Mit dem Rücken zur Wand in den Vorwärtsgang

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Nick Lüthi, 11. Januar 2016, 15:11

SRG-Generaldirektor Roger de Weck reicht den privaten Medienunternehmen die Hand: Er macht elf konkrete Kooperationsangebote. Wieso jetzt? Was steckt dahinter? Warum bringt der Vorstoss die SRG nicht unbedingt weiter?

Drei Tage vor dem traditionellen Jahresauftakt des Verlegerverbands, fügte Roger de Weck ungefragt einen zusätzlichen Diskussionspunkt auf die Tagesordnung. In einem Gastbeitrag in der NZZ umreisst der SRG-Generaldirektor, wie er sich eine Zusammenarbeit zwischen gebührenfinanzierten Radio und Fernsehen und privaten Medienunternehmen vorstellen könnte. Elf konkrete Kooperationsangebote skizziert de Weck. Das reicht von Sublizenzen für Sportrechte über Ausbildungszusammenarbeit bis Technologiepartnerschaften und einem gemeinsamen Youtube-Kanal.

=> Was bedeutet das Kooperationsangebot für die Verlage?

Bereits heute spannen SRG und Verlage punktuell zusammen. In unterschiedlicher Intensität geschieht das bereits seit der Einführung des Fernsehens in der Schweiz. Im Zusammenhang mit der verschärften Konkurrenz zwischen öffentlichem Rundfunk und privaten Medien im Onlinebereich stehen seit mehreren Jahren Kooperationsmodelle zur Diskussion. Einzelne davon wurden auch versuchsweise umgesetzt. So sei ein Pilotprojekt zur Einbindung von SRF-Videos auf privaten Online-Portalen «vielversprechend» verlaufen.

Nichtsdestotrotz sehen sich die Verleger im Nachteil gegenüber SRG. Ein bisschen Presse-TV und Videozugriff vermögen die erlebte Ungleichheit qua Gebührenprivileg nicht wettzumachen. Der Ruf nach einer Beschränkung der SRG-Tätigkeit wird deshalb immer lauter. Unter dem verstärkten Legitimationsdruck, den die SRG an der Urne und aus der Politik zu spüren kriegt, rührt de Weck nun in Sachen Kooperation mit der grossem Kelle an. Das soll die private Konkurrenz milde stimmen. Schliesslich sässen alle Schweizer Medien im gleichen Boot, betont de Weck – nicht zum ersten Mal. «Alle Medienhäuser sind im Umbau, müssen sich neu (er)finden. Da ist die SRG – und das sehen auch viele Verleger so – bei weitem nicht das Kernproblem der privaten Medien.» Die SRG wolle «mit fairen Kooperationen ihren Teil dazu beitragen, den viersprachigen Schweizer Medienplatz im internationalen Wettbewerb zu stärken.»

Das klingt schön und gut und vernünftig. Nur kommt die Initiative gleich zweifach zum falschen Zeitpunkt. Einmal zu spät, einmal zu früh:

  1. Eine bereits beschlossene Kooperation wirft ihren Schatten auf die elf Angebote: Die SRG hat bekanntlich bereits mit Ringier und Swisscom das Werbegeschäft zusammengelegt. Eine um Meilen weiterreichende Zusammenarbeit als sie in jedem der elf Punkte vorgeschlagen wird. Der SRG hat der Schritt wenig Sympathien entgegengebracht von Verlegerseite. Letztlich wirkte sie mit als Spaltpilz, weil Ringier sich genötigt sah, den Verlegerverband zu verlassen. Auch wenn die Werbeplattform für alle offen stehe, wie de Weck in der NZZ schreibt, so handelt es sich um eine Prämisse, welche die aktuellen Kooperationsangebote überformt.
  2. Das Angebot macht de Weck Anfang Januar 2016. Ein knappes Jahr nach dem überraschend knappen Ausgang zugunsten zur neuen Rundfunkfinanzierung und ein paar Wochen nach Zustandekommen der No-Billag-Initiative. Ausserdem sind zahlreiche parlamentarische Vorstösse zur SRG hängig und der Bundesrat will mit einem Bericht zum Service public aufzeigen, wohin die Reise von Radio und Fernsehen geht. Wie die SRG in fünf Jahren aussieht, wagt heute niemand ernsthaft zu prognostizieren. Worin sich aber alle einig sind: Sie wird sich ändern, möglicherweise grundlegend. Kann ein künftige SRG ihren früheren Angeboten nachleben? Wir wissen es nicht.

Die Charmeoffensive sagt auch etwas über die Befindlichkeit der SRG aus. Seit ein paar Monaten hat sie in den Vorwärtsgang umgeschalten und handelt, wie es die Kritiker fordern: Sie spart und streicht in der ganzen Schweiz Stellen und Sendungen, ihre Sender öffnen das Programm für Publikumskritik und nun reicht sie der privaten Konkurrenz die Hand. All das erfolgt im Spannungsfeld zwischen unternehmerischen Zielen und öffentlichem Auftrag vor einer weitgehend ungewissen Zukunft. So gesehen handelt es sich bei den elf Kooperationsangeboten an die Verleger zuerst einmal um den Versuch der SRG, etwas Lufthoheit zurückzugewinnen in der laufenden Debatte um die künftige Medienordnung.

Nick Lüthi
AUTOR

Nick Lüthi

Leiter MEDIENWOCHE

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