von Nick Lüthi

Tamedia spart bei Ausbildung

Das Umsatz- und Effizienzsteigerungsprogramm von Tamedia hinterlässt erste Spuren. Das Frauenmagazin «Annabelle» kann ihren Volontärinnen die Diplomausbildung an der Journalistenschule MAZ nicht mehr bezahlen. Aus Kostengründen, wie es heisst.

Die Ausschreibung für ein Volontariat bei der «Annabelle» liest sich wie eh und je: 18 Monate Ausbildung auf der Redaktion, daneben die Möglichkeit, «am MAZ, der Schweizer Journalistenschule in Luzern, Einzelkurse zu besuchen oder allenfalls auch die Diplomausbildung Journalismus zu absolvieren.» Besonders der letzte Punkt klingt verlockend, zumal der Lehrgang in Luzern mit 25’000 Franken nicht ganz billig ist.

Eigentlich kann sich diese Ausbildung nur leisten, wer sie von einer Redaktion bezahlt erhält. Das ist denn auch gängige Praxis, wie eine aktuelle Umfrage unter MAZ-Studierenden zeigt: Der überwiegende Teil braucht nicht das eigene Konto zu plündern oder Eltern und Freunde anzupumpen. Meist verpflichten sich die Auszubildenden als Gegenleistung für die Kostenübernahme, eine bestimmte Zeit auf der Ausbildungsredaktion weiterzuarbeiten. Eine fairer Handel, von dem beide Seiten profitieren und auf dem letztlich der Erfolg des in der Branche als beste Praxisausbildung geschätzten Diplomlehrgangs basiert.

Nun droht dieses Modell Risse zu kriegen. Ausgerechnet Tamedia stellt den bewährten Ausbildungsdeal infrage. Wer sich für das Volontariat bei der «Annabelle» interessiert und die Diplomausbildung absolvieren möchte, wie dies im Stelleninserat steht, erhält negativen Bescheid: «Aus Kostengründen kann am MAZ keine Ausbildung gemacht werden.» Wie alle anderen Tamedia-Titel ist auch die «Annabelle» angehalten, im Rahmen eines aktuellen Sparprogramms das Blatt auf Effizienz zu trimmen. Welche Summe das Magazin einsparen muss, gibt das Unternehmen nicht bekannt.

Auf schriftliche Nachfrage erklärt «Annabelle»-Chefredaktorin Silvia Binggeli, dass noch nichts beschlossen sei. «Noch stecken wir mitten in der Budgetplanung». Man habe einfach nichts versprechen wollen, das später allenfalls nicht mehr eingelöst werden könne. Binggeli weiter: «Wir sind aber überzeugt, dass wir der künftigen Volontärin oder dem Volontär eine fundierte Ausbildung in der Redaktion mitgeben können.» Einzelne Kurse am MAZ lägen schon noch drin. Mehr aber offenbar nicht. Von der Diplomausbildung ist keine Rede mehr. 25’000 Franken sind eine beträchtliche Summe für eine Redaktion, die unter finanziellem Druck steht. Da ist die Verlockung gross, mit einem Strich dem Sparziel einen grossen Schritt näher zu rücken.

Auch wenn man bei Tamedia nicht müde wird zu betonen, dass die Qualität der Medien unter dem Spar- und Effizienzdruck nicht leide, sondern – im Gegenteil – gar noch verbessert werden könne, zeigt das aktuelle Beispiel das Gegenteil: Weniger Mittel bedeuten einen Qualitätsabbau; im vorliegenden Fall zwar ohne direkte Auswirkung auf die Publizistik. Aber fehlende Investitionen in die Qualität der Arbeitskraft zahlen sich später irgendwann negativ aus. Das zu messen ist freilich schwierig bis unmöglich. Und darum ist es auch so einfach, heute eine Ausbildung zu streichen.

Derweil betont Tamedia, dass es sich bei der Sparmassnahme von «Annabelle» um einen Einzelfall handle und das Verhältnis zum MAZ «ungebrochen gut» sei. Man werde weiterhin eng mit der Journalistenschule zusammenarbeiten und im kommenden Jahr beispielsweise erneut den Recherchetag unterstützen. Das sollte eigentliche eine Selbstverständlichkeit sein. Schliesslich hat Tamedia die hausinterne Aus- und Weiterbildung schon länger aufgegeben und ans MAZ ausgelagert.

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Leserbeiträge

Christoph Zimmer 12. September 2013, 20:41

Ich kann gut verstehen, dass die mögliche Streichung des Annabelle-Beitrages an das MAZ-Volontariat hier bedauert wird. Gleichzeitig gilt es jedoch auch die Relationen zu wahren: die – gemäss Statement von Chefredaktorin Silvia Binggeli in diesem Artikel noch nicht einmal definitiv beschlossene – Massnahme entspricht 0.X Prozent der gesamten Aus- und Weiterbildungskosten von Tamedia. Davon, dass Tamedia auf breiter Front Aus- und Weiterbildungsbeiträge einsparen würde, kann deshalb keine Rede sein.

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Ernst Erhu 13. September 2013, 15:14

Tamedia hat Radio 24 und Tele Züri weggespart, weil sie nicht mehr zur Kernkompetenz gehörten. Dafür wurde ein teures Verwaltungsgebäude gebaut und ihre Macht in den Printmedien verstärkt, dies mit viel weniger Personal in allen Bereichen. Die Zeitungen werden aber nicht nur durch weniger Werbung immer dünner und dünner, weshalb die Frage erlaubt sei, ob Tamedia-Produkte von denKonsumenten wegespart werden sollten.

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Matthias Giger 14. September 2013, 17:16

Nebst der strukturellen Krise steckt der Printjournalismus – und andere Formen des Journalismus – auch in einer zweiten Krise, einer qualitativen Krise (die mit ersterer ein bisschen zusammen hängt), verursacht durch den Sparterror in der Medienbranche.

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