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	<title>Robert Ruoff | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Fri, 01 Oct 2021 16:49:04 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Haben die Schweizer Medienkonzerne den Bezug zur Gesellschaft verloren?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/09/29/haben-die-schweizer-medienkonzerne-den-bezug-zur-gesellschaft-verloren/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Sep 2021 07:50:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Medienförderung]]></category>
		<category><![CDATA[Swiss Media Forum]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn sich prosperierende Firmen für staatliche Hilfsgelder stark machen, dann stimmt etwas nicht: Die Grossen wollen Geld, die Kleinen und die Neuen brauchen es. Auch sonst scheinen grosse Medienhäuser den Bezug zur Gesellschaft zu verlieren. Anmerkungen zur Befindlichkeit der Branche. «Money makes the world go around», heisst es im Lied von John Kander und Fred <a href="https://medienwoche.ch/2021/09/29/haben-die-schweizer-medienkonzerne-den-bezug-zur-gesellschaft-verloren/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wenn sich prosperierende Firmen für staatliche Hilfsgelder stark machen, dann stimmt etwas nicht: Die Grossen wollen Geld, die Kleinen und die Neuen brauchen es. Auch sonst scheinen grosse Medienhäuser den Bezug zur Gesellschaft zu verlieren. Anmerkungen zur Befindlichkeit der Branche.</strong><br />
<img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-91453" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/09/MW-Money-Verleger-20210928.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/09/MW-Money-Verleger-20210928.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/09/MW-Money-Verleger-20210928-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/09/MW-Money-Verleger-20210928-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/09/MW-Money-Verleger-20210928-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/09/MW-Money-Verleger-20210928-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
«Money makes the world go around», heisst es im Lied von John Kander und Fred Epp, das Liza Minnelli mit ihrem Auftritt im Film «Cabaret» berühmt gemacht hat. Das Lied beschreibe «stark vereinfacht und stark karikierend», sagt Wikipedia, «die Rolle des internationalen Geldes in der Wirtschaft» und im Alltagsleben der Menschen vor ziemlich genau hundert Jahren. Also zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, nach dem Ersten Weltkrieg.</p>
<p>Sie haben das Lied nicht gespielt am <a href="https://www.swissmediaforum.ch/" target="_blank" rel="noopener">Swiss Media Forum</a> vom 22. und 23. September 2021, wenn ich nicht etwas verpasst habe bei der Musik nach dem Mediendinner. Aber sie hätten es spielen können, jetzt, nach der Verabschiedung des Medienförderungspakets im National- und Ständerat. «Money, Money» hält auch die Medienwelt in Gang.</p>
<blockquote><p>Nicht zu unterschätzen ist die Reichweite der Gratismedien, die keine Medienförderung bekommen und deshalb in die Opposition gehen.</p></blockquote>
<p>Aber das <a href="https://staatsmedien-nein.ch/" target="_blank" rel="noopener">Referendum gegen die Medienförderung</a> hängt noch in der Luft; es ist in kurzer Zeit zustande gekommen, und es ist eine breite Front. Sie beginnt bei den «Freunden der Verfassung» und erfasst einen guten Teil des gegenwärtigen Protestpotentials von Impf- und Massnahmengegnern. Sie reicht politisch von der SVP und FDP und mobilisierungsfähigen Mitgliedern ihrer Jungparteien bis zu prominenten Vertretern der Partei «Die Mitte». Sie hat publizistisches Potenzial in der «Weltwoche», beim «Nebelspalter», beim «Schweizer Monat» und bis hinein in die Redaktion der NZZ. Der NZZ-Verlag heisst zwar die geplante Presseförderung gut, aber er lässt «als urliberales Unternehmen» der Redaktion freien Kopf und freie Hand. Das hat Felix Graf, CEO der NZZ-Mediengruppe, auf dem Podium des Swiss Media Forum bestätigt. Und nicht zu unterschätzen ist die Reichweite der (werbefinanzierten) Gratismedien, die keine Unterstützung bekommen und deshalb in die Opposition gehen.<br />
</p>
<p>Die Gegner der Medienförderung nutzen denn auch jede Gelegenheit zum Angriff. «Die Schweizer Medien informieren nur, wenn es ihnen nützt», schreiben die Referendums-Komitees auf einem Flugblatt, und Kurt W. Zimmermann äusserte sich in der «Weltwoche» ausführlich und sarkastisch über eine <a href="https://staatsmedien-nein.ch/anleitung-zur-selbstdemontage/" target="_blank" rel="noopener">«Anleitung zur Selbstdemontage»</a>. Beide prangern die Tatsache an, dass «alle Schweizer Zeitungen das erfolgreiche Referendum gegen das neue Mediengesetz» totgeschwiegen haben. «Es ist ein einzigartiges Versagen des Schweizer Journalismus und der Schweizer Verlagskultur», schreibt Zimmermann in der «Weltwoche».</p>
<blockquote><p>Die Verlagschefs schworen alle hoch und heilig, es habe keine Absprachen und keine Anweisungen gegeben für die Berichterstattung über das Referendum.</p></blockquote>
<p>Die am Swiss Media Forum zur sogenannten <a href="https://www.persoenlich.com/medien/die-moderatorin-macht-die-beste-falle" target="_blank" rel="noopener">Elefantenrunde</a> versammelten Chefs der Medienhäuser – Felix Graf (NZZ), Marco Boselli (Tamedia), Marc Walder (Ringier) und Axel Wüstmann (CH Media) – schworen alle hoch und heilig, es habe keine Absprachen und keine Anweisungen gegeben. Das wollen wir ihnen gerne glauben. Aber würde das nicht den Verdacht wecken, dass der interessengeleitete Journalismus in Medienfragen bei den Redaktionen bereits so weit verinnerlicht ist, dass es Absprachen und Anweisungen schon gar nicht mehr braucht? Der Vollständigkeit halber sei aber erwähnt, dass dieselben Redaktionen auch den Kampagnenstart des Verlegerverbands für die Medienförderung nicht vermeldet haben.</p>
<p>«Welcome to the Club», hat SRG-Generaldirektor Gilles Marchand in dieser Diskussion erklärt, und er meinte damit, dass die privaten Medienunternehmen jetzt selbst erfahren, was «No Billag» bedeutet hat. Bei der SRG sei es 2018 um die Existenz gegangen. Und die SRG-Journalisten hätten trotzdem und zu Recht sehr breit und sehr sorgfältig auch von den «No Billag»-Aktivitäten berichtet, um nur schon den falschen Schein einer Parteilichkeit zu vermeiden.</p>
<p>Das gilt auch und gerade, weil eine Ablehnung der Medienförderung für kleine, lokale und regionale Publikationen und für manche der neueren Online-Angebote auch tödlich sein könnte. Für die wohlhabenden Verlagshäuser könnte sie einfach schmerzhaft werden.</p>
<blockquote><p>Die 30 Millionen für die Online-Medien sind keine besonders grosse Summe, wenn man bedenkt, dass die digitale Verbreitung die Zustellung von gedrucktem Papier in absehbarer Zeit weitgehend ablösen wird.</p></blockquote>
<p>Es geht um 50 Millionen Franken für die Ermässigung der Tageszustellung von abonnierten Zeitungen und Zeitschriften, und um weitere 40 Millionen für die Früh- und Sonntagszustellung, die neu sind im Förderangebot. Neu ist auch die Förderung von Online-Medien vorgesehen. 30 Millionen sollen sie bekommen. Das ist keine besonders grosse Summe, wenn man bedenkt, dass die digitale Verbreitung die Zustellung von gedrucktem Papier in absehbarer Zeit weitgehend ablösen wird. «Gefördert würden Angebote, die von ihrer Leserschaft mitfinanziert werden», schreibt das Bakom. Und: «Der Bund macht (diesen) Medien keine inhaltlichen Vorgaben». Einen Leistungsauftrag wie bei der SRG oder bei konzessionierten privaten Lokalradios und regionalen TV-Stationen haben die privaten Verlagshäuser im Gesetzgebungsverfahren erfolgreich abgewehrt. Die grossen privaten Verlage haben eine starke Lobby im Bundeshaus.</p>
<p>Aber die Front der Gegner könnte noch wachsen. Felix E. Müller, bis September 2017 Chefredaktor der «NZZ am Sonntag», beschreibt in seiner Kolumne, «dass die beiden Unternehmen TX Group (einst Tamedia) und Ringier» am 31. August 2021 bekanntgaben, «dass sie ihre Onlinemarktplätze in einer gemeinsamen Firma zusammenführen und diese gelegentlich an die Börse bringen wollen. Schätzungen gehen davon aus, dass dies bis zu zwei Milliarden Franken generieren könnte.» Und Müller schliesst daraus messerscharf: «Nun zeichnet sich ab, dass sich auch die Linken von diesem Gesetz abwenden, an dem sie immer schon die Unterstützung für die Grossverlage gestört hat. Denn: Haben sie nicht gerade ihre unternehmerische Fähigkeit unter Beweis gestellt, mit eigenen – kapitalistischen! – Methoden zu Geld zu kommen?»</p>
<p>Tatsache ist, dass etliche aufmerksame Beobachter sich angesichts der Fusion der Inserate-Plattformen von TX Group und Ringier die Frage gestellt haben, ob das journalistische Geschäft für die beiden Grossunternehmen nun definitiv zu einer Nebentätigkeit werden soll.</p>
<blockquote><p>Ein wenig Quersubventionierung würde die gemeine Leserschaft sicher schätzen, wenn damit der Abbau des Journalismus gestoppt würde.</p></blockquote>
<p>Tatsache ist aber auch, dass sich nicht nur «die Linken» schon länger die Frage stellen, warum sich der Unternehmer Dr. Pietro Supino nicht dazu entschliessen kann, aus dem beträchtlichen Ertrag seiner kommerziellen Handels- und Werbeplattformen ein paar Millionen an den Verleger Dr. Pietro Supino zu überweisen. Die Inserate waren ja bis Ende der 1990er-Jahre fester Bestandteil des Zeitungsgeschäfts. Ein wenig Quersubventionierung ist vielleicht für die Unternehmensberater von McKinsey eine Todsünde, aber die gemeine Leserschaft würde es sicher schätzen, wenn der Abbau der journalistischen Stellen bei Tamedia und die daraus fast zwangsläufig folgende Ausdünnung journalistischer Qualität und Vielfalt beendet (oder sogar rückgängig gemacht) würde.</p>
<p>Viele «Linke» und andere unbelehrbare Verfechter der direkten Demokratie machen allerdings eine differenzierte Überlegung. Die TX Group und Ringier würden die Ablehnung der Medienförderung überleben. Für kleinere Unternehmen ist eine finanzielle Unterstützung in den nächsten Jahren aber eine Überlebensfrage.</p>
<blockquote><p>«Wir nähern uns dem Kipp-Punkt. Wenn der Baum angesägt ist, steht er noch eine Weile. Aber dann …»<br />
<small>Gilbert Bühler, CEO «Freiburger Nachrichten»</small></p></blockquote>
<p><a href="http://www.kleinreport.ch/news/gilbert-buhler-von-den-freiburger-nachrichten-zum-medienfordergesetz-die-publizistische-unabhangigkeit-bleibt-vollstandig-gewahrt-97838/" target="_blank" rel="noopener">Gilbert Bühler</a>, CEO der «Freiburger Nachrichten» und Präsidiumsmitglied im Verband Schweizer Medien, liefert ein paar Fakten am Beispiel der Zeitung, für die er verantwortlich ist. Vorweg seine Kernaussage: «Ohne Medienförderung ist die Transformation ins Digitale nicht zu schaffen.» Bühler sagt das für eine Zeitung, die in der Bevölkerung gut verankert ist. Die «Freiburger Nachrichten» machen einen Umsatz von rund 12.5 Millionen Franken im Jahr, sie haben knapp 500 treue Aktionäre. Aber sie haben seit 2008 über 55 Prozent des Werbeumsatzes verloren und unter anderem deshalb den Abonnementspreis von 275 auf 428 Franken erhöht, also um rund 60 Prozent. Und die Abonnenten haben das mitgetragen. «Aber», sagt Bühler, «wir nähern uns dem Kipp-Punkt.» Sprich: «Wenn der Baum angesägt ist, steht er noch eine Weile. Aber dann …»</p>
<p>Simon Jacoby, Co-Präsident des <a href="https://www.medienmitzukunft.org/" target="_blank" rel="noopener">Verbands «Medien mit Zukunft»</a> und Chefredaktor des Zürcher Online-Portals <a href="https://tsri.ch/zh/" target="_blank" rel="noopener">«Tsüri»</a>, sieht das ähnlich. Er sagt: «Eine Ablehnung der Medienförderung wäre dramatisch, weil dann nicht einfach etwas Neues kommt, sondern wir auf Jahre hinaus blockiert wären.» Wenn es gut läuft, kann «Tsüri» nach und nach das Angebot ausbauen. Aber das heisst, «dass wir immer noch kleine Brötchen backen und nur eine Nische bedienen». Und wenn es schief geht, «können uns drei finanziell schlechte Monate den Kopf kosten».</p>
<blockquote><p>Es entstehen Mehrkosten für die parallele Distribution, wenn die Verlage einerseits bei der traditionellen Leserschaft bleiben und andererseits zukunftsfähig werden wollen.</p></blockquote>
<p>Und so öffnet sich beim lokalen Online-Portal wie bei der Regionalzeitung ein neuer Spannungsbogen: Die «Freiburger Nachrichten» müssen wie nahezu alle gedruckten Zeitungen umstellen auf das Online-Angebot, weil das zum einen die Zukunft ist und zum Anderen im Vergleich zum Druck Produktions- und Vertriebskosten spart. Aber «90 Prozent der Leserschaft wollen zurzeit noch bedrucktes Papier», sagt CEO Gilbert Bühler. Das heisst: Es entstehen Mehrkosten für die parallele Distribution, wenn die Verlage einerseits bei der traditionellen Leserschaft bleiben und andererseits zukunftsfähig werden wollen. Dafür braucht es die Medienförderung. Wenn nicht, sagt Bühler, «dann wird das Freiburgerland eine Medienwüste». Und die jungen Online-Portale müssen wachsen und das Inhalts-Angebot ausbauen, um die Interessen der Nutzenden zu bedienen und ihre Mitwirkung verstärken zu können.</p>
<p>Das ist auch der Punkt der am Swiss Media Forum anwesenden Bundesrätin. «Grundversorgung» für die direkte Demokratie ist gefragt, erklärt <a href="https://www.uvek.admin.ch/uvek/de/home/uvek/medien/reden.msg-id-85208.html" target="_blank" rel="noopener">Simonetta Sommaruga</a> dem Publikum; sie erinnert dabei auch an die Pandemie mit ihrem Informationsbedarf, der Notwendigkeit von Vertrauen und Glaubwürdigkeit, auch gegen die gängige «Miesmacherei» und das «Schlechtmachen» der Arbeit des Bundesrats und der Medien. Sie unterstreicht die Bedeutung der «Medien vor Ort», der «Vielfalt» und der «Basis in der Gesellschaft, die die Medien mitfinanziert». In Krisensituationen kämen die einfachen Wahrheiten wieder ins Bewusstsein.</p>
<blockquote><p>Publizistisch pflegt Bayard offenkundig ein Erfolgsrezept. Er verlangt von seinen Journalistinnen und Journalisten Begeisterung für die Region.</p></blockquote>
<p>So kann man, wenn man will, auch die Geschichte des ehemaligen Walliser Mode-Unternehmers Fredy Bayard verstehen, die er am Swiss Media Forum erzählt. Irgendwann hatte er genug vom Kleiderhandel und verkaufte sein Unternehmen an die Mitarbeitenden. Nach einer Weile mit Reisen, Wandern und Rumhängen übernahm er 2018 die <a href="https://www.1815.ch/news/wallis/aktuell/bayard-uebernimmt/" target="_blank" rel="noopener">Mengis-Gruppe</a> mit dem «Walliser Boten», der «Rhone-Zeitung» samt Druckerei und «Radio Rottu», und dynamisierte die Oberwalliser Mediengruppe erfolgreich ein bisschen. Und weil er ein kommunikativer Mensch ist, kam er in Kontakt mit dem Bieler Verleger Marc Gassmann, der sein Unternehmen aus familiären Gründen auf den 1. Januar 2021 verkaufen wollte – und <a href="https://www.persoenlich.com/medien/bieler-medienhaus-wechselt-den-besitzer" target="_blank" rel="noopener">Bayard übernahm</a> auch dieses Medienunternehmen. Mit dem «Bieler Tagblatt», dem «Journal du Jura», Radio «Canal 3», «Tele Bielingue», einer Druckerei sowie dem «Zeitungspool Biel-Freiburg-Wallis» für die Inseratevermarktung entstehen geradezu ideale Synergien zwischen Wallis und Seeland.</p>
<p>Publizistisch pflegt Bayard offenkundig ein Erfolgsrezept. Er verlangt von seinen Journalistinnen und Journalisten Begeisterung für die Region, in der sie arbeiten, und einen Journalismus nach dem Prinzip: «Lasst alle Glocken läuten». Das heisst: Es müssen und sollen alle Meinungen Platz finden in Bayards Publikationen. Ansonsten greift er in die journalistische Arbeit nicht ein. Mit dem Ergebnis, dass sich die Zahl der Abonnements rasch spürbar gesteigert hat.</p>
<blockquote><p>Bayard sorgte mit seinem Kauf der Bieler Medien nebenbei dafür, dass der Verlag nicht in die Hände von Tamedia gelangte.</p></blockquote>
<p>Es gab darüber beim Swiss Media Forum zwar keine Diskussion, aber wer wollte, konnte aus Bayards Erzählung die Schlussfolgerung ziehen, dass die Verwurzelung in den Themen und im Meinungsaustausch mit der regionalen Leserschaft die Existenz nachhaltig sichert. Das gilt umso mehr, als Bayard mit seinem Kauf nebenbei auch noch dafür gesorgt hat, dass das Medienhaus Gassmann nicht in den zentralistisch organisierten Tamedia-Verlag integriert wurde, mit dem der Bieler Verlag zuvor kooperiert hatte.</p>
<p>Man darf ja die Frage stellen, ob eine ähnliche Nähe und Integration in die Gesellschaft bei den Medien der grossen Verlagshäuser heute auch noch gilt. Der Titel der Gesprächsrunde über ihre <a href="https://www.watson.ch/wirtschaft/schweiz/435711517-nach-watson-lanciert-auch-blick-ein-onlineportal-in-der-romandie" target="_blank" rel="noopener">neuen Angebote in der Westschweiz</a> hiess «Expansion von Deutschschweizer Medienunternehmen in die Suisse romande». Und tatsächlich handelt es sich um einen Vorstoss von Ringier, TX Group / Tamedia und AZ Medien in den publizistisch entleerten Raum der Suisse romande.</p>
<p>Alle drei neuen Angebote in der Romandie – die französischsprachigen Ausgaben von «Watson», «Blick» und «20 Minuten» – werden grundsätzlich aus der Deutschschweiz geleitet, auch wenn sie jeweils selbständige Redaktionen in der Westschweiz haben. Wobei Christian Dorer, Chefredaktor der «Blick»-Gruppe, beim Start des Westschweizer «Blick» betonte, dass die Redaktion in der Romandie völlig selbständig arbeite. Gleichzeitig betonen die Chefredaktoren bei der Präsentation am Swiss Media Forum vor allem die Tatsache, dass die Westschweizer Ausgaben Texte aus der Deutschschweiz übersetzen und übernehmen. Der journalistische Informationsfluss in die Gegenrichtung – von der Suisse romande in die Deutschschweiz – kam erst auf Nachfrage aus dem Publikum zur Sprache. Vielleicht steckt da doch ein Stück Deutschschweizer Dominanz drin? Es fiel übrigens auf, dass auch diese Debatte am Swiss Media Forum eine reine Männerrunde war. Die Chefredaktorin von «Watson» war offenbar verhindert.</p>
<blockquote><p>Das wirft die Frage auf: Sind die grossen Medienhäuser nach wie vor zurückgeblieben hinter der gesellschaftlichen Entwicklung?</p></blockquote>
<p>Rein männlich besetzt war selbstverständlich auch die Elefantenrunde. Da sassen in ihrer vollen Pracht die Top-Manager Axel Wüstmann (CH Media), Felix Graf (NZZ Mediengruppe), Marc Walder (Ringier), Marco Boselli (Tamedia) und Gilles Marchand (SRG). Der fragende Hinweis der (sehr präsenten) Moderatorin Maria Victoria Haas auf die nach wie vor exklusiv männliche Besetzung der obersten Führungspositionen bei den grossen Medienhäusern löste sofort und ringsum die reumütige Beteuerung aus, dass man sich dieses Problems schon lange bewusst sei und, so Marco Boselli von Tamedia, dass es des Protestbriefs der Redaktorinnen an die Direktion gar nicht bedurft hätte. Wofür selbstverständlich sowohl die Besetzung der Elefantenrunde als auch die geladenen Stargäste des Swiss Media Forum den lebendigen Gegenbeweis lieferten.</p>
<p>Eine gleichermassen exklusive Männerrunde präsentierte die mediale Expansion in der Westschweiz (immerhin ebenfalls mit Diskussionsleitung durch eine Frau). Beides ist 2021 ein Anachronismus. Das wirft die Frage auf: Sind die grossen Medienhäuser nach wie vor zurückgeblieben hinter der gesellschaftlichen Entwicklung?</p>
<blockquote><p>Ist diese journalistische Zurückhaltung Ausdruck der redaktionellen Haltung des «Tages-Anzeigers» oder ist es einfach ein unglücklicher Zufall?</p></blockquote>
<p>Ein anderes Ereignis weist auch in diese Richtung. Am 18. September 2021 haben 15&#8217;000 Personen in Bern gegen die Erhöhung des Rentenalters und die aufgegleiste Senkung des Rentenniveaus demonstriert. «Es war wohl die grösste Demonstration der letzten zwei Jahre», schreibt <a href="https://www.woz.ch/-bd83" target="_blank" rel="noopener">Andreas Fagetti in der WOZ</a>. Und: «Dem ‹Tages-Anzeiger› waren der Aufmarsch und die Hintergründe des Protests in der Printausgabe keine Zeile mehr wert.» – Ist diese journalistische Zurückhaltung Ausdruck der redaktionellen Haltung des «Tages-Anzeigers», beziehungsweise der Tamedia-Zeitungen, oder ist es einfach ein unglücklicher Zufall?</p>
<p>Und ganz zum Schluss: Das Swiss Media Forum hat mit Martin Baron und Armin Wolf noch zwei angesehene Journalisten zu Referat und Interview eingeladen. Der Auftritt von Martin Baron (mehrfacher Pulitzer-Preisträger) war ein angenehmer Rückblick auf seine grundsätzlich bekannten Leistungen. Armin Wolf hat in einem Standard-Referat Bezug genommen auf bekannte Vorgänge (Trump, Alternative Fakten) und er hat zu Recht daran erinnert, dass «die Wirklichkeit das ist, was nicht weggeht, auch wenn du nicht daran glaubst».</p>
<p>Bei entspanntem Nachdenken – zirka zwei Minuten – wären hier zwei exzellente Journalistinnen in bedeutenden Führungspositionen leicht zu finden. Es wäre ein Beitrag zur Diversität und zur stärkeren Verwurzelung der Schweizer Medien in der gesellschaftlichen Realität gewesen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/09/29/haben-die-schweizer-medienkonzerne-den-bezug-zur-gesellschaft-verloren/">Haben die Schweizer Medienkonzerne den Bezug zur Gesellschaft verloren?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>«Von der Anstalt zum Unternehmen»: Erinnerungen an Fernsehdirektor Peter Schellenberg</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/04/28/von-der-anstalt-zum-unternehmen-erinnerungen-an-fernsehdirektor-peter-schellenberg/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Apr 2021 19:58:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Schellenberg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der kürzlich verstorbene Peter Schellenberg baute das Schweizer Fernsehen während seinen 16 Jahren als Direktor grundlegend und nachhaltig um. Programme und Strukturen, die er vor zwanzig und mehr Jahren initiiert hatte, halten sich bis heute. Eine Würdigung seines Schaffens von Robert Ruoff, der die Ära Schellenberg als Fernsehredaktor erlebt hatte. «Das ist es, was ich <a href="https://medienwoche.ch/2021/04/28/von-der-anstalt-zum-unternehmen-erinnerungen-an-fernsehdirektor-peter-schellenberg/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der kürzlich verstorbene Peter Schellenberg baute das Schweizer Fernsehen während seinen 16 Jahren als Direktor grundlegend und nachhaltig um. Programme und Strukturen, die er vor zwanzig und mehr Jahren initiiert hatte, halten sich bis heute. Eine Würdigung seines Schaffens von Robert Ruoff, der die Ära Schellenberg als Fernsehredaktor erlebt hatte.</strong><br />
<img decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-88090" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/04/MW-Nachruf-Schellenberg-DRS-SRF-20210427.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/04/MW-Nachruf-Schellenberg-DRS-SRF-20210427.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/04/MW-Nachruf-Schellenberg-DRS-SRF-20210427-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/04/MW-Nachruf-Schellenberg-DRS-SRF-20210427-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/04/MW-Nachruf-Schellenberg-DRS-SRF-20210427-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/04/MW-Nachruf-Schellenberg-DRS-SRF-20210427-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
«Das ist es, was ich schon lange wollte!» Mit diesem Ausruf reagierte Peter Schellenberg, als ich ihm im Sommer 1990 in seinem Direktionsbüro das Konzept für eine tiefgreifende Strukturreform der SRG präsentieren durfte.</p>
<p>Es mag vielleicht anderthalb Jahre vor dieser Präsentation gewesen sein, als er nach seinem Morgenkaffee im Personalrestaurant im Studio Leutschenbach an meinem Tisch vorbeikam, kurz stehen blieb und zu mir sagte: «Ich habe kürzlich mit Generaldirektor <a href="https://www.srgssr.ch/de/news-medien/news/antonio-riva-ehemaliger-generaldirektor-der-srg-ist-gestorben" target="_blank" rel="noopener">Antonio Riva</a> gesprochen. Er sucht jemanden, der ihm bei der Kommunikation in deutscher Sprache helfen könnte. Würde Dich das interessieren?»</p>
<p>Es hat mich interessiert. Aber ich ahnte nicht, dass ich damit in die Konzeptarbeit für die letzte grosse «Strukturreform» der SRG vor der gegenwärtigen Digitalisierung hineingeschoben wurde. Peter «Schälli» Schellenberg war nicht nur ein weitsichtiger Stratege; er war auch ein Meister der Beiläufigkeit.<br />
</p>
<p>Es war eine Zeit der Umwälzung. Die Zahl der Sendefrequenzen nahm zu, und in den Nachbarländern der Schweiz wurde das Staatsmonopol von Radio und Fernsehen gebrochen. Die kommerziellen Sender drängten mit ihren grenzüberschreitenden Programmen auch auf den Schweizer Markt. Silvio Berlusconi aus Italien mit Mediaset («Canale 5»), aus Frankreich Francis Bouygues mit der TF1-Gruppe («Télévision Française»), und aus dem deutschen Sprachraum die RTL Group («RTL plus», «Radio Télévision Luxembourg» mit Sitz in Köln), sowie die Kirch-Gruppe («SAT.1», «Pro Sieben»). Diese TV-Sender brachen ab Ende der 1980er-Jahre in den Schweizer Medienmarkt ein mit Sportprogrammen, populistischer Information – «Wir da unten, ihr da oben» –, mit Lederhosensex und mit gezielten Schweizer Programmfenstern. Damit eroberten sie rasch erhebliche Marktanteile.</p>
<blockquote><p>Der neuen Konkurrenz konnte die SRG nicht mehr mit einer zentralen nationalen Steuerung aus der programmfernen Generaldirektion begegnen.</p></blockquote>
<p>Darum musste das Programmschaffen dezentral und beweglich werden, um den unterschiedlichen Vorstössen aus Deutschland, Italien und Frankreich erfolgreich entgegenzutreten. Aus dieser Einsicht lancierte Generaldirektor Riva den Auftrag für eine Strukturreform nach dem Motto: «Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung an den gleichen Ort». Und das hiess: Die Verantwortung für Technik, Personal, Finanzen und vor allem für das Programmschaffen verschob die SRG von der Zentrale in Bern zu den Studiostandorten in Basel, Genf, Lausanne, Lugano, Zürich und etwas später auch nach Chur. Gleichzeitig wurde die Trägerschaft in Programmfragen praktisch entmachtet. Das brachte Peter Schellenberg, dem Fernsehdirektor in Zürich, die Kompetenzen und die Verantwortung, die er schon lange gesucht hatte.</p>
<p>«Das ist es, was ich schon lange wollte» – dieser Schellenberg-Satz meinte aber nicht das Ende des Dialogs mit dem Publikum. Er meinte das Ende der alten Vereinsstruktur, die einen Fernsehdirektor immer mal wieder auflaufen lassen konnte. Und er meinte die freie unternehmerische Hand, die der Direktor im Konkurrenzkampf mit den ausländischen kommerziellen Medien brauchte. Und im Kampf für die Arrangements mit dem aufkommenden Schweizer Privatfernsehen.</p>
<blockquote><p>Schellenberg musste und wollte die Strukturen des Service public in der Schweiz auf den Stand der Medienentwicklung bringen.</p></blockquote>
<p>Als kreativer Organisator konnte er Blockaden lösen, Entwicklungen in Gang setzen und harte Entscheidungen treffen, wenn es ihm zwingend notwendig erschien. «Manchmal muss man zur Machete greifen», sagte er gelegentlich.</p>
<p>Die Abschaffung der Programm-Ansagerinnen liess sich mit ein wenig Aufregung in den Boulevard-Medien und einer passenden publikumsbezogenen Weiterbeschäftigung sozialverträglich umsetzen. Der Umbau der aktuellen Informationssendungen vom althergebrachten Nachrichtensprecher-Format zu einem journalistisch moderierten Angebot dauerte hingegen weit mehr als fünf Jahre. Noch als Medienreferent unter Ulrich Kündig, seinem Vorgänger als Fernsehdirektor, hatte sich Schellenberg selber am Pilotversuch für eine neue «Tagesschau» beteiligt. Aber er musste selbst ganz nach oben kommen, um die Informationssendungen auf den internationalen Stand des Fernsehens zu bringen. Beim offiziellen Start der moderierten Sendung 1985 hatten sich die hergebrachten Sprecher noch eine kleine Nebenrolle für die Verlesung von Kurznachrichten erkämpft. Und erst 1990 wurden mit dem Start des News-Magazins «10 vor 10» auch bei der «Tagesschau» die Nachrichtensprecher abgeschafft.</p>
