von Nick Lüthi

«Ansporn, nächste Hürde zu nehmen»

In Bern ist man einen Schritt näher gerückt an ein neues Nachrichtenmedium. Vor einer Woche hat der Verein Berner Onlinemedien bekanntgegeben, dass die Finanzierung der Projektphase zustande gekommen ist. Mit 50’000 Franken an Spendengeldern soll bis Januar die Gestalt des lokalen Online-Magazins ausgearbeitet und gleichzeitig weitere Mittel beschafft werden. Projektleiter Manuel Gnos, langjähriger Online-Chef der Tageszeitung «Bund» in Bern, erklärt im Gespräch warum die Initiative von linken Kreisen ausgegangen war, weshalb er die Basler Tageswoche als Vorbild sieht und was er dereinst in einem neuen Online-Magazin lesen möchte.

MEDIENWOCHE: Als Projektleiter des geplanten Online-Magazins bist du vom Trägerverein beauftragt, die weiteren Vorbereitungsarbeiten in Angriff zu nehmen. Woran arbeitest du?
Manuel Gnos: Im Moment geht es darum Kontakte zu knüpfen und Gespräche zu führen, um Ideen zu sammeln. In dieser frühen Projektphase wollen wir möglichst viele Kreise einbinden, die ihre Anliegen vortragen können und wir schauen, was sich davon umsetzen lässt. Daneben gilt es, technische Anforderungen zu definieren. Schliesslich gibt es auch ganz profane Dinge – wie etwa Büroräumlichkeiten zu suchen.

Seit zwei Wochen gibt es die Tageswoche in Basel, ein namentlich genanntes Vorbild für das Berner Projekt. Dein Eindruck der Tageswoche?
Ich habe extrem grossen Respekt davor, wie sie es in einem halben Jahr geschafft haben, Zeitung und Online-Plattform an den Start zu bringen. Das ist ein unvorstellbar grosser Aufwand. Die Tageswoche hält, was die Macher im Vorfeld versprochen haben. Vor allem der Dialog mit der Leserschaft ist in dieser Form in der Schweiz ohne Beispiel und eine grosse Chance, die die Basler Kolleginnen und Kollegen offenbar gewillt sind zu packen. Inhaltlich bin ich ein bisschen überrascht, wie weit sie mit den Themen von Basel weggehen, vor allem in der Zeitung. Was mich weniger anspricht, ist das Layout, sowohl in der Printausgabe wie auch online. Aber das ist Geschmacksache und der Umgang mit dem Layout wird sich erfahrungsgemäss noch entwickeln.

Für die Projektphase stehen dem Verein Berner Onlinemedien gut 50’000 Franken an Spenden aus der Trägerschaft zur Verfügung. Damit das Projekt auch tatsächlich lanciert wird, braucht es weitere 100’000 Franken. Woher sollen die kommen?
Wir sind auf der Suche nach weiteren Geldgebern, vor allem nach Stiftungen, Firmen und privaten Gönnern, damit wir die technische Umsetzung des Projekts finanzieren können. Wenn bis Ende Januar die 100’000 Franken nicht zusammenkommen, können wir nicht loslegen. Der Entscheid von letzter Woche war also nicht der definitive Startschuss. Dass es uns gelungen ist, die Trägerschaft von 100 Leuten aufzubauen, ist ein grosser Ansporn, auch die nächste Hürde zu nehmen.

Im bisherigen Kernteam sind auffällig viele Mitglieder und Exponenten aus linken Parteien vertreten. In öffentlichen Stellungnahmen wurde bisher nie ganz klar, in welchem Mass die linke Gesinnung das neue Medium prägen soll.
Das Kernteam bekennt sich zu unabhängigem Journalismus. Unabhängig heisst in diesem Fall, Druckversuchen von allen Seiten standzuhalten, egal ob von rechts oder links. Das wird bei uns nicht anders sein als beim «Bund» oder bei der BZ. Die politische Ausrichtung des Vereins wurde oft kritisiert in den letzten Wochen. Man kann das Ganze aber auch von einer anderen Seite betrachten: Es sind offenbar linke Kreise, die daran interessiert sind, dass es in der Stadt Bern eine weitere Stimme gibt neben den bestehenden Medien. Und zwar eine Stimme, die auch kritisch sein darf und soll gegenüber Rot-grün. Schliesslich ist die Zusammensetzung des Kernteams wohl auch ein Ausdruck der allgemeinen Lage auf dem Medienmarkt: Für rein profitorientierte Unternehmen ist ein solches Projekt nicht interessant, weil es nicht in erster Linie klickorientiert arbeiten soll, also nicht 20 Prozent Umsatzrendite abwerfen muss. Das Interesse für ein solches Online-Magazin scheint in bürgerlichen Kreisen weniger gross zu sein.

Versucht ihr dennoch die Trägerschaft breiter abzustützen?
Unbedingt! Das war von Anfang an unser Anspruch. Es ist auch mein persönliches Ziel, den Unterstützerkreis zu öffnen. Da sind Gespräche im Gang. Es darf nicht sein, dass das Projekt daran scheitert, weil die Leute das Gefühl haben, es sei politisch an eine Doktrin gebunden. Über den freien Markt lässt sich ein meinungsbildendes Online-Portal im Moment scheinbar nicht finanzieren. Darum suchen wir nach neuen Formen. Das zeigt auch die Medienentwicklung weltweit, wo vermehrt über Stiftungen oder gebührenfinanzierte Modelle diskutiert wird.

Was unterscheidet euch von den bestehenden Lokalmedien wie Bund, Berner Zeitung, oder Regionaljournal?
Es ist der journalistische Ansatz, der ein anderer sein muss: Wir wollen mehr Zeit investieren in die Recherche, als dies unter dem Druck der Tagesaktualität möglich ist. Entsprechend können wir nicht den Anspruch haben, das Geschehen in der Stadt so umfassend abzudecken, wie dies Bund und Berner Zeitung machen können. Wir gehen mehr von einem Magazin-Gedanken aus. Insofern besetzen wir eine Nische und treten nicht als Konkurrenz zu den Tageszeitungen an, die in ihrem Bereich – trotz der schwierigen Voraussetzungen – vieles richtig machen.

Welche Geschichte möchtest du in eurem Online-Magazin lesen, wenn es das Produkt heute schön gäbe?
Ich möchte zum Beispiel lesen, weshalb das Berner Nachtleben in letzter Zeit so stark unter Druck geraten ist. Das haben zwar die bestehenden Medien aufgegriffen. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass man hier nicht bis zum Kern der Sache vorgedrungen ist. So ist noch nie jemand dieser – übrigens nicht nur in Bern – verbreiteten Stimmung auf den Grund gegangen, die dazu geführt hat, dass es nichts mehr geben darf, das Lärm macht oder sonst wie stört.

Wartet Bern auf ein neues Online-Magazin?
Die Reaktionen, die ich erhalte, sind durchwegs positiv. Auch Leute, die nur per Zufall mitkriegen, dass wir etwas planen, freuen sich darauf. Sie sagen, dass sie bereit wären zu zahlen. Ob das auch stimmt, sehen wir erst, wenn wir unser Magazin lanciert haben. Als ich das erste Mal von diesem Projekt gehört hatte, war ich weit skeptischer als heute. Mir kommt es so vor, als sei bei den Leserinnen und Lesern das Bewusstsein wiedererwacht, dass der Journalismus, den Gratiszeitungen anbieten, nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann.

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