von Adrian Scherrer

Programmierter Konflikt

Der multimediale Teletext-Nachfolger steht bei der SRG in den Startlöchern. Ob sich HbbTV etablieren kann, hängt massgeblich von den grossen Kabelunternehmen ab. Sie haben eigene Zusatzdienste im Angebot. Ihr Interesse an anderen Services hält sich in Grenzen.

Ende Mai hat die Geschäftsleitung der SRG einen Aktionsplan beschlossen, um den Anschluss an die Fernsehzukunft nicht zu verpassen. Dazu gehört auch der multimediale und interaktive Nachfolger des angejahrten Teletext. Dabei setzt die SRG auf den Standard «Hybrid broadcast broadband TV» (HbbTV).

Im Unterschied zu allen anderen Lösungen, die Internet und herkömmliches Fernsehen verzahnen, ist HbbTV ein offener Standard. Von den europäischen Gremien wurde er vor zwei Jahren normiert und wird deswegen von der Geräteindustrie breit unterstützt. Er ermöglicht es den Sendern, ihre eigenen Internetinhalte ohne Umwege über Drittportale direkt mit dem laufenden Fernsehprogramm zu verknüpfen. Wie beim Teletext wird ein Zusatzsignal ausgestrahlt, das HbbTV-fähige Geräte auslesen können. Die meisten deutschen und viele französische Sender strahlen solche Signale seit mehr als einem Jahr im Regelbetrieb aus. Auch die SRG zieht jetzt nach. Sie will im Herbst mit einen Pilotversuch beim Westschweizer Fernsehen RTS starten.

Man könnte meinen, die Ausgangslage für die Einführung von HbbTV sei komfortabel: Für das Publikum ist HbbTV so bequem zu bedienen wie der Teletext, eröffnet aber den Zugang zum zeitversetzten Fernsehen via Internet. Und die Industrie unterstützt HbbTV auf den meisten neuen TV-Geräten. Doch In der Schweiz kann HbbTV derzeit nur nutzen, wer seine Fernsehsignale via Satellit empfängt. Weder UPC Cablecom noch Swisscom reichen die Signale aus Deutschland und Frankreich an ihre Fernsehkunden weiter. Über die Gründe schweigen sich beide aus. «Für uns kein Thema», lautet sec die Auskunft von UPC Cablecom.

Die Vermutung liegt auf der Hand, dass die grossen Kabelnetzbetreiber und Telekomanbieter ihre eigenen interaktiven Angebote nicht von senderseitigen Diensten konkurrenziert sehen wollen. Sowohl UPC Cablecom als auch Swisscom-TV bieten über die Settop-Box Video-on-Demand und ähnliche Angebote, mit denen sie Geld verdienen. Kommt nun mit HbbTV ein neuer Dienst, der direkt aus dem laufenden Live-Programm aufgerufen werden kann und senderseitig den zeitversetzten Abruf von Sendungen frei Haus ermöglicht, verschlechtert sich ihre Position im Kampf um das beschränkte Zeitbudget des Publikums.

Rechtlich ist die Situation noch nicht geklärt. Zwar schreibt die Radio- und Fernsehverordnung vor, dass so genannte «gekoppelte Dienste» weiterverbreitet werden müssen – zumindest bei den Pflichtprogrammen in den Kabelnetzen, die der «Must-carry Rule» unterliegen. Unter «gekoppelten Diensten» versteht der Gesetzgeber heute primär Teletext und Zweikanalton, da es dem Sinn der Verordnung nach vor allem um Zusatzangebote wie Untertitel oder Hörfilme für Sinnesbehinderte geht. Ob auch HbbTV unter die «gekoppelten Dienste» fällt, hat das Bakom noch nicht entschieden. Man verfolge die Entwicklung genau, weil die Einführung eines neuen Dienstes auch politisch abgestützt sein müsse, heisst es auf Anfrage.

Die SRG steht folglich vor der Herausforderung, die Kabelnetzbetreiber und die Telekomunternehmen dazu zu bringen, ihre HbbTV-Signale an die Kunden weiterzureichen. Weil fast 90 Prozent der Schweizer Haushalte ihre Fernsehsignale kabelgebunden beziehen, steht und fällt die Einführung neuer Dienste mit den grossen Anbietern UPC Cablecom und Swisscom. Allerdings: Für die kleinen, regionalen Netze dürfte HbbTV eine interessante Neuerung sein. Weil sie kaum in der Lage sind, eigene interaktive Angebote aufzubauen, bietet ihnen der «Teletext 2.0» eine Alternative. Dazu passt, dass die Website des Verbandes Swisscable HbbTV ausführlich bewirbt.

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