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<p>Die Widerstandsfront war gross und breit. Ein beträchtlicher Teil des Publikums wollte mit den Sprechern seine Lieblinge behalten. Eine Fraktion der «Tagesschau»-Redaktion lebte noch immer in der Vorstellung einer fast absoluten Wahrheit der aktuellen Information und einer klar definierten Rangordnung für die Wichtigkeit der einzelnen Nachrichten. Und noch in den letzten Tagen konnte man beim Rückblick auf Schellenbergs Wirken von «10 vor 10» als «Infotainment» lesen – eine Einschätzung, die damals in der öffentlichen Debatte verbreitet war.</p>
<p>Geschuldet war diese Bezeichnung wahrscheinlich einigen Grenzüberschreitungen, die sich die Redaktion in der Anfangszeit des News-Magazins geleistet hatte. «10 vor 10» ist bis heute ein klassisches News-Magazin mit journalistisch ausgewählten Schwerpunkten («Focus»).</p>
<p>Schellenberg hatte als erster Fernsehdirektor bei der SRG eine lange Erfahrung als Fernsehmacher. Er war 24 Jahre jung, als er mit dem <a href="https://youtu.be/W0YdFGjoy2s" target="_blank" rel="noopener">Regionalmagazin «Antenne»</a> seine Fernseharbeit begonnen hatte, nahe bei den Menschen, und er erlebte als Medienreferent seines Vorgängers Ulrich Kündig (Fernsehdirektor 1980 bis 1988) die turbulenten Zeiten der Jugendunruhen in Zürich und der «Telearena»/«Telebühne», die mehrfach abgebrochen werden musste. Es war die Zeit des grossen Drucks der rechtsbürgerlichen Kräfte, die sich wie der Gründer der Schweizerischen Fernseh- und Radio-Vereinigung, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Walther_Hofer" target="_blank" rel="noopener">Walther Hofer</a>, «im Geiste des Kalten Krieges für eine stärkere Kontrolle der – seiner Ansicht nach – linkslastigen Medienschaffenden» einsetzten.</p>
<p>Schellenberg war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz SP und vermied gleichzeitig jede politische Kontroverse um seine Person. Aber er blieb in der Partei, «weil mir wichtig war zu zeigen, dass man (auch als Medienschaffender) ein Recht dazu hat». Seine Funktion bestand im Einsatz für ein starkes Schweizer Fernsehen im Rahmen der SRG.</p>
<p>Schon in der Zeit als Medienreferent war sein Gestaltungswille zu spüren. War aus seiner Sicht die Zeit für eine Sendung abgelaufen, nahm er sie gegen allen Widerstand aus dem Programm, wie etwa das beliebte, aber mit der Zeit etwas beliebig gewordene Vorabendmagazin «Karussell». Der Schnitt galt in aller Regel der Sache, nicht den Menschen, sofern sie ihn nicht persönlich getroffen oder den direkten Machtkampf gewagt hatten.</p>
<p>Kreative Köpfe erhielten eine Chance: Kurt Aeschbacher zum Beispiel, der nach der «Karussell»-Moderation die Sendung «grell-pastell» kreieren und später noch weit über «Schällis» Amtszeit hinaus auf Schweizer Fernsehen DRS heisse Themen mit provokanter Eleganz angehen durfte. Und auch die Satire hatte ihren festen Platz mit «Viktors Programm» und «Viktors Spätprogramm» und dann nochmals mit «Giacobbo Müller».</p>
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<p>Mit günstigen Übernahmen oder Einkäufen von Serien von ARD und ZDF aber auch von Leo Kirch (Kirch-Gruppe: «Pro Sieben», «Sat.1», «Premiere» u.a.) verschaffte er sich finanziellen Spielraum für eigene Serienproduktionen wie <a href="https://www.srf.ch/radio-srf-3/serientipps/motel-zurueck-im-tv-mit-dieser-serie-verlor-das-srf-seine-unschuld" target="_blank" rel="noopener">«Motel»</a> (1984, noch unter Fernsehdirektor Ulrich Kündig), <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Direktorin" target="_blank" rel="noopener">«Die Direktorin»</a> (1994/95) (mit einer Frau, die sich auch im harten Machtkampf durchsetzt), und schliesslich die Langzeit-Soap <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCthi_und_Blanc" target="_blank" rel="noopener">«Lüthi und Blanc»</a>, die sprachübergreifend für die Deutschschweiz und die Westschweiz angelegt war. Alle diese Serien sollten «Schweiz» zeigen – ihre Vielfalt, ihren Alltag, ihre unterschiedlichen Milieus und ihre kontroversen Themen wie Homosexualität oder Drogenmissbrauch. Es war ein kreativer Teil der Funktion des Fernsehdirektors.</p>
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<p>Aber es ging nicht nur darum, einen stetigen Erneuerungsprozess im Programmangebot in Gang zu setzen. «Schälli» musste eine neue Mentalität etablieren und Strukturen schaffen, in denen er seine Absichten ohne allzu grosse Widerstände und Reibungsverluste verwirklichen konnte. Auf diesem langen Weg «von der Anstalt zum Unternehmen», so Schellenberg, arbeitete er häufig mit einer kleinen Liste klarer Regeln, die im Haus und gegebenenfalls auch bei den Geschäftspartnern bekannt waren, und die eine klare Abgrenzung der journalistischen Inhalte von Sponsoringpartnern ermöglichten.</p>
<p>Das Sponsoring etwa war streng abgegrenzt von der Programmorganisation, es war Sache der Direktion. Die Sendungen mussten unabhängig vom Sponsoring aus dem Budget finanziert werden. Die Sponsorengelder gingen in die Programmreserve der Direktion, und jeder auch nur scheinbare Einfluss des Sponsoring auf Programminhalte musste ausgeschlossen sein. So kam der «Nebelspalter» schon damals nicht als Sponsor einer Comedy-Sendung in Frage, und nach den Schellenberg-Regeln würde das heute wohl auch für ein schwedisches Möbelhaus als Sponsor der Sendung «Wer wohnt wo?» gelten. – Die Klarheit der Regeln hat manche Führungsentscheidung vereinfacht.</p>
<p>Aber zwei grössere Brocken warteten noch: Die Verschlankung der inneren Führungsstruktur. Und die Verwirklichung von Schellenbergs strategischer Vision für die Programmentwicklung, die er auch in einem eingängigen Schlagwort formuliert hatte. Sein Ziel hiess: «Ein Programm auf zwei Kanälen».</p>
<blockquote><p>Für die Umsetzung dieser Strategie brauchte er ein Führungsteam, das seine Ziele teilte und auch bereit war, dafür zu kämpfen.</p></blockquote>
<p>Er wollte dafür die Führungsspanne verkürzen, das heisst: die Zahl der Abteilungen, und damit auch die Geschäftsleitung, verkleinern. Und er wollte ein durchlässigeres Management. Ins Auge gefasst hatte er für dieses Ziel die Abschaffung der Abteilungen «Dramatik», die er nicht mehr für nötig hielt, sowie «Kultur und Gesellschaft» und «Bildung», die zu sehr eigenständigen und, für Schällis Verständnis, allzu eigenwilligen Fürstentümern geworden waren. Es war ein harter Schnitt, der gefährlich nahe an die Substanz des Service public ging.</p>
<p>Aus der «Dramatik» ging die Filmproduktion zum Teil an die Abteilung «Unterhaltung», zum Teil an die «Information». Die Abteilung «Kultur und Gesellschaft» blieb von 1994 bis zur Jahrtausendwende verwaist. Dann liess sich Peter Schellenberg vom neuen Programmdirektor Adi Marthaler und dem Finanzchef Ulrich Schmutz überzeugen, dass eine Abteilung «Kultur» nicht nur notwendig, sondern auch finanzierbar war. Und heute ist sie in ihrer thematischen Vielfalt von den klassischen Künsten zu Wissenschaft und Religion bis hin zur Lebensweise der nachwachsenden Generationen so breit aufgestellt, dass sie leicht wieder dem Namen «Kultur und Gesellschaft» gerecht werden könnte.</p>
<p>Bei der «Bildung» («Familie und Erziehung») stiess er auf so viel Widerstand bei den Schweizer Bildungsorganisationen, dass er die Abteilung lediglich auf einen «Bereich» ohne Einsitz in der Geschäftsleitung reduzierte. Dieser Bereich umfasste noch eine breit angelegte Bildungssendung mit Dokumentarfilmen zur «Orientierung in der Welt»: Serien zu nachhaltiger Entwicklung, Religion und Politik sowie aktueller Geschichte, mit anschliessendem kontroversem Gespräch. Dazu kamen das Angebot des Schulfernsehens, die Ausstattung ausgewählter Sendungen mit der Gebärdensprache und eine von der Krebsliga gesponserte Sendung über die regionale Küche in der Schweiz, mit Anton Mosimann, Kurt Aeschbacher und im «Magazin» mit der ersten schwarzen Moderatorin im Schweizer Fernsehen.</p>
<p>Es war ein kleiner aber harter Kern. Als Schellenberg zusammen mit Chefredaktor Peter Studer im Rahmen einer ersten Sparübung 1998 die gesamte Rest-«Bildung» abschaffen wollte, stiess er auf parteiübergreifenden politischen Widerstand. Die Solothurner Ständerätin Rosemarie Simmen (CVP) forderte mit einer Motion die Einrichtung eines eigenen Bildungsfernsehens. Mit Blick auf die Gebärdensprache übernahm der querschnittgelähmte Nationalrat Marc F. Suter (FDP, BE) die Motion Simmen für den Nationalrat, und die beiden Nationalrätinnen Vreni Müller-Hemmi (SP/ZH) und Christiane Langenberger (FDP/VD) unterstützten ihn. Christiane Langenberger hat mit einem weiteren Antrag bei der Totalrevision der Bundesverfassung von 1998 dafür gesorgt, dass der Begriff «Bildung» als Teil des Auftrags von Radio und Fernsehen in die Verfassung aufgenommen wurde. Der Begriff war tatsächlich bis zu diesem Zeitpunkt im Radio- und Fernsehartikel nicht enthalten.</p>
<p>«Bildung funktioniert nicht am Fernsehen», hatte «Schälli» einmal gesagt. Aber er hat nach den einschlägigen Entscheidungen des eidgenössischen Parlaments unter dem Titel «Wissen» die Bildungsinhalte auch im Hauptabend platziert, und er hat das Schulfernsehangebot mit der Marke «My school» fest etabliert. – Während der Corona-Pandemie hat es sich sehr bewährt, dass dieses Angebot noch vorhanden war.</p>
<blockquote><p>«Schälli» war trotz aller Umstrukturierungen im Kernbereich des Service public kein «Kommerzialisierer».</p></blockquote>
<p>Er war ein Intellektueller mit einer kaufmännischen Berufslehre – selbst wies er diese Bezeichnung mit einer gewissen Heftigkeit zurück – und ein genauer Beobachter der Menschen und ihrer Lebensweise. Er gab Impulse, liess sie wirken und entschied dann manchmal gerne über alle Kompetenzregelungen hinweg.</p>
<p>So unterhielt er sich irgendwann, wahrscheinlich wieder bei einem Morgenkaffee im Personalrestaurant, mit dem Produzenten und Regisseur Adi Marthaler, dem Religionsredaktor Erwin Koller und dem Musikredaktor, Musiker und Komponisten Armin Brunner über den Sonntagmorgen als Fernseh-Programmplatz. Es war eine Herausforderung, ein echtes Problem, denn, so Schellenberg, die meisten Menschen würden ja nicht mehr in die Kirche gehen. Aber der Sonntagmorgen sei ihnen doch noch etwas Besonderes. So erzählt es Adrian Marthaler. Und dann haben sich Brunner, Koller und er immer mal wieder zusammengesetzt im Restaurant «Blaue Ente» am unteren Zürichsee und nachgedacht über das Fernsehen am Sonntagmorgen.</p>
<p>Und dann hat Adi Marthaler das Konzept präsentiert im Büro des Fernsehdirektors, in Anwesenheit des Chefredaktors und des Finanzchefs, und der Chefredaktor hat seine kritischen Einwände vorgebracht, und der Fernsehdirektor hat zugehört, und am Schluss der Präsentation hat er gesagt: «So machen wir das.» Und dann ist Schellenberg, ausnahmsweise etwas verspätet, erschienen in der wartenden Runde der Geschäftsleitung mit Stab, strahlend, und hat gesagt: «Wir haben ein grossartiges Programm für den Sonntagmorgen.» Das war die Geburtsstunde der «Sternstunden» – eine der Sendungen aus der Ära Schellenberg, die bis heute im Programm steht.</p>
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<p>Das Ganze hatte allerdings System: ein System des dreifachen Massstabs, das dem Medienreferat die Messlatte lieferte für die Beurteilung der Sendungen. Reichweite – Reputation – Ressourcen bildeten das Dreieck der Qualifikation, in dem sich die Sendungen platzieren mussten. Die «Sternstunden» sind nicht auf regelmässig hohe Reichweiten verpflichtet (die sie gelegentlich durchaus erreichen), denn sie bringen hohe Reputation und verbrauchen wenig Ressourcen. Eine grosse «Samstagabendkiste» wiederum rechtfertigt den Aufwand an Finanzen und Produktionsmitteln in der Regel nur, wenn sie eine entsprechend hohe Reichweite erreicht. Dafür sind die Ansprüche an die Service-public-Reputation nicht zu hoch.</p>
<p>Das erzeugte Spannung beim Programmgestalter, der die unterschiedlichen Formate für die verschiedenen, teils unvereinbaren Wünsche in einer Programmstruktur unterbringen musste, die zugleich dem Konzessionsauftrag genügen musste. Und dies in einer Zeit, in der die private, teilweise kommerzielle Konkurrenz aus dem Inland und dem Ausland mit massenwirksamen Angeboten auftraten.</p>
<p>Auch da war Schellenberg «bei den Leuten», beim Alltagsleben und seinen Bedürfnissen. Wer nach Hause kommt und den Hunger im Magen gestillt hat, wird sich – damals noch, in der Zeit ohne Online-News – der «Tagesschau» zuwenden, um zu sehen, ob sich die Erde noch dreht. Und danach entspannen, mit Mäni Weber, Kurt Felix oder Beni Thurnheer, bei einem Quiz, das noch die Wirklichkeit sortiert, oder bei einem Krimi aus deutscher Machart. Danach mag es dann noch etwas Service-public-Information sein, dann die Spätausgabe der «Tagesschau» oder «10 vor 10» als Gute-Nacht-Geschichte. Das Ganze serviert im Taktfahrplan, an jedem Wochentag dasselbe Angebot. Alle wissen: Am Dienstag ist «Kassensturz» und am Mittwoch die «Rundschau» –, zu einem beträchtlichen Teil im Dialekt, um sich zu unterscheiden von der Konkurrenz, damit die Menschen sich zuhause fühlen. Und am Sonntagabend soll es ein Schweizer Film sein: als Soap, wie «Lüthi und Blanc», oder vielleicht sogar ein Schweizer Kinofilm aus der Eigenproduktion, für die der Generaldirektor zusätzliches Geld bereitstellt. All das im Kampf gegen die mächtigen grenzüberschreitenden Konkurrenten aus dem deutschsprachigen Nachbarland.</p>
<blockquote><p>Schellenberg hat mit seiner Programmstrategie über 40 Prozent Marktanteil erreicht – eine Traumquote, wenn man an die (immer noch respektablen) 20 Prozent von heute denkt.</p></blockquote>
<p>Aber auch für das damalige Angebot des Schweizer Fernsehens musste der Programmplatz im internationalen Konkurrenzumfeld und gegen die Privatisierungsvorstellungen der Schweizer Medienwirtschaft und Politik zuerst erkämpft werden.</p>
<p>«Ein Programm auf zwei Kanälen» – das war die strategische Vision, mit der Peter Schellenberg als Fernsehdirektor ins Rennen ging. Dafür hatte er sich wählen lassen, die Idee entsprach der internationalen Entwicklung. Denn mit der Deregulierung in den Nachbarstaaten Deutschland, Frankreich und Italien wuchs dort die Zahl der neuen, attraktiven kommerziellen Sender im Grenzgebiet zur Schweiz, die mit ihren Sport- und Unterhaltungssendungen, mit ihren lukrativen Spielen einen Teil des hiesigen Publikums und mit ihren Schweizer Werbefenstern Werbegelder vom Schweizer Markt abzogen.</p>
<p>Wollte SF DRS das Publikum weiter an ihr Angebot binden, musste es vielfältiger werden, das heisst, zur gleichen Sendezeit unterschiedliche Interessen bedienen: auf dem ersten Kanal das Polit- oder Konsumentenmagazin, auf dem zweiten Kanal die Fussball-Champions League, beispielsweise. Solange das Programm nur einen Kanal hatte, musste es eines der Publikumsinteressen auf eine schlechtere, publikumsunfreundliche Zeit verschieben und damit Abwanderung riskieren. «Ein Programm auf zwei Kanälen» leuchtet also ein.</p>
<p>Aber Peter Schellenberg hatte einen Kontrahenten nicht einkalkuliert: Adolf Ogi, ab 1988 Bundesrat und Chef des Mediendepartements EVED (heute: UVEK). Ogi sah die Entwicklung im benachbarten Ausland, und er war offen für die Idee eines Kanals für private Veranstalter. Starten sollte dieses Programm allerdings unter der Obhut der SRG, die als «Gastgeber» für interessierte Fernsehprojekte privater Verlage wirken sollte. <a href="https://youtu.be/l5p-1CrqWnw" target="_blank" rel="noopener">«S plus»</a> – so hiess das Programm – wurde folglich dem Generaldirektor der SRG unterstellt. «S plus» sollte ab 1993 als nationales Angebot in Deutsch, Französisch und Italienisch neben ein paar eigenen Programmleistungen vor allem auch die sprachregionalen SRG-Kanäle wie SF DRS von Sportübertragungen entlasten. Schälli nutzte das, um auch von seiner Seite immer mal wieder ein Sportprogramm auf «S plus» zu platzieren. Ausserdem übernahm der Sender die viertelstündigen Nachrichtenformate von Euronews – all das war kein sonderlich attraktives Rahmenprogramm für ein Fernsehprogramm von kommerziell interessierten privaten Medienhäusern. Aber auch das Nachfolgeprojekt «Schweiz 4» erzeugte keine grössere Reichweite, und so wurde das Experiment im Sommer 1997 schliesslich eingestellt.</p>
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<p>Adolf Ogi, der Schellenbergs Arbeit und seine Programm-Erneuerung bis heute sportlich zu würdigen weiss – «Schellenberg hat gekämpft wie ein Löwe, und er hat gesiegt aus einer Position der Stärke» –, war trotz der Meinungsverschiedenheiten mit Schellenberg zum Fest des 40-jährigen Bestehens von SF DRS im Sommer 1993 nach Zürich gereist, und hat im Leutschenbach-Studio seine andauernde Wertschätzung mit einer Rede zum Ausdruck gebracht.</p>
<p>Peter Schellenberg kämpfte damals tatsächlich gegen die hausinterne Konkurrenz von «S plus» und später «Schweiz 4». Aber er hat gleichzeitig den interessierten Medienhäusern ein Angebot zur Zusammenarbeit gemacht, das sie offenbar mehr überzeugte: Sie haben sich 1995 zusammengeschlossen zur «Presse TV AG» und produzieren bis heute Sendungen wie «NZZ Standpunkte», «Bilanz Standpunkte» oder «Gesundheit heute». Die Verlage erhalten für die Produktionen, die auf den Kanälen des Schweizer Fernsehens zu geeigneten Sendezeiten ausgestrahlt werden, eine Entschädigung. Die Sendungen laufen unter je eigener Programmverantwortung. Beteiligte Unternehmen sind die NZZ Mediengruppe, Ringier Axel Springer Schweiz, Tamedia, Südostschweiz Mediengruppe und die deutsch-japanische DCTP (u.a. mit Alexander Kluge und «Spiegel TV»). Der Kooperationsvertrag läuft bis Ende 2021. Danach wird man sehen.</p>
<p>Peter Schellenberg hat immer gesagt: «Der Schweizer Markt ist nicht gross und stark genug für zwei eigenständige Fernsehkanäle.» Das galt sicher für die Epoche der elektronischen Medien. Er hat deshalb das elektronische Mediensystem in der Schweiz wie einen gemeinsamen Medienraum behandelt, in dem eine kluge Zusammenarbeit geboten ist.</p>
<p>Das gilt sicher auch und wohl noch mehr für den neuen digitalen Medienraum, der alle einschliesst, denn die technische Unterscheidung zwischen Presse, Radio/Audio, Fernsehen/Video und Online/Multimedia löst sich auf. Alle sind Multimedia, irgendwann. Vielfalt in der Konkurrenz gibt es nur durch kluge Kooperation. Eine Kooperation, die nicht auf Einschränkung zielt, sondern auf möglichst grosse Entfaltung aller Beteiligten. Alles andere ist zerstörerisch.</p>
<p>&#8212;<br />
<small>Robert Ruoff war nach seiner Zeit als Redaktor, Moderator und stellvertretender Leiter der «Tagesschau» (1983–1989) Politik-Moderator bei SF DRS («Freitagsrunde») und persönlicher Mitarbeiter von SRG-Generaldirektor Antonio Riva (1989–1991), Pressechef SF DRS (1991–1996) und Leiter des Bereichs Bildung SF DRS (1996–2004).</small></p>
<p>Nicht anders deklarierte Zitate von Peter Schellenberg stammen aus einem Gespräch des Autors mit Peter Schellenberg im Jahr 2019.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/04/28/von-der-anstalt-zum-unternehmen-erinnerungen-an-fernsehdirektor-peter-schellenberg/">«Von der Anstalt zum Unternehmen»: Erinnerungen an Fernsehdirektor Peter Schellenberg</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://medienwoche.ch/2021/04/28/von-der-anstalt-zum-unternehmen-erinnerungen-an-fernsehdirektor-peter-schellenberg/feed/</wfw:commentRss>
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			</item>
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		<title>Für eine Medienpolitik mit Zukunft</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/12/02/fuer-eine-medienpolitik-mit-zukunft/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 02 Dec 2020 08:12:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Medienförderung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wir stehen an einem Wendepunkt. Alle Medien spielen neu im gleichen Medienraum. Gleichzeitig schwinden die Ressourcen für den Journalismus und es fehlt eine sinnvolle Regulierung. Es ist an der Zeit, eingehend darüber nachzudenken, wie das Schweizer Mediensystems aussehen soll. Ein Essay als Anregung zur Debatte. Es gilt zuallererst und definitiv die Feststellung: «Alles ist digital, <a href="https://medienwoche.ch/2020/12/02/fuer-eine-medienpolitik-mit-zukunft/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/12/02/fuer-eine-medienpolitik-mit-zukunft/">Für eine Medienpolitik mit Zukunft</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wir stehen an einem Wendepunkt. Alle Medien spielen neu im gleichen Medienraum. Gleichzeitig schwinden die Ressourcen für den Journalismus und es fehlt eine sinnvolle Regulierung. Es ist an der Zeit, eingehend darüber nachzudenken, wie das Schweizer Mediensystems aussehen soll. Ein Essay als Anregung zur Debatte.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-83953" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/12/MW-neuer-Medienraum-20201201.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/12/MW-neuer-Medienraum-20201201.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/12/MW-neuer-Medienraum-20201201-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/12/MW-neuer-Medienraum-20201201-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/12/MW-neuer-Medienraum-20201201-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/12/MW-neuer-Medienraum-20201201-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Es gilt zuallererst und definitiv die Feststellung: «Alles ist digital, alles ist Multimedia.» «Alles» heisst an dieser Stelle: Alle grösseren Medienhäuser arbeiten im Internet, alle journalistische Tätigkeit erfolgt in einer zunehmend multimedialen Welt. Das ist die Wirklichkeit der Medienentwicklung. Sie löst die bisherigen Unterschiede und Gegensätze zwischen den Medienhäusern auf, weil in der Tendenz alle multimedial tätig sind. Und sie verändert grundlegend die Beziehung zwischen den Medienschaffenden und ihrem Produkt, und auch zwischen den Medienschaffenden und den Nutzenden: Alle können auch senden, nicht nur empfangen. Das ist die Voraussetzung für jede intelligente Medienpolitik.<br />
</p>
<p>Das bedeutet: Das Denken in fundamentalen Gegensätzen zwischen Print und elektronischen Medien ist überholt. Überholt ist auch das schlichte Denken im Gegensatz von «privat» und «Service public». Qualitätspublizistik für die gesellschaftliche Diskussion, die direktdemokratische Praxis und eine aktivierende Unterhaltung ist in einer relevanten Grössenordnung aus dem kleinen Schweizer Markt nicht mehr voll zu finanzieren. Qualitätsmedien benötigen öffentliche Mittel.</p>
<p><strong>1. Immer mehr im Netz und multimedial.</strong> Das Medienschaffen hat seinen Ort zunehmend online. Die Digitalisierung und Plattformisierung der gesamten Medienwelt führt zu einer fundamentalen Veränderung des Verhaltens von Nutzerinnen und Nutzern. Das ist die Abwanderung von Print zu Online, vom zeitlich strukturierten Fliessprogramm zum Angebot auf den eigenen und fremden Plattformen – von Youtube bis Tiktok. Das Produkt gibt es unabhängig von Ort und Zeit der Nutzung.</p>
<p><strong>2. Neue Welt, historischer Auftrag.</strong> In der Online-Welt der vielen Plattformen ist die einst monopolistisch starke SRG mit ihren Medien nur noch eine von vielen Anbieterinnen, die versuchen, mit den eigenen Inhalten in neuer Form am neuen Ort eine neue User-Bindung herzustellen. Der historische Service-public-Auftrag im Dienst des politischen Souveräns und der vielfältigen Gesellschaft bleibt aber bestehen.</p>
<p><strong>3. Existenzgrundlage der Auftragserfüllung.</strong> Der Einsatz der digitalen Technologie und die Verlagerung des Angebots auf die eigenen und auch auf fremde Online-Plattformen ist für die bisherigen «Radio-Fernseh-Medien» des Service public ebenso überlebensnotwendig wie die Verlagerung der Druckerzeugnisse ins Netz. Wer dem öffentlich finanzierten Service public online wesentliche publizistische Leistungen untersagen oder das Angebot einschränken will, entzieht diesem Garanten der gesellschaftlichen (politischen, wirtschaftlichen und kulturellen) Vielfalt vielleicht sogar in voller Absicht die Existenzgrundlage. Es ist die Fortsetzung der «No Billag»-Politik mit anderen Mitteln.</p>
<p><strong>4. Libertäre Medienpolitik.</strong> Eine solche Marginalisierung des Service public würde im Rahmen eines libertären Wirtschaftsmodells geschehen, zugunsten eines Oligopols oder gar Monopols auf dem privat-kapitalistischen Markt zur Verbreitung einer bevorzugten Meinung. Zielvorstellung ist der heilige libertäre Markt wie bei Google, Apple, Facebook, Amazon mit ihrem <a href="https://www.handelszeitung.ch/unternehmen/technologie/google-apple-facebook-amazon-die-geballte-macht-960540" target="_blank" rel="noopener">GAFA-System</a>, in das wir uns schon ziemlich widerstandslos eingefügt haben. Wir bewegen uns damit in jenem «postindustriellen Kapitalismus», in dem – wie der Soziologie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Sennett" target="_blank" rel="noopener">Richard Sennett</a> sagt – «die Kapitalisten nicht nur die Maschinen beherrschen, sondern auch das technische Wissen und die Kommunikation». Und das sind am Ende des Tages auch die publizistisch-politischen Steuerungsinstrumente. (in: Der flexible Mensch. Einleitung, Berlin Verlag, Berlin 1998)</p>
<p><strong>5. Oligarchische Medienstruktur.</strong> Diese oligarchischen Verhältnisse finden sich nicht nur global, sie finden sich auch im Kleinen des schweizerischen Mediensystems. Sie sind nicht Ausdruck eines «Marktversagens», wie manche meinen. Sie sind vielmehr <a href="https://medienwoche.ch/2020/11/27/konzentration-ein-funktionierender-medienmarkt-gefaehrdet-die-demokratie/">Ausdruck eines funktionierenden Marktes</a>, der nach den Regeln der Akkumulation und Konzentration («Konsolidierung») funktioniert. Die Zentralisierung auf dem Schweizer Medienmarkt ist eine geradezu lehrbuchmässige Folge dieser Gesetzmässigkeiten.</p>
<p><strong>6. Doppelcharakter der Verlegerarbeit.</strong> Auf diesem Markt zeigt sich auch klar der Doppelcharakter der verlegerischen Tätigkeit. Als Unternehmer bewegt sich der Verleger auf dem kapitalistischen Markt, auf dem er sich mit einer maximalen Rendite für sich und die Shareholder bewähren muss. Geht er aber mit seinen publizistischen Erzeugnissen auf den Informations- und Meinungsmarkt – das Forum des gesellschaftlichen Austauschs – , so erzeugt und beeinflusst er damit Öffentlichkeit. Das heisst: Er wirkt mit am Aufbau und an der Gestaltung der Kultur und der Infrastruktur der direkten Demokratie. Er übernimmt damit auch eine Verantwortung für die Anwendung der ethischen und handwerklichen Regeln, die in diesem Raum gelten, und für die Ansprüche, die in diesem Raum gestellt werden. Und wenn er für seine Leistungen öffentliche Gelder in Anspruch nehmen will, muss er einen öffentlichen Auftrag erfüllen, (der selbstverständlich die Unabhängigkeit der publizistischen Tätigkeit respektieren muss). Und er muss sich der öffentlichen Diskussion über die publizistischen Leistungen seines Unternehmens stellen.</p>
<p>Ein Beispiel dafür zeigt sich gegenwärtig im Raum Bern: Die Redaktionen «Der Bund» und «Berner Zeitung» sollen ab 2022 <a href="https://medienwoche.ch/2020/10/30/aus-zwei-mach-eins-tamedia-beerdigt-das-berner-modell/">zusammengelegt werden</a>. Bereits Ende September hatte Tamedia-Verleger Pietro Supino zum 170-jährigen Geburtstag des «Bund» eine Erklärung abgegeben, die auf den Vorgang ein erhellendes Licht wirft: «Es ist für eine freie Gesellschaft wichtig, dass wir einen unabhängigen Journalismus und ein vielfältiges Medienangebot gerade im lokalen Kontext erhalten können.» Diesem Anspruch des Verlegers Supino kann der Unternehmer Supino allerdings nicht nachkommen.</p>
