von Nick Lüthi

«Wir spielen mit offenen Karten»

Die Zeitschriften der Konsumenteninfo AG machen mit ihrer Initiative «Pro Service public» aktiv Politik – quasi als Fortsetzung des Journalismus mit anderen Mitteln. René Schuhmacher, Verleger und publizistischer Leiter, findet den Vorwurf absurd, seine Redaktionen würden als Propaganda-Maschinen für die Initiative eingespannt.

Wenn heute das Konsumentenmagazin K-Tipp bei den Schweizerischen Bundesbahnen SBB um eine Auskunft bittet, dann kriegt es diese, wie alle anderen Medien auch. Das war nicht immer so. Ein halbes Jahr lang, vom letzten Herbst bis in den Frühling, haben die SBB nur noch summarisch auf K-Tipp-Anfragen reagiert und stattdessen auf allgemein zugängliche Online-Informationen verwiesen. Auch die anderen Titel aus dem Verlag Konsumenteninfo waren vom «Informationsboykott» der SBB betroffen.

Mit dieser Sonderbehandlung reagierten die SBB auf die, nach ihrer Zählung, gehäuften Anfragen der Konsumentenzeitschriften. SBB-Sprecher Christian Ginsig vermutet als Grund für das gestiegene Auskunftsbedürfnis die Volksinitiative «Pro Service public», welche die Konsumentenzeitschriften lanciert haben. Zur publizistischen Unterfütterung der Unterschriftensammlung hätten K-Tipp & Co. die Berichterstattung über die Bundesbahnen hochgeschraubt. «Ausserdem hatten wir den Eindruck, viele Artikel seien bereits geschrieben, als wir die Anfragen erhielten», sagt SBB-Mediensprecher Christian Ginsig. Ein Eindruck, den Ginsigs Kollegen bei Post und Swisscom teilen.

Der politische Vorstoss, auf den die SBB so empfindlich reagierten, verlangt von den Service-public-Unternehmen auf Gewinn zu verzichten beim Geschäft mit der Grundversorgung. Ausserdem soll das Lohnniveau des Spitzenpersonals auf demjenigen der Bundesverwaltung fixiert werden. Ende Mai haben Verlag und Redaktionen der Konsumentenzeitschriften 106’010 beglaubigte Unterschriften bei der Bundeskanzlei eingereicht. Bis Ende Mai 2014 muss nun der Bundesrat eine Botschaft ausarbeiten und die Initiative dem Parlament zur Beratung vorlegen.

Service public schon immer im Visier

Die Berichterstattung über die Unternehmen des öffentlichen Diensts, insbesondere SBB, Post und Swisscom, nehmen in den Konsumentenmagazinen seit jeher einen prominenten Platz ein. Das ist zum einen ihrer dominanten Stellung in den jeweiligen Geschäftsfeldern geschuldet. Zum anderen pflegen diese Unternehmen einen intensiven Kundenkontakt, am stärksten die SBB: Rund eine Million Personen nutzen täglich das Verkehrsangebot und machen mitunter auch unerfreuliche Erfahrungen. In etwas geringerem Mass gilt das auch für Post und Swisscom.

Die Leser sind die wichtigste Ressource für K-Tipp & Co. Ein Teil der enttäuschten und empörten Kundschaft meldet sich bei den Konsumentenzeitschriften, worauf diese die Unternehmen mit den Nutzerbeschwerden konfrontieren. «Wir informieren, wir beraten», sagt Verleger René Schumacher, «und manchmal gehen wir auch einen Schritt weiter.» Etwa dann, wenn immer wieder gleichlautende Klagen und Beschwerden bei den Redaktionen eingehen. «Dann gehen wir vom reinen Informieren über zum Support». Darunter versteht Schuhmacher juristischer Beistand, etwa in Form von Musterprozessen oder politisches Engagement. Im Fall der Service-public-Unternehmen sei der Druck der Leser auf die Redaktionen immer grösser geworden, «nicht nur zu schreiben, sondern zu handeln», sagt Schuhmacher.

Dass zum Handeln auch eine Volksinitiative zählen kann, war spätestens absehbar, als die Zeitschriften vor drei Jahren das Referendum gegen die Senkung des Umwandlungssatzes für Vorsorgeguthaben aktiv unterstützten. 70’000 Unterschriften steuerten die Leser zum schliesslich erfolgreichen Referendum bei. Auf die journalistische Arbeit habe das politische Engagement keinerlei Einfluss, sagt René Schuhmacher. Der publizistische Leiter und Verleger der Konsumentenzeitschriften bestreitet, dass seine Redaktionen nur wegen der Initiative plötzlich SBB, Post und Swisscom verstärkt ins Visier genommen hätten. «Unsere Berichterstattung würde ohne die Pro-Service-public-Initiative genau gleich aussehen», sagt Schuhmacher im Gespräch mit der MEDIENWOCHE.

Kleinliche Kritik?

