von Eveline Dudda

Warum mehr leisten?

Zwischen Agrarpolitik und (freiem) Journalismus gibt es auffällige Parallelen: Beidenorts wird Vielfalt und Qualität gefordert, aber wenig dafür unternommen, dass diese auch gedeihen können.

Agrarpolitik funktioniert nach dem Vorschriftenprinzip: Die Damen und Herren in Bern schreiben den Bauern auf dem Land so viel wie möglich vor. Frei vom Vegetationsverlauf, unabhängig von Standort und Boden, und fern von Einflüssen wie Kleinklima und Grosswetterlage definiert das Bundesamt für Landwirtschaft zum Beispiel den Kalendertag, ab dem die Bauern ihre Ökowiesen mähen dürfen. Sie sagen ihnen auch noch wie sie die Wiese düngen dürfen (nämlich gar nicht) und ob und wann sie sie beweiden dürfen. Die Vorgaben sind so pauschal und banal, dass es das Ergebnis auch ist: Die Artenvielfalt kommt nicht vom Fleck.

In den Redaktionen läuft das ähnlich: Uns Journalistinnen und Journalisten wird zwar gesagt, wann wir einen Text abliefern müssen und wieviele Zeichen er haben darf. Das in Aussicht gestellte Honorar definiert dabei zugleich die Zeit, die man maximal dafür verwenden sollte. Dass dabei nicht immer hochstehender Qualitätsjournalismus rauskommt, liegt auf der Hand.

Die agrarischen Behördenvertreter mögen jetzt einwenden, es gäbe in der Agrarpolitik ja noch einen Qualitätszuschlag. Doch der ist so gesetzt, dass auch damit nur ein bescheidener Anreiz entsteht, mehr als nötig für die Biodiversität zu tun. Denn die «Ökoqualität» ist im Prinzip genauso pauschal definiert: Wer sechs Blüemli einer Liste auf der Wiese nachweisen kann, bekommt den Zuschlag. Wer sieben oder acht Blüemli vorweisen kann, hat aber nicht mehr davon. Sein Zuschlag ist der gleiche. Speziell seltene Pflanzen oder Tiere spielen keine Rolle bei der Honorierung.

Die Redaktionen sind gleich: Sie zahlen im besten Fall einen pauschalen Zuschlag aus, falls der Aufwand aus ihrer Sicht einmal etwas höher ausfällt. Mehr liegt in der Regel nicht drin und Ausnahmen von dieser Regel sind sehr, sehr selten. Dass eine Redaktion von sich aus gesagt hat, dass sie mehr bezahlen will, ist mir ein einziges Mal passiert in 13 Jahren.

Für Bauern wie Medienschaffende stellt sich die gleiche Frage: Warum mehr machen, wenn es nicht mehr dafür gibt? Mit Redaktionen ums Honorar zu feilschen, ist in der Regel wenig effizient. Falls einmal 100 Franken mehr rausschauen, bekommt man dafür einen Folgeauftrag weniger oder wird bei der nächsten Themenvergabe nicht mehr berücksichtigt.

Was die Agrarpolitik angeht, liegt die Lösung auf der Hand: Statt Massnahmen vorzuschreiben, müsste man die Ergebnisse honorieren. Dann entstünde umgehend ein Markt für Biodiversität und damit auch ein (hoher) Preis für jene Tiere und Pflanzen, die besonders rar und selten sind. Der Markt würde sicher spielen, denn die Bauern sind ja nicht blöd.

Warum sollte das beim Journalismus anders sein? Wenn qualitativ hochstehender Journalismus ein zwar rares, aber erwünschtes Gut ist, dann müsste sich das auch im Preis niederschlagen. Doch solange Rechercheaufwand und Textqualität bei der Bezahlung in der Regle keine Rolle spielen, solange muss sich jeder, der sein Geld mit Schreiben verdient fragen: Warum soll ich mehr machen als nötig? Genau wie die Bauern.

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