<p><strong>7. Die Wirklichkeit des Medienmarktes.</strong> Die Zentralisierung ist kein Naturgesetz; sie ist das Ergebnis einer bestimmten Wirtschaftsweise. Die Verleger haben das Geschäftsmodell für ihre Medien selber zerlegt, indem sie das Inserategeschäft weitgehend aus dem redaktionellen Rahmen herausgelöst und zu einem jeweils eigenständigen Unternehmensteil gemacht haben. Und aus der privaten Unternehmerlogik verbieten sie sich, die publizistischen Angebote aus dem Ertrag der Anzeigenplattformen zu finanzieren. – Warum also sollte die Öffentlichkeit die Folgen dieser betriebswirtschaftlichen Entscheidungen mit öffentlichen Mitteln kompensieren? Als Unterfütterung privater Gewinne von Anteilseignern? Als Absicherung für veraltete Medienstrukturen der Print-Medien? Oder zur Aufrechterhaltung einer Systemkonkurrenz zwischen privat und öffentlich finanzierten Medienunternehmens?</p>
<p><strong>8. Ansätze zu neuen Angeboten.</strong> Eine zukunftsfähige Medienpolitik muss investieren in Medien mit Zukunft, und das sind auch einige redaktionelle Online-Angebote, die sich unter anderem im <a href="https://www.medienmitzukunft.org/" target="_blank" rel="noopener">Verband gleichen Namens</a> zusammengeschlossen haben. Ihre Reichweite ist meist noch begrenzt.</p>
<p>Aber sie versuchen, in der Medienlandschaft eine «Biodiversität» zu erhalten oder wieder herzustellen, indem sie – zum Teil durchaus erfolgreich – in lokal-regionale oder politischen Leerstellen arbeiten, vernachlässigte Aspekte der nationalen oder internationalen Politik aufgreifen oder ganze Themenbereiche wie Kultur, Wissenschaft oder Medien abdecken, die im Zuge der Konzentration und der profitorientierten Rationalisierung bei grösseren Medienhäusern verloren gegangen sind.</p>
<p>Oder sie gehen zurück zu den Wurzeln des Journalismus, der aus klar erkennbaren Bedürfnissen und Interessen in der Gesellschaft entstanden ist, wie vor 240 Jahren die bürgerlich-intellektuelle <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Z%C3%BCrcher_Zeitung#Geschichte" target="_blank" rel="noopener">«Zürcher Zeitung»</a>. Diese Publikationen versuchen heute wieder, um das publizistische Produkt herum eine aktive Community zu bilden, die sich um bestimmte – auch wechselnde – Themen versammelt (<a href="https://tsri.ch/zh/" target="_blank" rel="noopener">«tsüri.ch»</a>), oder den Abonnenten als «Verleger-innen» ein gewisses Mitspracherecht gewähren (<a href="https://www.republik.ch/" target="_blank" rel="noopener">«Republik»</a>).</p>
<p><strong>9. Politischer Kampf um die Marktmacht.</strong> Die Reichweite der allermeisten «Medien mit Zukunft» ist heute noch vergleichsweise gering. Ihr Problem ist in der Regel die Skalierung des Geschäftsmodells, um die notwendige Grösse für das Bestehen auf dem Markt zu erreichen. Der Versuch des Bundesrats, diesen Publikationen mit einer auf zehn Jahre angelegten Förderung eine Wachstumschance zu geben, ist schon deshalb ein unverzichtbarer Bestandteil des Förderungspakets, weil ein Grossteil der vorgesehenen Masssnahmen überlebte Strukturen erhalten soll. Profitieren würden davon in hohem Mass die verbliebenen Schweizer Grossverlage und ihre gedruckten Zeitungen.</p>
<p>Nun sperrt sich offenbar eine in sich ziemlich widersprüchliche Koalition bürgerlicher Parteien von der SVP bis zur GLP zum wiederholten Mal gegen das Massnahmenpaket des Bundesrats – entgegen der ausdrücklichen <a href="https://www.republik.ch/2020/09/10/nationalrats-entscheid-zur-medien-foerderung-nicht-ohne-online" target="_blank" rel="noopener">Mehrheit des Nationalrats</a>. Entgegen den übereinstimmenden Stellungnahmen von Experten unterschiedlicher Ausrichtung. Entgegen dem massiven Votum des Souveräns bei der «No-Billag»-Abstimmung und entgegen jüngeren Umfragen, bei denen die öffentliche Finanzierung der Medien deutliche Zustimmung gefunden hat.</p>
<p>Die Haltung dieser Koalition von medienpolitischen «Kompromissverweigerern» verschmilzt Elemente einer libertären oder konservativen oder technokratischen Ideologie. Und sie verbindet sich mit Interessen der Verleger von CH Media und Tamedia, denen die Millionen für die Zeitungszustellung noch immer nicht genügen. Und denen es missfällt, dass die kleinen lokal-regionalen Online-Anbieter wie <a href="https://tsri.ch/zh/" target="_blank" rel="noopener">«tsüri.ch»</a>, <a href="https://www.zentralplus.ch/" target="_blank" rel="noopener">«Zentralplus»</a> oder <a href="https://bajour.ch/" target="_blank" rel="noopener">«Bajour»</a> eine anteilmässig stärkere Anschubförderung erhalten soll als die Online-Angebote aus ihren ohnehin deutlich reichweiten- und einnahmenstärkeren Publikationen.</p>
<p>Dabei wäre die Förderung der Vielfalt auch und gerade im lokalen und regionalen Bereich für die direkte Demokratie besonders wichtig. Die Konzentrationsprozesse haben auch in den lokal-regionalen Bereichen stattgefunden, und die Vereinheitlichung der Inhalte durch Zentralredaktionen findet besonders dort statt. Für die Medienpolitik im neuen Medienraum ist deshalb der Kunstgriff gesucht, der die Bündelung der Kräfte für die Sicherung der Qualität mit der Stärkung der Vielfalt verbindet.</p>
<p><strong>10. Degressive Finanzierung, progressive Vielfalt.</strong> Das bundesrätliche Konzept zur Medienförderung folgt zu Recht der Idee der Medienvielfalt für die direkte Demokratie, das heisst: Finanzielle Förderung gibt es nur für Medien, deren Journalismus von den Nutzerinnen und Nutzern mitfinanziert wird und nicht nur aus Werbung. Und es sollen die kleinen Online-Angebote verhältnismässig stärker gefördert werden als die ertragreicheren Produkte der Grossverlage, damit sie wachsen und zu einer starken Vielfalt beitragen können. Das meint das Wort von der «degressiven» Förderung – und das gilt bereits für die Online-Angebote selber. So soll das kleinere Stadtmagazin <a href="https://tsri.ch/zh/" target="_blank" rel="noopener">tsüri.ch</a> einen Zuschuss von nochmals rund 80 Prozent der Erträge aus seiner Community erhalten, während die schon deutlich ertragsstärkere «Republik» mit vielleicht 10 bis 20 Prozent seiner Einnahmen Vorlieb nehmen müsste. Und für die Online-Plattformen der Grossverlage wäre der Prozentsatz nochmals deutlich geringer. Das mögen sie nicht, und sie sagen das auch.</p>
<p>Mit ihrer <a href="https://www.parlament.ch/press-releases/Pages/mm-kvf-n-2020-11-10.aspx" target="_blank" rel="noopener">Verzögerungstaktik</a> stützen die politischen Gegner der öffentlich geförderten Medienvielfalt in der Politik die Interessen der Grossverlage. Der Bundesrat hat die Corona-Nothilfe für die Presse bis Mitte 2021 verlängert, und er wird dann über die über eine weitere Verlängerung beraten. Aber die kleinen Online-Angebote kommen unter Druck, denn sie erhalten noch keine Förderung. Der Verband «Medien mit Zukunft» geht davon aus, dass die meisten Mitglieder diesen Druck bis etwa Anfang 2022 durchhalten können. Danach würden einige vor leeren Kassen stehen. Und Kenner der parlamentarischen Abläufe wollen nicht ausschliessen, dass unter den bestehenden Mehrheitsverhältnissen in der Medienkommission des Nationalrats (KVF-N) die Medienförderung erst 2023 in Kraft treten könnte. Damit könnte die Verzögerung bei kleineren Anbietern unter Umständen eine vernichtende Wirkung entfalten. Die Gefahr einer progressiveren Vielfalt durch eine degressive Förderung wäre gebannt.</p>
<p>Die Verhinderung von Medienvielfalt durch Medienpolitik wäre allerdings ein Grund mehr für die Einrichtung einer staats- und politikfernen Regulierungsbehörde für den gesamten Medienbereich.</p>
<p><strong>11. Problemzone: kommerzieller Ertrag.</strong> Bei der Mischfinanzierung des Service public der SRG aus der Haushaltsabgabe und Werbeeinnahmen wirken strukturell die gleichen Prozesse wie bei den privat-kommerziellen Medienunternehmen. Unter den Bedingungen des globalisierten Informations- und Medienmarktes wandert die Werbung auch vom öffentlichen Rundfunk beschleunigt ab zu den globalen Internet-Plattformen.</p>
<p>Von diesem globalen Sog wird auch der Service public in seinen kommerziellen Ressourcen angegriffen, und dies in einer Phase, in der eine umfassende digitale Transformation vollzogen werden muss. In dieser Phase besteht bei der SRG eine dreifache Beanspruchung der Ressourcen: (1) durch die Erhaltung der Kern-Substanz des bestehenden Angebots für das alte Publikum, (2) durch den Umbau von den tradierten zu den neuen Strukturen und (3) durch den Aufbau neuer Strukturen und Angebote gemäss den Anforderungen sowohl der eigenen digitalen Plattformen als auch für die Präsenz auf Drittplattformen wie Youtube, Instagram und anderen, auf denen die eigenen, zahlenden Teilpublika sich neu versammeln.</p>
<p><strong>12. Transformation als Destabilisierung.</strong> Das Publikum der SRG wird künftig etwa noch je zur Hälfte das traditionelle Radio- und Fernsehprogramm nutzen und das Online-Angebot auf eigenen und Drittplattformen. Das ist die Erwartung des <a href="https://medienwoche.ch/2019/11/26/unser-auftrag-ist-es-die-digitalen-moeglichkeiten-zu-nutzen-um-den-leistungsauftrag-zu-erfuellen-und-dabei-das-gesamte-publikum-zu-erreichen/">SRG-Generaldirektors Gilles Marchand</a>, und nach dieser Erwartung richten sich auch die Unternehmenseinheiten in den vier Sprachgebieten. Das gilt auch für das <a href="https://medienwoche.ch/2020/08/26/total-digital-srf-will-sich-in-drei-jahren-neu-erfinden/">Transformationsprojekt «SRF 2024»</a>, mit dem das grösste Unternehmen der SRG in die Zukunft gehen will. Aber mit dieser Strategie destabilisiert der Service public sich selber, oder genauer: er destabilisiert seine Beziehungen zum Publikum, seine Beziehungen zur Belegschaft und seine Beziehungen zu den anderen Medienhäusern, die ja auch Kooperationspartner im gleichen Tätigkeitsfeld sein sollen.</p>
<p>SRF irritiert und frustriert das Kern-Publikum durch die angekündigte Streichung von Sendungen, wie «ECO», «52 beste Bücher» oder «Netz Natur», die bisher zur Identität des Service public von Schweizer Radio und Fernsehen gehörten. Und das geschieht ohne nähere Begründung mit zunächst nur sehr allgemeinen Ankündigungen künftiger Angebote: «ganzheitliche» Information in Wirtschaft, Politik, Kultur, heisst das in den Statements der SRF-Leitung. Was heisst das konkret für die Zukunft des Service public?</p>
<p>SRF destabilisiert auch die Beziehungen zur Belegschaft, indem das Unternehmen besonders kompromisslos die Praktiken des «flexiblen Kapitalismus» (Richard Sennett) übernimmt und für das kommende Jahr die Streichung von <a href="https://www.srf.ch/news/schweiz/in-eigener-sache-srf-muss-stellen-abbauen#:~:text=Schweizer%20Radio%20und%20Fernsehen%20wird,95%20neue%20Stellen%20geschaffen%20werden." target="_blank" rel="noopener">211 Vollzeitstellen</a> ankündigt – was um die zehn Prozent des SRF-Personals betrifft. Und dies auf einem Arbeitsmarkt, der seit Jahren durch Konzentration, Zentralisierung und Stellenabbau geprägt ist. Gleichzeitig will SRF 95 neue Stellen schaffen mit «neuen Berufsbildern und Kompetenzen». Seit den Sparübungen nach «No Billag» scheint nun also auch im Service-public-Unternehmen die Bereitschaft zu «Flexibilität» zu wachsen, das heisst, zu flexiblen Arbeitsverhältnissen. SRF hat es in den letzten zehn Jahren mit der sogenannten «Konvergenz» schlicht versäumt, den Qualifikationsmix beim SRF-Personal sanft und kontinuierlich auf die digitale Entwicklung umzustellen. Sonst würde sich der nun geplante forsche Personalumbau nicht aufdrängen, wenn er denn unvermeidlich ist.</p>
<p>Der frühere SRF-Direktor Rudolf Matter hat diese «Fluktuation» schon 2018 im Zusammenhang mit dem geplanten Umzug des Radiostudios Bern nach Zürich ausdrücklich <a href="https://medienwoche.ch/2018/09/14/ohne-ruecksicht-auf-verluste-2/">in Kauf genommen</a>. Er hat dabei kühl mit einem Abgang von bis zu 25 Prozent der Belegschaft gerechnet. – Richard Sennett fragt zu solchem Denken und Handeln: «Wie aber können langfristige Ziele verfolgt werden, wenn man im Rahmen einer ganz auf das Kurzfristige ausgerichteten Ökonomie lebt? Wie können Loyalitäten und Verpflichtungen in Institutionen aufrechterhalten werden, die ständig zerbrechen oder immer wieder umstrukturiert werden?» (in: Der flexible Mensch, a.a.O.).</p>
<p>SRF destabilisiert schliesslich die Beziehung zu den privaten Medienhäusern der Schweiz, mit dem Anspruch, im Informationsbereich die Nummer Eins zu sein oder zu Lasten der privaten Konkurrenz darum zu kämpfen. Und die Strukturreformer verlangen von den Programmschaffenden die «Meinungsführerschaft» bei den Themen, welche die Menschen in der Schweiz bewegen. – Das ist, bei Lichte besehen, ein unnötig aggressiver Auftritt. SRF steht seit Jahren bei der Online-Nutzung auf einer Spitzenposition, und in Krisensituationen sind seine Angebote die erste Adresse, wie die Corona-Pandemie erneut gezeigt hat.</p>
<p>Aber die Wettbewerbslogik spielt: Nach der ehrgeizigen Ansage von Schweizer Radio und Fernsehen SRF haben sich die alten Fronten sofort wieder gebildet. Der «Tages-Anzeiger» sprach von «Staatsfernsehen» und erinnerte an die Bundesverfassung, die verlangt, «auf die Aufgabe der anderen Medien, vor allem der Presse, ist Rücksicht zu nehmen». Und in der NZZ notierte Rainer Stadler noch einmal, der Konflikt sei programmiert.</p>
<p><strong>13. Kämpfe der Vergangenheit.</strong> Im Lichte medienpolitischer Vernunft sind das Kämpfe der Vergangenheit. Der Medienartikel in der Schweizerischen Bundesverfassung ist durch die Entwicklung schlicht überholt, insbesondere <a href="https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19995395/index.html#a93" target="_blank" rel="noopener">Artikel 93, Absatz 4</a>. Beide Akteure, der konzessionierte Service public der SRG und die privaten Medienunternehmen bewegen sich zunehmend in einer gemeinsamen multimedialen Welt, und sie bedienen im Ganzen das gleiche nationale Territorium. Sie sind beide der gleichen globalen Konkurrenz ausgesetzt, die erhebliche Mittel aus dem Schweizer Medienmarkt abzieht. Rund drei Viertel der Erträge aus der Onlinewerbung gehen an die grossen Tech-Giganten, (Google, Facebook u.a.), ein relevanter Teil der TV-Werbung geht an ausländische Werbefenster, und der Bundesrat musste wegen des Rückgangs der kommerziellen Erträge ab 2021 eine Erhöhung des SRG-Anteils an der Haushaltabgabe um 50 Millionen Franken beschliessen. Diese Tendenz wird sich für die SRG auch ohne Corona fortsetzen.</p>
<p>Generell gilt: Die Werbeeinkünfte der Schweizer Medienunternehmen werden weiter zurückgehen, und die Qualitätspublizistik in der Schweiz kann aus dem kleinen Schweizer Markt nicht mehr (voll) finanziert werden. Es liegt im Interesse des zahlenden Publikums, sowie der öffentlich und der kommerziell finanzierten Medienhäuser, den wirtschaftlichen Kampf um Einkünfte durch eine noch klarere gegenseitige Abgrenzung voneinander so weit wie möglich zu reduzieren und im Gegenzug den publizistischen Wettbewerb zu stärken. Das heisst zum Beispiel, dass sich die SRG und ihre Unternehmenseinheiten mit Kurznachrichten in Textform konsequent zurückhalten und dafür auf der Grundlage ihrer Audio- und Videoproduktion ebenso konsequent auf lange Textformate setzen; etwa mit der vollständigen Wiedergabe von Texten auf der Basis von Hintergrund-Sendungen.</p>
<p><strong>14. Duales Modell der Qualitätspublizistik.</strong> Ein konsequenter Abbau von Reibungsflächen entspannt die Beziehungen und erleichtert die Kooperation mit den privat-kommerziellen Medienunternehmen. Im technischen und im Ausbildungsbereich und auch bei gewissen Bereichen der Programmzusammenarbeit hat sie sich in den letzten Jahren bereits entwickelt.</p>
<p>Im wirtschaftlichen Bereich heisst das: Das Zusammenleben im neuen, multimedialen Medienraum wird erleichtert durch den Aufbau eines dualen Systems und durch die ökonomische Anerkennung der Tatsache, dass Qualitätspublizistik – als Element der publizistischen Infrastruktur der Demokratie – zwar unverzichtbar ist, aber in den heutigen Strukturen aus dem Markt nicht mehr finanzierbar. Duales Modell bedeutet, dass die SRG ganz auf Werbung verzichten muss, und dass dieser Verzicht durch einen entsprechenden Abgabenanteil kompensiert würde. Duales Modell heisst auch, dass sich die privat-kommerziellen Medienunternehmen öffnen für die direkte Medienförderung und die damit verbundenen, (formalen und quantitativen) Leistungsaufträge. Und Duales Modell bedeutet schliesslich, dass die Mischfinanzierung aus Abgabe und Werbung auf die Seite der Privat-Kommerziellen verschoben wird.</p>
<p>Werbeverzicht für die SRG bedeutet nicht nur, dass der kommerzielle Markt ganz den kommerziellen Medienunternehmen überlassen bleibt. Für den Service public ist er auch eine Qualitätssicherung: Die Jagd nach der Reichweite erledigt sich, und auch eine kommerzialisierte Programmstruktur wie die kleinteiligen Sendungselemente im linearen Fernsehprogramm zur Bereitstellung von Werbefenstern wird hinfällig. Das ist eine Wohltat für die Produktion von Programmschwerpunkten (Themenabende und ähnliches). Der Service public der SRG wird so vom kommerziellen Reichweitendenken und vom Zwang zu einer kommerzialisierten Programmstruktur befreit.</p>
<p>Auf der anderen Seite sehen die vom Bundesrat vorgeschlagenen <a href="https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-78941.html" target="_blank" rel="noopener">Massnahmen zur Medienförderung</a> ja bereits vor, dass die privat-kommerziellen Medienunternehmen einen angemessenen öffentlichen Beitrag erhalten sollen, um ihre Existenz und den publizistischen Wettbewerb zu sichern. Das erfolgt im Interesse einer Angebotskonkurrenz, wie sie bei Lokalradio und Regionalfernsehen bisher schon funktioniert dank öffentlicher Finanzierung, unter Gewährleistung der redaktionellen Unabhängigkeit.</p>
<p><strong>15. Utopie? Oder Hirngespinste?</strong> – Wir sind doch schon auf dem Weg dahin. Die Werbeerträge bei der SRG werden weiter schrumpfen. Die audiovisuellen Angebote der Privaten werden zielbewusst zu Werbeträgern der Zukunft entwickelt. Die kommerziellen Medienhäuser arbeiten bis in die Feinstrukturen daran. Ob Tamedia/TX Group, NZZ oder CH Media: Alle setzen stark auf Video und Audio. Und nun haben die Verleger zugunsten der Medienförderung für ihre Online-Angebote den jahrzehntelangen Widerstand gegen eine direkte Medienförderung aufgegeben. Das sind ein paar kleine Zeichen für einen grösseren Richtungswechsel.</p>
<p>Und SRG-Generaldirektor Gilles Marchand hat schon im November 2019 gegenüber der MEDIENWOCHE auf die Frage nach einem Werbeverzicht der SRG <a href="https://medienwoche.ch/2019/11/26/unser-auftrag-ist-es-die-digitalen-moeglichkeiten-zu-nutzen-um-den-leistungsauftrag-zu-erfuellen-und-dabei-das-gesamte-publikum-zu-erreichen/">geantwortet</a>: «Ich bin offen für alle Diskussionen», und: «Was die SRG braucht, ist ein korrektes, berechenbares Budget.» Eine reine Abgabenfinanzierung würde «berechenbar», im Gegensatz zur Ungewissheit auf dem Werbemarkt. Und die Privaten sind in Zukunft nicht nur wegen der gleichen digitalen Technologie im gleichen multimedialen Raum wie die SRG; sie speisen sich künftig teilweise auch aus derselben öffentlichen Finanzquelle wie die SRG.</p>
<p>Es geht also nur noch darum, ein paar Rahmenbedingungen zu klären. Nach dem Motto: Der Teufel steckt im Detail. Aber die Marktentwicklung kann zusammen mit der Corona-Seuche der Politik helfen, sie durchzusetzen.</p>
<p><strong>16. Öffentliches Geld gleich Leistungsauftrag.</strong> Zum Bezug öffentlicher Mittel gehört grundsätzlich eine Zweckbindung, also eine Leistungsvereinbarung. Es stellt sich allerdings die Frage, ob das scheinbar plausible Muster des Programmauftrags der Konzession für die privaten konzessionierten Radio- und Fernseh-Sender noch gelten kann.</p>
<p>Grundsätzlich lebt die gesellschaftspolitische Publizistik in der Schweiz nicht nur bei der wirtschaftlichen Organisation sondern auch beim inhaltlichen Angebot von einem dualen Modell. Beim Verfassungsartikel für Radios und Fernsehen haben sich Bundesrat und Parlament und dann das Volk für eine Programmautonomie im Rahmen eines Leistungsauftrags entschieden (<a href="https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19995395/index.html#a93" target="_blank" rel="noopener">Art. 93.2 BV</a>). Das gleiche Ansatz wurde für die Konzessionierung und Gebührenfinanzierung privater Radio- und Fernsehstationen angewendet. Die quasi-Monopolstellung dieser Sender in ihren Konzessionsgebieten liess etwa die Forderung nach einer «Vielfalt an Meinungen und Interessen» und von «Personen beziehungsweise Personengruppen» als folgerichtig erscheinen. Mit diesem staatlichen Eingriff wird aber die Freiheit der Medien (Art. 17 BV) auf eine Autonomie im Rahmen einer Konzession reduziert, das heisst: es ist ein Eingriff in die Medienfreiheit der Presse.</p>
<p>Ein solcher Eingriff ist abzulehnen, und er ist auch nicht mehr notwendig. Er ist nicht mehr notwendig, weil aus der digitalen Technologie keine Monopol- oder Oligopolsituationen mehr erwachsen wie bei der früheren Frequenzknappheit des Rundfunks. Und die vorgesehene finanzielle Förderung der digitalen Verbreitungstechnik mit öffentlichen Geldern aus der Medienabgabe eliminiert oder reduziert entscheidend wirtschaftliche Nöte von dieser Seite.</p>
<p><strong>17. Neuer Verfassungsrahmen.</strong> Es wäre deshalb nur folgerichtig, an dem historisch gewachsenen dualen publizistischen System festzuhalten, in dem der öffentlich finanzierte nationale Service public der SRG seine Programmautonomie im Rahmen eines Konzessionsauftrags mit Binnenvielfalt ausübt, während die gemischt finanzierten privatprivat-kommerziellen Anbieter ihre gesellschaftlich-politische Ausrichtung im Rahmen publizistischer Leitlinien auf der Basis der Medienfreiheit festlegen.</p>
<p>Der Leistungsauftrag für die Privaten müsste sich daher auf formale und quantitative Anforderungen (wie: Umfang der Informationsleistungen, redaktionellen Kapazitäten u.ä.) begrenzen. Umso wichtiger werden dabei die Bedingungen für die Gewährleistung der Qualität, der personellen Ausstattung und der Arbeitsbedingungen.</p>
<p>Und selbstverständlich können öffentliche Mittel nur an publizistisch tätige Unternehmen gehen, die sich auf die Einhaltung der ethischen und handwerklichen Standards (<a href="https://presserat.ch/wp-content/uploads/2017/08/Meilensteine_d-1.pdf" target="_blank" rel="noopener">Pflichten und Rechte des Journalismus</a>) verpflichten, sowie Entscheidungen der zuständigen Standesorganisation (Presserat) respektieren und einhalten. Verstösse können sanktioniert werden. Auf dieser Grundlage kommt auch die Selbstverwaltung und Eigenverantwortung der privat-kommerziellen Presse weiterhin zum Tragen.</p>
<p>Um so wichtiger ist es nun, dass die Vielfalt der unterschiedlichen Medienanbieter nicht in einem verfassungsrechtlichen Schnellschuss noch weiter eingeebnet wird, wie das die <a href="https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20180473" target="_blank" rel="noopener">parlamentarische Initiative</a> von alt Ständerat Filippo Lombardi (CVP/TI) und Ständerat Beat Rieder (CVP/VS) vorschlägt. In einem verfassungsrechtlichen Schnellschuss schlagen die beiden vor, die direkte Presseförderung für die private Presse einfach dadurch zu ermöglichen, dass der <a href="https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19995395/index.html#a93" target="_blank" rel="noopener">Artikel 93 der Bundesverfassung</a> einfach zu einem Artikel über sämtliche «Medien» umfunktioniert wird. Mit dem gleichen Leistungsauftrag für alle – bis hin zur «Vielfalt der Meinungen» – und folgerichtig dann wohl auch der gleichen staatlichen Aufsicht unterstellt. Das ist nicht nur systemwidrig. Das ist, wie <a href="https://rsf-ch.ch/de/non-a-un-assujettissement-de-la-presse-a-un-mandat-general-de-prestation-inscrit-dans-la-constitution-rsf-schweiz-spricht-sich-gegen-den-verfassungsartikel-ueber-die-medien-aus-den-der-staenderat-dis/" target="_blank" rel="noopener">«Reporter ohne Grenzen Schweiz»</a> zu Recht moniert, schlicht nicht möglich, «ohne die Pressefreiheit zu gefährden».</p>
<p>Ein neuer Verfassungsrahmen drängt sich für den neuen gemeinsamen Medienraum der Schweiz aus diesen und anderen Gründen jedenfalls auf.</p>
<p><strong>18. Garantie für konstruktive Marktkräfte.</strong> Mit einer zügig beschlossenen vielfaltsorientierten Medienförderung kaufen sich Politik und Gesellschaft Zeit und Freiheit für praktische Erfahrung, für Denkarbeit und für wohlbegründete Entscheidungen für einen neuen Verfassungsrahmen. Der Bedarf für umfassende Medienkompetenz des Bundes ist offenkundig; die digitale Informationstechnologie hat nun einmal einen übergreifenden Lebensraum und damit auch einen gemeinsamen Medienraum erzeugt. Die Risiken der datengetriebenen technokratischen Organisation auch der Medien sind gewaltig, weil unsere Wirtschaftsweise nicht zum Pluralismus drängt. Und gerade auch im Mediensektor zeigt sich der Trend zum Oligopol wenn nicht gar zu monopolistischen Strukturen, wenn die Gemeinschaft nicht die Werte von Unabhängigkeit, Meinungsfreiheit, Meinungs- und Gestaltungsvielfalt und Demokratie institutionell absichert.</p>
<p>Der Bund soll deshalb zwar zuständig sein für die Rahmengesetzgebung, das heisst insbesondere für den verfassungsmässigen Rahmen der Medienentwicklung. Die Gestaltung und Regulierung des Medienraums und des Zusammenwirkens der publizistischen Anbieter soll aber einer möglichst staatsfernen, wirtschaftsunabhängigen und pluralistischen Institution übertragen werden.</p>
<p>Auch für die Qualitäts-Medien gilt, was der Mathematiker <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Wiener" target="_blank" rel="noopener">Norbert Wiener</a>, Begründer der Kybernetik und einer der Väter der heutigen Informationstechnologie im Jahr 1947 für die Wissenschaft sagte, nämlich: «dass wir eine Gesellschaft haben müssen, die auf menschliche Werte gegründet ist und nicht auf Kaufen und Verkaufen.» (in: Norbert Wiener: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kybernetik" target="_blank" rel="noopener">Kybernetik</a>. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1963).</p>
<p><strong>19. Qualitätsführerschaft.</strong> Der öffentlich finanzierte (werbefreie) Service public ist unter den gegebenen Marktbedingungen Garant der Unabhängigkeit von destruktiven Marktkräften sowie, durch die bei ihm institutionalisierte Binnenvielfalt, Garant des Fortbestands konstruktiver Marktkräfte. Er belebt das Forum der Meinungsfreiheit und damit der Meinungsvielfalt,, und es ist ihm durch Gesetz und Konzession ein besonderes Augenmerk auf die Sicherung der Qualität und die Berücksichtigung der Bedürfnisse gesellschaftlicher Gruppen aufgetragen (jüngere und ältere Generationen, Diversität, Ethnien, Migranten, Behinderte, Weltanschauungen/Religionen).</p>
<p>Der Service public hat deshalb aber keinen Auftrag zu einer «Meinungsführerschaft». Meinungsfreiheit, Entscheidungsfreiheit und Handlungsfreiheit bilden für alle eine qualifizierte Dreiheit; Service-public-Medien sollen dafür Informationsvielfalt sowie Entscheidungs- und Handlungsoptionen anbieten.</p>