Das mag inhaltlich zutreffen, aber zumindest formal bewegen sich die Titel in einer Grauzone. Journalismus und Kampagne vermischen sich. So nutzt der K-Tipp dasselbe Logo für die neue Heftrubrik «Service public», mit dem auch für die Initiative geworben wird. Ausserdem erscheinen die redaktionellen Texte aus den Magazinen auch in der News-Rubrik auf der Website zur Initiative. Schuhmacher hält solche Kritik für kleinlich und auch nicht zutreffend: «Wir spielen mit offenen Karten». Ganz im Gegensatz zu anderen Medien: «Dass ein CEO oft nur deshalb mit einer bestimmten Zeitung spricht, weil er eine politische Botschaft platzieren will, erfahren die Leser nie.» Seine Zeitschriften, sagt Schuhmacher weiter, liessen sich aber weder von Behörden noch von Unternehmen instrumentalisieren.

SBB, Post und Swisscom, die sich nahezu täglich mit Anfragen von K-Tipp &. Co. befassen, sehen das freilich etwas skeptischer. Sie kritisieren insbesondere die Vermischung von Journalismus und politischer Kampagne. Diese Kritik ist natürlich nicht frei von Eigeninteressen. Schliesslich zielt die Initiative der Konsumentenzeitschriften auf die künftige Strategie der Service-public-Unternehmen ab. Das hindert SBB, Post und Swisscom aber nicht daran, die Berichterstattung der Zeitschriften aus dem Konsumenteninfo-Verlag kritisch zu beurteilen; sie tun das nicht zuletzt im Vergleich mit anderen Medien, die sich genauso um das Wohl der Konsumenten kümmern. Bernhard Bürki, Mediensprecher der Post, bezeichnet die Anfragen der Konsumentenzeitschriften als «sehr aussergewöhnlich.»

«Es ist vorgekommen, dass wir drei Mal pro Woche kontaktiert wurden mit Katalogen von 10 bis 15 Fragen», sagt Bürki. «Und wenn wir die beantwortet hatten, schoben sie gleich noch mal 10 Fragen nach.» Störend daran sei, dass ein einzelner Verlag die personellen Kapazitäten strapaziere. Auch bei den SBB lief das so. Nur die Swisscom wurde nicht so intensiv gelöchert. Ärgerlicher sei es jedoch gewesen, zu merken, wie die Journalisten krampfhaft nach wunden Punkten suchten. «Da hatte ich schon den Eindruck, dass es nicht mehr um journalistische Neugier geht, sondern um die Suche nach Argumenten für die Initiative», sagt Bürki weiter. Verleger Schuhmacher hält wenig vom Urteil des Post-Sprechers. Das sei gerade so, als würde man Putin und Erdogan fragen, ob sie die Berichterstattung über ihre Person für ausgewogen und fair hielten. Entscheidend sei, dass die Informationen der Wahrheit entsprechen und fair recherchiert werde.

Zulässig zugespitzt?

Auf einem anderen Blatt steht dagegen, wie die Konsumentenzeitschriften mit ihrer Berichterstattung über die Service-public-Unternehmen teilweise hart an die Grenze des Zulässigen gingen und die Geschichte im Sinne der politischen Forderung zuspitzten. Am deutlichsten bei einer K-Tipp-Titelgeschichte über den Gewinn der Swisscom. Pro verdienten Franken im Privatkundengeschäft streiche Swisscom 60 Rappen als Gewinn ein, suggeriert dar Heftumschlag mit einer abgebildeten Einfrankenmünze. Sepp Huber, Leiter Media Relations von Swisscom, ärgert sich noch heute über diese Geschichte. «Ich habe es dem Journalisten genau erklärt, dass die 60 Prozent nie und nimmer dem Gewinn entsprechen.» In diesem Wert seien nicht einmal die Netzkosten berücksichtigt. In mehreren Mails hat Huber versucht, dem Journalisten die Grundlagen der Konzernbuchhaltung zu vermitteln. Erfolglos.

René Schuhmacher, der als publizistischer Leiter der Konsumenteninfo AG die letztinstanzliche Verantwortung trägt für diese Interpretation der Fakten, sagt dazu: «Wir haben nichts geschrieben, das nicht stimmt.» Der strittige Punkt ist indes der Eindruck, den der K-Tipp mit der Aussage zum Riesengewinn vermittelt. Wer sich nicht mit Konzernbuchhaltung auskennt, und das ist der Grossteil des Publikums, hält 60 Prozent Gewinn für die reinste Abzocke. In einer Gegendarstellung konnte die Swisscom schliesslich ihre Sicht der Dinge darlegen. Bis es so weit war, hat es aber gedauert. Erst nach einem längeren Hin und Her, sowie zwei Treffen der beiden Parteien konnte man sich auf das Vorgehen einigen. Heute sagt Schuhmacher: «Die Formulierung war nicht falsch, aber zu wenig präzis aufgrund mangelhafter Angaben und intransparenter Zahlen der Swisscom.» Damit hält Schuhmacher an der Darstellung fest und seine Redaktion für fehlerfrei. Darum gab es eine Gegendarstellung und kein Korrigendum.

