von Antonio Fumagalli

Die letzte Push-Nachricht

Keine journalistische Form kommt näher an die Menschen heran als die Push-Meldung. Aber was sagen sie uns? Brauchen wir sie? Unser Autor kennt beide Seiten des Pushs, als Sender und Empfänger – und könnte gut darauf verzichten.

Es ist fast auf den Tag genau ein Jahr her, als ich, damals noch 20-Minuten-Reporter, auf dem Petersplatz in Rom stand – umrundet von Menschen, die sich gegenseitig um den Hals fielen. Grund für die kollektive Ekstase: Aus einem unscheinbaren Schornstein auf dem Dach der Sixtinischen Kapelle drang weisser Rauch in den verregneten Römer Himmel. Der neue Papst war gewählt.

In meiner Hosentasche vibrierte es, eine Push-Nachricht von 20 Minuten. «Schwarzer Rauch im Vatikan: Kein Papst nach den Wahlgängen 4 und 5», hiess es auf dem Screen. Vor mir, in vielleicht hundert Metern Entfernung, strömte weiterhin weisser Rauch aus dem Kamin. Ein bizarres Gefühl. Schon trafen die ersten SMS von Freunden aus der Schweiz ein, die mir den Gang zum Augenarzt nahelegten.

Der Fehler war schnell eruiert (und übrigens auch prompt berichtigt) – und er wäre auch mir ziemlich sicher passiert, hätte ich in Zürich am Dienstpult gesessen. Weil vom vorhergehenden Papst-Wahlgang noch brennbare Restpartikel übrig geblieben waren, war der Rauch über der Sixtina am Anfang gräulich eingefärbt. Auf dem Petersplatz ging entsprechend zuerst ein enttäuschtes Raunen durch die Menge, bevor der Jubel kurz darauf keine Grenze mehr kannte.

Zwischen den beiden Gefühlswelten lagen vielleicht fünfzehn Sekunden – viel Zeit in der Welt der Newsportale (besonders bei vorhersehbaren Ereignissen, wo man eine Push-Nachricht vorformulieren kann). Denn die harte Währung heisst Geschwindigkeit: Wer schneller ist, startet im Kampf um die Gunst des Publikums aus der Pole-Position. Erreicht mich eine Meldung, die mich interessiert, klicke ich sie an – auch wenn ich davon ausgehen kann, dass ein anderes Portal die News innert Minuten, ja Sekunden, auch verschickt.

Dass beim erforderten, weil vom Leser gewünschten Tempo die journalistische Sorgfaltspflicht mitunter leidet, ist verständlich und systembedingt. Kaum ein Medienunternehmen ist vor Fehlern gefeit, wobei sie sich auch unabhängig von den Push-Meldungen naturgemäss im Onlinegeschäft akzentuieren. Das ist auch nicht per se problematisch: Solange dem Leser gegenüber transparent gemacht wird, dass man zum aktuellen Zeitpunkt nur eine Quelle, nur eine erste Info, nur diese Reaktion hat, spricht nichts gegen eine möglichst zeitnahe Berichterstattung – schliesslich kann man einen Artikel jederzeit anpassen.

Bei der Push-Nachricht ist es anders: Ist sie versendet, trifft sie in dieser Form auf hunderttausenden, wenn nicht Millionen Geräten gleichzeitig ein. Die Kurzmeldung ist in dieser Hinsicht, so anachronistisch sich das anhört, das Pendant zur Schlagzeile der Zeitung, die am nächsten Morgen im Briefkasten liegt. Kein Wunder kontrollieren bei den Portalen immer zwei Redaktoren – zumindest in Bezug auf die Rechtschreibung – einen Push, bevor er verschickt wird.

Die wichtigsten Meldungen gratis und franko aufs Handy und das mehrmals täglich – ein Traum für alle, die beruflich sowieso immer up to date sein müssen? Während ich diese Zeilen schreibe, teilt mir SRF mit, bis zu 24 Meter grosse Trümmerteile seien im Meer südwestlich von Perth gesichtet worden, die von der verschollenen Malaysia-Airlines-Maschine stammen könnten. Die AZ meldet, dass ein 27-jähriger Enkel zugegeben hat, seine Grossmutter umgebracht zu haben. Und dank Le Matin weiss ich nun, dass Maria Höfl-Riesch ihre Ski-Karriere beendet. (Quizfrage an den Newsjunkie: Wann habe ich den Artikel geschrieben?)

Ich frage mich: Muss ich das alles wissen? Hätte ich das Essentielle nicht ohnehin erfahren, wenn ich aus eigenem Antrieb durchs Netz gestreift wäre? Was mich in erster Linie nervt, ist aber weniger der teilweise geringe Newsgehalt der Push-Nachricht oder die wackelige Faktenlage dahinter. Es ist die Tatsache, dass ich ungefragt und zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Informationen beliefert werde, mit denen ich mich vielleicht in jedem fünften Fall vertiefter befassen möchte. Es gibt keine journalistische Form, die derart in mein Privatleben eindringt wie die Push-Meldung. Klar, ich könnte ja einfach nicht auf mein Handy schauen, aber das schaffe ich nicht. Also ist nun – zumindest vorübergehend – Ende Feuer. Der Hase will nicht länger mit Schrot aus der Informationskanone beschossen werden, ich deaktiviere alle Push-Funktionen. Die nächste Kolumne gibts dann aus der Entzugsklinik.

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