<p><strong>20. Offen für die Gesellschaft.</strong> Service public bedeutet Qualitätsführerschaft in sachgerechter Substanz, Relevanz und attraktiver Vermittlungsleistung. Er bedeutet nicht in erster Linie das Abarbeiten einer parteipolitischen Agenda, sondern zumindest in gleichem Mass das Aufarbeiten der drängenden Probleme der Gesellschaft, der aktuellen Herausforderungen und Zukunftsprobleme, das Herausarbeiten von Handlungsoptionen für das Volk als Souverän, und die transparente Konfrontation der Entscheidungsträger mit den Interessen der Bevölkerung und ihrer Gruppierungen.</p>
<p>Das gilt nicht zuletzt für Themen, die von Volksvertretern und den Machthabenden aus irgendwelchen Gründen aus der öffentlichen Debatte verdrängt werden. Der Grundauftrag des Service public heisst nicht: «to win, to dominate!» Der Grundauftrag bleibt: «to inform, to educate, to entertain.»</p>
<p><small>Update: Bei den Abschnitten von 16. bis 20. handelt es sich um eine überarbeitete, präzisierte und aktualisierte, Fassung, die von der ursprünglich publizierten Version in einigen Punkten abweicht.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/12/02/fuer-eine-medienpolitik-mit-zukunft/">Für eine Medienpolitik mit Zukunft</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
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		<title>Total digital: SRF will sich innert drei Jahren neu erfinden</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/08/26/total-digital-srf-will-sich-in-drei-jahren-neu-erfinden/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Aug 2020 07:27:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[SRF]]></category>
		<category><![CDATA[SRF 2024]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>SRF reimt sich nicht mehr länger auf Radio und Fernsehen, das heisst jetzt offiziell Audio und Video. Mit einem grossen Schritt nach vorn soll die digitale Transformation gelingen. Dazu wird das Medienunternehmen komplett umgebaut. SRF erhofft sich davon, insbesondere das Publikum unter 45 wieder zu erreichen. Es ist ein richtiger Volltreffer. Nathalie Wappler, Direktorin von <a href="https://medienwoche.ch/2020/08/26/total-digital-srf-will-sich-in-drei-jahren-neu-erfinden/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/08/26/total-digital-srf-will-sich-in-drei-jahren-neu-erfinden/">Total digital: SRF will sich innert drei Jahren neu erfinden</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>SRF reimt sich nicht mehr länger auf Radio und Fernsehen, das heisst jetzt offiziell Audio und Video. Mit einem grossen Schritt nach vorn soll die digitale Transformation gelingen. Dazu wird das Medienunternehmen komplett umgebaut. SRF erhofft sich davon, insbesondere das Publikum unter 45 wieder zu erreichen.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-80818" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/08/MW-SRF-Kom-Strategie-Community-20200825a.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/08/MW-SRF-Kom-Strategie-Community-20200825a.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/08/MW-SRF-Kom-Strategie-Community-20200825a-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/08/MW-SRF-Kom-Strategie-Community-20200825a-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/08/MW-SRF-Kom-Strategie-Community-20200825a-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/08/MW-SRF-Kom-Strategie-Community-20200825a-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Es ist ein richtiger Volltreffer. Nathalie Wappler, Direktorin von Schweizer Radio und Fernsehen SRF, hat sich geballte Kritik von einer Schweizer Grossparteien-Koalition eingehandelt, nachdem sie die Einstellung des <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sendung/eco?id=7dd60977-fc2e-4b40-a533-eb9536cea736" target="_blank" rel="noopener">Wirtschaftsmagazins «Eco»</a> ab Sommer 2021 bekanntgegeben hat. Nationalrätin <a href="https://www.nau.ch/news/wirtschaft/nach-abschaffung-von-eco-kritik-an-srf-65765756" target="_blank" rel="noopener">Regula Rytz</a> (Grüne) spricht auf «Nau» von einem «Fehlentscheid», SVP-Nationalrat <a href="https://desktop.12app.ch/articles/23606138" target="_blank" rel="noopener">Gregor Rutz</a> lässt sich im «Tages-Anzeiger» mit der schon etwas verbrauchten Drohung einer Mittelkürzung zitieren. SP-Nationalrätin <a href="https://twitter.com/JayBadran/status/1296735941034418177?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E1296735941034418177%7Ctwgr%5E&amp;ref_url=https%3A%2F%2Fwww.nau.ch%2Fnews%2Fwirtschaft%2Fnach-abschaffung-von-eco-kritik-an-srf-65765756" target="_blank" rel="noopener">Jacqueline Badran</a> twittert: «Wir haben noch Zeit, diesen eklatanten Fehlentscheid zu kippen.» Und CVP-Präsident <a href="https://twitter.com/gerhardpfister/status/1296890160303529986" target="_blank" rel="noopener">Gerhard Pfister</a> geisselt die «Arroganz» von SRF, «sich um die Argumente zu foutieren, die dieser Staatssender vorgeführt hat, um die No-Billag-Abstimmung zu gewinnen.»<br />
<br />
Tatsächlich tritt SRF in eine Phase tiefgreifender Änderungen ein – eine eigentliche «digitale Transformation» der Angebotsstruktur und der Betriebsorganisation. Das hat die Direktorin am 20. August 2020 bei ihrer Präsentation der Strategie «SRF 2024» vor dem Personal erklärt.</p>
<p>Da mit der Transformation ein Sparauftrag einhergeht, werden auch Sendungen aus dem Angebot von SRF verschwinden. Wie beispielsweise «Eco». Die offizielle Begründung für die Absetzung: Zu altes Publikum. Dafür gibt es Gründe. Ein kurzer Blick auf die Liste der Studiogäste bei «Eco» im Mai/Juni zeigt, dass ausnahmslos hochrangige Politiker, (neo)-liberale, renommierte Top-Experten, und politisch einflussreiche Verbandsvertreter oder erfolgreiche Unternehmer in die Sendung eingeladen wurden.</p>
<blockquote><p>Man darf unter solchen Voraussetzungen wohl über die Einstellung einer Sendung nachdenken.</p></blockquote>
<p>Eine solche Establishment-Parade wirkt auf ein jüngeres Publikum nicht besonders attraktiv. Der Anteil der <a href="https://desktop.12app.ch/articles/23606138" target="_blank" rel="noopener">«Eco»-Zuschauer</a> unter 40 Jahren ist denn auch von 2013 bis 2019 von 12 Prozent auf 6 Prozent gesunken. Und die Zuschauerzahl hat um mehr als einen Drittel abgenommen (von 195&#8217;00 auf 124&#8217;000 Personen). Man darf unter solchen Voraussetzungen wohl über die Einstellung einer Sendung nachdenken.</p>
<p>«Eco» ist nur ein Beispiel für den grossen Umbau, der jetzt beginnt, «Sport aktuell» ist ein anderes, «Einstein spezial» ein Drittes. Und beim Radio gibt es eine Verringerung der Sendeplätze im klassischen Kern des Service public: bei Literatur, klassischer Musik und Religion.</p>
<p>Das will die SRF-Leitung ausgleichen mit geeigneten Online-Angeboten. Und sie will auch die Wirtschaftsberichterstattung wieder ausbauen. Das heisst: Es gibt dort Arbeitsplätze für bisherige «Eco»-Redaktoren. Mehr ist noch nicht bekannt.</p>
<blockquote><p>Die Veränderungen im Angebot werden für alle UserInnen deutlich sicht- und hörbar sein.</p></blockquote>
<p>Es ist schon so: Die Kommunikation des Kommunikations-Unternehmens SRF war eher suboptimal. Dabei geht es um tiefgreifende Veränderungen in Organisationsstrukturen, um ein neues Betriebsmodell und eine neue Betriebskultur – und die Veränderungen im Angebot werden für alle UserInnen deutlich sicht- und hörbar sein.</p>
<p>Dabei hat SRG-Generaldirektor Gilles Marchand schon vor einem Jahr glasklar die strategische Erwartung definiert: In den nächsten Jahren wird sich bei der Nutzung der elektronischen Medien – Radio und Fernsehen einerseits und den Internet-Plattform andererseits – ein Verhältnis von rund 50 zu 50 herausbilden. Für SRF heisst das: Die Hälfte des Angebots findet online statt. Den linearen Programmen bleibt die andere Hälfte. Dem Projekt <a href="https://medienwoche.ch/tag/srf-2024/">«SRF 2024»</a> soll das gelingen. Nathalie Wappler hat bei der internen Information vom 20. August den Mitarbeitenden nun unmissverständlich mitgeteilt, dass die Zeit von «Schweizer Radio und Fernsehen SRF» abgelaufen sei und «SRF» sich in ein multimediales Medienhaus verwandelt – wie fast alle Medienunternehmen.</p>
<blockquote><p>Die Suche nach dem Publikum findet überall statt.</p></blockquote>
<p>Das heisst: Das Online-Angebot ist nicht mehr nur der Ort für die Zweitverwertung von Radio- und Fernsehbeiträgen. Die digitalen Plattformen stehen nunmehr gleichwertig neben den linearen Programmen von Radio und Fernsehen. Mehr noch: Die Produktion für die digitalen Plattformen hat Vorrang, und dieser Content findet häufig erst danach in das Radio- oder Fernsehprogramm der SRF-Sender. Dabei gilt grundsätzlich: Die Suche nach dem Publikum findet überall statt.</p>
<p>Es sind nicht mehr nur die Jüngsten, die SRF verliert. Die Direktorin hat die Mitarbeitenden daran erinnert, dass schon bei der Altersgruppe der 30- bis 44-Jährigen der Verlust an regelmässigen Fernsehzuschauerinnen und -zuschauern alarmierend gross ist. Rund 15 Prozent schauen überhaupt nicht mehr fern, 25 Prozent schauen zwar täglich fern, aber ohne einen Blick auf das SRF-Angebot zu werfen, und um die 40 Prozent nutzen SRF gerade noch einmal wöchentlich. Als treues, tägliches Fernsehpublikum bleiben also gerade noch 20 Prozent der Altersgruppe unter 45 Jahren. Und bei den Jüngeren, von 15 bis 29 Jahren, sieht es noch dramatischer aus. – Eine echte Mehrheit erreicht das SRF-Radio- und Fernsehangebot nur noch in der Altersgruppe der 60- bis 79-Jährigen.</p>
<blockquote><p>«Unsere Inhalte, unsere Distribution, alle Entscheidungen sollen sich auf das Publikum ausrichten.»<br />
<small>Nathalie Wappler, Direktorin SRF</small></p></blockquote>
<p>Nathalie Wappler hat gegenüber dem Personal zwei Kernaussagen gemacht. Erstens: «Wir sollen die Nutzenden dort erreichen, wo sie sind.» Also zum Beispiel auf der Online-Plattform von SRF selbst, aber auch bei Drittanbietern wie Youtube, Instagram oder Twitter. Und zweitens: «Unsere Inhalte, unsere Distribution, alle Entscheidungen sollen sich auf das Publikum ausrichten.»</p>
<p>Daraus kann man wohl schliessen, dass das in den letzten zehn, fünfzehn Jahren nicht (oder zu wenig) der Fall war. Die Nutzungszahlen von SRF selber zeigen das, als die nachwachsenden Generationen in der Zeit der Digitalisierung und der Mobil-Technologie abgewandert sind zu den sozialen Medien und zu den Streaming-Plattformen.</p>
<p>Gleichzeitig sehen sich ganze Gruppen nicht angemessen repräsentiert im Programm: die Jungen, die abgewandert sind, oder Frauen, oder Menschen mit Migrationshintergrund – aber auch die systemrelevanten Pflegefachfrauen oder der Postbote, die im Moment der Krise für kurze Zeit im Medienangebot erscheinen.</p>
<blockquote><p>Ob die Operation gelingt, ist eine Frage der Qualität, also eine Frage der Inhalte.</p></blockquote>
<p>Glaubt man den Aussagen Wapplers, müssten solche vernachlässigten Gruppen fortan im Angebot von SRF regelmässig Platz finden. «Wir wollen die Nutzenden dort erreichen, wo sie sind», kann ja nur heissen, dass SRF die Menschen aller Generationen und der unterschiedlichsten Interessen wieder an seine Marke binden und zu SRF zurückholen will. Das ist eine Frage des Überlebens als relevanter Service public. Ob die Operation gelingt, ist eine Frage der Qualität, also eine Frage der Inhalte, eine Frage der Gestaltung und schliesslich eine Frage der Offenheit gegenüber der Gesellschaft.</p>
<p>Der Chefredaktor «Video» Tristan Brenn (bisher hiess das: Chefredaktor Fernsehen), hat bereits das «Eco»-Missverständnis ausgeräumt. Das ist keine Abschaffung der Wirtschaftsberichterstattung. Die Streichung des serbelnden Wirtschaftsmagazins im Montagnacht-Programm des Schweizer Fernsehens bietet ehemaligen «Eco»-Mitarbeitenden die Chance, im Online-Angebot von SRF ein frischeres, vielfältigeres, ständig präsentes und hoffentlich laufend erneuertes Angebot zur Wirtschaftsentwicklung bereitzustellen. Eine echte Herausforderung.</p>
<blockquote><p>SRF will «die relevante Informationsquelle in der Deutschschweiz, auch digital» sein.</p></blockquote>
<p>Und Brenn setzt mit einem neuen «multimedialen Investigativ-Desk» auf ein weltweit bewährtes Rezept, das ihm Erfolg und Ärger gleichzeitig garantiert. Und die Weiterentwicklung der News-App folgt der wachsenden Kapazität der mobilen Technologie für eine schnellere und zugleich hintergründigere Information.</p>
<p>SRF setzt sich grosse Ziele: Die Verantwortlichen verkünden, «die relevante Informationsquelle in der Deutschschweiz, auch digital» bleiben zu wollen oder wieder zu werden. Genauso wie beim Anspruch, «erste Adresse für Schweizer Sport» zu sein. Mehr ist ja auch kaum mehr möglich, nachdem CH Media der SRG die Fussball-Champions-League weggeschnappt hat. Und auch auf dem nationalen Spielfeld steht nicht fest, dass die SRG den Platz als Nummer Eins behaupten wird. Der Kampf mit den Privaten um die Marktmacht wird weitergehen.</p>
<p>Für die Kultur erklärt die neue Chefin Susanne Wille: «Wir haben die Themenführerschaft bei Fragen, die die Menschen bewegen.» Damit formuliert sie auch einen Führungsanspruch bei der User-Beziehung von Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Sie erklärt ausdrücklich die Digitalisierung zum zentralen Faktor der Gestaltung, zu einem prägenden Teil des Inhalts. «Wir setzen auf Dialog On Air, Off Air und auf Social Media» heisst es zur Frage: «Wohin entwickelt sich das Angebot?»</p>
<blockquote><p>Das Projekt «SRF 2024» bedeutet einen Total-Umbau des Unternehmens, einen Kulturwandel, eine enorme Anstrengung.</p></blockquote>
<p>Die «Kultur» will also die Möglichkeiten der interaktiven Vernetzung mit Bild und Ton und Kommunikation zwischen den User*innen nutzen, um über die blosse Berichterstattung hinaus dringende Themen in der Community zu diskutieren. Zu «SRF Kultur» gehört auch «SRF Wissen», wo Themen wie «Natur, Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit» behandelt werden. Damit ist die Abteilung in Form und Inhalt am Puls der Zeit. «SRF Wissen» soll bei all dem als «Hub» wirken, von dem aus die eigene Plattform srf.ch ebenso bedient wird wie Youtube oder ein traditionelles Sendungsformat wie «Einstein».</p>
<p>Das Projekt «SRF 2024» bedeutet einen Total-Umbau des Unternehmens, einen Kulturwandel, eine enorme Anstrengung, und vielleicht ist das der Grund für die unübliche, fast esoterische Sprache, mit der der Kern der neuen Struktur beschrieben wird: Die vier tragenden Komponenten des neuen Betriebsmodells werden als «Kräfte» bezeichnet, und diese Kräfte tragen die Namen «Inhalt», «Produktion», «Distribution» und «Audience». In der künftigen Betriebskultur sollen jeweils alle Blickwinkel, also alle vier «Kräfte» auf die Entscheidungen einwirken und so miteinander um die beste Lösung ringen.</p>
<blockquote><p>Die gleichberechtigte Zusammenarbeit der «vier Kräfte» ist eine gewaltige Führungsaufgabe.</p></blockquote>
<p>Die «vier Kräfte» sind grundsätzlich gleichberechtigt, sagt die Direktorin. Die Komponente «Inhalt» mit den Chefredaktionen und den bisherigen Programmabteilungen Kultur, Sport und Unterhaltung trägt die inhaltliche Verantwortung «und realisiert für alle Angebotsbereiche hochwertige, bewegende» und vor allem «zielgruppenorientierte Inhalte».</p>
<p>Die «Produktion» «verantwortet die kreative, effiziente Produkterstellung», die «Distribution» stellt sicher, «dass unsere Angebote, auf den linearen und digitalen Plattformen sind, auf denen sich unsere Zielgruppen bewegen». Und die «Audience» dient schliesslich als «Spiegel der Deutschschweizer Bevölkerung», die das Publikum für das Gesamtangebot von SRF darstellt. Hier kommen Publikumsforschung und Community-Management zusammen.</p>
<blockquote><p>Die Abteilung «Audience» hat die Voraussetzungen zur dominierenden «Kraft», weil sie immer mit den Publikumsdaten argumentieren kann.</p></blockquote>
<p>Allein schon die gleichberechtigte Zusammenarbeit der «vier Kräfte» ist eine gewaltige Führungsaufgabe. Gewiss kommen die Inhalte aus den Programm-Abteilungen (Information, Unterhaltung, Kultur, Sport), aber sie werden konfrontiert mit der Produktion und ihren kreativen Vorstellungen für die verschiedenen Kanäle. Das reicht vom klassischen Radioprogramm bis zu den neuesten, relevanten Social-Media-Plattformen. Für jede Ausspielmöglichkeit müssen die Inhalte angepasst und entlang der Bedürfnisse der verschiedenen Zielgruppen und gemäss den je unterschiedlichen Distributionsbedingungen konzipiert werden. Dafür dienen insbesondere die Daten der Nutzerinnen und Nutzer. Das führt zwangsläufig zu Spannungen und neuen Konfliktlinien zwischen den «vier Kräften».</p>
<p>Und die Abteilung «Audience» hat die Voraussetzungen zur dominierenden «Kraft», weil sie immer mit den Publikumsdaten argumentieren kann. In der Aufgabebeschreibung heisst es: «Audience nimmt eine strategische Rolle ein (…), hat den Vorsitz des CB («Commissioning Board») und ist prozessverantwortlich.»</p>
<blockquote><p>Nach dem Modell entsteht eine starke Steuerung des Angebots durch Marktforschung und Datenanalyse.</p></blockquote>
<p>Bei «Audience» handelt es sich um die bisherige Markt- und Publikumsforschung, die bisher als Stabsstelle ihre Dienstleistungen erbrachte. Jetzt wird sie Teil der Geschäftsleitung. Sie leitet auch das neue «Commissioning Board», das die Inhalte, die verschiedenen Themen, zur Realisierung freigibt. So entsteht eine starke Steuerung des Angebots durch Marktforschung und Datenanalyse.</p>
<p>Das schafft Spannung bei SRF. Denn die «vier Kräfte» sollten an sich gleichberechtigt zusammenarbeiten. Aber die Steuerung mit Blick auf die Zielgruppen ist vorgegeben. Und damit wird ein ganz ursprünglicher Teil journalistischer Arbeit, die Pflege der Publikumsbeziehung – wie etwa beim «Kassensturz», bei der «Rundschau» oder «Puls» – ausgegliedert zu einem Organisationsteil, der bislang Dienstleistungen für die Inhalte erbrachte.</p>
<p>Und es entsteht eine ganz grundlegende Spannung in der Struktur der SRG: Das absehbare Gewicht, das «Audience» erhält, wirft die Frage auf, wie die ohnehin schon fast funktionslosen Programmkommissionen oder der Publikumsrat noch sinnvoll bestehen können neben einer datengesteuerten Einheit der professionellen Organisation, die eine unternehmerisch definierte Steuerungsaufgabe hat.</p>
<blockquote><p>Seit dem 20. August gilt auch offiziell: «Wir werden um Entlassungen nicht herumkommen!»</p></blockquote>
<p>Die Entwicklung zu dieser gesamten Struktur bedeutet Hochspannung für das gesamte Personal. «Wir brauchen Euch!», war das mehrfach wiederholte Mantra der Direktorin und ihrer Kader, und sogar: «Wir brauchen Euch alle!» Und es war die Rede von Budgetpositionen für Weiterbildung und Umschulung. Seit dem 20. August gilt auch offiziell: «Wir werden um Entlassungen nicht herumkommen!» Von der Anspannung unter diesem Widerspruch werden sich nicht alle Mitarbeitenden von SRF freimachen können.</p>
<p>Und wenn das Inhaltsangebot «schweizerischer» werden soll – wie schon bei der Programmstruktur 1995 –, wie soll das möglich sein vom zentralisierten Newsroom aus in Zürich Leutschenbach? Wo doch «schweizerisch» vor allem auch heisst: föderalistisch, vielfältig in so vielen Lebensbereichen?</p>
<p>Und wenn SRF auf allen Gebieten die Nummer 1 sein will, als «unverzichtbare Informationsquelle» mit «Themenführerschaft» – wie will man mit dieser Konkurrenzansage die Spannungen mit den privaten Medienunternehmen unter Kontrolle halten und das erneute Aufflammen eines Existenzkampfes verhindern? Oder soll man von den privaten Verlegern, die ja nun ohne Leistungsauftrag Millionen an Medienförderung kassieren sollen, zumindest verlangen, dass sie die Entwicklung der SRG zum Multimediahaus tolerieren – da sie ja schon längst in der Gegenrichtung unterwegs sind: vom Zeitungsverlag zu national und international vernetzten, auch audiovisuellen Medienhäusern.</p>
<blockquote><p>SRF gibt keine Antwort auf die entscheidende Frage: wie sich der Service public öffnen soll zur Gesellschaft.</p></blockquote>
<p>Und schliesslich bleibt einmal mehr die Frage offen: Was ist eigentlich der Service public? SRF gibt darauf eine technische Antwort: die Orientierung auf die digitalen technischen Plattformen, wie das alle Medienunternehmen tun. Und sie hofft auf die Lösung mit einer Datensammlung: «Big Data» als smarte Lösung aller Probleme – mit dem Risiko, sich in einer Kette von Meinungs- und Interessenblasen zu verfangen. Und SRF gibt keine Antwort auf die entscheidende Frage: wie sich der Service public öffnen soll zur Gesellschaft und zu den gesellschaftlichen Bewegungen, die von vielfältigen, demokratischen Service-public-Medien einen Raum erwarten, der eine konstruktive öffentliche Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Gegenwart ermöglicht. Darüber haben wir auch diesmal wieder – fast – nichts gehört.</p>
<p>SRF, wie auch die ganze SRG, werden ihre Existenzberechtigung nachweisen, wenn sie für die Nutzerinnen und Nutzer wieder einen Raum schaffen für eine vielfältige öffentliche Diskussion über die notwendige und wünschenswerte Lebensweise in unserem Land. Das kann gelingen, wenn das Medienhaus seinen Distributionsapparat in wesentlichen Teilen – im Sinne Bertolt Brechts – in einen Kommunikationsapparat verwandelt. Diese Möglichkeit steckt als Potential in der digitalen, interaktiven Informationstechnologie.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/08/26/total-digital-srf-will-sich-in-drei-jahren-neu-erfinden/">Total digital: SRF will sich innert drei Jahren neu erfinden</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Eine Resolution für starke Information: SRF-Redaktionen fordern Ende der Sparpolitik</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/07/03/eine-resolution-fuer-starke-information-srf-redaktionen-fordern-ende-der-sparpolitik/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Jul 2020 08:14:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Schweizer Fernsehen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>«Kassensturz», «ECO» und «Rundschau» schlagen Alarm: Sie sehen den Recherchejournalismus beim Schweizer Fernsehen gefährdet. Darum verlangen sie mehr Kapazitäten und unverkennbare eigene Inhalte für ihre digitale Präsenz. Die SRF-Führung sieht die Probleme, schafft sich aber mit der Newsroom-Strategie zu viele Sachzwänge. Es drängt sich deshalb die Frage auf: Geht der Sparkurs an die Substanz? Kleine <a href="https://medienwoche.ch/2020/07/03/eine-resolution-fuer-starke-information-srf-redaktionen-fordern-ende-der-sparpolitik/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/07/03/eine-resolution-fuer-starke-information-srf-redaktionen-fordern-ende-der-sparpolitik/">Eine Resolution für starke Information: SRF-Redaktionen fordern Ende der Sparpolitik</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>«Kassensturz», «ECO» und «Rundschau» schlagen Alarm: Sie sehen den Recherchejournalismus beim Schweizer Fernsehen gefährdet. Darum verlangen sie mehr Kapazitäten und unverkennbare eigene Inhalte für ihre digitale Präsenz. Die SRF-Führung sieht die Probleme, schafft sich aber mit der Newsroom-Strategie zu viele Sachzwänge. Es drängt sich deshalb die Frage auf: Geht der Sparkurs an die Substanz?</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-79822" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/07/MW-Sparen-bei-der-SRG_20200703.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/07/MW-Sparen-bei-der-SRG_20200703.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/07/MW-Sparen-bei-der-SRG_20200703-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/07/MW-Sparen-bei-der-SRG_20200703-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/07/MW-Sparen-bei-der-SRG_20200703-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/07/MW-Sparen-bei-der-SRG_20200703-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Kleine Beobachtungen führen manchmal zu einer grösseren Geschichte. Wenn eine Sendung wie <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sendung/zaeme-dihei?id=733152cf-2cc9-48af-96a6-5fcc1a16952b" target="_blank" rel="noopener">«Zäme dihei»</a> unter anderem an der Abwesenheit des Star-Moderators scheitert, weil Nik Hartmann gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten als Moderator auftreten sollte, wenn die <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sendung/rundschau?id=49863a84-1ab7-4abb-8e69-d8e8bda6c989" target="_blank" rel="noopener">«Rundschau»</a> zwischen Scoop und Boulevard pendelt, wenn eine Flaggschiff-Sendung wie die <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sendung/arena?id=09784065-687b-4b60-bd23-9ed0d2d43cdc" target="_blank" rel="noopener">«Arena»</a> während Monaten nach ihrer passenden Form sucht und schliesslich in die Krise schlittert, oder wenn der <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sendung/club?id=0f532a74-d501-4470-be25-527a4fbb82fa" target="_blank" rel="noopener">«Club»</a> sich am überhöhten Anspruch übernimmt, dann wird man stutzig. Und wenn sich Abgänge als Krisensymptome entpuppen, wie etwa jener von <a href="https://www.persoenlich.com/medien/marc-meschenmoser-geht-zu-konsumenteninfo#:~:text=Marc%20Meschenmoser%20ist%20schon%20jahrelang,Geld%20des%20Z%C3%BCrcher%20Verlags%20Konsumenteninfo." target="_blank" rel="noopener">Marc Meschenmoser</a>, der SRF unter anderem deshalb verlassen hat, weil die interregionale <a href="https://proideesuisse.ch/2020/02/13/scharadenspiel-der-srg-wir-werden-fuer-dumm-verkauft/" target="_blank" rel="noopener">Rechercheredaktion</a>, die er leiten sollte, von der Generaldirektion aus Spargrünen auf Eis gelegt wurde. Wenn einem all das und mehr vor die Augen kommt, fragt der aufmerksame Beobachter dann doch nach den Gründen.<br />
<br />
Wer das Programm des Schweizer Fernsehens im Allgemeinen und seine Informationssendungen im Speziellen über eine gewisse Zeit verfolgt, wird bei wiederkehrenden Symptomen die Gründe nicht zuerst beim Unvermögen der gemeinen Fernsehschaffenden suchen. Die schwankende Qualität mag genauso an fehlender publizistischer Führung liegen – manche Schwächen ziehen sich über die ganze Breite der Hintergrundsendungen –, oder an fehlenden tragfähigen publizistischen Konzepten.</p>
<p>Und schliesslich erinnert man sich beim Blick auf die jahrelange Ära der Sparpolitik an eine zentrale Feststellung: In der Zeit der gedeckelten Einnahmen und des grossen Werbeeinbruchs reichen ganz einfach die finanziellen Mittel nicht mehr, um die Strukturen und das Angebot aus den fetten Jahren mit einer stabilen Qualität zu realisieren. Das gilt selbst mit dem Zustupf von <a href="http://www.kleinreport.ch/news/gebuhrenanteil-der-srg-um-50-millionen-erhoht-haushaltabgabe-30-franken-gunstiger-94557/" target="_blank" rel="noopener">50 Millionen Franken</a> aus der Medienabgabe, der ab 2021 kommen soll.</p>
<p>Es fehlt an Geld, es fehlt an Ressourcen und es fehlt an Kapazitäten, um den Service-public-Auftrag mit stetiger Qualität zu erfüllen. Und so stellt sich die Frage: Geht der Sparkurs der SRG mittlerweile an die Substanz?</p>
<p>Also beginnt man nachzufragen und nachzubohren, und stösst dabei ganz unvermittelt auf die grössere Geschichte: Die Situation ist prekär. Und die Betroffenen schlagen Alarm. «ECO», «Rundschau» und «Kassensturz/Espresso», die drei profilierten SRF-Recherchesendungen, sind im Januar mit einem Protest gegen die Sparpolitik an die Unternehmensleitung gelangt. Jetzt, Mitte 2020, könnten sie triumphierend einen Erfolg vermelden. Doch sie tun es nicht, weil sie den Erfolg ihrer Forderung nicht als Niederlage von Chefredaktion und Unternehmensleitung verkaufen wollen. Aber der <a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/07/Resolution.pdf" target="_blank" rel="noopener">Inhalt ihrer Resolution</a> ist dramatisch genug, um ihn öffentlich aufzugreifen.</p>
