von Ronnie Grob

«Dicke Frauen gehören in den Zirkus»

Bei Britt Hagedorn auf Sat.1 wird seit über elf Jahren wochentags um 13 Uhr über Beziehungsfragen diskutiert. Als Redaktionspraktikant ist der Zürcher Alexander Wenger für drei Monate mittendrin im täglichen Wahnsinn zwischen Sex und Betrug. Nicht nur Vaterschaft, Schwangerschaft und Geschwisterschaft werden mit Tests erwiesen, auch für Lügen steht ein Detektor bereit. Gesucht wird nichts als die Wahrheit.

«Hier ist Marc!», ruft Britt, zeigt auf die sich öffnende Türe – und das Publikum schreit im Chor: «mit dem Silberkoffer!». Er bringt
nicht nur wissenschaftliche Gentests ins Studio, sondern auch die Ergebnisse der Lügendetektor-Auswertung, die in der Sendung die vorherigen Diskussionen wie absolute Wahrheiten abschliessen. Es ist das fünfte Mal an diesem Abend, in der Marc, der eigentlich Robert heisst, zu seiner Erkennungsmelodie ins Studio schreitet – und immer jubelt das Publikum begeistert. Das liegt am dauergrinsenden Einheizertalent Christian Oberfuchshuber, der vom Rand des Studios die Aahs, Oohs und Buhs, die durch das Publikum gehen, vorgibt, wie auf den Aufnahmen stets gut zu hören ist. Ich sitze im Publikum, in der hintersten Reihe. Wer sich nicht meldet, werde auch nicht einbezogen, wurde mir versichert. Eine der zwei am 31. Mai aufgezeichneten Sendungen wurde letzten Freitag ausgestrahlt: «McSex – Warum verschleuderst du dich so billig?».

Die Menschen, die bei «Britt» auftreten, können in zwei Gruppen aufgeteilt werden.

Die eine Gruppe hat etwas zu erzählen, will diskutieren, sich selbst darstellen. In diese Meinungssendungen zieht es eher Selbstdarsteller, die sich begeistert, gar ausufernd in Szene setzen, um dann auf Facebook über ihren Auftritt zu berichten und auch direkt die online gestellen Videos kommentieren. Sie wollen ihre Fähigkeiten bekannt machen, vielleicht irgendwann berühmt werden, die TV-Präsenz zu ihren Gunsten ausnutzen.

Die andere Gruppe möchte ein Problem oder eine Situation auflösen und Britt soll ihnen dabei behilflich sein: Als Kommunikationshilfe, mit Rat oder auch mit der Übernahme von kostenpflichtigen Gentests, die zweifelsfrei bzw. zu 99.99% beweisen, wer wie mit wem verwandt ist. Gerade Vaterschaftstests werden gerne von den neuen Frauen der inzwischen getrennt von den Müttern lebenden Väter angeregt, es könnte ja sein, dass sich die neue Beziehungsgemeinschaft die Alimente für die in der alten Beziehung auf die Welt gestellten Kinder sparen könnte. Ein weiteres Argument ist der Preis: Für ein paar Minuten Präsenz im Fernsehen spart man sich hunderte von Euros, die beispielsweise ein Vaterschaftstest kostet. Solche Gäste sind durchaus erwünscht, sonst könnte beim offiziellen Casting-Formular nicht gewählt werden zwischen Themen wie «Meine Ex will mir ein Kind unterjubeln» oder «Britt zahlt deinen Vaterschaftstest». Produziert wird «Britt» von der Firma Schwartzkopff TV-Productions, die auch für das öffentlich-rechtliche Fernsehen Unterhaltungssendungen macht. Sie gehört zu 100 Prozent zum Axel Springer Verlag.

Der bald 26-jährige Alexander Wenger ist seit rund zwei Monaten Redaktionspraktikant in der «Britt»-Redaktion, vorher arbeitete er zwei Jahre in der Nachrichtenredaktion von Tele Züri. Die Skepsis einiger Kollegen und Freunde war gross, als er ihnen von seinem Transfer in eine Talkshow-Redaktion erzählte. Seine bisherige Erkenntnis ist, dass bei Britt tiefer recherchiert werde als bei den Nachrichten. Es verwundert ihn, wie sehr ihm die Menschen, die in die Sendung kommen sollen, vertrauen. «Das ist einerseits sehr spannend, andererseits ist es krass, wie rasch man zum Vermittler wird bei diesen Problemen.»

Die Lügendetektor-Auswertung wird gemäss Redaktionsleiter Ingo Stabler von zwei Wissenschaftlern durchgeführt, die in den USA an solchen (dort vor Gericht als Beweismittel zugelassenen) Geräten ausgebildet wurden. «Wir verwenden nur jene Ergebnisse, bei denen sich die Fachmänner sicher sind, alle anderen deklarieren wir als ‹nicht auswertbar›. Im Zweifelsfall entscheiden wir immer zugunsten des Angeklagten.» Die Verkündigung der Ergebnisse ist dennoch manchmal sehr hart, wie dieser kurze Clip deutlich beweist. In der zweiten am Abend aufgezeichneten Sendung wollte ein junger Mann seiner Freundin seine Liebe beweisen (geplante Ausstrahlung am 15. August). Die Fragen «Findest Du sie attraktiv?» und «Liebst Du sie?» beantwortete er beide Male mit einem «Ja». Der Lügendetektor sah das aber anders und spuckte zwei Mal erbarmungslos die Antwort «Lüge!» aus, was das dazu animierte Publikum mit einem lauten «Buh!» quittierte. Die Verlässlichkeit von Lügendetektoren ist umstritten, es gibt eine Reihe von Kritikpunkten.

