von Nick Lüthi

«Wir haben die Medien gebeten, keine Bilder zu veröffentlichen»

Nach dem Car-Unglück im Wallis von Mitte März zeigte die Schweizer Illustrierte auf dem Cover die Bilder von 15 tödlich verunfallten Kindern. Wie ein Dokumentarfilm der ARD nun nahelegt, hat das Heft von den Eltern der Opfer keine Erlaubnis erhalten, die Porträts zu veröffentlichen.

Ganz am Schluss, nach vierzig Filmminuten über die grösste Zeitung Deutschlands, kommen die ARD-Reporter auch noch auf das Car-Unglück vom 13. März im Wallis zu sprechen. Denn die Bild-Zeitung hat, was die Schweizer Illustrierte ein paar Tage später auch tun würde: Sie zeigte auf ihrer Titelseite die Porträts von 15 der tödlich verunfallten Kinder aus Belgien; Bilder, die von den Behörden des flämischen Städtchens Lommel in einem eigens dafür hergerichteten Trauerraum im Rathaus aufgestellt wurden.

Wie Bild-Chefredaktor Kai Diekmann unumwunden zugibt, hat die Bild-Zeitung die Eltern der Kinder nicht um Erlaubnis für den Abdruck gebeten. Diekmann stellt sich auf den abenteuerlichen Standpunkt, dass wenn die Eltern die Bilder dem Bürgermeister zur Verfügung gestellt hätten, sie dann auch mit einer Veröffentlichung in den Medien einverstanden sein müssten.

Ähnlich argumentierte auch die Schweizer Illustrierte. In der Ausgabe vom 19. März schreibt Chefredaktor Stefan Regez: «Auf dem Titel zeigen wir die 15 verunglückten Kinder aus der belgischen Kleinstadt Lommel.» Und dann fährt er kursiv weiter, was sich im Rückblick wie ein Rechtfertigungsversuch für das zweifelhafte Vorgehen liest: «Genau diese Bilder sind dort der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.»

Gegenüber der ARD bestreitet der Bürgermeister von Lommel schriftlich, die Porträts der Kinder für die Veröffentlichung freigegeben zu haben. «Er [der Bürgermeister] hat von Anfang an, von der ersten Pressekonferenz im Rathaus an, alle Medien darum gebeten, auch an der Schule, keine Fotos zu veröffentlichen, weil die Eltern von Beginn weg gebeten hatten, ihre Privatsphäre zu respektieren und keine Bilder ihrer Kinder oder Lehrer zu veröffentlichen, die die Kinder auf der Reise begleitet hatten.» Das sagt eine Sprecherin der Stadtverwaltung Lommel vor der Kamera. Auf die Frage, ob sie ausschliessen könne, dass die Eltern direkt eine Veröffentlichung in der Bild-Zeitung genehmigt hätten, sagt sie: «Absolut. Sie [die Eltern] waren nicht glücklich, die Fotos ihrer Kinder in den Zeitungen zu sehen oder im Fernsehen. Sie waren sehr traurig.»

Da in der ARD-Dokumentation nur das Verhalten der Bild-Zeitung explizit angesprochen wird, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich andere Medien – zum Beispiel die Schweizer Illustrierte – um eine Einwilligung der Eltern in den Abdruck der Porträts ihrer verstorbenen Kinder bemüht und eine solche auch erhalten hatten.

Auf Anfrage der MEDIENWOCHE lässt Chefredaktor Stefan Regez via den Ringier-Unternehmenssprecher ausrichten, nichts zum Thema sagen zu wollen. Was eigentlich nur einen Schluss zulässt – auch mit Blick auf den Rechtfertigungsversuch im Editorial der betreffenden Ausgabe: Die Schweizer Illustrierte hat, wie auch die Bild-Zeitung, von den Eltern keine Erlaubnis erhalten, die Bilder der verunfallten Kinder zu veröffentlichen.

Nun lässt sich vortrefflich darüber streiten, wie Medien angemessen auf ein Ereignis von der Dimension des schrecklichen Car-Unglücks im Wallis reagieren sollen, Bilder zeigen? Bilder nicht zeigen? Welche Bilder zeigen? Die Bilder-Diskussion ist allerdings in dem Moment beendet, wo das Einverständnis der nächsten Angehörigen der Opfer für eine Veröffentlichung fehlt. Da kann man sich auch mit dem Verweis auf die freie Zugänglichkeit und Einsehbarkeit der Porträtbilder nicht rausmogeln. Es gibt auch eine Privatsphäre im öffentlichen Raum.

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Leserbeiträge

bugsierer 17. April 2012, 18:30

über geschmacklosigkeit und fehlende journalistische berufsehre sollte man in einem sog. aufgeklärten land eigentlich nicht mehr streiten müssen.

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Peter Robles Maceo 19. April 2012, 18:55

Das bleibt einem irgendwie auf der Zunge kleben: Pfui Leichenfledderei,ist man geneigt zu rufen.
Auf Englisch heisst das bezeichnenderweise: ,,ghoul”-und da kommen wir dem Phänomen schon näher, nämlich: De Gschnäller isch de Gschwinder. Mit Moral hat das nichts zu tun. Die kann man in diesem Boulevardsumpf ohnehin nicht erwarten. Aber mit schlechtem Geschmack- und der bleibt hoffentlich auch hängen- bei den Lesern!!! Nicht bei den Blättern; Da erwartet man nichts anderes.
Die sollen bezahlen und zwar saftig. Es muss weh tun.
Mit einer Sammelklage wären die Opfer gut beraten und einem entsprechenden Anwalt.

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Peter Röthlin 20. April 2012, 10:14

“Drittweltland”-Sitten der Medienwelt ?

In ihrer Kolumne auf news.ch kanzelt Dr. Regula Stämpfli Belgien als Land auf Drittwelt-Niveau ab; nota bene mit völlig verdrehter Tatsachendarstellung betreffend “Land ohne Regierung” während 18 Monaten und Begnadigung von Kindermördern (während Marc Dutroux seit 2004 definitiv lebenslänglich hinter Gittern sitzt).
>> http://www.news.ch/forum/Belgisation+weshalb+Ungluecke+auch+politisch+sind/533425/detail.htm

Hier fehlt jetzt eigentlich die analoge Kolumne auf news.ch zum Medienskandal in “zivilisierten” Ländern (wie zum Beispiel die Schweiz) – inbegriffen das MEA CULPA zur eigenen Kolumne vom 14. März.

Peter Röthlin, Ebmatingen (ZH)
p_roethlin@bluemail.ch

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Ueli Custer 20. April 2012, 10:45

Was bringen dem Leser Fotos von völlig unbekannten belgischen Kindern? Der Informationswert ist doch gleich 0. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Titelseite auch nur einen einzige zusätzlichen Kioskverkauf gebracht hat. Der Abdruck lässt sich also nicht einmal mit kommerziellen Überlegungen begründen. Was war denn das Motiv für den Abdruck? Doch wohl nur der Umstand, dass man etwas hatte, das die Konkurrenz nicht hat oder nicht abdrucken wird.

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Michael 20. April 2012, 11:02

Was bringen dem Leser Fotos von völlig unbekannten belgischen Kindern?

Na aus Zahlen, macht man Namen, und aus den Namen dann Gesichter. Dadurch werden die Opfer “vermenschlicht” und gibt dem Drama “Gesichter”.
Mit einer Zahl kann man schwer Mitleid haben, mit süssen Kindern aber schon.

Das ist auch Kindsmissbrauch.
Einfach eine Sauerei.

Ich hoffe die Famillien müssen jetzt nicht selbst für ihr Recht sorgen…

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