<p>In ihrem Protestschreiben fordern die Redaktionen von «Kassensturz/Espresso», «ECO» und «Rundschau», «dass bei den Rechercheredaktionen kein weiterer Abbau von Ressourcen stattfindet, dass die jüngste Sparrunde rückgängig gemacht wird und die Recherchekapazitäten gestärkt werden: Für einen modernen, gehaltvollen Journalismus». Denn, so steht es in der Resolution:</p>
<ul>
<li>«Der Recherchejournalismus ist bedroht</li>
<li>Das Risiko von Fehlern sowie der Instrumentalisierung steigt</li>
<li>Die Recherchekapazitäten müssen ausgebaut werden</li>
<li>Wir brauchen mehr eigene, unverkennbare Inhalte für den digitalen Auftritt»</li>
</ul>
<p>Das sind die zentralen Feststellungen und Forderungen der Redaktorinnen und Redaktoren von «Rundschau», «Kassensturz/Espresso» und ECO. Die Initiantinnen haben bewusst die Redaktionsleitungen nicht einbezogen, um sie nicht in einen Loyalitätskonflikt zu bringen. Über 100 SRF-Mitarbeitende haben die Resolution unterzeichnet. Unterstützung erhielten die Redaktionen auch von der Mediengewerkschaft SSM und von Kolleginnen und Kollegen aus dem Radiostudio Bern, die sich nach den Spannungen der jüngsten Vergangenheit mit den Fernsehleuten in Zürich bewusst solidarisch zeigen wollten.</p>
<p>Die Resolution befürwortet ausdrücklich den Übergang zum «digitalen Journalismus». Als Orientierungspunkte für ihre Forderungen und ihre Kritik nimmt sie die anerkannten Qualitätsleistungen von «Rundschau», «Kassensturz/Espresso», «ECO» und anderen. Diese Sendungen zählten zu den stärksten Argumenten gegen die «No Billag»-Initiative, heisst es in der Resolution, und sie «geniessen hohe Glaubwürdigkeit und werden wahrgenommen als Redaktionen, die eine Leistung erbringen, die Private nicht übernehmen können. Der Personalabbau und das Spardiktat seit der gewonnen Abstimmung aber bedrohen diese Arbeit».</p>
<blockquote><p>«Ihr müsst mit weniger Mitteln mehr leisten als früher, weil ihr auch online eure Inhalte aufbereiten müsst.»<br />
<small>Tristan Brenn, Chefredaktor Schweizer Fernsehen</small></p></blockquote>
<p>Es gab zu dieser Resolution Gespräche mit SRF-Direktorin Nathalie Wappler und mit TV-Chefredaktor Tristan Brenn, und man fand sogar so etwas wie einen Konsens. Ende Januar 2020 <a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/07/Antwort_Resolution.pdf" target="_blank" rel="noopener">schrieb Brenn eine Antwort</a> an die «lieben Kolleginnen und Kollegen» mit der Feststellung: «Zweifellos ist der Druck für euch grösser geworden. Ihr müsst mit weniger Mitteln mehr leisten als früher, weil ihr auch online eure Inhalte aufbereiten müsst.»</p>
<p>Kommt dazu, dass in den letzten Jahren das Budget in der Grössenordnung zwischen fünf und zehn Prozent gekürt wurde. «Von 2018 bis hin zum laufenden Jahr 2020 haben wir in diesen Redaktionen 3.5 von insgesamt 51 Vollzeitstellen abgebaut», schreibt Tristan Brenn in seiner Replik auf die Resolution. Das führt irgendwann zur Kernfrage, die der Chefredaktor im Brief gleich selber stellt: «Ab welchem Niveau wird Sparen zur Bedrohung, die den Auftrag von Recherchemagazinen verunmöglicht und damit auch einen Teil der Legitimation von SRF und der SRG in Frage stellt?»</p>
<blockquote><p>«Nathalie Wappler und Tristan Brenn machen einen schwierigen Job in einem schwierigen Umfeld. Aber ja, die Rundschau-Zitrone ist ausgepresst.»<br />
<small>Mario Poletti, Redaktionsleiter «Rundschau»</small></p></blockquote>
<p>Aber die Frage bewegt den Chefredaktor und die Unternehmensleitung nicht zu einer Änderung der Sparpolitik. Auch wenn die «Rundschau» nun wieder eine zusätzliche Stelle erhält, nachdem ihr im vergangenen Jahr eine Stelle weggenommen worden war. Das wäre für die Redaktion nur auf den ersten Blick Anlass zur Genugtuung. Denn gleichzeitig wird die Sendezeit der «Rundschau» nach der Sommerpause um fünf bis acht Minuten verlängert. Musste die Redaktion also zuerst mit weniger Mitteln mehr leisten, so muss sie jetzt mit gleich viel Mitteln nochmals mehr leisten. Auch für den wiederhergestellten Stellenbestand gilt die Feststellung von «Rundschau»-Leiter Mario Poletti gegenüber der MEDIENWOCHE: «Nathalie Wappler und Tristan Brenn machen einen schwierigen Job in einem schwierigen Umfeld. Aber ja, die Rundschau-Zitrone ist ausgepresst.»</p>
<p>Wer bei den Redaktionsleitungen der Recherchesendungen nachfragt, also bei Ursula Gabathuler («Kassensturz/Espresso»), Roman Mezzasalma (Wirtschaftsredaktion mit dem Magazin «ECO») sowie Mario Poletti («Rundschau»), stellt fest, dass alle drei den guten Rat des Chefredaktors, mehr zu leisten mit weniger Mitteln, bereits befolgen: Sie sparen, indem sie mehr einkaufen, indem sie Beiträge aus den anderen Sprachregionen übernehmen – was nebenbei einen Einblick in die Suisse romande oder die Svizzera italiana gibt – und indem sie mit den anderen Regionen oder mit ausländischen Partnermedien recherchieren oder produzieren. Oder indem sie eben auf Recherchen verzichten, die zwar journalistischen Ertrag versprechen, aber doch auch – wie viele Recherchen – mit dem Risiko des Scheiterns behaftet sind.</p>
<blockquote><p>«Wir bauen Doppelstrukturen auf, statt die Redaktionen generell fit für die digitale Publikation zu machen.»<br />
<small>Resolution der Rechercheredaktionen</small></p></blockquote>
<p>Verschärft wird das Ressourcenproblem – also die Sparpolitik – noch durch ein Technokratieproblem. «Wir sehen mit Sorge», heisst es in der Resolution der Redaktionen, «dass der Newsroom zu weniger Recherchen, weniger eigenen Geschichten im Tagesgeschäft geführt hat, und sehen das als Problem für unser Haus.» Aus Sicht der drei Redaktionen geht die Newsroom-Politik also direkt auf Kosten des journalistischen Angebots.</p>
<p>Zur Medienproduktion im Newsroom sagen die drei Redaktionen von «Kassensturz/Espresso», «ECO» und «Rundschau», «dass Reibungsverluste die Arbeit behindern, dass neue Schnittstellen und Hierarchiestufen geschaffen werden». Und: «Wir bauen Doppelstrukturen auf, statt die Redaktionen generell fit für die digitale Publikation zu machen.» So sagt es die Resolution, und sie beschreibt damit ein Erbe aus der Ära Matter/Schoch: Ruedi Matter war der Vorgänger von Nathalie Wappler als SRF-Direktor, Hansruedi Schoch war sein Programmleiter (Programmdirektor). Ihre Vorbilder waren grosse Medienhäuser vom Zuschnitt der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/CBC/Radio-Canada" rel="noopener" target="_blank">CBC/Radio Canada</a>, und ihre Organisationsform war die Matrix. Matter und Schoch sind gegangen. Doch ihr Geist weht weiterhin durch die neuen Betonbauten, in denen ihre Ideen täglich verwirklicht werden sollen. Und die Matrix, die offiziell abgeschafft werden soll, bleibt in der Alltagspraxis des Newsrooms weiter wirksam.</p>
<p>Im <a href="https://medienwoche.ch/2018/07/05/vom-verschwinden-des-autors-in-der-informationsfabrik/" target="_blank" rel="noopener">Konzept für den «Newsroom 19»</a> – der bis heute technisch nicht planmässig funktioniert – heisst es: «Wir streben eine integrierte, crossmediale Newsproduktion an, die von den Bedürfnissen der User ausgeht, bei der das Netz der Treiber und ‹mobile first› die Lösung ist.»</p>
<p>Das Mitgliedermagazin «LINK» der SRG Deutschschweiz erklärt das <a href="https://www.srgd.ch/de/aktuelles/news/2020/03/05/das-thema-im-zentrum/" target="_blank" rel="noopener">etwas anschaulicher</a>: Der Newsroom ist der Raum, in dem die tagesaktuellen Nachrichtensendungen «Schweiz aktuell», «Tagesschau» und «10vor10» redaktionell entstehen. Die drei Redaktionen verfügen über keine eigenen Reporter mehr, sie bestehen nur noch aus Produzenten und Moderatoren. Darum treffen sich jeden Morgen um 08.30 Uhr ein gutes Dutzend Journalist*innen aus den Fachredaktionen Inland, Ausland und Wirtschaft und SRF News (Online). Ein Koordinator informiert über die Themen des Tages. In dieser Runde wird nicht über einzelne Beiträge für bestimmte Sendungen entschieden. Vielmehr geht es darum, wie ein Thema auf den Online-Plattformen und in den aktuellen Sendungen platziert werden kann. Die Fachredaktionen bieten die Themen an, produzieren sie und passen die Lieferung an die Bedürfnisse der verschiedenen Vektoren an, von «Schweiz aktuell» bis «Instagram». Sprich: Die Produktion der Beiträge und ihre Ausstrahlung und Verbreitung über bestimmte Sendungen und Plattformen erfolgt weitgehend getrennt.</p>
<blockquote><p>«Zu viel Energie wird in die Fragen der Distribution und des Repackaging statt auf die Inhalte verwendet.»<br />
<small>Resolution der Rechercheredaktionen</small></p></blockquote>
<p>Eine neu geschaffene Funktion spielt bei dieser Organisationsform eine besondere Rolle: jene der Koordinator*innen. Sie müssen dafür sorgen, dass «trotz fehlender eigener Redaktion jede Sendung jeden Tag relevante und zu ihr passende Beiträge erhält», schreibt das SRG-Magazin LINK. Sie haben also eine neue Planungs-, Koordinations- und Entscheidungsfunktion, die früher innerhalb der Redaktionen wahrgenommen wurde. Aber es gibt intern auch Kritik: Es gebe zu viele Koordinatorinnen und Koordinatoren. Das sieht man auch so bei «ECO», «Kassensturz» und «Rundschau»: «Zu viel Energie wird in die Fragen der Distribution und des Repackaging statt auf die Inhalte verwendet.» Dazu wollten die Newsroom-Verantwortlichen keine Stellung nehmen in einem Gespräch mit der MEDIENWOCHE; man könne allenfalls schriftlich auf Fragen antworten, hiess es.</p>
<p>Diese Sicht ist für die Rechercheredaktionen naheliegend; sie sind nämlich an der täglichen Aktualitäten-Planung gar nicht direkt beteiligt. Wenn die «Rundschau» ihre Themen über die Newsroom-Strukturen in Aktualitäts-Sendungen platzieren will, geht sie nicht über das tagesaktuelle «Decision-Desk», sondern über das längerfristige «Planungs-Desk», über die Leitung einer Sendung oder (elektronisch) über Koordinatoren, wobei da auch einmal ein «Rundschau»-Anreisser für die «Tagesschau» hängen bleiben kann.</p>
<p>Eine Sendung wie der «Kassensturz» mit seiner guten Sendezeit hat es da wahrscheinlich etwas leichter. Mit der Nähe zu den Konsumenten-Interessen braucht sie auch kein gesondertes «Community Management»; das pflegt die Sendung seit es sie gibt; per Brief, Anruf oder E-Mail melden sich die Leute zuhauf.</p>
<p>Und die Wirtschaftsredaktion ist zentral für alle Wirtschaftsthemen zuständig. Sie hat ihre eigene in die Redaktion integrierte Koordination, mit der sie Themen online platziert und im Fernsehen entweder in den eigenen Sendegefässen – im «ECO» montagabends, in der «SRF Börse» vor der «Tagesschau» – oder dann in den grossen Informationssendungen «Tagesschau» und «10vor10» unter die Leute bringt. Die Wirtschaftskoordination handelt dabei nach dem alten Leitmotiv des Service public: «content first». Mit anderen Worten: Der Inhalt entscheidet über den Kanal, nicht der Kanal über den Inhalt.</p>
<blockquote><p>«Moderner Journalismus (des Service public) zeichnet sich durch seine Inhalte aus.»<br />
<small>Resolution der Rechercheredaktionen</small></p></blockquote>
<p>Die drei Sendungen verstehen sich alle als Teil der Vierten Gewalt, als «vertrauenswürdige Anlaufstellen für Bürger in Not», wie sie in ihrer Resolution schreiben. Bei «Kassensturz/Espresso» läuft das ganz selbstverständlich über die Inhalte des Magazins; das Etikett «wir sind nahbar» muss es nicht zusätzlich propagieren. Bei «ECO» wird sich zeigen, ob das Magazin sich glaubwürdig öffnen kann für Themen wie «Klima und Wirtschaft», «Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaft» (Corona) oder sogar «Menschen- und Bürgerrechte und Wirtschaft». Und die «Rundschau» wird zeigen müssen, ob sie aus dem Pendelkurs zwischen Scoop und Boulevard zu mehr Vertiefung mit stabiler Qualität finden kann.</p>
<p>Alle – mit Ausnahme vielleicht von «Kassensturz» – stehen wahrscheinlich vor der Frage, wie weit sie sich bei ihrem «Agenda Setting» an den Bedürfnissen, am Bedarf und an den Interessen der Gesellschaft orientieren können und wollen, damit die Bürgerinnen und Bürger ihre eigenen, demokratischen Entscheidungen herausdestillieren können. In diesem Sinn wäre der letzte Satz der Resolution richtig: «Moderner Journalismus (des Service public) zeichnet sich durch seine Inhalte aus.»</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/07/03/eine-resolution-fuer-starke-information-srf-redaktionen-fordern-ende-der-sparpolitik/">Eine Resolution für starke Information: SRF-Redaktionen fordern Ende der Sparpolitik</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>«Medienclub»: Zu grosse Themen für eine geschlossene Gesellschaft</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/06/19/medienclub-zu-grosse-themen-fuer-eine-geschlossene-gesellschaft/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2020/06/19/medienclub-zu-grosse-themen-fuer-eine-geschlossene-gesellschaft/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Jun 2020 12:33:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<category><![CDATA[Medienclub]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>An kontroversen Medienthemen, die eine kritische Diskussion verdient hätten, mangelt es nicht. Doch der «Medienclub» des Schweizer Fernsehens schafft es, den Kernfragen zu Corona und Black Lives Matter mehr oder weniger elegant auszuweichen. Eine Medienkritik. Der «Medienclub» war prominent besetzt. «Tatsachen und Meinungen – Wie objektiv berichten die Medien?» hiess der Titel. Und die Themen waren <a href="https://medienwoche.ch/2020/06/19/medienclub-zu-grosse-themen-fuer-eine-geschlossene-gesellschaft/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/06/19/medienclub-zu-grosse-themen-fuer-eine-geschlossene-gesellschaft/">«Medienclub»: Zu grosse Themen für eine geschlossene Gesellschaft</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>An kontroversen Medienthemen, die eine kritische Diskussion verdient hätten, mangelt es nicht. Doch der «Medienclub» des Schweizer Fernsehens schafft es, den Kernfragen zu Corona und Black Lives Matter mehr oder weniger elegant auszuweichen. Eine Medienkritik.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-79459" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/06/MW-Medienclub-BLM-Corona_20200619a.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/06/MW-Medienclub-BLM-Corona_20200619a.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/06/MW-Medienclub-BLM-Corona_20200619a-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/06/MW-Medienclub-BLM-Corona_20200619a-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/06/MW-Medienclub-BLM-Corona_20200619a-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/06/MW-Medienclub-BLM-Corona_20200619a-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Der «Medienclub» war prominent besetzt. «Tatsachen und Meinungen – Wie objektiv berichten die Medien?» hiess der Titel. Und die Themen waren gross. «Die Coronakrise» auf dem ganzen Globus und «die Unruhen in den USA» sollten zur Debatte stehen. – Unruhen in den USA? Waren und sind es nicht Proteste gegen Rassismus, weil der Afroamerikaner George Floyd «zu Tode kam», wie es kühl neutralisiert hiess in einer Hauptausgabe der SRF-Tagesschau? War da nicht, genau gesagt, die Polizeigewalt, nach der nun vier Polizisten wegen Mordes angeklagt sind? Das sind die Fakten aus dem laufenden Gerichtsverfahren.<br />
<br />
Wir wissen nicht, ob es bereits der stete politische Druck ist oder einfach der rigorose Zwang zur Unschuldsvermutung, der zu solchen bereinigten Texten führt. Der «Medienclub» zur «Objektivität» wäre mit seiner starken Besetzung der Ort gewesen, dem politischen Druck entgegenzutreten, der schon im Kernbereich des Informationsjournalismus zu solchen bereinigten Texten führt, bei denen die mörderische Wirklichkeit kaum noch zum Vorschein kommt.</p>
<p><iframe loading="lazy" src="https://srf.ch/play/embed?urn=urn:srf:video:a743e88d-a7df-4365-a733-954fcaa7d5a8" width="560" height="315" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></p>
<p>Nathalie Wappler persönlich nahm teil an der Diskussionsrunde vom 16. Juni 2020, die SRF-Direktorin, die auf dem Sender keinen Meinungsjournalismus pflegen will. Die Politikwissenschaftlerin Regula Stämpfli hingegen liegt als Publizistin gerne mal mit pointierten Meinungen quer; aber auch sie hat sich zur <a href="https://www.watson.ch/schweiz/srf-arena/204968556-in-der-srf-arena-zum-thema-rassismus-entlarvt-sich-trump-fan-selbst" target="_blank" rel="noopener">total gescheiterten «Arena</a>, die vier Tage vorher gelaufen war, im «Medienclub» nicht geäussert. Und genau so hielten es die anderen Diskussionsgäste. Patrik Müller, der als Chefredaktor der Zentralredaktion von CH-Media und der «Schweiz am Wochenende» und als stellvertretender publizistischer Leiter von CH-Media die rechte Richtung bestimmt. Alex Baur desgleichen, der «Weltwoche»-Redaktor, der auch zu seiner Zeitung manchmal eine kritische Meinung äussert. Medienprofessor Mark Eisenegger schliesslich, Leiter des Forschungsinstituts «Öffentlichkeit und Gesellschaft» an der Universität Zürich, hat auch an diesem Abend seine Funktion als wissenschaftlich fundierter Warner wahrgenommen.</p>
<blockquote><p>Man kennt einander und man tut einander nicht weh. Und gibt sich gegenseitig oder sich selber gute Noten.</p></blockquote>
<p>Im «Medienclub» ist man weitgehend unter sich: Journalistinnen reden mit Journalisten über Journalismus. Man kennt einander und man tut einander nicht weh. Und gibt sich gegenseitig oder sich selber gute Noten, toleriert die gewisse «Staatsnähe» der SRG – die gesetzlich vorgeschriebene «Bekanntmachungspflicht» durch den nationalen Service public –, aber auch die mediale Verstärkung des behördlichen Aufrufs «Bleiben Sie zuhause!» durch Ringier, Tamedia, CH-Media und SRG, die vom «Blick» ausgegangen war, und an der nur die «NZZ» nicht teilgenommen hatte. Die alte Tante bekam in der «Club»-Runde dafür Verständnis. Der Notendurchschnitt bei der gegenseitigen Leistungsbeurteilung landete schliesslich bei 4.9 von 6 – mit der niedrigsten Bewertung von 4 (genügend) durch Regula Stämpfli für alle und der Bestnote 6 (sehr gut) durch Alex Baur für die «Weltwoche», also für sich selber.</p>
<p>Man nahm es mit Humor und ging auch grosszügig darüber hinweg, dass der enorme Publikumserfolg von Presse, Radio, Fernsehen und Online-Angeboten nicht primär der Informationsleistung der Medien zur Corona-Krise geschuldet war, sondern zuerst dem gewaltigen Informationsbedürfnis der Bürgerinnen und Bürger.</p>
<blockquote><p>Die Kritik am Totalausfall des Parlaments folgte zu spät. Hier hat der demokratische Reflex der Vierten Gewalt versagt.</p></blockquote>
<p>Aus dem Kreis der Medienschaffenden und -verantwortlichen, die sich in den Fest- und Propaganda-Reden gerne als Pfeiler der Demokratie in Szene setzen, stellte niemand die Frage, warum die Medien nach der Selbst-Entmachtung des Parlaments nicht sofort sehr viel energischer ihre Rolle als «Vierte Gewalt» in Anspruch genommen haben. Die Kritik am Totalausfall des Parlaments folgte zu spät. Hier hat der demokratische Reflex der Vierten Gewalt versagt. Es wäre die redaktionelle Pflicht gewesen, den Mächtigen von Anfang an auf die Finger zu schauen. In diesem Fall dem Bundesrat und der Verwaltung.</p>
<p>Es war ein geschlossener «Medienclub», der sich über weite Strecken den wichtigen Grundfragen nicht stellte. Es brauchte die Intervention des Medienprofessors, um daran zu erinnern, dass der Journalismus in jeder Situation die Aufgabe hat, kritische Fragen zu stellen. Mark Eisenegger bestätigte den allgemeinen Eindruck, dass die Medien im Lockdown ihre Kritikfunktion zu wenig entwickelt hatten.</p>
<p>Der «Medienclub» ist eine verdienstvolle Einrichtung. Aber als Veranstaltung der SRG ist er auch Teil des Problems. Wie die aktuelle Entwicklung um die «Arena» zeigt, müssen auch SRG-Sendungen in die radikale, kritische Diskussion einbezogen werden. Nicht aus personellen, sondern aus institutionellen Gründen stellt sich deshalb die Frage, ob die Leitung des «Medienclubs» nicht wenigstens von Fall zu Fall eine aussenstehende Person übernehmen sollte. Das müsste jemand sein mit den erforderlichen intimen Kenntnissen in Medien und Politik und der notwendigen Freiheit und Zivilcourage, um auch die Fragen zu stellen, die der alltägliche Umgang im gleichen Haus vielleicht nicht ohne Weiteres zulässt.</p>
<blockquote><p>Es war eine Steilvorlage, die ein Magazin wie die «Rundschau» hätte nutzen können, hätte nutzen müssen.</p></blockquote>
<p>Mark Eisenegger hatte das «Maskentheater» und die ungenügende Vorratshaltung von Schutzmasken als einen möglichen Gegenstand kritischer Medienarbeit ins Spiel gebracht. Aber niemand mochte so recht darauf eingehen. Dabei hätte man verweisen können auf einen <a href="https://www.srf.ch/play/tv/rundschau/video/corona---gewerbe-masken-kontroverse-lombardei?id=edd56d93-b542-4c68-964f-9fe2b0fbfba0" target="_blank" rel="noopener">einschlägigen Beitrag der «Rundschau»</a>, der sich seinerseits auf eine vorangegangene <a href="https://www.tagesanzeiger.ch/niemand-traegt-die-verantwortung-in-der-pandemie-vorsorge-910684807290" target="_blank" rel="noopener">Kolumne von Rudolf Strahm im Tages-Anzeiger</a> zum Thema bezog. Strahm hatte darin die Verantwortlichen für die (mangelhafte) privat organisierte Masken-Vorsorge benannt und gleichzeitig die Systemfrage angerissen.</p>
<p>Es war eine Steilvorlage, die ein Magazin wie die «Rundschau» hätte nutzen können – ich würde sagen: nutzen müssen –, aber sie ist politisch brisant. Die Frage nach einer wirtschaftspolitischen Weichenstellung, hätte die Redaktion stellen müssen. Denn sie stellt sich immer dringender nach der ersten Coronakrise und mitten in der beschleunigten Klimakrise. Und es ist unter anderem die Frage nach der Rolle der Medien im Angesicht dieser Herausforderungen.</p>
<p>Es sind grosse Themen für einen «Medienclub», und sie verlangen freies Denken und radikale Diskussionen. Innere Freiheit mit der Bereitschaft zu einem radikalen Wandel. Das zeigt auch höchst aktuell die dramatische Suche der «Arena» nach ihrer Form und ihrem Auftrag. Die Sendung krankt ja seit ihren Anfängen an ihrem Denken in den Kategorien des Machtkampfs und der polemischen Kontroverse. Es ist eine Sendung aus der alten Fernsehwelt. Für die tiefgreifenden Krisen der Gegenwart ist sie nicht mehr tauglich: Corona, Digitalisierung, Klimawandel, Rassismus. Solche Umwälzungen in der gesamten Medienwelt und im Service public dürften – müssten! – den «Medienclub» beschäftigen, wenn das Angebot von Interesse sein soll.</p>
<blockquote><p>Einordnung heisst: Fakten sammeln, Fakten miteinander in Beziehung bringen, Fakten in ihrer Bedeutung beurteilen und daraus ein Bild der Wirklichkeit erzeugen.</p></blockquote>
<p>Der «Medienclub» hat in seiner Sendung vom Dienstag aber schliesslich doch zu seinem Thema gefunden: Einige tausend Kilometer entfernt in den USA, nach 50 Minuten Sendezeit, beim US-Korrespondenten Peter Düggeli. Moderator Franz Fischlin schaltet ihn gegen Ende der Sendung – nach 50 Minuten – in die Gesprächsrunde.</p>
<p>Düggelis Engagement gilt der Wirklichkeit, sein Job ist «Einordnung» – und das ist mehr als Meinung. Einordnung heisst: Fakten sammeln, Fakten miteinander in Beziehung bringen, Fakten in ihrer Bedeutung beurteilen und daraus ein Bild der Wirklichkeit erzeugen, das diese Wirklichkeit verständlich macht.</p>
<p>Aus dieser methodisch schon fast wissenschaftlichen Arbeit wächst zum Beispiel die Erkenntnis, dass es «Rassismus» tatsächlich gibt – nicht nur als Gefühl von Betroffenen, sondern tatsächlich als eine abwertende, diskriminierende, entmenschlichende Art des Umgangs mit anderen Menschen: Menschen anderer Hautfarbe, anderer Kultur, anderer Religion.</p>
<blockquote><p>Das wäre der angekündigte Gegenstand des «Medienclub» gewesen, an dem die Sendung über die längste Strecke vorbeigeplaudert hat.</p></blockquote>
<p>Das ist keine subjektive, beliebige Meinung. Es ist eine journalistische Tatsachenfeststellung, gewonnen aus Beobachtung, Verknüpfung und Gewichtung von Fakten. Erst danach kommt die Vielfalt der Blickwinkel auf die gleiche Wirklichkeit und die Vielfalt der Meinungen.</p>
<p>Und noch davor macht Peter Düggeli den Schritt zur «Haltung», das heisst: zu den Grundwerten, die wir teilen und nach denen wir unser Zusammenleben ausrichten: «Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit» – die französische Revolution sprach von ‹fraternité›, Brüderlichkeit, die Linke von Solidarität. Die schwarzen Amerikaner oder die Schwarzen im englischsprachigen Afrika sprechen einander häufig an als «brother» oder «sister», Bruder oder Schwester – ich mag diese Begriffe, weil sie bei aller Gleichheit und Unterschiedlichkeit die unauflösliche Zusammengehörigkeit und Gleichwertigkeit zum Ausdruck bringen.</p>
<p>Das wäre der angekündigte Gegenstand des «Medienclub» gewesen, an dem die Sendung über die längste Strecke vorbeigeplaudert hat. Ein wichtiger Gegenstand, denn an diesem journalistischen Ansatz hat sich die «Arena» vergangen. Sie hat Tatsachen und Meinungen gleichgesetzt. Sie hat nicht anerkannt, dass es nicht nur in den USA sondern auch in der Schweiz (und wohl in allen Ländern) Rassismus gibt, und dass Personen, die diesen Tatbestand nicht anerkennen, nicht in eine Sendung gehören, in der über Rassismus – möglichst klärend und für die Zukunft versöhnlich – gesprochen werden soll.</p>
<p>Das wird uns weiter beschäftigen.</p>
<p><small>Bild: Mark Vancleave/imago images</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/06/19/medienclub-zu-grosse-themen-fuer-eine-geschlossene-gesellschaft/">«Medienclub»: Zu grosse Themen für eine geschlossene Gesellschaft</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
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		<title>Die SRG und der Fluch des Hockeystocks</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/04/23/die-srg-und-der-fluch-des-hockeystocks/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Apr 2020 18:07:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Werbung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die fetten Jahre sind vorbei: Auch wenn die SRG nun pro Jahr 50 Millionen Franken mehr erhält von der Medienabgabe, ändert das nichts an ihrer schwierigen Lage. Mit weniger Geld soll die SRG das Gleiche leisten wie bisher und sich gleichzeitig neu erfinden. Der dramatische Rückgang der Werbeeinnahmen eröffnet aber auch interessante Zukunftsperspektiven. Gilles Marchand <a href="https://medienwoche.ch/2020/04/23/die-srg-und-der-fluch-des-hockeystocks/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/04/23/die-srg-und-der-fluch-des-hockeystocks/">Die SRG und der Fluch des Hockeystocks</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die fetten Jahre sind vorbei: Auch wenn die SRG nun pro Jahr 50 Millionen Franken mehr erhält von der Medienabgabe, ändert das nichts an ihrer schwierigen Lage. Mit weniger Geld soll die SRG das Gleiche leisten wie bisher und sich gleichzeitig neu erfinden. Der dramatische Rückgang der Werbeeinnahmen eröffnet aber auch interessante Zukunftsperspektiven.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-78008" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/04/MW-SRG-Finanzierung-durch-den-Bund_20200421.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/04/MW-SRG-Finanzierung-durch-den-Bund_20200421.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/04/MW-SRG-Finanzierung-durch-den-Bund_20200421-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/04/MW-SRG-Finanzierung-durch-den-Bund_20200421-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/04/MW-SRG-Finanzierung-durch-den-Bund_20200421-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/04/MW-SRG-Finanzierung-durch-den-Bund_20200421-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Gilles Marchand muss zufrieden sein. Zumindest teilweise. Oder zufrieden auf Zeit. Der Generaldirektor der SRG hat im grossen Interview mit der MEDIENWOCHE <a href="https://medienwoche.ch/2019/11/26/unser-auftrag-ist-es-die-digitalen-moeglichkeiten-zu-nutzen-um-den-leistungsauftrag-zu-erfuellen-und-dabei-das-gesamte-publikum-zu-erreichen/">im November 2019</a> gesagt: «Was die SRG braucht, ist ein korrektes, berechenbares Budget, um den Leistungsauftrag zu erfüllen.» Auf der Seite der Gebührenabgabe hat er das jetzt. «Der Bundesrat hat (…) beschlossen, den Abgabenanteil der SRG um 50 Millionen zu erhöhen», heisst es in der <a href="https://www.uvek.admin.ch/uvek/de/home/uvek/medien/medienmitteilungen.msg-id-78803.html" target="_blank" rel="noopener">Mitteilung vom 17. April</a>.</p>
