von Nick Lüthi

Männer reden über Fussball: Der grosse Podcast-Check

2019 erfolgte der Anstoss, inzwischen gibt es vier grosse Schweizer Fussball-Podcasts. In vielem gleichen sie sich, in entscheidenden Punkten aber unterscheiden sie sich doch. Welche das sind und was man wo hört.

Wer soll das alles hören? Die Frage stellt sich für Podcasts im Allgemeinen und für einzelne Genres im Speziellen, etwa für Fussball-Podcasts. Obwohl es in der Schweiz eine überschaubare Anzahl an periodischen Gesprächsformaten zum beliebten Ballsport gibt, sind es immer noch zu viele, damit selbst Fussballverrückte die volle Spielzeit durchstehen; da muss man Prioritäten setzen. Das fällt aber nicht leicht, denn die Angebote unterscheiden sich formal nur geringfügig: Zwei bis vier Männer diskutieren eine Stunde lang über Fussball. Die Unterschiede ergeben sich aus der Art und Weise, wie sie das tun, und aus der personellen Besetzung.

Gemessen an der endlosen Themenfülle, die der Fussball hergibt, erstaunt es, dass erst 2019 der Podcast als ideale Plattform für die ewigen Plaudereien über das runde Leder entdeckt wurde. Mindestens ebenso erstaunlich ist, dass nicht etwa Fussballjournalisten, sondern der Comedian Stefan Büsser und sein Radiokollege Manuel Rothmund die Pioniertat für sich reklamieren. «Jetzt ist Büssi auch noch Fussball-Schnurri», schrieb «Blick» im März 2019 zum Start von «Ehrenrunde». Als Privatprojekt gestartet, gehört der Podcast seit 2021 zum Angebot von «Swisscom Blue».

Ebenfalls 2019 folgten mit «Dritte Halbzeit» (Tamedia) und «Sykora Gisler» (SRF) die beiden inzwischen beliebtesten Fussball-Podcasts der Schweiz, gemessen an ihrem Ranking auf den Plattformen Apple Podcasts und Spotify. Im vergangenen Mai lancierte zudem «20 Minuten» mit «Anderi Liga» seinen Fussball-Podcast.

Daneben gibt es eine Reihe kleinerer Podcasts, die sich entweder einem einzigen Klub widmen oder als Hobbyprojekt unter dem Radar eines breiteren Publikums segeln. Eine weitere Gattung sind Sportpodcasts, die sich in einzelnen Folgen, aber nicht ausschliesslich dem Fussball widmen.

Doch werfen wir ein Ohr auf jene vier Schweizer Fussball-Podcasts, die Woche für Woche, respektive Monat für Monat, mit einem journalistischen Anspruch das grosse Ganze ins Blickfeld rücken.

Die vier grössten Schweizer Fussball-Podcasts

  • • Name: Ehrenrunde
  • • Medienunternehmen: Blue Sport
  • • Start: Februar 2019
  • • Dauer: 45 Minuten
  • • Erscheinungsweise: monatlich
  • • Nerd-Faktor: tief

Gleich zum Start ihres neuen Podcasts «Ehrenrunde» machten Stefan Büsser und Manuel Rothmund klar, dass sie sich nicht als Fussballexperten verstehen. Das Fachwissen bringe der Gast mit, den sie jeweils einladen. Auch zwei Jahre später, als Swisscom den zuvor unabhängigen Podcast unter die Fittiche nahm und seither auch als Video- und TV-Format zeigt, kokettierte man mit dem beschränkten Fussballwissen der beiden Gastgeber: Büsser und Rothmund seien «witzig, entspannt, teilweise sogar fachkundig».

Das stimmt ebenso wenig wie die Beschreibung des Podcasts als «Stammtisch». Die beiden Moderatoren begegnen ihren Gästen längst auf Augenhöhe, sind gut vorbereitet und plaudern nicht einfach nur drauflos. Sie schaffen so eine Atmosphäre, bei der sich sowohl der Gast als auch das Publikum wohl fühlt. Es sind von journalistischer Neugierde geleitete Gespräche, die aber nicht immer so tief führen, wie sie führen könnten – oder sollten.

