merkel-Fakes auf Facebook hoch im Kurs

Vor den Bundestagswahlen im September ein bedenklicher Befund: 7 der 10 erfolgreichsten Artikel über Angela Merkel auf Facebook sind erfundene Geschichten. Buzzfeed hat dazu alle Artikel über die deutsche Bundeskanzlerin der letzten fünf Jahre auf Facebook ausgewertet. Erfolgreichster Beitrag war ein Video mit der erfundenen Aussage Merkels, wonach Deutsche Ausländergewalt akzeptieren müssten. Veröffentlicht wurde das Machwerk auf dem katholisch-fundamentalistischen Portal gloria.tv, das seine Wurzeln im Bündner Oberland hat.

Zeitfresser Push-Meldungen

Push-Meldungen sind nicht zum Wohle der Nutzer gemacht. Sie dienen einzige Marken und Medien, die Aufmerksamkeit auf ihre Produkte zu lenken. Der drastische Vergleich mit der physischen Warenwelt: «Einer App zu erlauben, Benachrichtigungen zu versenden, ist, als würde man Verkäufern erlauben, einen am Ohr in den Laden zu ziehen.» Wer möchte das schon. Darum: ausschalten und die gewonnene Zeit geniessen.

Weitere Beiträge dieser Woche

Korruptes Malta, ARD ohne «Das Erste», Fake-News 2020, Social-Schleichwerbung

Malta: Journalistin ermordet nach Aufdeckung von Korruptionsskandal

Sie löste mit ihren Recherchen den grössten Polit- und Wirtschaftsskandal im Inselstaat Malta aus. Jetzt ist Daphne Caruana Galizia tot. Die Bloggerin und Journalistin wurde gestern Nachmittag mit einer Autobombe ermordet. Im Mai schrieb Tages-Anzeiger-Korrespondent Oliver Meiler ausführlich über diesen «Politthriller, wie er selbst in der skandalerprobten Geschichte ihrer stets zerrissenen Politik noch nicht vorgekommen ist.» Die Korruptionsvorwürfe an Spitzenpolitiker wogen so schwer, dass Maltas Premier – selber ein früherer TV-Journalist – Neuwahlen ausrufen musste. Am Anfang des Skandals standen die Veröffentlichungen von Daphne Caruana Galizia. Ihre Arbeit hat sie nun wohl mit dem Leben bezahlt. Über die Täterschaft ist bisher noch nichts bekannt.

ARD unter Druck: «Das Erste» soll verschwinden, ZDF reicht

In der Debatte um die Zukunft des öffentlichen Rundfunks in Deutschland liegt ein weiterer Vorschlag auf dem Tisch Rainer Robra (CDU), für Medien zuständiger Minister in Sachsen-Anhalt, schlägt die Auflösung von «Das Erste» vor – und damit auch der «Tagesschau». Die ARD solle sich auf ihre regionalen Inhalte konzentrieren. Als nationales Programm reiche das ZDF.

In der Fake-News-Hauptsadt bereitet man sich auf die US-Wahlen 2020 vor

Im letzten US-Präsidentschaftswahlkampf kursierten unzählige Falschmeldungen auf zweifelhaften Onlineportalen, die dank Social Media eine beträchtliche Reichweite fanden. Ein Teil davon stammte aus Mazedonien, von wo aus eine regelrechte Industrie den US-Medienmarkt mit Fake News versorgte. Isa Soares hat für CNN Money das Städtchen Veles besucht, wo die zentralen Figuren sitzen. Aus ihren Aussagen wird klar: In Mazedonien bereitet man sich bereits auf den US-Wahlkampf 2020 vor.

Täuschung ist Programm: Schleichwerbung auf Social Media

Eigentlich würde ein klarer Hinweis reichen. «Der Konsument müsste auf den ersten Blick sehen können, dass es sich hier um Werbung handelt», sagt Thomas Meier von der Schweizerischen Lauterkeitskommission. Aber genau das fehlt in vielen Fällen. Auf Social Media findet sich vermehrt undeklarierte Werbung, Schleichwerbung also. Und die ist illegal. Die Branche setzt auf Selbstregulierung und erarbeitet dazu einen Verhaltenskodex. In Deutschland dagegen werden Schleichwerber schon mal vor Gericht gebracht und gebüsst.