<p>50 Millionen Schweizer Franken sind schon mal gut. Auf mittlere Sicht aber wahrscheinlich nicht gut genug. Der Bundesrat spricht von einer «Teilkompensation der Werbeausfälle» und <a href="https://www.srgssr.ch/news-medien/news/reduktion-der-medienabgabe-und-beitrag-zur-erfuellung-des-leistungsauftrags-der-srg/" target="_blank" rel="noopener">die SRG schreibt</a>: «Der Beitrag kompensiert einen Teil der Werbeverluste der vergangenen Jahre und gewährleistet die Aufrechterhaltung des SRG-Leistungsauftrags gemäss Konzession.» Denn die Werbung bricht weg. Nur die Gebühren sind sicher.<br />
<br />
Die Wortwahl von Bundesrat und SRG sind nicht ohne Grund fast deckungsgleich. Allein für die ersten beiden vollen Amtsjahre von Generaldirektor Gilles Marchand musste die SRG einen Rückgang der Werbung von 36 Millionen Franken notieren. Im Jahr 2019 wurde ausserdem die Deckelung des Abgabenanteils auf 1,2 Milliarden Franken wirksam, die <a href="https://www.srgd.ch/de/aktuelles/news/2017/10/18/bundesrat-senkt-gebuhren/" target="_blank" rel="noopener">der Bundesrat</a> noch zur Amtszeit von Doris Leuthard beschlossen hatte.</p>
<p>Und das hatte zur Folge, dass der Spar- und Reinvestitionsplan von 100 Millionen, den die SRG noch am Tag der «No Billag»-Abstimmung (4. März 2018) verkündet hatte, um weitere 50 Millionen aufgestockt werden musste. Immer mit dem Ziel, die Sparpläne bis Ende 2020 zu erfüllen.</p>
<p>«Wir werden sie erfüllen», erklärt SRG-Sprecher Edi Estermann, «und zwar bis Ende 2020.» Allerdings voraussichtlich wieder mit einem negativen Rechnungsergebnis. 2019 war es ein Minus von 22 Millionen. Für 2020 rechnet die SRG schon als Folge der Corona-Krise mit unvorhergesehenen Belastungen «im Bereich eines höheren zweistelligen Millionenbetrags. Wir können das aber noch nicht beziffern», so Estermann.</p>
<blockquote><p>Die SRG durchläuft politisch und betriebswirtschaftlich seit vier, fünf Jahren ein schwieriges – man müsste sagen: ein kritisches – Wegstück.</p></blockquote>
<p>All das blieb und bleibt auch für das Personal nicht folgenlos. Es gab im Jahr 2019 keine «allgemeinen Lohnmassnahmen», und die SRG hat im gleichen Zeitraum 74 Vollzeitstellen abgebaut. Der Versuch, die notwendigen Einsparungen «vor allem im Bereich von Distribution, Technik [Integration der <a href="https://medienwoche.ch/2019/07/04/tpc-zurueck-zu-srf-das-publikum-sollte-nichts-merken-von-diesem-schritt/">Technologie-Tochter tpc</a> bei SRF] und Immobilien» und nicht auf Kosten der Menschen zu realisieren, hatte nur begrenzten Erfolg. Und es gab auch kurz davor schon Entlassungswellen.</p>
<p>Die SRG durchläuft politisch und betriebswirtschaftlich seit vier, fünf Jahren ein schwieriges – man müsste sagen: ein kritisches – Wegstück. Und es mag noch einmal so lange dauern, bis sie den Wendepunkt erreicht. Dabei macht sie die gleichen Erfahrungen wie ihre privaten Konkurrenten: Sie erlebt den negativen Hockeystock-Effekt.</p>
<blockquote><p>Die Zeitungsverleger kennen diese Abwärtsbewegung schon länger. Und sie wissen: Die Werbefinanzierung der Bezahlzeitungen ist ein Auslaufmodell.</p></blockquote>
<p>Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hockeyschl%C3%A4ger-Diagramm" target="_blank" rel="noopener">Grafik des Hockeystocks</a> kennt man aus der Klimadebatte, wo sie – wie bei einem waagrecht gehaltenen Hockeystock – zuerst über die längere Strecke eine langsame Zunahme der CO₂-Belastung anzeigt, bis dann mit der Industrialisierung, der scharfe Knick zwischen Schaft und Schaufel nach oben die rapide Zunahme des Treibhausgases signalisiert. Bei der Werbung in den «klassischen» Medien – Print, Radio, lineares Fernsehen – geht der Trend in die Gegenrichtung: Der Stock weist scharf nach unten.</p>
<p>Die Zeitungsverleger kennen diese Abwärtsbewegung schon länger. Und sie wissen: Die Werbefinanzierung der Bezahlzeitungen ist ein Auslaufmodell. Das gilt ebenso für die SRG. Auch bei der Mischfinanzierung des Service public durch Werbung und Gebühren bildet die Werbung ein <a href="https://medienwoche.ch/2020/03/26/geld-fuer-den-journalismus-gute-zeiten-sind-schlechte-zeiten/">Klumpenrisiko</a>. Der Hockeyknick signalisiert eine existentielle Gefahr, die wie das Corona-Virus alle befällt, die sich nicht zu schützen wissen.</p>
<p>Dabei hat diese negative Entwicklung bei der SRG mit einer positiven Dynamik in den 1980er- und 1990er-Jahren begonnen: Ausbau der Programme im Fernsehen und Radio, unternehmerisches Handeln nach innen und aussen. Diese Dynamik war beim Radio allerdings auch sehr umstritten. Die neuen Angebote (in der Deutschschweiz DRS 3, 1983; Virus, 1999) wurden zu Recht als direkte Konkurrenz zu Schweizer Privatstationen wie Roger Schawinskis Radio 24 empfunden.</p>
<p>Beim Fernsehen richtete sich der Konkurrenzkampf vor allem gegen die private ausländische Konkurrenz (RTL, Sat1, TF1, Mediaset/Canale 5 etc.). Die private Schweizer Konkurrenz wurden mit Presse TV in das Gefüge der SRG integriert. Investiert wurde in die zweiten Fernsehkanäle (Deutschschweiz: «Ein Programm auf zwei Kanälen»), in den Sport mit dem Einkauf von Übertragungsrechten und günstigen Serien – die dominante Stellung im Markt des Schweizer Fernsehens hat das erleichtert. Später kamen eingeschweizerte, internationale kommerzielle Formate dazu, wie «Voice of Switzerland» oder «Musicstar».</p>
<blockquote><p>Das Programmraster des Schweizer Fernsehen ist seit Mitte der 1990er-Jahre bis heute grundsätzlich unverändert, also seit rund 25 Jahren.</p></blockquote>
<p>Gleichzeitig wurden industriellere Produktionsmethoden eingeführt: «Sparen» hiess mit Fernsehdirektor Peter Schellenberg von 1988 bis nach der Jahrtausendwende: Produktivitäts- und Effizienzsteigerung, tandardisierte Mehrfachbelegung von Studios durch mehrere Sendungen, Verkleinerung mobiler Teams, Aufbau des zweiten Fernsehkanals und von SRF info, mit gleich viel Leuten mehr produzieren.</p>
<p>All das lief unter dem Motto: «Von der Anstalt zum Unternehmen». Nach aussen sichtbar war die Einführung eines Programmrasters, der seit Mitte der 1990er-Jahre bis heute grundsätzlich unverändert ist, also seit rund 25 Jahren. Das Publikum kannte und kennt ihn auswendig. Gleichzeitig begann unter dem Namen «Presse TV» die Zusammenarbeit mit den Privaten: mit Ringier, NZZ und anderen, die grundsätzlich mit anderen Partnern noch heute existiert.</p>
<blockquote><p>Die Werbezeit wurde nach 1998 bis 2014 mehr als verdoppelt, der Ertrag blieb aber gleich.</p></blockquote>
<p>Mehr oder weniger deutlich sichtbar waren auch die neu eingeführten Formen für den kommerziellen Ertrag, wie Sponsoring oder Product Placement. Und gleichzeitig <a href="https://www.saldo.ch/artikel/artikeldetail/schweizer-fernsehen-immer-mehr-werbung/" target="_blank" rel="noopener">dehnte die SRG ihre Werbezeit stetig aus</a>. Das Bundesamt für Statistik zählte für das Jahr 1998 noch 1306 Stunden Fernsehwerbung der SRG. Bis 2008 stieg sie auf 2008 Stunden, und bis 2014 dehnte sie sich nochmals markant und deutlich aus auf 2848 Stunden. Das sind, rein rechnerisch, vier Monate Werbefernsehen im Jahr.</p>
<p>Die quantitative Kommerzialisierung des Schweizer Fernsehens war und ist offenkundig. Aber es war und bleibt auch eine verzweifelte Kommerzialisierung. Die Werbezeit wurde nach 1998 bis 2014 mehr als verdoppelt, der Ertrag blieb aber gleich. Er schwankte vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2014 irgendwo im Bereich von 260 Millionen Franken – und seither sinkt er stetig. Den Grund dafür lieferte der Werbe-Experte Ueli Custer zum Jubiläum «50 Jahre Fernsehwerbung in der Schweiz» sehr anschaulich: «Am 1. Februar 1965 gab es in der Schweiz pro Sprachgebiet je einen TV-Kanal, auf dem Schweizer Werbung möglich war. Heute sind es 46 sprachregionale Angebote. Rund drei Viertel davon in der deutschen Schweiz.» (Werbewoche 03/13.02.2015). Daraus entwickelte sich ein überaus wirkungsvoller Preiskampf. Und die Entwicklung ist seither weitergegangen.</p>
<p>Das Fernsehpublikum hat sich aber auch schon längst an die strukturelle Kommerzialisierung des Fernsehprogramms gewöhnt, die auf die Bedürfnisse der Werbekunden ausgerichtet ist. Der «audience flow» wird professionell gepflegt, sprich: Das Publikum wird zwischen 18 und 19 Uhr mit massenwirksamen Programmen wie «Mini Beiz, Dini Beiz» oder «Glanz &amp; Gloria» angezogen. Und die Programmstruktur ist am Vorabend in kleine Teile zerstückelt, damit das Publikum nicht durch überlange Werbeblöcke vertrieben wird, aber trotzdem genügend Platz für die Werbung zur Verfügung steht. So kommt zwischen zwei Werbeblöcken um zirka 18 Uhr eine Minute «Meteo», kurz vor sieben ebenfalls eine Minute «Tagesschau-Schlagzeilen» und zwischen zwei Werbeblöcken vor der Tagesschau kommt «SRF Börse». (Früher gab es an dieser Stelle die Tagesschau-Uhr, die auch versponsert werden konnte). Das war selbstverständlich alles durch Gesetz und Verordnung geregelt und vom Bakom kontrolliert und genehmigt. Und es lässt sich reibungslos in die Ideologie der Wachstumsgesellschaft integrieren.</p>
<blockquote><p>Das Modell der Mischfinanzierung aus Medienabgabe und Werbung für den nationalen Service public funktioniert nicht mehr.</p></blockquote>
<p>Aber nun zeigt seit 2011, also seit fast zehn Jahren, die Entwicklung nach unten. Der Werbeertrag ist in dieser Zeit um fast <a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/04/Werbeeinnahmen-SRG-2008-–-2019.jpg" target="_blank" rel="noopener" data-rel="lightbox-image-0" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title="">100 Millionen Franken</a> gesunken. Es ist also zumindest nicht falsch, wenn der Bundesrat und die SRG übereinstimmend feststellen, dass es sich bei der Erhöhung des Gebührenanteils um 50 Millionen Franken um «eine Teilkompensation der Werbeausfälle» handelt.</p>
<p>In Klartext: Das Modell der Mischfinanzierung aus Medienabgabe und Werbung für den nationalen Service public funktioniert nicht mehr. So gesehen war es ein Glücksfall, dass gerade jetzt zu prüfen war, ob denn die Finanzierung der SRG noch angemessen ist. Die 50 Millionen Franken für die SRG sind also keine Nothilfe, wie etwa die privaten Radio- und Fernsehstationen meinen – die ja für die gebührenfinanzierten Stationen auch in den Genuss einer leichten Gebührenerhöhung kommen. Es ist das Ergebnis einer regulären Prüfung der angemessenen Finanzierung. Der Bundesrat hat nun also, in einem ersten Schritt, die Situation für die SRG geregelt. Und nachdem er vor ein paar Wochen die Nothilfe für die privaten Medienunternehmen abgelehnt hat, wird er voraussichtlich noch im April, also in diesen Tagen, seine Vorstellungen für die Medienförderung auch der privaten Presse auf den Tisch legen.</p>
<blockquote><p>In den Jahren des Wachstums hat die SRG die Strukturen für eine grössere Anzahl von Radio- und Fernsehprogrammen geschaffen.</p></blockquote>
<p>Die SRG kann kurz durchatmen und sich dann auf die neuen, knapperen Verhältnisse einrichten. 50 Millionen mehr pro Jahr helfen, die Lage für den Augenblick zu entspannen. Aber die fetten Jahre sind vorbei. Denn die Sommaruga-Millionen reichen bei Lichte besehen gerade dazu aus, die Hälfte des Werbeminus von 100 Millionen seit 2011 auszugleichen. Und in der Zeit des negativen Hockeyknicks wächst nur das Minus. Für die SRG herrscht Abmagerungszeit.</p>
<p>Mit anderen Worten: In den Jahren des Wachstums hat die SRG die Strukturen für eine grössere Anzahl von Radio- und Fernsehprogrammen geschaffen. Und noch in den Jahren des Werberückgangs hat sie an den neuen Strukturen für die notwendige Digitalisierung gebaut. All diese Strukturen zusammen sind in der gegebenen Form mit den heute verfügbaren Mitteln nicht mehr zu finanzieren.</p>
<p>Die SRG muss also nach wie vor den Gürtel enger schnallen oder noch effizienter werden in einer Zeit, in der sie sich auch noch fit machen muss für die Zukunft. Das heisst: Sie muss den ganzen Betrieb und den Umbau des Unternehmens stemmen, und das ist eine Dreifachbelastung.</p>
<ul>
<li>Sie muss das bestehende Programmangebot für ihr Stammpublikum weiterführen, in gleichbleibender Qualität, und mit der Krisenfestigkeit, die wir gerade erleben. In einer tiefgreifenden Krise, die noch nicht zu Ende ist.</li>
<li>Sie muss ihre eigene, neue digitale Medienwelt entwickeln, aufbauen und zu einem akzeptierten Angebot machen. Das heisst, sie muss vom konvergenten zum multimedialen Medienhaus werden.</li>
<li>Sie muss dieses mehrsprachige nationale Unternehmen im laufenden Betrieb tiefgreifend umstrukturieren.</li>
</ul>
<p>Sie muss diese ganze Operation zudem mit abnehmenden Mitteln durchführen, dabei die Risikogruppe des alteingesessenen Publikums behalten und gleichzeitig die kosmopolitisch migrierende Jugend dauerhaft für sich gewinnen. Eine echte Herausforderung. Und sie verlangt vielfältige Investitionen: an Geld, an Kapazität, an Ideen und Kreativität. Bei der bemerkenswerten Bewältigung der Corona-Krise in den letzten Wochen schimmerte da und dort durch, dass die Verhältnisse prekär sind.</p>
<blockquote><p>Onlinewerbung für die SRG wäre aber eine Kriegserklärung an die Verleger, die es seit je ablehnen, dass die SRG im Internet kommerziell tätig wird.</p></blockquote>
<p>Die aggressive Lösung wäre der Rückgriff auf die Option Onlinewerbung. Der Bundesrat hat am 14. September 2012 <a href="https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-45965.html" target="_blank" rel="noopener">seine Haltung bestätigt</a>, «dass die SRG mittelfristig im Interesse der Gebührenzahlenden auch im Internet kommerziell tätig sein muss. Angesichts der positiven Entwicklung der SRG-Werbeerträge in den letzten zwei Jahren erachtet der Bundesrat allerdings heute eine Öffnung als verfrüht.» Genau im Jahr dieser Stellungnahme hat sich die Tendenz gedreht und der Effekt des negativen Hockeystocks hat zugeschlagen. Mit einem Minus eines mittlerweile über 100 Millionen geringeren Werbeertrags. Die Onlinewerbung für die SRG wäre aber eine Kriegserklärung an die Verleger, die es seit je ablehnen, dass die SRG im Internet kommerziell tätig wird.</p>
<p>Die friedliche Lösung wäre der Verzicht der SRG auf jegliche Werbung. Dieser Entscheid müsste aber der Bundesrat fällen. Er würde zudem die nachhaltige gemeinsame Einsicht voraussetzen, dass die existentiell bedrohlichste Gefahr aus dem globalen Markt kommt, von Unternehmen wie Facebook und Google, die schon heute einen Grossteil der Werbebudgets absorbieren.</p>
<p>Neben der SRG bewegen sich im schweizerischen Medienmarkt heute vier multimedial aufgestellte, grosse Medienunternehmen, die Partner und Konkurrenten sein können. «Coopetition» heisst das Stichwort, Kompetition und Kooperation zugleich, Wettbewerb und Zusammenarbeit.</p>
<blockquote><p>Die Privaten leben ja wie die SRG unter der Drohung des Hockeystocks und der Gesetzmässigkeiten des Werbemarkts.</p></blockquote>
<p>Das Medienkonglomerat in der Hand von Peter Wanner und seiner Kinder, einschliesslich CH-Media im Verbund mit der NZZ, bildet in der Deutschschweiz mittlerweile das grösste private audiovisuelle Medienunternehmen, und es praktiziert die Zusammenarbeit mit der SRG im audiovisuellen Bereich seit Jahren. Gleichzeitig will die Unternehmerfamilie mit «Watson» nun den strategisch angedachten <a href="https://www.watson.ch/schweiz/in%20eigener%20sache/698726047-watson-will-newsportal-fuer-die-romandie-starten" target="_blank" rel="noopener">Sprung über den Röstigraben</a> wagen, da die Romandie durch die mediale Ausdünnungspolitik von Ringier und TX Group offenbar Handlungsspielräume eröffnet. Dem Haus eröffnet sich die Chance, mit oder neben der SRG einen Platz in der ganzen Medienlandschaft der Schweiz einzunehmen.</p>
<p>Die TX Group schickt sich an, den <a href="https://www.schweizermedien.ch/politik/ausbau-indirekte-presseforderung" target="_blank" rel="noopener">Vertrieb ihrer Tamedia-Zeitungen</a> von der öffentlichen Hand finanzieren zu lassen. Gleichzeitig wird sie wie bisher die nationale Multimediaplattform «20 Minuten» als Cash Cow im Stall halten; mit Goldbach und Partnern sind da wohl auch international genährte Aktivitäten in Konkurrenz zur SRG möglich.</p>
<p>Und Ringier lancierte mit <a href="https://medienwoche.ch/2020/03/31/blick-tv-in-rekordzeit-von-null-auf-normalbetrieb/">Blick TV</a> ein Smartphone-Fernsehen, das einen Hinweis auf die publizistische Digitalentwicklung des Konzerns gibt, sowohl in publizistischer als auch in kommerzieller Hinsicht.</p>
<p>Das Interesse der privaten Medienhäuser am Modell von Konkurrenz und/oder Kooperation mit der SRG ist sicher gross. Die Privaten leben ja wie die SRG unter der Drohung des Hockeystocks und der Gesetzmässigkeiten des Werbemarkts. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der endgültige Knick nach unten bei den Verlegern ein paar Jahre <a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/04/Werbung_Zeitungen.jpg" target="_blank" rel="noopener" data-rel="lightbox-image-1" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title="">früher ansetzte</a>, nämlich schon von 2007 auf 2008, und dass der Rückgang des Werbeertrags nicht 100 Millionen beträgt sondern (mehr als) eine Milliarde seit 2003 bis heute. Es geht dort in Teilen schlicht um die Existenz.</p>
<p>Der Wettbewerb auf dem Medienmarkt zwischen den privaten Verlagshäusern und dem Service public der SRG ist zurzeit nur stillgelegt. Und in einer Entwicklungsphase, in der alle grösseren Medienunternehmen sich im multimedialen Feld bewegen – SRG, CH-Media, TX Group, Ringier, NZZ –, werden Kooperation und Kompetition, Zusammenarbeit und Konkurrenzkampf, neu organisiert und ausgefochten werden. Aber die stärkste, gefährlichste Konkurrenz kommt aus dem globalen Markt.</p>
<blockquote><p>Man macht sich unbeliebt, wenn man zur Existenzsicherung Staatsgelder verlangt und gleichzeitig Millionenbeträge für Dividenden in private Taschen schiebt.</p></blockquote>
<p>Nach den jüngsten Erfahrungen der Corona-Krise ist aber deutlich geworden, dass allzu grosse Egoismen starker Marktteilnehmer auch beim Bundesrat offenbar <a href="https://www.woz.ch/-a7dc" target="_blank" rel="noopener">ungern gesehen werden</a>. Man macht sich unbeliebt, wenn man zur Existenzsicherung Staatsgelder verlangt und gleichzeitig Millionenbeträge für Dividenden in private Taschen schiebt. Und ebenso klar scheint, wie der Preisüberwacher festgestellt hat, dass neben den Haushalten alle Teile der Gesellschaft, «auch die Unternehmen ihren Teil zu einem funktionierenden und unabhängigen Rundfunksystem beizutragen haben.»</p>
<p>Zwar hat die SRG bei der «No Billag»-Abstimmung nach Auffassung zahlreicher Beobachter das grosse Votum des Stimmvolks für eine starke SRG nicht wirklich genutzt. Aber sie hat sich jetzt in der Krise unzweifelhaft bewährt. Die Nutzerzahlen der Informationssendungen der SRG haben sich mit dem Beginn der Corona-Krise verdoppelt. Im März hatte die SRF-Tagesschau im Durchschnitt eine Million Zuschauende mit einem Marktanteil von fast 50 Prozent, die Sondersendungen lagen ebenfalls im Millionenbereich, 10vor10 hatte einen Zuschauer-Durchschnitt von 583&#8217;000 Personen mit einem Marktanteil von gut 40 Prozent. Und in einer europaweiten Umfrage der Europäischen Rundfunk-Union EBU liegt die SRG bei den Zuwachszahlen für die Marktanteile knapp hinter Island <a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/04/EBU_SRG.jpg" target="_blank" rel="noopener" data-rel="lightbox-image-2" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title="">auf Rang 2</a>.</p>
<blockquote><p>Die SRG hat in Teilen seines Programmschaffens eine Beweglichkeit gezeigt, die man seit Jahren kaum noch erfahren hat.</p></blockquote>
<p>Diese Zahlen bestätigen ohne Zweifel das Bedürfnis nach einem starken nationalen Service public für die ganze Schweiz. Und die professionellen Leistungen der Medienschaffenden in allen Bereichen dürften den Grundsatzdiskussionen über den Service public in der Schweiz für einige Zeit den Boden entzogen haben. Das Unternehmen hat in Teilen seines Programmschaffens eine Beweglichkeit gezeigt, die man seit Jahren kaum noch erfahren hat. Und einzelne Protagonisten haben Fähigkeiten gezeigt, die wir bei ihren professionellen Auftritten bisher nicht wirklich gekannt haben: Aufmerksamkeit, Empathie, Suche nach Verstehen und Erkenntnisgewinn – Eigenschaften, die in solchen Krisenlagen wichtig sind, und die wir in künftigen Herausforderungen wieder nötig haben werden.</p>
<p>Das ist ausbaufähig, damit das notwendige «künftige Normal» nicht den Rückfall in das «alte Normal» bedeutet. Auch für die Medien des Service public und insbesondere der SRG ist der Satz des Westschweizer Brigadier Raynald Droz erinnerungswürdig: «Unser System kann sich rasch anpassen, aber es fehlt die Ausdauerkultur.» (Im Gespräch mit Pia Wertheimer, Sonntagszeitung, 29. März 2020).</p>
<p>Gefragt ist jetzt Ausdauer für Innovation, für einen neuen Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit, der da und dort im Programm sichtbar wurde, und für Arbeitsbedingungen der Medienschaffenden an allen Arbeitsplätzen, in denen sie noch vermehrt aus der Routine treten können.</p>
<p>Der Service public hat um die Jahrhundertwende bis ins erste Jahrzehnt hinein seine Leistungen unter komfortablen Wachstumsbedingungen ausgebaut. Er hat in den letzten Jahren unter einer Dreifachbelastung seine Leistung erbracht: die Fortsetzung des alten Angebots, der Aufbau eines neuen Angebots und den Umbau der Strukturen. Und er hat jetzt unter Anspannung aller Kräfte die Belastungen der Krise mit Erfolg und Bravour bestanden.</p>
<p>Aber da und dort waren die Grenzen der Belastbarkeit auch zu spüren oder zumindest zu ahnen. Anstelle der endlosen Spardiskussion wäre jetzt eine wirksame Analyse der Frage angesagt: Welche Leistungen müssen und können wir erwarten, und wie müssen sie auf mittlere und längere Frist ausgestattet werden?</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/04/23/die-srg-und-der-fluch-des-hockeystocks/">Die SRG und der Fluch des Hockeystocks</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Eine Sternstunde des Service public: «Wenn wir jetzt schon miteinander denken &#8230;»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/02/21/wenn-wir-jetzt-schon-miteinander-denken/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Feb 2020 14:29:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[SRF]]></category>
		<category><![CDATA[Sternstunde Philosophie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es ist bezeichnend für den Zustand der Medien im Allgemeinen und den Service public im Speziellen: Foren für die wesentlichen Fragen zur Zukunft der öffentlichen Kommunikation fristen ein Dasein am Rand der Programme und Plattformen. Regelmässig Raum dafür bietet die «Sternstunde Philosophie» vom Schweizer Fernsehen SRF. So auch jüngst wieder beim angeregten und anregenden Gespräch <a href="https://medienwoche.ch/2020/02/21/wenn-wir-jetzt-schon-miteinander-denken/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Es ist bezeichnend für den Zustand der Medien im Allgemeinen und den Service public im Speziellen: Foren für die wesentlichen Fragen zur Zukunft der öffentlichen Kommunikation fristen ein Dasein am Rand der Programme und Plattformen. Regelmässig Raum dafür bietet die «Sternstunde Philosophie» vom Schweizer Fernsehen SRF. So auch jüngst wieder beim angeregten und anregenden Gespräch von Moderatorin Barbara Bleisch mit ihren Gästen Kübra Gümüsay und Bernhard Pörksen.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-76591" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/02/MW-Sternstunde-Religion-Philosophie-Kultur-SRG_20200220.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/02/MW-Sternstunde-Religion-Philosophie-Kultur-SRG_20200220.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/02/MW-Sternstunde-Religion-Philosophie-Kultur-SRG_20200220-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/02/MW-Sternstunde-Religion-Philosophie-Kultur-SRG_20200220-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/02/MW-Sternstunde-Religion-Philosophie-Kultur-SRG_20200220-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/02/MW-Sternstunde-Religion-Philosophie-Kultur-SRG_20200220-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
«20 Minuten» lanciert ein neues Ressort: «One Love» mit Themen rund um Liebe, Sex und Dating. Ringier ist mit «Blick TV» gestartet und bietet Bewegtbild-Kurzfutter vom Boulevard. Die Videos sind der «Content», der die Werbung zum Publikum trägt. Und Ringier ist jetzt der grosse Fernsehvermarkter, nachdem das Medienunternehmen die Swisscom-Anteile an «Admeira» gekauft hat, gestärkt durch die Kapitalzufuhr der «Mobiliar». Und die SRG, die ihre Werbevermarkterin «Publisuisse» 2016 in «Admeira» eingebracht hat, ist jetzt nur noch Kunde von Ringier. Gleichzeitig meldet die SRG Sparmassnahmen und Stellenabbau und versucht immer noch, ein paar Werbefranken für den Qualitätsjournalismus zu retten.</p>
<p>Die Kommerzialisierung der Schweizer Medien unter dem Gesetz der kapitalistischen Digitalisierung ist also in vollem Gang. Die Verflechtung von Medienhäusern mit kapitalstarken Wirtschaftsunternehmen wird transparent und die SRG versucht noch einmal, durch «coopetition», durch Kooperation und Kompetition, ihre kommerziellen Einnahmen zu retten. Nachdem sie sich mit diesem Vorgehen bereits in Abhängigkeit begeben hat. Damit stehen wir vor dem vielleicht zweitletzten «Window of Opportunity», der vielleicht zweitletzten Chance zur Erhaltung von Qualitätsjournalismus. Die letzte wäre dann der definitive Verzicht auf Werbung. Wenn nicht auch bei der SRG der «Content» in erster Linie zum Transportmittel von Werbung wird.</p>
<blockquote><p>Die «Sternstunden» konnten – ganz unbemerkt – im vergangenen Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiern. Als Randerscheinung sozusagen.</p></blockquote>
<p>Noch firmiert die SRG als Unternehmen des Service public. Noch läuft am Sonntagmorgen, wenn manche Menschen in die Kirche gehen oder zum Frühschoppen, die «Sternstunde Philosophie» in einer Reihe mit der «Sternstunde Religion» und der «Sternstunde Kunst».</p>
<p>Die «Sternstunden» konnten – ganz unbemerkt – im vergangenen Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiern. Als Randerscheinung sozusagen. Auch wenn sie eine ganz wesentliche Aufgabe wahrnehmen für den Auftrag und die Wahrnehmung, für die Akzeptanz der SRG.</p>
<p>Mehr noch: Ein tschechoslowakischer Emigrant hat mir nach der Unterdrückung des «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» durch die sowjetischen Panzer im August 1968 gesagt: «Wenn die öffentliche, demokratische Diskussion nicht mehr gelingt, wenn sie ihren Beitrag zur politischen Debatte nicht mehr wirklich leistet, dann übernimmt die Kultur die politische Aufklärung.»<br />
<br />
