von Nick Lüthi

«…und alle berichten darüber, machen sogar Sendungen und geben Ihnen wieder eine Plattform»

Resonanz schlägt Relevanz: In der SRF-Talksendung «Schawinski» vom Montagabend durfte Christoph Blocher zum x-ten Mal seine Nazi-Vergleiche ausbreiten. Als ob das nicht schon genug des irrelevanten Sensationalismus wäre, boten tags darauf Zeitungen und auch SRF selbst die nächste Plattform für die abwegigen historischen Analogien des SVP-Politikers.

Eigentlich war alles gesagt. Aber Roger Schawinski wollte es unbedingt selbst noch einmal hören. Darum lud er am Montag Christoph Blocher in seine Talk-Sendung ein. Denn Blochers «provokanter Nazi-Vergleich sorgt seit Tagen für Schlagzeilen», so die Programmankündigung. Und was bei den anderen für Schlagzeilen sorgt, wird auch bei «Schawinski» für Schlagzeilen sorgen.

Bei aller Geringschätzung Blochers für die «Staatsmedien», also quasi die Nazis, welche die Juden der SVP unterdrücken, zeigt sich der SVP-Übervater nicht besonders wählerisch, wenn sich eine prominente Medienplattform anbietet. So kam es, wie es kommen musste: Christoph Blocher wiederholte, was er in den vergangenen Wochen bereits mehrfach gesagt und auf Nachfrage bekräftigt hat (und darum an dieser Stelle nicht wiederholt zu werden braucht).

Wäre es Schawinski um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den abwegigen Analogien gegangen, hätte er eine Historikerin oder einen Rhetorikspezialisten eingeladen und sicher nicht den Akteur selbst, der immer wieder das Gleiche erzählt. An einem Überzeugungstäter prallt Kritik ab, auch wenn sie ein Roger Schawinski im Brustton der Empörung vorträgt. So blieb es bei einem ungepflegten Altherrendisput, der nach allen Regeln des Journalistenhandwerks mehr Aufmerksamkeit als die 28 Minuten Sendungsdauer nimmer verdient hätte.

Doch Blocher wäre nicht Blocher und die Schweizer Medien nicht die Schweizer Medien, wenn damit nicht gleich für die nächsten Schlagzeilen gesorgt wäre. So ging der Ball vom Fernsehen zurück zur Presse, woher er ursprünglich gekommen war. Tages-Anzeiger, NZZ, 20 Minuten, Blick, Watson hielten es für ausreichend interessant, mehr oder weniger ausführlich über die Nullinformation vom Vorabend zu berichten. Alles Medien, die sich zuvor schon ausgiebig dem jüngsten Nazi-Aufguss des SVP-Hobbyhistorikers gewidmet hatten und mit ihrer Sendungsberichterstattung keinen Schritt weitergehen, sondern nur wiederkäuen, was am Bildschirm zu sehen war.

Die NZZ ist immerhin so ehrlich, gleich zu Beginn ihres Artikels auf den beschränkten Erkenntnisgewinn der Sendung hinzuweisen. Aufregung und Spektakel sind ihr dennoch Grund genug, das Thema erneut aufzugreifen. Sogar SRF leistet einen Sondereffort und bringt auf der Website eine schriftliche Fassung mit den wichtigsten Passagen der Sendung mit dem selbstentlarvenden ersten Satz: «Aufmerksamkeit um jeden Preis.» Genau darum geht es. Genauso Blocher wie den Medien.

Kommt Blocher ins Spiel, geben Medien regelmässig ihre Verantwortung ab und entscheiden nicht mehr nach Relevanz, sondern nur noch nach Resonanz. Und die gibt es. Schawinski erreichte mit Blocher so gute Publikumswerte wie schon seit Wochen nicht mehr und die bei NZZ und insbesondere Tages-Anzeiger überquellen die Kommentarspalten. Und was sagte Roger Schawinski zum Schluss seiner Blocher-Sendung: «Alle berichten darüber, machen sogar Sendungen und geben Ihnen wieder eine Plattform.» Als Selbstkritik konnte man die Aussage leider nicht verstehen. Denn sonst hätte es die Sendung gar nicht geben dürfen.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Matthias Giger 03. Mai 2016, 21:30

Das Konzept Schawinskis Sendung ist m.E. nicht Information oder gar investigativer Journalismus, sondern gerade Aufreger am köcheln zu halten. Von daher hat er einfach nur seinen Job gemacht.

Antworten...