Davon abgesehen macht die Redaktion aber den Eindruck, sich redlich um die Wahrheit zu bemühen und gibt sich die Devise, nur echte Gäste mit echten Storys einzuladen. Natürlich werde das Spannende an den Geschichten herausgerissen und plakativ verkauft, sagt Wenger, sie seien aber immer echt, soweit das zu überprüfen sei. Die Aussagen der Gäste sind mächtig zugespitzt, so wird Gast Robin in der Ausgabe «Kleine Brüste, fette Kiste! Trotzdem bin ich sexy!» schon mal mit dem Zitat «Dicke Frauen gehören in den Zirkus» eingeführt.

Vor einer Einladung werden neue Talkshow-Gäste mit einer Liste von Schwartzkopff TV-Productions abgeglichen, Faker, nicht zur Aufzeichnung Erschienene oder Bevormundete sind gesperrt. Wenger findet, der Unterschied der «Britt»-Gäste zu den Laiendarstellern der Scripted-Reality-Shows sei klar erkennbar: «Dort gibt es nur immer das Erzählschema ‹Problem, Streit, Lösung›. Bei Britt bleiben die Storys manchmal unschlüssig. Wir telefonieren bis zu 40 oder 50 mal mit den Gästen, da braucht ein Fake sehr viel Energie.» Misstrauisch wird die Redaktion, wenn alle Details stimmen oder gar keine. Fälscher, die auffliegen, werden wieder nach Hause geschickt, es wurden auch schon Sendungen abgebrochen und nicht gesendet. «Es wäre für uns alle sehr viel einfacher, wenn es keine echten Fälle wären», sagt Wenger weiter. Leute, die sich partout nicht vorstellen können, dass Menschen solche Probleme haben und sie auch noch am Fernsehen ausbreiten, würden vergessen, dass sie sich selbst in einem ganz anderen Umfeld befinden als die Gäste. «Beziehungsprobleme gibt es in allen Schichten, doch nur ein paar Menschen reden halt auch am Fernsehen darüber.»

Redaktionsleiter Stabler bekräftigt den Anspruch, keine vorgetäuschten Geschichten zu liefern: «Wir sind die einzigen, die am Nachmittag die Wahrheit bringen.» Wieso die Sendung trotzdem immer wieder mit Fake-Vorwürfen konfrontiert werde, kann er nicht verstehen. «Bei uns sind doch die wahrhaften Emotionen, die wahren Gefühle.» Tatsächlich ist der Rest des Sat.1-Nachmittags von Laiendarstellern bevölkert, die sich mehr schlecht als recht in modernem Bauerntheater, auch Scripted Reality genannt, versuchen. Gemäss Stabler erhalten die Gäste bei «Britt» lediglich die Spesen und ein Handgeld von 50 Euro. Ganz ausschliessen wird man Fake-Vorwürfe nie können, aber die Emotionalität einzelner Gäste macht es schwer zu glauben, sie könne gespielt werden, so zum Beispiel bei dieser Versöhnung eines Vaters mit seiner leiblichen Tochter (ab Minute 15).

Zeit, bei den Gästen selbst nachzufragen. Michael Frenken, der in «Totalschaden – unsere Liebe ist entgleist!» zu Wort kam, war das erste Mal bei «Britt» und würde auf jeden Fall wieder hingehen. Er fand die Sendung gut, negativ sei nur, dass er seine Frau nicht zurückgekriegt habe. Viktoria Lapidus, die zum Thema «Kleine Brüste, fette Kiste! Trotzdem bin ich sexy!» eingeladen war, hätte nicht gedacht, dass sie «ohne triftigen Grund» so angegriffen werde von den anderen. «Ich war wirklich sehr wütend während der Sendung. Aber ich habe mich sehr gut verteidigt und am Ende sogar richtig Spass gehabt, das Publikum war ja auf meiner Seite.» Rückblickend spricht sie von einer «super Erfahrung». Ähnliches berichtet auch Ammar Hanif, der Mann in der grünen Hose, der bei «McSex» mitdiskutierte: «Ich werde auf jeden Fall wieder hingehen, weil diese Sendung das dargestellt hat, was ich denke und mich somit nun ein Stückchen positiver zeigt.» Übereinstimmend berichten alle drei, dass von der Redaktion dazu angehalten wurden, die Wahrheit, bzw. ihre Wahrheit zu erzählen, was sie auch getan hätten.

Die 40-jährige Talkleiterin Britt Hagedorn studierte übrigens Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Sprache, Kommunikation und Ästhetische Gestaltung. Und ob man sie mag oder nicht, eins muss man ihr lassen: Sie macht ihren Job ziemlich gut. Denn es ist schon eine Herausforderung, die nicht immer pflegeleichten Gäste sowie das Publikum in Schach zu halten, nicht zu vergessen, wer wen wann wie betrogen hat und wer wie mit wem verwandt ist und dann auch noch immer gute Laune und Interesse auszustrahlen. Ausserdem gilt es, eine für alle Beteiligten akzeptierbare Balance zu halten zwischen der zugespitzten Story und der Verletzbarkeit der Eingeladenen. Nicht vergessen sollte man auch, dass alle Beteiligten aus freien Stücken dabei sind und nicht gegen ihren Willen, so wie jene, die mit ihrer Geschichte in eine Fernsehsendung oder auf die Seite 1 einer Boulevardzeitung gehievt werden.

«Britt», Sat.1, wochentags um 13 Uhr.
Die Gespräche mit Alexander Wenger und Ingo Stabler wurden am 1. Juni 2012 in Hamburg geführt.

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