Franzen über Kraus, Social-Media-Maulkorb, «Ultras» als Freiwild, Multitasking für die Untertitel

Jonathan Franzen über die Aktualität von Karl Kraus

Der Schriftsteller Jonathan Franzen teilt die Technologie-Skepsis von Karl Kraus und zieht Parallelen vom damaligen Fortschrittsglauben zur heutigen Zeit: «Das Problem ist heute dasselbe wie vor hundert Jahren: die Schmalspurigkeit der Gehirne, welche die Technologie nutzen. Nur dass die Technologien heute wesentlich mächtiger sind als zu Kraus’ Zeiten.» Als eine Folge davon sieht Franzen auch den Journalismus bedroht. Darum müssten wir «lernen, lebenswichtige gesellschaftliche Dienstleistungen wie den professionellen Journalismus zu unterstützen, statt sie zu zerstören.»

Social-Media-Maulkorb für New-York-Times-Journalisten

In einem internen Memo fordert Dean Baquet, Chefredaktor der New York Times, seine Mitarbeitenden zu grösster Zurückhaltung auf mit politischen Äusserungen auf Social Media. Persönliche Meinungsäusserungen hätten zu unterbleiben, weil dies der Glaubwürdigkeit der Zeitung schaden könnte. David Uberti findet dies ein heikles Vorgehen und kritisiert auf «Splinter», dass damit auch legitime Kritik, etwa an Präsident Trump, unterminiert werde. Ihn als «inkompetent» oder als «Lügner» zu bezeichnen, seien mit Fakten belegbare Aussagen und müssten auch weiterhin möglich sein.

Fussballjournalismus: Angriff auf die «Ultras»

Der gemeine «Ultra» ist ein glühender Anhänger einer Sportmannschaft. Mit glühenden Fackeln hingegen hantieren nur die wenigsten dieser eingefleischten Fans. Und dennoch dominieren Bilder von Fackelmeeren in den Kurven die Berichterstattung über «Ultras». Am Beispiel Hannover zeigen Daniel Bouhs und Andrej Reisin im Medienmagazin «Zapp», wie eine Verquickung von Medien und Polizei ein «Ultra»-feindliches Klima anheizen können, das mit der Stimmung im Stadion oft nichts mehr zu tun hat.

So kommen Untertitel in Echtzeit auf den TV-Bildschirm

Im Rahmen der Publikumswoche bei Schweizer Radio und Fernsehen SRF gab es auch einen Einblick in eine der wohl anspruchsvollsten Tätigkeiten in der TV-Produktion: die Simultan-Untertitelung. Die Dolmetscherin spricht in Echtzeit die Aussagen der Protagonisten in Hochsprache nach, da die Spracherkennungssoftware keinen Dialekt versteht. Was sie sagt, erscheint dann mit nur geringer Verzögerung zum Gesagten als Untertitel auf dem Bildschirm. Die porträtierte Übersetzerin nennt denn auch als Grundvoraussetzung für ihren Job eine «gewisse Veranlagung zum Multitasking».

SRF vs. No Billag, besserer Lokaljournalismus, der falsche Attentäter, Blindtexthumor

So wappnet sich das Schweizer Fernsehen gegen «No Billag»

Die Situation ist delikat: Obwohl das Schweizer Fernsehen SRF von einer Abschaffung der Gebühren bei einer allfälligen Annahme der «No Billag»-Initiative direkt betroffen wäre, kann es keine direkte Kampagne gegen das Vorhaben führen, weil die Verpflichtung zur journalistischen Unabhängigkeit dies verbietet. Was tun also? SRF versucht mit Transparenz und Dialog dem zahlenden Publikum zu vermitteln, wofür der Sender steht und was die Zuschauer verlieren würden, wenn das aktuelle Programm nicht mehr finanziert werden könnte. Aline Wanner bietet in der «Zeit» einen Einblick in das vielfältige Transparenzbemühen des Schweizer Fernsehens.

Gegen Mittelmass im Lokaljournalismus

«An zu vielen Orten in Deutschland ist das, was in der Zeitung steht, irgendetwas mit Wörtern, aber kein Journalismus.» Das gilt auch und besonders für den Lokaljournalismus, weiss Benjamin Piel. Der Chefredaktor der Elbe-Jeetzel-Zeitung setzt sich mit einem fulminanten Plädoyer in der «Zeit» für einen besseren Lokaljournalismus ein. Er weiss auch, woran das Genre krankt: Es sind die Termine, von denen sich die lokale Berichterstattung zu stark leiten lässt: «Redaktionen, die von Termin zu Termin hetzen, hetzen von einer Mittelmäßigkeit in die nächste. Denn es bleibt kein Platz für eine intensive Recherche, für eine ausgefeilte Dramaturgie, für eine Formulierung mit doppeltem Boden oder einen Kommentar, der sich gewaschen hat.»