So etwa zuletzt in der Folge mit Hakan Yakin. Obwohl sie ausführlich über dessen Zeit als Spieler in Katar sprachen, vermieden sie eine kritische Diskussion über Sinn und Unsinn von Weltmeisterschaften im Wüstenstaat. Das Gros der Gäste machen bei Büsser und Rothmund aktuelle und ehemalige Super-League-Spieler und -Trainer aus, die sie nicht zwingend der Aktualität wegen einladen. Aber auch Funktionäre, Journalisten und Promis finden den Weg vors Mikrofon. Die Frauenquote ist mit drei (ehemaligen) Nati-Spielerinnen auf 40 Podcast-Folgen nicht berauschend hoch, aber höher als in anderen Podcasts.

  • • Name: Dritte Halbzeit
  • • Medienunternehmen: Tamedia
  • • Start: Juli 2019
  • • Dauer: in der Regel 1 Stunde
  • • Erscheinungsweise: wöchentlich
  • • Nerd-Faktor: hoch

Der Name ist Programm: In der dritten Halbzeit wird nach geschlagener Schlacht allenthalben analysiert, gefachsimpelt und spekuliert. Genau das tun auch die Journalisten aus Bern, Basel und Zürich, wenn sie sich jeweils am Montag zur Aufnahme ihres Podcasts zusammenschliessen. Das Wochenende ist vorbei und liefert den Stoff für die aktuelle Podcast-Folge.

Bei der Themenwahl orientiert sich die «Dritte Halbzeit» an der Aktualität auf und neben dem Rasen. Gäste gibt es keine, dafür die vier Experten, die zum Glück unterschiedliche Dialekte sprechen und sich so auch ohne Bild in der Regel gut auseinanderhalten lassen. Das Gesprächsklima erinnert an eine Mischung aus Kaffeepause und Redaktionssitzung; locker im Ton, aber dennoch klar strukturiert mit einer Themenliste und einem Gesprächsleiter, entweder Florian Raz (Bild) oder Thomas Schifferle.

Mit kumuliert bis zu hundert Jahren Sport- und Fussballwissen bewegt sich das Quartett fachlich auf höchstem Niveau. Das erweist sich dann als Nachteil für eine durchschnittlich fussballinteressierte Zuhörerschaft, etwa wenn sich das Gespräch im Klein-Klein der Spielanalyse zu verlieren droht. Die Stärke ist der vielfältige Pool an möglichen Teilnehmern im Podcast; fast nie diskutieren die gleichen vier Journalisten. Selbst aus dem fernen Wallis schaltet sich regelmässig Samuel Burgener zu, damit auch die Irrungen und Wirrungen des FC Sion und seines Präsidenten angemessen gewürdigt werden. Die Nähe zu den Protagonisten des Schweizer Fussballs der Perspektive lokal verankerter Journalisten macht denn auch den Mehrwert und die Einzigartigkeit der «Dritten Halbzeit» aus. Im Normalbetrieb kommt Frauenfussball nur selten vor. Der Europameisterschaft der Frauen im vergangenen Sommer widmeten sie immerhin eine Bonus-Folge.

  • • Name: Sykora Gisler
  • • Medienunternehmen: SRF
  • • Start: November 2019
  • • Dauer: 1 Stunde 10 Minuten
  • • Erscheinungsweise: monatlich
  • • Nerd-Faktor: mittel

Eigentlich müsste dieser Podcast irgendetwas mit «zwölf» heissen. Schliesslich ist die prägende Figur des Formats Mämä Sykora, Chefredaktor des Magazins «zwölf» und wandelndes Lexikon für Fussballfakten. Doch hier geht es nicht um Faktenhuberei, sondern gemäss Eigenwerbung um «Fussball-Trash-Talk aus allen Blickwinkeln».