Kein Zufall

Dass der K-Tipp ausgerechnet bei der Darstellung des Swisscom-Gewinns die Grenzen der zulässigen Zuspitzung ritzt, kann selbstverständlich Zufall sein. Unsauberkeiten lassen sich im Journalismus kaum vermeiden. Man mag aber nicht so recht an Zufall glauben, da ja die «Pro-Service-public»-Initiative gerade den Gewinn von Swisscom, Post und SBB im Visier hat. Und erst recht nicht mehr an Zufall mag man glauben, wenn auch das Magazin «Saldo» bei einer Gewinn-Geschichte die Fakten so auslegt, dass sie ins Schema der zentralen Initiativ-Forderung passen.

«Die Post rentiert fast so gut wie der Lebensmittelmulti Nestlé», stand Mitte April in «Saldo» zu lesen. Gemessen am Gewinn stehe die Schweizer Post im Vergleich mit ausländischen Postunternehmen einsam an der Spitze. Dass die Schweizer Post plausible Argumente gegen einen solchen Vergleich einbringt, erfährt der Leser zwar, aber erst ganz am Schluss des Artikels. Zurück bleibt der Eindruck, die Post sei ein Abzocker-Unternehmen, dessen Gewinnstreben unterbunden werden müsse. Nun ist der «Eindruck» bekanntlich keine feste Messgrösse. Darum gibt es auch keine klare Linie, wo der Journalismus aufhört und wo die politische Propaganda anfängt.

Anwaltschaftlicher Journalismus ist immer parteiisch, sonst ist er nicht. Aber gerade weil er eine konfrontative Stellung einnimmt, weil er anprangert und Veränderungen anmahnt und fordert, müssen die Journalisten noch höhere Qualitätsmassstäbe an ihre Arbeit anlegen, als bei Normalbetrieb. Das gilt natürlich ebenso für Medien, die nicht mit Referendum und Initiative, sondern mit Spin und Frame politische Interessen einbringen.

Auch andere machen Politik

René Schuhmacher betont immer wieder, politischer Aktivismus als Fortsetzung des Journalismus mit anderen Mitteln sei nicht seine Erfindung. Damit hat er recht. Auch Beobachter, Annabelle oder Blick haben als grosse und einflussreiche Medien ihre Position genutzt, um politischen Anliegen zum Durchbruch zu verhelfen. Aber bei keinem anderen Verlag sind die politischen und publizistischen Interessen so eng verflochten, wie bei den Titeln der Konsumenteninfo AG. Besonders deutlich zeigt sich das bei der Zusammensetzung des Initiativkomitees von «Pro Service public». Es besteht aus den Spitzen von Verlag und Redaktionen. Auf andere Partner aus dem politischen Spektrum habe man bewusst verzichtet, sagt Schuhmacher: «Wir wollten vermeiden, dass unsere Initiative einem bestimmten politischen Spektrum zugeordnet wird.»

Ohne die Unterstützung von Parteien und Gewerkschaften wird die Initiative kaum Mehrheiten finden im Parlament und an der Urne. Aber sie wird helfen, die Diskussion über Aufgaben und Ausgestaltung des Service public in Gang zu halten. Den Anstoss dazu sollen und müssen auch Medien geben. Im Fall von K-Tipp & Co. bestehen aber berechtigte Zweifel, ob die Redaktionen immer mit professioneller Nüchternheit und Sorgfalt daran interessiert waren, Missstände aufzudecken oder ob sie nicht doch ihre Berichterstattung phasenweise der Kampagnestrategie der Initiative «Pro Service public» unterordneten. Eine klare Trennlinie gibt es nicht. Kommen Zweifel auf an der Redlichkeit des Journalismus, ist es die erste Aufgabe von Redaktion und Verlag, den Verdacht zu entkräften. Im vorliegenden Fall erfolgte dies nicht immer befriedigend.

Was heisst das für die Leser? Die können sich an die Empfehlung von Edward Wassermann halten. Der Dekan der angesehenen Berkeley Graduate School of Journalism sagte kürzlich: «Das Publikum sollte skeptisch bleiben gegenüber Journalisten, die auch Aktivisten sind.» Ein Vorbehalt, der natürlich auch für alle anderen Journalisten gilt.

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Leserbeiträge

Martin Steiger 06. Juli 2013, 23:19

«‹Ausserdem hatten wir den Eindruck, viele Artikel seien bereits geschrieben, als wir die Anfragen erhielten›, sagt SBB-Mediensprecher Christian Ginsig. Ein Eindruck, den Ginsigs Kollegen bei Post und Swisscom teilen.»

Diesen Eindruck teile ich auch aus anwaltlicher Sicht.

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Nick Lüthi 07. Juli 2013, 16:11

Kannst du das etwas konkreter benennen? Wann? Wo? Auch mit den Konsumentenmedien?

Antworten...

Anton Keller 08. Juli 2013, 19:14

Den Service-Public Bossen bezahlen wir über die Monopolgebühren riesige PR-Abteilungen, und über das Werbeetat können diese Firmen massiv Druck aufsetzen. Da ist die Macht des K-Tipp ein Klacks dagegen.

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armand 13. Juli 2013, 11:50

wie oft von dir…guter Beitrag! vielen Dank.

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