Gar so schlimm ist es nicht im Service public der SRG. Aber man kann feststellen, dass die «Sternstunde Philosophie» in ihrer sonntäglichen Randzeit Fragen stellt, die eigentlich ins Hauptprogramm eines Service public gehören. Es muss ja nicht immer gleich <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/martin-saar-was-die-macht-mit-uns-macht?id=f82f5531-e11b-421a-936e-9acc245527b0" target="_blank" rel="noopener">«Was die Macht mit uns macht»</a> (mit Martin Saar) sein, aber schon: <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/juergen-habermas-wie-geht-demokratie?id=6358b82f-9d16-4b14-a90a-3546678407a6" target="_blank" rel="noopener">«Wie geht Demokratie?»</a> (in Anlehnung an Jürgen Habermas) oder sogar <a href="https://www.youtube.com/watch?v=4gCCagaNqNY" target="_blank" rel="noopener">«Die Suche nach der perfekten Gemeinschaft»</a> (mit Charles Taylor). Die Frage <a href="https://www.youtube.com/watch?v=c9EK9X597KM" target="_blank" rel="noopener">«Schafft sich die Menschheit bald ab?»</a> (mit Grame Maxton, Club of Rome), beschäftigt uns sowieso alle oder zumindest viele von uns, und vielleicht auch: Wie weit ist <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/demos-sitzblockaden-ausschreitungen---wo-endet-der-zivile-ungehorsam?id=a129df29-2ff3-4aa9-9653-3ba174b8f6ea" target="_blank" rel="noopener">ziviler Ungehorsam</a> erlaubt, vielleicht sogar geboten, wie im Einsatz von «Extinction Rebellion» gegen den Klimawandel? Und manches treibt uns um, wie die <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/ranga-yogeshwar-kuenstliche-intelligenz---was-bringt-die-zukunft?id=940a97d1-a7bc-4e31-803f-98659accecc6" target="_blank" rel="noopener">«Künstliche Intelligenz»</a> (mit Ranga Yogeshwar), das <a href="https://www.youtube.com/watch?v=88vibrW5BNg" target="_blank" rel="noopener">«genetisch modifizierte Baby»</a> (mit <span class="style-scope yt-formatted-string" dir="auto">Svante Pääbo und die Effy Vayena</span>) oder <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/armin-nassehi-digitalisierung-verstehen?id=b1bc5b8d-8c4b-466c-9afe-ecc6b301ca76" target="_blank" rel="noopener">«Digitalisierung verstehen!»</a> (mit Armin Nassehi).</p>
<p>Sicher ist: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=DMFtxSvZK2w" target="_blank" rel="noopener">«Wir müssen reden»</a> (mit Laura de Weck und Romy Jaster), auch und gerade mit Andersdenkenden, und zwar <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/reden-nicht-bruellen-?id=91022bb7-142d-4119-94f7-46452be60ceb" target="_blank" rel="noopener">«Reden – nicht brüllen»</a> (mit Bernhard Pörksen und Kübra Gümüsay).</p>
<p>Alle diese Themen fristen eine Randexistenz im Programm des Schweizer Fernsehens SRF. Dabei sind diese Gespräche manchmal nicht nur dem Namen nach, sondern auch in ihrer Verwirklichung echte Sternstunden, so auch zuletzt am 17. Februar 2020, mit Bernhard Pörksen und Kübra Gümüsay und der Moderation von Barbara Bleisch. Es war ein Meisterstück im Zusammenwirken der drei.</p>
<p><iframe loading="lazy" src="//tp.srgssr.ch/p/srf/embed?urn=urn:srf:video:91022bb7-142d-4119-94f7-46452be60ceb&amp;start=" name="Reden - nicht brüllen." width="624" height="351" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></p>
<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=ZXgp6E53TIE" target="_blank" rel="noopener">Kübra Gümüsay</a> habe ich nun also kennengelernt bei dieser Gelegenheit, vor dem Bildschirm. Man kann sie eine muslimische Feministin nennen, sie bezeichnet sich selber als «intellektuelle Putzfrau», die während Jahren hinter den Hassern her wischte, den Rassisten, Sexisten, bis an den Rand der Erschöpfung, bis sie zurückgefunden hat zu sich selber, zu ihren eigenen Ideen, zum konstruktiven Gespräch, zur «organized love» und zu einem neuen Verständnis der Beziehung zwischen <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/sprache-und-sein/978-3-446-26595-0/" target="_blank" rel="noopener">«Sprache und Sein»</a>. So der Titel ihres jüngsten Buchs.</p>
<p>Der Medienforscher Bernhard Pörksen ist spätestens seit seinem Buch über <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-grosse-gereiztheit/978-3-446-25844-0/" target="_blank" rel="noopener">«Die grosse Gereiztheit»</a> allen bekannt, die sich kritisch mit den Folgen der Digitalisierung für die Kommunikationsgesellschaft auseinandersetzen, und mit den Gesetzen, die in der Architektur der «sozialen Medien» im «postfaktischen Zeitalter» gelten. Er setzt den Entwurf einer «redaktionellen Gesellschaft» dagegen, in der die ethischen und handwerklichen Regeln des Journalismus nicht mehr nur für die professionellen Medienschaffenden gelten, sondern für alle, die sich öffentlich äussern. Und das kann unter den Bedingungen der digitalen Informationstechnologie heute jede und jeder sein.</p>
<blockquote><p>Die «Sternstunde Philosophie» eröffnen Pörksen und Gümüsay zusammen mit Bleisch mit einer präzisen, pointierten Kritik an den üblichen Talk-Sendungen des Fernsehens.</p></blockquote>
<p>In seinem neuen Buch kehrt Pörksen zusammen mit dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun zu einer Grundform der Kommunikation zurück: <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-kunst-des-miteinander-redens/978-3-446-26590-5/" target="_blank" rel="noopener">«Die Kunst des Miteinander-Redens»</a>. Die Autoren finden, diese Kunst könnte «zu einer Schule der Demokratie und des guten Miteinander-Lebens werden». Über dieses Buch und über das von Kübra Gümüsay («Sprache und Sein») wollten sie gemeinsam reden.</p>
<p>Die «Sternstunde Philosophie» eröffnen Pörksen und Gümüsay zusammen mit Bleisch aber mit einer präzisen, pointierten Kritik an den üblichen Talk-Sendungen des Fernsehens, die mit destruktiven Thesen das Thema setzen, und wo die Studiogäste brav ihre Rollen zugeteilt erhalten: die muslimische Frau mit Kopftuch, der Ostdeutsche oder der melancholische Medientheoretiker, der gelegentlich ein paar schwer verständliche Sätze spricht (die die Moderatorin dann erklärt), kurz: Es ist «scripted reality», die Rollen sind fixiert, die Gegensätze festgelegt, und die Frage stellt sich, warum man eigentlich miteinander spricht.</p>
<blockquote><p>Wir schenken den Pöblern Aufmerksamkeit, und diese zunehmende Aufmerksamkeit wird von vielen gleichgesetzt mit Relevanz.</p></blockquote>
<p>Und bei allem gehlte, privat oder politisch, die «Polarisierungsformel»: «Ich bin das Ideal … Du bist der Skandal» (Pörksen). Die Formel gilt für die etablierten, «alten» Massenmedien, sie gilt für die privaten Konflikte und sie gilt für die «sozialen Medien», denen sich die Runde für eine Weile zuwendet. Sie konstatiert eine enorme Dominanz von den Rändern her, von denen sich die Pöbler lautstark melden: «Fünf Prozent der Kommentierenden sind für 50 Prozent aller Hasskommentare verantwortlich, konstatieren Studien» (Gümüsay). Und wir belohnen das falsche Verhalten von Menschen, die so tun, als hätten sie für alles eine klare Antwort. Wir schenken ihnen Aufmerksamkeit, und diese zunehmende Aufmerksamkeit wird von vielen gleichgesetzt mit Relevanz.</p>
<p>So kann der AfD-Vize Alexander Gauland über den dunkelhäutigen deutschen Nationalspieler Jerome Boateng sagen, die Leute fänden ihn zwar als Fussballer gut. «Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.» Und das führt dann dazu, so Kübra Gümüsay, dass in den etablierten Medien reihum Talkrunden stattfinden zur Frage, ob denn «ein Boateng» als Nachbar erwünscht wäre.</p>
<blockquote><p>«Wir können miteinander streiten bis zu dem Punkt, an dem mir meine Menschlichkeit abgesprochen wird.»<br />
<small>Kübra Gümüsay</small></p></blockquote>
<p>Sicher ist, dass Alexander Gauland als Studiogast in der «Arena» des Schweizer Fernsehens erwünscht war. So wird Dummheit und völkisches Denken für relevant erklärt, und entscheidende Grenzlinien werden nicht gezogen, die besagen, dass Menschenfeindlichkeit das Ende des Gesprächs bedeutet, und dass man mit Brüllern im öffentlichen Fernsehen nicht diskutiert und mit Rassisten und Faschisten schon gar nicht. Gümüsay: «Wir können miteinander streiten bis zu dem Punkt, an dem mir meine Menschlichkeit abgesprochen wird. Das ist eine unzulässige Grenzüberschreitung.»</p>
<p>Die «Sternstunde» über «Reden – nicht brüllen» war das genaue Gegenteil: Sie war Offenheit gegenüber den Gesprächspartner*innen. Ausdruck jener gegenseitigen Wertschätzung, ohne die ein gutes Gespräch nicht gelingen kann. Auf der Grundlage der Wertschätzung hingegen kann das Gespräch zu einer höchst erfreulichen Zusammenarbeit für gemeinsame Erkenntnis werden. «Ein Dialog ist ein Tanz des Denkens, ohne Bevormundung», sagte Pörksen. Er ist auch eine «ästhetische Verführung» und ein intellektueller Genuss für die Beteiligten vor der Kamera und vor den Bildschirmen.</p>
<blockquote><p>Vielfalt der Blickwinkel heisst nicht einfach gegensätzliche Positionen.</p></blockquote>
<p>Das bedeutet auch Wertschätzung der unterschiedlichen Blickwinkel der beteiligten Menschen. Sie heben aus den verschiedenen Perspektiven unterschiedliche Elemente der Wirklichkeit ins Bewusstsein. Damit machen sie die realitätsgerechten Aussagen über den Gesprächsgegenstand erst möglich. Man nennt das Wahrheit.</p>
<p>Vielfalt der Blickwinkel heisst also nicht einfach gegensätzliche Positionen, sondern Bereicherung der Wahrnehmung der Dinge, die wir von ihren verschiedenen Seiten betrachten oder in ihren unterschiedlichen Zuständen. Und es bedeutet nicht zuletzt zu entscheiden, welche Fragen wichtig sind, relevant für die Beurteilung eines Vorgangs oder für eine politische Entscheidung. Oder für die Wahrheitsfindung.</p>
<p>Denn, es stimmt zwar, wie Gümüsay sagt: «Wenn ein Mensch glaubt, seine Perspektive sei die einzig richtige, dann ist es ein Mangel an Demut.» Und trotzdem müssen wir, wenn wir in der Welt bestehen wollen, «um das, was wir Wahrheit nennen, immer neu ringen, neu streiten» (Pörksen). Denn, so Bleisch: «Es gibt auch blanke Lügen.»</p>
<p>Und, so Pörksen, es gibt auch einen Pseudo-Zweifel, auf den wir uns nicht einlassen dürfen: «Wir können uns nicht bei der Industrie der Klimaleugner unterhaken» und «Trumps Wahrheitszweifel ist nichts als ein Instrument der Macht». Er, der Präsident, sagt, was wahr ist und was falsch. Und dem müssen wir uns mit einer klaren Haltung entgegenstellen: «Wir brauchen so etwas wie Tatsachen-Wahrheit und den Streit darüber.» Und das immer mit einer Grundhaltung von Demut und Empathie, in der sich die kritische Selbstwahrnehmung verbindet mit Offenheit für die Lage und die Lebensbedingungen der anderen, die an diesem Gespräch teilnehmen.</p>
<blockquote><p>«Wie kann unter den neuen Medienbedingungen eine neue Aufklärung gelingen?»<br />
<small>Bernhard Pörksen</small></p></blockquote>
<p>Diese Werthaltung verdichtet sich so im Dreigespräch zwischen der Moderatorin Barbara Bleisch, der Journalistin und Aktivistin Kübra Gümüsay und dem Medienprofessor Bernhard Pörksen, dass die ursprüngliche Absicht sich verliert, über die neuen Bücher der beiden Gäste zu sprechen und dass Pörksens Grundfrage sich ins Zentrum schiebt: «Wie kann unter den neuen Medienbedingungen eine neue Aufklärung gelingen?» Seine Antwort ist «eine brutale Schlussfolgerung: Wir brauchen einen anderen Journalismus!»</p>
<p>«Der Journalismus ist von einem entsetzlichen Negativismus. Er hat ein Anreizsystem in Richtung des Abgrunds und des Katastrophischen. Der Journalismus ist fasziniert von dem Gedanken, dass er seine Unabhängigkeit zeigt über die Skandalisierung von Minifehlern. Der Journalismus ist fasziniert von der Idee, dass alles und jedes, was irgendwie einen Hauch von Wut und Empörung verspricht, ein relevantes Thema sein muss.»</p>
<p>Und Pörksen weiter: «Ich meine das ganz ernsthaft. Ich denke im Augenblick intensiv darüber nach: Brauchen wir nicht in einer Zeit, in der es Menschheitsherausforderungen wie den Klimawandel gibt, ein völlig anderes Relevanzkonzept des gegenwärtigen Journalismus?»</p>
<p>«Also, wenn wir hier jetzt schon miteinander denken und sagen: wir gehen jetzt ins Offene – das hat nichts mit den Büchern zu tun –, dann würde ich sagen; das ist eigentlich das Thema: Kann der Journalismus sich so ändern, kann er die ganzen blödsinnigen Frames abstreifen und endlich seriöse Relevanzkonzepte verfolgen: Ja oder Nein?»</p>
<p>«Das ist für mich die Schlüsselfrage, weil: Er bestimmt den öffentlichen Raum.»</p>
<p>Das war eindrückliche professorale Verdichtung, der man im Rückblick auf den Wahlkampf-Journalismus und manch Anderes durchaus zustimmen mochte – über weite Strecken Machtkampf- statt Themen-Journalismus, Schlagabtausch statt Erkenntnisförderung. Aber Barbara Bleisch widerspricht mit dem Hinweis, dass auch noch andere Akteure im Spiel sind, wie zum Beispiel «die Rezipienten, und die sozialen Medien.»</p>
<blockquote><p>Ein Fernsehgespräch als Versuch, gemeinsam Erkenntnisse zu gewinnen</p></blockquote>
<p>Und Pörksen: «… Sie haben Recht, das ist ein ungerechtfertigtes Pauschalurteil, das ich sofort angreifen würde, wenn ich es nicht selber geäussert hätte &#8230;» Er lacht. Engagement und Humor und Ernsthaftigkeit in einem Zug, die alle verwurzelt waren in dem einen Satz, den Pörksen in seinem Statement gesetzt hatte: «Wenn wir jetzt schon miteinander denken &#8230;»</p>
<p>Ein Fernsehgespräch als Versuch, gemeinsam Erkenntnisse zu gewinnen. Und das nach der Einstiegskritik an den üblichen Talkrunden des Fernsehens und kurz nach einer fundamentalen Kritik von Kübra Gümüsay: «Es fehlen die Räume des öffentlichen Denkens, es gibt einen Mangel des Zweifelns, des Zögerns, des Nachdenkens, des Innehaltens … mit einer Vorbildfunktion für die Gesellschaft.»</p>
<blockquote><p>Was aber fehlt für die «Sternstunde Philosophie», ist der geeignete öffentliche Raum.</p></blockquote>
<p>Diese «Sternstunde Philosophie» hatte das alles. Aus einer Befragung wurde ein Gespräch, aus einer moderierten Sendung wurde eine klug strukturierte Dreierrunde mit verbalen Beziehungsspielen – «ich ziehe jetzt auch eine Zwischenbilanz» –, aus korrigierten Fehlern wurden Schlussfolgerungen gezogen, aus einer Serie von Statements wurde dialektische Zusammenarbeit – «ja, aber auch…» –, und aus dieser Zusammenarbeit wurde gesammelter Erkenntnisgewinn für die Beteiligten und ihr Publikum.</p>
<p>Was aber fehlt für die «Sternstunde Philosophie», ist der geeignete öffentliche Raum. Dieses Gespräch war nicht nur prominent und spannend besetzt. Es war über weite Strecken ein immer noch zunehmender Genuss und es löste ein, was die Mitspieler*innen selber von einem lebendigen, erkenntnisorientierten Gespräch verlangten.</p>
<p>Das muss nicht der «Sternstunde» vorbehalten bleiben. Auch in der «Arena» ist dies Haltung möglich, wenn sie denn nur darauf ausgelegt wäre – von der Moderation bis zur Sitz- statt Standordnung. Und es geht sogar im Stehen, wie die ganz wenigen Beispiele zeigen, bei denen die politischen Gegenspieler*innen von rechts und links sich aufeinander zubewegt und sogar zu einem konstruktiven Austausch verabredet haben. Auch das, vielleicht gerade das, kann beim Publikum emotionale Bindung auslösen.</p>
<p>Das beispielhafte Gespräch der «Sternstunde» erreichte gerade mal 12&#8217;000 Zuschauer*innen. Das entspricht einem Marktanteil von 2,7 Prozent. Parallel lief auf SRF 2 Ski alpin: Slalom Frauen mit 268&#8217;000 Zuschauer*innen und einem Marktanteil von 50,3 Prozent und dann noch Skifliegen mit 95&#8217;000 Zuschauer*innen und einem Marktanteil von 21, 7 Prozent.</p>
<p>Und im ganzen Jahr 2019 erreichte die «Sternstunde Philosophie» unter solchen wiederkehrenden Bedingungen im Durchschnitt 22&#8217;000 Zuschauer*innen, entsprechend einem Marktanteil von 5,9 Prozent. Der Service public bringt sich mit dieser Programmierung und diesen Zahlen selber um, seit Langem schon.</p>
<blockquote><p>Es müsste also einen zweiten Sendeplatz geben für die «Sternstunde», im «Audience flow» von SRF 2, am frühen Hauptabend.</p></blockquote>
<p>Selbstverständlich kann dieser symbolisch wertvolle Sonntagmorgen bleiben. Und selbstverständlich muss die «Sternstunde» ihren guten Platz haben auf srf.ch und auch auf der nationalen Videoplattform der SRG ab kommendem Herbst.</p>
<p>Aber der Fluss des linearen Fernsehprogramms ist ein anderer, als die unvermittelt unmittelbare Form des Marketings auf den Online-Plattformen. Das Programm kann auch ein Publikum erschliessen, das nicht nach einem Thema sucht, sondern im ungeplanten Programmfluss vielleicht seine Interessen neu entdeckt.</p>
<p>Es müsste also einen zweiten Sendeplatz geben für die «Sternstunde», im «Audience flow» von SRF 2, am frühen Hauptabend – nicht wieder gegen den Sport! – der auf dem Sender prominent beworben wird, um so die 15 bis 20 Prozent der interessierten Menschen in der Schweiz vertraut zu machen mit diesem durchwegs substantiellen und attraktiven Angebot im Kern des Service public. Alles andere ist Kernschmelze.</p>
<p><small>Bild: <a href="https://unsplash.com/@grakozy" target="_blank" rel="noopener">Greg Rakozy</a> on <a href="https://unsplash.com/" target="_blank" rel="noopener">Unsplash</a></small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/02/21/wenn-wir-jetzt-schon-miteinander-denken/">Eine Sternstunde des Service public: «Wenn wir jetzt schon miteinander denken …»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>«Unser Auftrag ist es, die digitalen Möglichkeiten zu nutzen, um den Leistungsauftrag zu erfüllen und dabei das gesamte Publikum zu erreichen»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/11/26/unser-auftrag-ist-es-die-digitalen-moeglichkeiten-zu-nutzen-um-den-leistungsauftrag-zu-erfuellen-und-dabei-das-gesamte-publikum-zu-erreichen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 Nov 2019 16:22:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Gilles Marchand]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die SRG befindet sich in einer der schwierigsten Umbruchphasen in ihrer bald 90-jährigen Geschichte. Unter Spardruck will sie das publizistische Angebot der veränderten Mediennuztung anpassen. Weil die Nutzung der digitalen Plattformen stark zunimmt, müsse sich die Inhalteproduktion zunehmend von den Verbreitungskanälen loslösen. SRG-Generaldirektor Gilles Marchand erklärt im Gespräch mit der MEDIENWOCHE, wie das gelingen soll. <a href="https://medienwoche.ch/2019/11/26/unser-auftrag-ist-es-die-digitalen-moeglichkeiten-zu-nutzen-um-den-leistungsauftrag-zu-erfuellen-und-dabei-das-gesamte-publikum-zu-erreichen/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/11/26/unser-auftrag-ist-es-die-digitalen-moeglichkeiten-zu-nutzen-um-den-leistungsauftrag-zu-erfuellen-und-dabei-das-gesamte-publikum-zu-erreichen/">«Unser Auftrag ist es, die digitalen Möglichkeiten zu nutzen, um den Leistungsauftrag zu erfüllen und dabei das gesamte Publikum zu erreichen»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die SRG befindet sich in einer der schwierigsten Umbruchphasen in ihrer bald 90-jährigen Geschichte. Unter Spardruck will sie das publizistische Angebot der veränderten Mediennuztung anpassen. Weil die Nutzung der digitalen Plattformen stark zunimmt, müsse sich die Inhalteproduktion zunehmend von den Verbreitungskanälen loslösen. SRG-Generaldirektor Gilles Marchand erklärt im Gespräch mit der MEDIENWOCHE, wie das gelingen soll.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-74659" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/11/MW-Gilles-Marchand_20191126.jpg" alt="" width="1521" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/11/MW-Gilles-Marchand_20191126.jpg 1521w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/11/MW-Gilles-Marchand_20191126-300x193.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/11/MW-Gilles-Marchand_20191126-768x493.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/11/MW-Gilles-Marchand_20191126-1024x657.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1521px) 100vw, 1521px" /><br />
<div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Herr Generaldirektor Marchand, Sie sind seit rund zwei Jahren im Amt als Generaldirektor der SRG. Und doch habe ich mir die Frage gestellt, ob Sie eigentlich erst jetzt so richtig anfangen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Gilles Marchand:</h4> <p>Wie meinen Sie das?</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Na ja, es war einiges los in dieser Zeit: Der Kampf um «No Billag». Die Ankündigung der Sparmassnahmen. Der Streit um die neuen Strukturen, insbesondere um das Radiostudio Bern. Zum Radiostudio Bern haben Sie ein Arrangement gefunden mit der Politik, wenn auch ein gewisses Misstrauen noch da ist. Den Kampf um «No Billag» haben Sie gewonnen. Und die personelle Situation haben Sie geklärt: Ruedi Matter ist gegangen. Nathalie Wappler hat wirklich begonnen. Sie macht jetzt die «SRF Strategie 2024» und ist ab kommendem Jahr auch die stellvertretende Generaldirektorin. Und Sie haben das strategische Ziel klar definiert: In einigen Jahren wird die Nutzung des SRG-Angebots nur noch zur Hälfte zum klassischen Radio- und Fernsehprogramm gehen; die andere Hälfte geht auf das sogenannte Digitale, auf die Internet-Plattformen der SRG, wo sich die Nutzer ihr Menu «à la carte» zusammenstellen, wie Sie sagen.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Als ich im Herbst 2017 angefangen habe, ging sogleich der Kampf um die «No Billag»-Initiative los. Man hat von uns die Bereitschaft erwartet, dass sich die SRG wandelt. Wir haben deshalb stets betont: Es gibt auch in Zukunft die SRG entweder als hauptsächlich gebührenfinanzierten Service public, oder es wird sie nicht mehr geben. Die Schweiz ist zu klein, um den Service public als Pay TV zu ermöglichen. Es gab und gibt keinen Plan B. Aber es gibt den Plan R, «R» wie Reformen. Das habe ich in den Monaten vor der Abstimmung stets betont, und ich denke: das wurde gehört und verstanden und war mit ein Grund für den klaren Abstimmungserfolg. Am Tag der Entscheidung, am Nachmittag des 4. März 2018, haben wir mit der Arbeit begonnen. Nur zwei oder drei Stunden, nachdem der Abstimmungserfolg offiziell war, haben wir erklärt: Die SRG kann trotz der so erfolgreichen Volksabstimmung aus einem ganz einfachen Grund nicht so bleiben, wie sie ist – wir haben weniger Geld zur Verfügung. Der Bundesrat hat beschlossen, den Gebührenanteil für die SRG zu begrenzen, und die Werbeeinnahmen sinken. Das sind neue finanzielle Rahmenbedingungen, denen wir uns stellen müssen. Um den Service public zu sichern, für den sich das Stimmvolk so deutlich ausgesprochen hat, entwickeln wir nicht nur die bestehenden Programm-Angebote weiter, sondern entsprechen immer mehr auch den neuen digitalen Bedürfnissen – und das mit weniger Geld.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Und jetzt sagen Sie: das Verhältnis zwischen dem linear ausgestrahlten Programm und dem «à la carte»-Angebot auf den Online-Plattformen wird in ein paar Jahren fifty-fifty sein? Wie kommen Sie darauf?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Das ist keine präzise Kalkulation und auch nicht die quantitative Definition eines Ziels. Es ist eine strategische Erwartung, dass sich die Nutzung in drei, vier oder fünf Jahren beim audiovisuellen Angebot dieses Verhältnis erreicht haben wird. Die digitale Nutzung nimmt stark zu. Und darum ist das eine strategische Richtung. Deshalb streben wir eine SRG an, die im Gleichgewicht ist zwischen linearem und digitalem Angebot. Und gemeint ist damit ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Digital und Broadcast bei den von der SRG produzierten Inhalten.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Was schaffen Sie ab, was bauen Sie auf?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Der Anteil des digitalen Angebotes wird sicher grösser werden – das lineare Angebot wird kleiner.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Schaffen Sie zum Beispiel den Fernsehkanal «SRF info» ab?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Im Moment ist das kein Thema. Es gibt einige Ideen, aber es ist zu früh, präzise zu sagen, was sich in welche Richtung verändern wird. Aber wie schon gesagt, haben wir in Zukunft ein etwas weniger grosses, lineares Programmangebot und ein grösseres «à la carte»-Angebot auf den Plattformen. Aber auch die Art des Produzierens wird sich verändern.</p>
</div></p>