Und das macht nicht einer allein. Als kongenialer Mitstreiter Sykoras wirkt Tom Gisler, erfahrener Radiomoderator und -komödiant. Zusammen empfangen sie für jede Folge einen Gast. Auch wenn der Rahmen an den Blue-Sport-Podcast «Ehrenrunde» erinnert – zwei Journalisten, ein Gast –, lassen sich die beiden Podcasts nur schlecht vergleichen, was vor allem an der Auswahl der Gäste liegt. «Sykora Gisler» empfangen selten aktive Spieler und wenn, dann eine Spielerin, wie zuletzt Nati-Verteidigerin Rachel Rinast (die übrigens selbst auch einen hörenswerten Fussball-Podcast betreibt).

Normalerweise kommen Fussballverliebte mit allen möglichen beruflichen Hintergründen zu Wort. Darum steht auch weniger das Spiel an sich, sondern das Drumherum im Zentrum der einzelnen Episoden, oft die Perspektive der Fans – das bietet überraschende Einblicke. Etwa dann, wenn der Zürcher Sicherheits- und Sportdirektor Mario Fehr über seine regelmässigen Besuche der Spiele des Londoner Vereins Tottenham Hotspur und die englische Fankultur spricht, um dann nahtlos seine Haltung in der Diskussion um personalisierte Tickets in Schweizer Fussballstadien darzulegen. Gisler und Sykora wirken dabei als kompetente Stichwortgeber, die das Gespräch geschickt führen und lenken und dabei auch eigene Meinungen und Überlegungen einstreuen.

  • • Name: Anderi Liga
  • • Medienunternehmen: «20 Minuten»
  • • Start: März 2022
  • • Dauer: 45 bis 60 Minuten
  • • Erscheinungsweise: meist wöchentlich
  • • Anzahl erschienene Folgen: 25
  • • Nerd-Faktor: hoch

Obwohl «20 Minuten» erst im März 2022 seinen Fussball-Podcast «Anderi Liga» lancierte, erfindet die Gratiszeitung das Rad nicht neu und setzt auf die bewährte Formel: zwei Journalisten und (manchmal) ein Gast. Mit Tobias Wedermann, Sportchef «20 Minuten» und Fabian Ruch, seit 25 Jahren Fussballjournalist, gegenwärtig bei der NZZ angestellt, bringt «Anderi Liga» ein gehöriges Mass an Fachwissen vors Mikrofon.

Wenn die beiden den Podcast ohne Gast und nur zu zweit bestreiten, ergibt das bei einer Stunde Dauer viel Redezeit pro Person. So kann es schon mal vorkommen, dass sie ins Nerdige abdriften. Meist erwischen sie aber die Kurve gerade noch oder das Gegenüber unterbricht den Monolog mit einer Frage.

Neben den Leistungen und Aktivitäten heimischer und ausländischer Vereine, kommt die Schweizer Nationalmannschaft mindestens ebenso prominent vor im Podcast. Schliesslich begleitet Fabian Ruch die Nati seit der Euro 2000 an jedes internationale Turnier und kennt darum das Innenleben der Mannschaft wie nur wenige andere Journalisten.

Wie bei der Themenwahl überhaupt setzen Wedermann und Ruch auch bei den Gästen stark auf die Aktualität, was sie von den drei anderen grossen Fussball-Podcasts unterscheidet. Den FCZ-Präsidenten Ancillo Canepa besuchten sie für eine Podcast-Episode nur wenige Tage nach dem Gewinn der Meisterschaft und noch vor der grossen Meisterfeier in seinem Büro. YB- und Nati-Spieler Christian Fassnacht brachten sie nach einer langen Interview-Pause Mitte September als erste wieder öffentlich zum Reden. Keine nennenswerte Rolle spielte in den ersten 25 Folgen des Podcasts der Frauenfussball.