Zweierlei Ellen: Terrorist ist nicht gleich Terrorist

Vor einer Woche entging der Flughafen von Asheville in North Carolina (USA) einem blutigen Anschlag. Ein Attentäter deponierte im Eingangsbereich eine Tasche mit einem aus Ammoniumnitrat und Schweröl zusammengebastelten Sprengsatz, der eine verheerende Wirkung entfaltet hätte, wenn er nicht rechtzeitig entdeckt und entschärft worden wäre. Das berichtet die Lokalzeitung Citizen Times. Schlagzeilen in den nationalen Medien gab es keine, grosse Zeitungen, wie etwa die Washington Post, berichteten mit einer Agenturmeldung über den Vorfall. Und auch im Netz warf der Vorfall keine Wellen. Kein Tweet von Trump, keine Terroraufregung. Warum wohl? Weil es sich beim festgenommenen, mutmasslichen Bombenleger um einen weissen US-Bürger handelt und nicht um einen bärtigen Moslem.

Die lustigsten Wetterprognosen

«Sonnig, laues Wasser, guter Wein»: Wer sich gestern in der Frankfurter Allgemeinen für das Reisewetter in Europa interessierte, fand eine etwas eigenwillige Umsetzung der Prognosen. Die Redaktion hatte offenbar vergessen, den Blindtext durch die aktuellen Angaben zu ersetzen. Doch der Blindtext besteht nicht nur aus dem obligaten «Lorem ipsum», sondern aus mehr oder weniger witzigen Jux-Prognosen, wie etwa: «Skandinavien: Regen. Und viele Mücken» oder «Italien, Malta: Meist sonnig, nur über dem Vatikan Wolken, mal weisse, mal schwarze».

So tickt die NZZ, gekaufter Einfluss, Whatsapp ist Trumpf, Geld fürs Bloggen

Die NZZ auf Abwegen?

In der Wochenzeitung WOZ analsysiert Kaspar Surber die aktuelle Befindlichkeit der NZZ. Unter Chefredaktor Eric Gujer verlassen auffällig viele, teils namhafte und langjährige, Autorinnen und Autoren des Blatt. Die meisten Abgänge und Kündigungen sind eine mehr oder weniger direkte Folge der politischen Kursänderung unter der neuen publizistischen Leitung; Surber sieht eine «ideologische Verengung», im Inland liest er eine repetitive Berichterstattung – «meist gemäss dem FDP-Parteiprogramm». Diese Entwicklung bestätigt im Artikel u.a. der frühere stellvertretende Chefredaktor der NZZ. René Zeller ist darum zur Weltwoche gewechselt, wo er heute grössere journalistische Freiheiten geniesse als bei der NZZ.

Die falschen Freunde der neuen Medienstars

Die sogenannten Influencer, meist jüngere Leute mit einer grossen Gefolgschaft auf Social Media, stehen schon länger in der Kritik. Zum einen wegen Schleichwerbung, zum anderen wegen gekaufter Follower. Hier hat das Data-Team von SRF genauer hingeschaut und die insgesamt rund sieben Millionen Fans und Freunde von 115 Influencern aus der Schweiz analysiert. Das Ergebnis: Fast jeder dritte Follower ist fake.

So nutzt man in Deutschland das Internet

Der Blogger Dennis Horn hat sich durch die aktuelle Ausgabe der ARD/ZDF-Onlinestudie gelesen. Seit 20 Jahren bietet diese Untersuchung einen Zustandsbeschrieb der Internetnutzung in Deutschland. Die wichtigsten Erkenntnisse was die Online-Mediennnutzung angeht: Streaming boomt, sowohl bei Video als auch Audio. Podcasts dagegen sind weiter ein Nischenphänomen, wie auch Twitter. Die beliebteste Social-Media-Plattform ist in Deutschland WhatsApp.

Paywall für alle

Die Bloggingplattform Medium.com erlaubt es ab sofort jedem Nutzer, seine Inhalte hinter eine Paywall zu stellen. Solche Artikel sind nur noch für Nutzer zugänglich, die fünf Dollar im Monat bezahlen. Der Blog-Autor erhält davon einen Anteil entsprechend der Nutzung seiner Beiträge.