von Nick Lüthi

Von den Profis lernen

Journalismus heisst Recherche – und die will gelernt sein. Dazu gibt es ein neues Handbuch. «Recherche in der Praxis» (Saldo Ratgeber) zerlegt den Recherchevorgang in seine Einzelteile und zeigt anhand prominenter Enthüllungen der letzten Jahre praxisnah, was es für eine gelungene Recherche braucht. Ein unverzichtbares Hilfsmittel, nicht nur für Hardcore-Investigateure.

Dass es um den Recherchierjournalismus in der Schweiz schlecht steht, wollte dann doch niemand so direkt sagen; «Recherchewüste» sei übertrieben. Stattdessen sprach Dominique Strebel von einer «Recherchesteppe». Für den MAZ-Studienleiter und Mitherausgeber des neuen Handbuchs «Recherche in der Praxis» bleiben allerdings trotz regelmässigen spektakulären Enthüllungen (zu) viele Ecken journalistisch unausgeleuchtet. In der Diskussionsrunde anlässlich der Präsentation des Recherche-Handbuchs am Dienstag in Zürich war das denn auch der Tenor: Es ist nicht schlecht, aber es könnte besser sein. Beispielsweise im Lokaljournalismus, befand WOZ-Redaktionsleiterin Susan Boos. Aufgrund der Medienkonzentration fehlten dort die Ressourcen für tierschürfende Recherchen. Doch mit Geld und Zeit allein ist es nicht getan. Ohne solides Handwerk geht nichts. Und Handwerk kann man lernen. Mit aktuellen und attraktiven Unterlagen kann das sogar Freude machen.

Das Handbuch «Recherche in der Praxis» sieht zwar von aussen bieder und nach trockener Ratgeberliteratur aus. Aber der Inhalt liest sich teilweise so spannend, wie die Recherchen selbst, die als Anschauungsmaterial herbeigezogen wurden. Autorinnen und Autoren der spektakulärsten journalistischen Enthüllungen aus den letzten Jahren geben Einblick in ihre Arbeitsweise, soweit der Quellenschutz das zulässt: So schreibt Daniel Amman über seine Enttarnung des Doppelagenten Ramos, Anna Gossenreiter gibt Einblick in die Recherchen von «10 vor 10» zum Fall Hildebrand oder Catherine Boss dokumentiert die Enthüllungen, die zum Abgang von Armeechef Nef führten.

Der Recherche-Ratgeber versteht es, gut strukturiert und nachvollziehbar, den gesamten Prozess einer journalistischen Investigation aufzuschlüsseln: Von der Themenfindung bis zum Storytelling bieten die 19 Autorinnen und Autoren Einblick in ihre Berufspraxis als recherchierende Journalisten. Ein Grossteil der 244 Seiten nimmt der Umgang mit Quellenmaterial ein: Wie gelange ich an Justizdokumente? Was finde ich in öffentlichen Registern? Und was bieten Archive und Bibliotheken, was das Internet nicht hat? Vieles kommt einem bekannt vor, das Rad wird nicht neu erfunden: eine Recherche ist eine Recherche. So dient manches auch als willkommene Auffrischung und Anregung für das eigene Schaffen.

Bei den konkreten Tipps zeigen sich Stärken und Schwächen des Handbuchs zugleich: Zum einen bietet der hohe Detaillierungsgrad, etwa bei den Link-Sammlungen für die Online-Recherche, eine praktische Suchhilfe, die man unmittelbar bei laufenden Recherchen verwenden kann. Zum anderen führt diese Genauigkeit dazu, dass gewisse Hinweise mit Erscheinen des Buches bereits überholt sind. Der Qualität des Buchs tut das aber keinen Abbruch. Denn neben der Aktualität bieten die Autoren viel zeitloses Grundlagenmaterial. Antworten auf Fragen, die sich schon immer gestellt haben und weiterhin stellen werden: Wie schaffe ich es, dass mir Informanten vertrauen? Wie schütze ich sie? Wie unterlaufe ich die Agenda meiner Akteure? Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Veröffentlichung?

Mit «Recherche in der Praxis» liegt ein umfassendes Handbuch für die investigative journalistische Arbeit in der Schweiz vor. Ein längst fälliges Werk, damit sich die «Recherchesteppe» in eine blühende Landschaft verwandelt.

Dominique Strebel, Catherine Boss (Hrsg.): Recherche in der Praxis, Saldo Ratgeber, Konsumenteninfo AG, 244 Seiten, 44 Franken.

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