von René Worni

Gratwanderung mit Happyend

Wie sehr die Nähe zu den Akteuren im Lokaljournalismus eine Gratwanderung ist, zeigte die MEDIENWOCHE Ende April am Beispiel des Landboten und dessen zunächst widersprüchlicher Berichterstattung über einen Winterthurer Bankenskandal. Wir haben uns vorgenommen, Geschichten wenn möglich auch zu Ende zu erzählen. Das tun wir an dieser Stelle: Denn aus journalistischer Sicht ist der Fall unterdessen zur Erfolgsstory geworden.

Es liegt in der Natur der Sache: Je näher die Ereignisse, desto mehr Vorsicht ist geboten. Bei Lokaljournalistinnen und Journalisten führt einerseits die Nähe zur Leserschaft sowie andererseits jene zu den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Akteuren zu Beisshemmung. Denn wer hier Fehler macht, bekommt dies unmittelbar nach der Publikation am eigenen Leib zu spüren. Exakte Recherche und ein genaues Abwägen der Fakten und des journalistischen Urteils sind mitunter eine heikle Sache. «Hier von Fall zu Fall das richtige Mass zu finden, das heisst, gleichzeitig den Informationsauftrag richtig zu interpretieren und dabei weder den Respekt den Menschen gegenüber noch die journalistische Unabhängigkeit zu verlieren – das gehört zur hohen Schule des Lokaljournalismus», so ein Statement von Christine Fivian, bis vor drei Jahren langjährige Chefredaktorin des Zürcher Unterländers und Mitgründerin des Vereins Qualität im Journalismus.

Der Fall des Winterthurer Bankenskandals, ausgelöst durch einen inzwischen konkursiten Generalunternehmer und die Berichterstattung des Landboten darüber steht dabei exemplarisch für dieses Spannungsfeld.  Nach einer überzeugenden Recherche über den Fall im Landboten vom 6. April, kamen in der Folge zwar alle Parteien und Stimmen zu Wort, Doch die Berichterstattung der Landbote-Redaktion mäandrierte zwischen einem ausschweifenden Interview mit einer Bankverantwortlichen («Wir lassen uns nicht erpressen»), einem Selbstgeisselungsinterview mit dem Generalunternehmer und Stimmen der Geschädigten, die sich zu einer schlagkräftigen Interessengemeinschaft zusammengeschlossen hatten. Zweimal widerrief die Redaktion die Aussagen einer Quelle, was wohl für einige Verwirrung bei der Leserschaft gesorgt hat. Ein einordnender Kommentar blieb aus, der der Leserschaft ein Abwägen der Situation ermöglicht und die Unabhängigkeit der Redaktion bekräftigt hätte.

Die Redaktion blieb seither weiterhin am Ball und das Blatt hat sich gewendet. Zunächst liess sie erneut die Geschädigten zu Wort kommen, griff Vorwürfe gegen den Leiter der Raiffeisenbank Winterthur auf, konfrontierte die Bank damit, bis diese schliesslich eingesteht, dass die Kontrolle der Baukredite nicht immer ausreichend gewesen sei. Auf Druck der Medien und der Intererssengemeinschaft der Geschädigten, welche ihren Generalunternehmer und auch Raiffeisen-Verantwortliche einklagten, hat die Bank einen Fonds geäuffnet und will die Betroffenen angemessen entschädigen. Endlich veröffentlicht der Landbote auch einen Kommentar mit der  Aufforderung, die Bank solle jetzt beweisen, dass es ihr ernst sei mit ihren Zusagen (alle Artikel als pdf hier). Ende gut, alles gut? Unter dem Strich hat die Redaktion des Landboten ihre Unabhängigkeit bewiesen und dürfte entscheidend dazu beigetragen haben, dass die Verantwortlichen jetzt über die Bücher gehen, Rechenschaft ablegen und die Betroffenen entschädigen. Christine Fivian: «Eine gut gemachte Lokalzeitung lebt also in erster Linie von der Glaubwürdigkeit, der Sachkenntnis und der journalistischen Unabhängigkeit ihrer Macher.»

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