von Torsten Haeffner

Bloggers Mühen, Bloggers Lohn

Sind Blogger die besseren Journalisten? Auch wenn die Frage abgedroschen klingen mag, lohnt es sich, sie ab und zu wieder zu stellen. Gerade im Wirtschaftsjournalismus bieten Blogs zunehmend eine valable und kompetente Alternative zur Berichterstattung der traditionellen (Wirtschafts)medien.

Wer die Berichterstattung zur Euro-Krise verfolgt, stellt bald einmal fest: Die meisten deutschen Medien zelebrieren die Lust am Untergang. Sie überschlagen sich in Hiobsbotschaften und unreflektierten Schuldzuweisungen (SZ.de), fantasieren voller Häme (Spiegel online) Untergangszenarien herbei oder präsentieren vermeintliche Patentlösungen, wie beispielsweise eine «Robin-Hood-Steuer» (Die Zeit). Das ist der real existierende Wirtschaftsjournalismus.

Aber es geht auch anders: Diverse deutschsprachige Wirtschaftsblogs publizieren geistreiche Analysen, präsentieren oftmals überraschende Interviewpartner, geben kluge Antworten auf gescheite Fragen und verhelfen so auch dem von der Krise oft überforderten Schreiber dieser Zeilen (obwohl ehemaliger Wirtschaftsredaktor) zu erhellenden Momenten.

Zu den Herausragenden in der Schweiz gehören sicher «Inside Paradeplatz», «Never mind the Market» (Newsnet) und «Martin Spieler» , während in Deutschland «Mr. Market» und «Stefan L. Eichner’s Blog» zu den qualitativ Stärksten gezählt werden dürfen. Die Macher von «Inside Paradeplatz» (Lukas Hässig) und von «Martin Spieler» (ebendieser) widmen sich klassisch journalistisch vorwiegend tagesaktuellen Geschehnissen. «Never mind the Market» (bisher: Markus Diem Meier, Tobias Straumann), «Mr. Market» (Michael Schulte) und «Stefan L. Eichner‘s Blog» (ebendieser) setzen hingegen auf kompromisslosen Tiefgang.

Keiner dieser zuletzt genannten Autoren erliegt der Versuchung, Dinge zu vereinfachen, zu verflachen oder einfache Lösungen zu präsentieren. Die gegenwärtige Euro-Krise – so das durchgängig spürbare Credo sämtlicher Beiträge – ist viel zu komplex, um einfach erklärt und gelöst werden zu können.

Und so mühen sich etwa Markus Diem Meier und Tobias Straumann in ihren Beiträgen auf «Never Mind the Market», die regelmässig den Rahmen von 10.000 Zeichen sprengen, um volkswirtschaftliche Aufklärung ihrer Leserschaft. Sie erklären beispielsweise, warum Deflation gefährlich ist, analysieren Zentralbank-Entscheide oder begründen, warum die Angst vor einer Apokalypse übertrieben ist. Immer mit informativen und aufschlussreichen Grafiken angereichert oder auch mal mit Fundstücken aus dem Netz, wie diesem witzigen Video.

Diem Meier, Volkswirtschaftler und Historiker, betreibt eine eindrückliche Karriere als Dozent, Journalist und Sachbuchautor und ist seit Januar 2012, stellvertretender Chefredaktor bei «Finanz und Wirtschaft». Straumann hält als Wirtschaftshistoriker Vorlesungen an den Universitäten in Basel und Zürich und pflegt eine erschlagende Vortrags- und Veröffentlichungsliste. Erfreulich auch: Diem Meier und Straumann erhielten kürzlich Verstärkung: Mark Dittli, Chefredaktor von «Finanz und Wirtschaft», stiess im Januar neu zum NMTM-Team.

Einfach zu lesen aber sind die Blog-Beiträge nicht immer. Die Sprache ist unprätentiös, sachlich, nüchtern. Die Sätze muten manchmal so holzig-roh und ungeschliffen an, wie auch das Kürzel des Blogs: «NMTM». Darüber darf man hinwegsehen. Es gibt schliesslich grössere Probleme.

Einem solchen widmet sich seit Oktober 2009 auch Dr. Stefan L. Eichner: «Solange die Krise nicht verstanden, ja noch nicht einmal ernsthaft nach einer wirklich schlüssigen Erklärung gesucht wird, kann ihr nicht wirksam begegnet werden. Ich möchte mit meinem Blog einen Beitrag dazu leisten, die bestehenden Erklärungslücken zu schliessen», beschreibt der Wuppertaler Unternehmens- und Politikberater seine Motivation, wöchentlich mindestens einen Beitrag zu publizieren.

So mancher Leser mag sich fragen, warum man solchen Wirtschaftsjournalismus nicht auch in seinem Leib- und Magenblatt liest. Die Antwort ist naheliegend: Die hohe Dynamik des Nachrichtengeschäfts, korrelierend mit ausgedünnten Redaktionsbudgets und der Omnipräsenz von im Minutentakt eintreffenden Agenturmeldungen haben die Denker und Analytiker in den Wirtschaftsredaktionen weitgehend verdrängt.

Mag sein, dass mancher Journalist auch die Mühen der gründlichen Analyse und des Bohrens von dicken Brettern scheut. Die Anstrengungen werden indes belohnt: Die beiden Weltbank-Ökonomen David McKenzie und Berk Özler präsentierten im August 2011 im Rahmen ihrer Studie «The Impact of Economics Blogs» (PDF), dass Wirtschaftsblogs einen enormen Einfluss auf die Wirtschaftsforschung haben. Das lässt hoffen.

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Leserbeiträge

Fiona Laura Stifter 09. März 2012, 11:33

Will solls denn weitergehen?

Ihr Beitrag scheint ein denkbar gutes Beispiel dafür zu sein, wie sich marktorientierte Medien selber Steine in den Weg legen, welche sie mit den bisher bestehenden Organisationsstrukturen auch so bald nicht mehr weggeräumt bekommen.

Besonders aber im Wirtschaftssektor, welchem ein Laie wie ich es bin bloss trocken-nüchtere Eigenschaften zuordnen würde, überrascht mich die Tatsache, dass Framing, Verzerrung, Skandalisierung und Personalisierung bereits in solchem Masse präsent sind, dass sich die Inhalts- und Qualitätsorientierte Leserschaft ihre Informationen anderswo besorgen.

Die Antwort ist naheliegend: Die hohe Dynamik des Nachrichtengeschäfts, korrelierend mit ausgedünnten Redaktionsbudgets und der Omnipräsenz von im Minutentakt eintreffenden Agenturmeldungen haben die Denker und Analytiker in den Wirtschaftsredaktionen weitgehend verdrängt.

In Ihrer, meiner Meinung nach, korrekten Antwort liegt doch ein Armutszeugnis vergraben. Ich weiss nicht, welche Köpfe da oben sitzen.
Aber sinken bei einem Wirtschaftsblatt die Zahlen ist doch anzunehmen, dass die Leser sich nicht wegen plötzlichem Desinteresse, sondern wegen mangelnder journalistischer Qualität/Information abwenden.

Darauf mit Ressortverkleinerungen zu reagieren, führt doch zu Journalisten ohne Recherchezeit, gefolgt von lausigen Beiträgen, welche dann mit den altbekannten Mitteln des Schischiwaschi wieder aufgebessert werden, bis der tatsächliche Informationsgehalt gegen null tendiert.

Ja, kein Wunder wendet man sich an Blogs.

Vielen Dank für den Beitrag.

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