<p></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Was heisst das?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Ich denke da primär an die Produktionsprozesse. Beim Sport zum Beispiel stellt sich die Frage: Brauchen wir die Produktions-Equipen im Stadion oder können wir künftig noch mehr Eishockey-Spiele oder Ski-Rennen aus dem Studio im Fernsehzentrum produzieren? Wir arbeiten heute bereits mit dieser Remote-Technologie, beispielsweise bei den alpinen Skirennen in Are war ein Teil der Equipe im Studio in Zürich, Genf oder Lugano.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Das ist eine Sparmassnahme innerhalb des klassischen Programms.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Ja. Und das gesparte Geld können wir in den Kauf von Sportrechten, Serien oder Eigenproduktionen investieren.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Wir leben heute in einer «à la carte»-Welt, in der die Menschen sich aussuchen, welches Medienangebot, welches Informationsangebot sie wann nutzen wollen.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wie stehen denn die beiden Angebotsformen zueinander: die linearen Programme und die digitalen Plattformen? Bis jetzt sieht es so aus, dass auf den Online-Plattformen wie srf.ch oder rts.ch oder rsi.ch oder rtr.ch vorwiegend Inhalte angeboten werden, die bereits in den linearen Programmen gelaufen sind. Also wie bei einem Archiv.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Die Inhalteproduktion findet zunehmend losgelöst von den Verbreitungskanälen statt. Es wird in Themen statt in Kanälen gedacht. Ein gutes Beispiel dafür sind die eidgenössischen Wahlen. Da gibt es nach wie vor die bekannten Informationsformen: aus dem Studio, mit Film- oder Radiobeiträgen. Aber gleichzeitig stellt sich die Frage: Was kann man in welcher Form zusätzlich auf den digitalen Plattformen an Information bieten? Gibt es Zahlen oder Grafiken, die ein besseres, vertieftes Verständnis ermöglichen? Also Datenjournalismus. So ist ein vielfältiges Angebot zu einem Thema möglich, das teilweise zu einer bestimmten Zeit auf einem linearen Programm läuft, und das die Nutzer sich auch zu einer beliebigen Zeit an einem beliebigen Ort abrufen können. Als ganzes Paket oder in den Teilen, die besonders interessieren. Diese Entwicklung findet global statt. Dabei ist wichtig, dass diese Verknüpfung der Elemente stattfindet mit vollem Respekt für die Vielfalt. Jedes Element des ganzen Angebots hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigene Perspektive, und erzählt auch seine eigene Geschichte.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Das heisst: Es gibt weiterhin das spezifische Angebot von Radio und von Fernsehen und dann von Online. Und wie geht das zusammen mit der Vorstellung, dass das Publikum in Zukunft das Angebot im Verhältnis 50 zu 50 linear und auf den Plattformen nutzen wird, wenn gleichzeitig gespart werden muss?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Diese fifty-fifty-Aufteilung ist eine Frage der realen Nutzung. Sie findet ganz einfach statt in unserer neuen Welt. Wir leben heute in einer «à la carte»-Welt, in der die Menschen sich aussuchen, welches Medienangebot, welches Informationsangebot sie wann nutzen wollen. Ich sage nicht, das sei gut oder nicht gut. Es ist eine Tatsache. Unser Auftrag ist es, die digitalen Möglichkeiten zu nutzen, um den Leistungsauftrag zu erfüllen und dabei das gesamte Publikum zu erreichen mit all unserem Know-how, unseren Wertmassstäben und Ansprüchen – und das mit weniger Geld.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Die guten Ideen können aus der Deutschschweiz kommen, aus Graubünden, der italienischen Schweiz oder der Westschweiz, das spielt keine Rolle. Wenn die Ideen gut sind, sind sie gut. Punkt.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Und jetzt gehen Sie an diese Aufgabe heran mit der Entwicklung einer neuen Strategie. Plakatiert ist die Leitung der Entwicklung der «Strategie 2024» offiziell mit Nathalie Wappler, Direktorin SRF und künftig stellvertretende Generaldirektorin &#8230;</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Ich möchte hier vielleicht gleich etwas präzisieren. Wir haben eine SRG-Strategie und daraus abgeleitet eine Angebots-Strategie, die für alle Unternehmenseinheiten gilt. Innerhalb dieses Rahmens wird jedes Unternehmen seine eigene Strategie erarbeiten und anpassen, weil uns die Vielfalt und die kulturellen Unterschiede der Sprachregionen wichtig sind. Das haben Pascal Crittin in der Westschweiz, Maurizio Canetta im Tessin und Ladina Heimgartner in Graubünden bereits gemacht, Larissa Bieler ist für Swissinfo ebenfalls daran und Nathalie Wappler macht das nun auch in der Deutschschweiz mit der SRF-Strategie.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Kann SRF etwas lernen von RTS?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Ja, und umgekehrt. Wir denken nicht separat von Region zu Region. Wir denken zusammen. Deshalb sind bei der SRF-Strategieentwicklung auch RTS-Direktor Pascal Crittin, SRG-Finanzdirektor Beat Grossenbacher und Bakel Walden als Direktor Angebote und Entwicklung mit im Steuerungsausschuss. Wir sind also stark auf die «best practice»-Methode ausgerichtet: auf die besten Lösungen. Wenn die guten Ideen kommen, dann können sie aus der Deutschschweiz kommen, aus Graubünden, der italienischen Schweiz oder der Westschweiz, das spielt keine Rolle. Wenn die Ideen gut sind, sind sie gut. Punkt.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Wir denken nicht mehr in Silos. Wir denken gemeinsam. Wir suchen gemeinsame Lösungen, wir suchen gemeinsame Ideen.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Was sind die guten Lösungen aus der Westschweiz? Können Sie ein Beispiel geben?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Die neue App für RTS info ist sehr gut gemacht, und die wird uns sicher in der ganzen SRG helfen. Gleichzeitig hat SRF eine interessante Audiostrategie gestartet. Das kann auch sehr nützlich sein für die ganze SRG. RTS wiederum ist sehr engagiert im Bereich der künstlichen Intelligenz. Das ist wiederum nützlich für SRF. Und RSI hat dieses «Wetube»-Projekt gemacht. «Wetube» ist eine Video- und Social-Media-Werkstatt von RSI in Lugano Besso mit professioneller Ausstattung, die auch von Jugendlichen für die Realisierung ihrer eigenen Ideen und Projekte nach einfacher Anmeldung kostenlos genutzt werden kann. Das ist sehr smart. Ich hoffe, dass die anderen Unternehmenseinheiten auch in diese Richtung gehen. RTR hat zum Beispiel eine sehr effektive Proximity-Strategie entwickelt und Swissinfo ist erfolgreich im Bereich Community Building. All dies ist für die anderen Unternehmenseinheiten von Nutzen, weil wir aufgeschlossen sind. Das Gleiche gilt für unsere Programme. Wir denken nicht mehr in Silos. Wir denken gemeinsam. Wir suchen gemeinsame Lösungen, wir suchen gemeinsame Ideen.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wobei beim Blick auf dieses Organigramm doch der Eindruck entsteht, dass im Steuerungsausschuss die Generaldirektion stark vertreten ist. Und die Steuerung wird von Seiten Finanzen und Controlling und Vermarktung wahrgenommen, mit dem Finanzdirektor SRG als Projektleiter und dem Leiter Vermarktung SRF als operativer Leiter. Die publizistische Seite kommt erst danach.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Das ist eine Überinterpretation. Wir müssen diese Projekte innerhalb der neuen finanziellen Rahmenbedingungen erarbeiten. Es wäre naiv, zuerst schöne Ideen zu entwickeln – um dann festzustellen, dass sie finanziell leider nicht zu realisieren sind. Die Entwicklung von Programmangeboten steht aber im Mittelpunkt des strategischen Denkens bei SRF, und es ist die Rolle von Direktorin Nathalie Wappler, dies zu erreichen.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wer von der Publizistik kommt, ist selbstverständlich ein Anhänger der schönen Ideen. Und aus dieser Sicht macht man leicht die Feststellung, wenn man über die SRG spricht, dass man dann vorwiegend über Geld spricht.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Meinen Sie heute oder meinen Sie «immer»?</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Wir richten den Blick auch in die Zukunft. Wir passen uns der Entwicklung an, gestalten die SRG um und haben dafür neue Projekte gestartet.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Seit «No Billag». Die 100-Millionen-Einsparung am 4. März 2018, das war das Signal.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>In der SRG haben wir bis vor Kurzem während 30 Jahren dank der Bevölkerungsentwicklung immer eine stabile Finanzierung gehabt. Seit drei oder vier Jahren wird es nun immer weniger. Zwischen 2014 und 2018 haben wir 75 Millionen Franken an kommerziellen Einnahmen verloren. Für dieses Minus haben wir Lösungen gefunden. In der Debatte um «No Billag» ging es vor allem um unsere Mittel und unsere Grösse. Danach war klar, dass wir den Umbau der SRG für die digitale Zukunft mit weniger Geld realisieren müssen. Darum haben wir das 100-Millionen-Projekt lanciert: 80 Millionen Budgetreduktion und 20 Millionen Investitionen ins Programm. Dieser Prozess wird 2020 abgeschlossen sein. Aber nun haben wir weitere 50 Millionen weniger, wegen des starken Rückgangs der TV-Werbung. Das sind insgesamt 130 Millionen weniger im Budget. Und darum sprechen wir über Geld. Aber wir richten den Blick auch in die Zukunft. Wir passen uns der Entwicklung an, gestalten die SRG um und haben dafür neue Projekte gestartet: Wir produzieren neue Serien. Das ist das Format, das ein breites Publikum sucht – nicht nur die Jungen. Wir bauen eine neue digitale Plattform, auf der die Nutzerinnen und Nutzer aus der ganzen Schweiz ihre Inhalte «à la carte» beziehen können. Wir verfügen derzeit über ein sehr starkes Informationsangebot in allen Regionen. Ich glaube, grad die Berichterstattung über die Eidgenössischen Wahlen 2019 hat dies widerspiegelt. Wir haben dazu sehr positive Rückmeldungen erhalten. Das heisst: Wir sparen am einen Ort, damit wir am anderen unseren Leistungsauftrag sichern können.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Lassen Sie uns – ganz entgegen meinen Absichten – doch noch einen Augenblick beim Geld bleiben. Mit dem Einbruch der Werbung haben Sie in dieser Höhe nicht gerechnet. Aber ich nehme an, sie gehen für die kommenden Jahre von einer ähnlichen Entwicklung aus. Wäre es nicht sinnvoll, jetzt zu sagen: Ok, wir verzichten ganz auf die Werbung und überlassen sie den Privaten. Wir lassen uns die Gebühren garantieren, und die Obergrenze, dieser Gebührendeckel, muss dafür beweglich sein.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Was die SRG braucht, ist ein korrektes, berechenbares Budget, um den Leistungsauftrag zu erfüllen. Die Werbeeinnahmen liegen zurzeit noch bei etwa 170 Millionen. Fallen diese weg, müsste man sie kompensieren. Wir haben heute ein duales Finanzierungs-Modell mit Gebühren und kommerziellen Einnahmen. Und es liegt nicht in meiner Kompetenz, dieses Modell zu definieren. Das ist eine politische Diskussion.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Sind Sie offen für diese Diskussion?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Ich bin offen für alle Diskussionen. Wichtig ist für mich, unser Budget zu sichern. Schauen Sie: Die SRG wirkt in der Schweiz sehr gross. Aber gemessen an unseren Konkurrenten aus dem Ausland sind wir sehr fit und sehr klein. Wir stehen in Konkurrenz zu den deutschen Sendern, zu den französischen, den italienischen, den Plattformen wie Netflix, Amazon, Disney und so weiter. Und wir erreichen jetzt finanziell einen Punkt, an dem es schwierig wird, noch zu kämpfen, in dieser kleinen Schweiz, die mit vier Sprachen arbeitet.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Manche propagieren auch die Idee, die öffentlichen Mittel breiter aufzuteilen auch auf andere Medienhäuser…</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Die Mittel, die wir in der Schweiz haben, auf verschiedene Produzenten aufzuteilen, macht wenig Sinn. Wenn die Budgets auf viele Akteure verteilt werden, hat das zur Folge, dass niemand genügend Platz hat, um Inhalte zu produzieren, die im internationalen Wettbewerb bestehen können. Wie sollte man unter solchen Umständen noch einen Film produzieren, Orchester unterstützen oder Sportrechte einkaufen können?</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Der Service public muss die Schweiz über die Sprachen hinweg zusammenbringen. Deshalb ist auch der Sport sehr wichtig, ebenso wie Unterhaltungs- und weitere Formate.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Sie erwähnen immer wieder das Angebot, das die SRG machen muss und den Leistungsauftrag. Vielleicht wäre es gut, wenn Sie an dieser Stelle ihre sogenannte «Angebotsstrategie» kurz und mit zwei drei Beispielen darlegen könnten. Damit die Leserschaft, das Publikum, die Community der User wissen, wo Sie eigentlich den Kern des Service public-Angebots sehen, und wohin das Geld gehen soll.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Für mich ist klar, dass Service public im Kern primär die Erstellung unabhängiger, professioneller Informationen in den vier Landessprachen bedeutet. Ich glaube, dass dies für das reibungslose Funktionieren unserer direkten Demokratie von wesentlicher Bedeutung ist. Wir haben es im Wahljahr gesehen. Aber Informationen sind nicht genug. Wir müssen auch dafür sorgen, dass im kulturellen Bereich, in den Regionen und in den verschiedenen Genres erhebliche Investitionen getätigt werden. Ich denke hier an Fiktion, Musik, Literatur und alle Künste. Der Schweizer Markt ist zu klein, um ihn mit gewerblichen Einnahmen zu finanzieren. Wir haben hier eine echte Verantwortung. Und das nicht nur durch unsere Programme. Wir müssen mit unabhängigen Produzenten zusammenarbeiten, Festivals unterstützen und uns mit unseren verschiedenen Radio-, Fernseh- und Digitalvektoren engagieren. Der Service public muss die Schweiz über die Sprachen hinweg zusammenbringen. Deshalb ist auch der Sport sehr wichtig, ebenso wie Unterhaltungs- und weitere Formate. Die Herausforderung besteht darin, unseren eigenen Ansatz, unsere Formate zu definieren und eine Differenzierung zu erlangen. Ein weiterer wichtiger Punkt: Wir haben die Pflicht, die ganze Schweiz zu erreichen, alle Zielgruppen, auch die Jugendlichen. Deshalb ist es so wichtig, unsere Formate, die Erzählweisen anzupassen und vor allem alle Kanäle, linear und à la carte, nutzen zu können. Das ist es, worum es beim Service public, bei den öffentlichen Dienstleistungen geht. Sicherstellung eines wichtigen Mandats für die Gesellschaft, für unser &#8222;Zusammenleben&#8220; – mit Verantwortung, aber auch mit Kühnheit, Originalität und im Einklang mit der Gesellschaft. Dafür engagieren wir uns jeden Tag. Nicht um unsere Positionen zu sichern, sondern weil wir glauben, dass sie für alle nützlich und wichtig sind.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Nun soll künftig – so in rund fünf Jahren – etwa die Hälfte des SRG-Angebots auf Plattformen «à la carte» greifbar sein. Und dazu will ich eine wohl etwas provozierende These einbringen: Sie machen heute etwa das Gleiche, was die SRG vor rund 20 Jahren gemacht hat: Sie folgen der Konkurrenz. Sie verbünden sich sogar mit der Konkurrenz.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Das ist Ihre Interpretation, mit der ich nicht einverstanden bin. Aber natürlich sind Sie frei, dies zu denken &#8230;</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>&#8230; Es ist vielleicht provokant, aber ich will gerne erläutern, was ich damit meine. Ich war ja damals, vor 30 und vor knapp 15 bis 20 Jahren bei der Entwicklung dabei. Man hat damals die SRG dezentralisiert, um sie gegen die ausländische Konkurrenz in den Sprachregionen handlungsfähig zu machen. Und die dezentralen Unternehmenseinheiten wie SRF haben die internationalen kommerziellen Formate eingekauft, eingeschweizert, und sich damit auf die kommerzielle Konkurrenz eingerichtet.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Aber ich bitte Sie, da muss man etwas klarstellen: Die SRG hat einen ganz anderen Ansatz, einen anderen Auftrag als die Privaten. Das respektiere ich auch voll und ganz. Aber wir sind nicht auf der Suche nach Programmen zur Erzielung von Einnahmen. Im Gegenteil, wir suchen nach Einnahmen, um Programme zu generieren. Das ist eine andere Perspektive, die ebenso legitim ist wie der kommerzielle Ansatz. Das ist die Verantwortung aller europäischen öffentlichen Anbieter. Man kann mit unseren Programmen und Leistungen sehr viel kritischer sein. Das ist überhaupt kein Problem. Im Gegenteil: Eine offene Debatte ist essentiell. Ich bedaure aber, dass es offenbar Unklarheiten gibt über unsere strategischen Absichten.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Ich sage nicht, dass das die ganze Wirklichkeit ist. Es ist eine Diskussionsgrundlage. – Sie beklagen, zusammen mit der ganzen Schweizer Medienszene, die Konkurrenz der internationalen Tech-Firmen, die in der Schweiz die Werbung abholen und absaugen, und die zum Teil auch mit ihren Programmen in die Schweiz kommen. Aber Sie gehen gleichzeitig mit den Angeboten der SRG zu diesen Vektoren, zu den sozialen Medien – auf Facebook, auf Instagram, auf Twitter und auf Youtube – mit Ihren Inhalten. Das heisst: Sie stärken eigentlich die Konkurrenz, indem Sie die Inhalte des Service public auf diesen Kanälen präsentieren.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Wir wollen und müssen unser Publikum dort erreichen, wo es ist. Das ist das Eine. Zweitens: Wir nützen diese Vertriebskanäle, um unsere eigenen Inhalte weiterzugeben. Drittens: Wir machen auf solchen Kanälen nicht das gleiche Angebot wie die anderen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Politik, also das, was wir bei den letzten eidgenössischen Wahlen gemacht haben.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Wir haben unseren Auftrag, wir haben Werte, wir haben unseren Auftritt und wir sind nicht wie die anderen.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Nämlich?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Wir haben sehr, sehr viel auf unseren klassischen TV- und Radio-Kanälen angeboten, gleichzeitig aber auch auf den digitalen Plattformen ein hervorragendes Web-Angebot gemacht. Und die sozialen Medien haben wir genutzt, um insbesondere die Jungen dazu zu animieren, wählen zu gehen. Wir nutzen also diese Kanäle, um unseren Leistungsauftrag gut zu erfüllen. Das ist unsere Strategie. Ich glaube nicht, dass wir damit unsere Konkurrenz stärken. Im Gegenteil: Wir sind auf unsere Eigenständigkeit bedacht. Es gibt dafür ein sehr schönes französisches Wort: «la découvrabilité». Es heisst so ungefähr: «Auffindbarkeit» und «Anziehungskraft». Um das zu erreichen, muss man die verschiedenen Möglichkeiten nutzen, die verschiedenen Kanäle. Aber immer mit der gleichen Idee: Wir haben unseren Auftrag, wir haben Werte, wir haben unseren Auftritt und wir sind nicht wie die anderen.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Nun sagt aber die Wissenschaft, dass die User auf diesen Kanälen hinterher nicht mehr wissen, woher sie die Inhalte kennen &#8230;</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Falsch. Wir haben eine klare Branding-Strategie, und ein sehr gutes Beispiel ist Youtube. Das ist der erste Konkurrent für uns als klassischen Fernsehsender. Auf Youtube finden Sie unsere Inhalte immer mit unserem Branding, unserem Markenauftritt. Unsere Produkte sind auf allen Kanälen immer klar gekennzeichnet. Im Übrigen bin ich einverstanden. Wir müssen mit unseren Produkten alle erreichen, mit einem klaren Branding und vor allen Dingen auch auf unseren Plattformen. Man soll rasch erkennen können, dass es ein Angebot von uns ist. Das wird auch auf unserer neuen, digitalen Plattform so sein.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Auf diese Plattform kommen wir sicher noch zurück. Aber wenn wir über Youtube reden, über Instagram, Twitter und Facebook, dann stellt sich die Frage: Haben Sie vertragliche Abmachungen mit diesen Unternehmen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Wir nutzen den Zugang zu diesen Unternehmen mit unseren Inhalten und erreichen so unser Publikum dort, wo es sich heute aufhält.</p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> </div>Die SRG bekommt also kein Geld von Facebook? – Ich frage, weil Facebook angeblich in den USA manche Medienunternehmen bezahlt. Und weil Zuckerberg auch in Europa war, um Partner zu suchen – nicht nur im Medienbereich sondern zum Beispiel auch bei der Automobilindustrie.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Nein, wir bekommen kein Geld. Wir nutzen diese Plattformen, um unser Publikum mit guten Service-public-Inhalten zu erreichen.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Aber Sie bezahlen Geld, um eine grössere Sichtbarkeit zu erreichen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Das kann manchmal sein, wenn es um Promotion-Beiträge geht. Das ist wie eine Werbung in einer Zeitung oder auf unseren eigenen Kanälen. Prinzipiell müssen unsere Inhalte aber so gut sein, dass sie von sich aus die gewünschte Aufmerksamkeit erreichen.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Das stimmt schon. Aber es gibt ja die berühmten Algorithmen, die darüber entscheiden, was sichtbar ist.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Darauf haben wir natürlich keinen Einfluss, aber diese Plattformen sind ja auch nur ein zusätzlicher Vertriebskanal für unser Angebot.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Youtube erscheint ja auch einigermassen unproblematisch, wie ein neutrales Gefäss, um es mal so zu sagen &#8230;</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Die Erzählweise, der Rhythmus, ist allerdings anders. Ein ganzer DOK-Film hingegen, der auch im klassischen Fernsehen lief, kann auch auf Youtube angeboten werden, das ist richtig. Nehmen wir dagegen beispielsweise «Nouvo», eine filmische Drei-Minuten-Kurzform für News mit einer sehr jungen Erzählform: Es ist ein Format mit einem besonderen Rhythmus und einer besonderen Art der Untertitelung, das die Westschweizer entwickelt haben. Das passt sehr gut auf «Youtube». Es ist aber trotzdem ganz klar Service public.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Kein Problem damit. Die Informationstechnologie macht auf den Plattformen im Internet eine neue Bildsprache und neue Erzählweisen möglich und der Service public muss sie nutzen. Die Frage ist im Gegenteil, ob die SRG mit attraktiven gesellschaftspolitischen oder sogar direkt politischen Formaten wie «True Talk» oder «Nouvo» oder anderen wertvollen Inhalten kommerzielle Vertriebskanäle aufwertet, die umstritten sind. Facebook zum Beispiel zeigt sich als echtes Problem. Facebook hat wieder «Breitbart» aufgenommen, also die Plattform des weissen Nationalismus, und Facebook weigert sich, politische Werbung auf sachliche Richtigkeit zu überprüfen. Es wird jetzt auch von den britischen Parteien genutzt, um die Wirksamkeit unterschiedlicher Formen von Werbung für die Parlamentswahlen im Dezember zu erproben. Es geht also um «politisches Direct-Marketing», das an den Konsumenten ohne deren Wissen erprobt wird. Das sind nur Beispiele. So sachlich die SRG selber auftritt auf dieser Plattform, so sehr läuft sie Gefahr, in ein Umfeld zu geraten, das manipulationsanfällig ist, und das politisch zu massiven Diskussionen führen kann.</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Wir sind bereit, uns diesen Herausforderungen zu stellen. Manipulationen werden zunehmend ein Thema sein. Wir müssen auf jeden Fall alles tun, um unsere Quellen zu sichern. Deshalb ist das Branding, die Stärke der eigenen Marke, auch so wichtig. Wir müssen dafür sorgen, dass die Herkunft unserer Produkte überall sofort ersichtlich ist, wo auch immer wir unser Angebot platzieren. Aber es wird unmöglich sein in dieser digitalen Welt, in der alles vernetzt ist, nur auf den eigenen Kanälen allein zu bleiben. Das ist vorbei. Wir leben in einer vernetzten Welt.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Wir gehen nun mit dieser mehrsprachigen Plattform voran. Es kostet die SRG viel, in vier Sprachen zu arbeiten. Aber es ist auch eine unglaubliche Chance.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Aber warum dann nicht stärker mit dem Service public anderer Länder zusammenarbeiten, mit dem ORF zum Beispiel oder mit France 2 und so weiter?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Wir haben bereits eine sehr enge Zusammenarbeit innerhalb der European Broadcasting Union, der Union der Europäischen Rundfunkanstalten EBU. Wir arbeiten gemeinsam an Innovationen. Aber dabei ist nur schon die Frage der Rechte sehr anspruchsvoll, weil diese etwa im klassischen Fernsehen an die Landesgrenzen gebunden sind. Der Aufbau unserer neuen nationalen, digitalen Plattform wird von ganz Europa mit Interesse verfolgt. Wir sind einmal mehr – wie schon bei «No Billag» – wiederum ein Versuchslabor für alle. Es wird das erste Mal sein, dass eine Plattform in einem Land mit sprachlicher Vielfalt etwas Gemeinsames liefert. Die deutsche ARD, France Télévision und die italienische RAI möchten zum Beispiel zusammen ebenfalls in diese Richtung gehen, aber das ist sehr schwierig, weil sie die Rechte nicht haben. Und bei den Rechten kann schon ein kurzes Stück Musik in einem politischen Beitrag in der «Rundschau» oder bei «Temps présent» den Ausschlag geben. Wenn Sie das nicht genau kontrollieren, müssen Sie dafür teuer bezahlen. Wir gehen nun mit dieser mehrsprachigen Plattform voran. Es kostet die SRG viel, in vier Sprachen zu arbeiten. Aber es ist auch eine unglaubliche Chance. Die Verankerung in den Sprachregionen ist sehr stark. Wir sind wie ein Labor für ganz Europa. Wenn wir das mehrsprachige Angebot erfolgreich mit Untertitelung und persönlichen Empfehlungen für interessierende Themen realisieren, dann zeigen wir damit auch: Es ist machbar für Europa. Dann müssen wir nur noch das Rechteproblem lösen. Und wir werden bereit sein, die Lehren aus unserer neuen Plattform, einschliesslich der öffentlichen Reaktion, mit allen unseren europäischen Kollegen im öffentlichen Medienbereich zu teilen.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Ist auf der Plattform denn auch ein Austausch mit den anderen öffentlich-rechtlichen Sendern vorgesehen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Marchand:</h4> <p>Ja, wir möchten das versuchen. Auch hier stellt sich die Frage der Rechte. Aber einige unserer Partner im internationalen Service public-Bereich sind bereit, es zu versuchen. Wir werden Programme austauschen und teilen, deren Rechte wir besitzen. Ein kleiner Teil von France Télévision, von ARD, ORF, RAI, RTBF – das wäre schön. Und dank der Schweiz, dank der SRG, kann diese europäische Community etwas zusammen machen. Das ist unglaublich. Die Schweiz geht also voran, und das ist sehr positiv für unser Image und das internationale Ansehen der Schweiz. Aber unser Hauptangebot werden selbstverständlich SRG-Inhalte sein.</p>
</div></p>
<p><em>Das Gespräch fand am 11. November am Sitz der SRG-Generaldirektion in Bern statt. Anwesend waren neben Gilles Marchand und Robert Ruoff auch Edi Estermann (SRG) und Nick Lüthi (Medienwoche).</em></p>
<p><small>Bild: RTS/Laurent Bleuze</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/11/26/unser-auftrag-ist-es-die-digitalen-moeglichkeiten-zu-nutzen-um-den-leistungsauftrag-zu-erfuellen-und-dabei-das-gesamte-publikum-zu-erreichen/">«Unser Auftrag ist es, die digitalen Möglichkeiten zu nutzen, um den Leistungsauftrag zu erfüllen und dabei das gesamte Publikum zu erreichen»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Mit «mehr Medienpatriotismus» für mehr «demokratierelevanten Journalismus»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/10/15/mit-mehr-medienpatriotismus-fuer-mehr-demokratierelevanten-journalismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Oct 2019 17:17:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Jahrbuch «Qualität der Medien»]]></category>
		<category><![CDATA[Medienpatriotismus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=73298</guid>

					<description><![CDATA[<p>Das aktuelle «Jahrbuch Qualität der Medien» plädiert für einen «Medienpatriotismus». So wie man in der Schweiz parteiübergreifend für die direkte Demokratie einstehe, so solle sich die Öffentlichkeit auch für einen qualifizierten Journalismus engagieren. Das Plädoyer fusst auf den Befunden der Herausgeber des «Jahrbuchs». Im Jahr 2010 hat der theoretisch sattelfeste und medienpolitisch engagierte Soziologe Kurt <a href="https://medienwoche.ch/2019/10/15/mit-mehr-medienpatriotismus-fuer-mehr-demokratierelevanten-journalismus/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das aktuelle <a href="https://www.qualitaet-der-medien.ch/" target="_blank" rel="noopener">«Jahrbuch Qualität der Medien»</a> plädiert für einen «Medienpatriotismus». So wie man in der Schweiz parteiübergreifend für die direkte Demokratie einstehe, so solle sich die Öffentlichkeit auch für einen qualifizierten Journalismus engagieren. Das Plädoyer fusst auf den Befunden der Herausgeber des «Jahrbuchs».</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-73286" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Eisenegger-Medienpatriotismus-DSCF8263.jpg" alt="" width="1536" height="1024" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Eisenegger-Medienpatriotismus-DSCF8263.jpg 1536w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Eisenegger-Medienpatriotismus-DSCF8263-300x200.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Eisenegger-Medienpatriotismus-DSCF8263-768x512.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Eisenegger-Medienpatriotismus-DSCF8263-1024x683.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Eisenegger-Medienpatriotismus-DSCF8263-728x485.jpg 728w" sizes="auto, (max-width: 1536px) 100vw, 1536px" /><br />
Im Jahr 2010 hat der theoretisch sattelfeste und medienpolitisch engagierte Soziologe Kurt Imhof mit der ersten Ausgabe einen eigentlichen Proteststurm ausgelöst. Das Projekt erntete scharfen Widerspruch gegen die «Arroganz» der praxisfernen Wissenschaft von Seiten der Verleger – und Skepsis in der Universität gegenüber der möglicherweise bescheidenen Wirkungsmacht akademischer Medienkritik im Alltag des Medienschaffens. Professor Otfried Jarren, Präsident der Eidgenössischen Medienkommission, erinnert daran in seinem Vorwort zur Jubiläumsausgabe des Jahrbuchs, aber auch an die Unterstützung, die das Projekt in Wirtschaft und Politik fand – «um der Demokratie willen».</p>
<blockquote><p>«Wir müssen uns mit einem ‹Medienpatriotismus› gemeinsam engagieren für einen qualifizierten Journalismus.»<br />
<small>Mark Eisenegger</small></p></blockquote>
<p>Imhofs Nachfolger Mark Eisenegger stellt sich bei der Präsentation des Jahrbuchs ausdrücklich in diese Tradition. «Demokratie funktioniert nicht ohne qualifizierten Journalismus», sagt er. «Und zur direkten Demokratie der Schweiz stehen wir parteiübergreifend in einer Art ‹Demokratiepatriotismus›. Wir teilen das Engagement für die direkte Demokratie. Und daraus folgt: Wir müssen uns mit einem ‹Medienpatriotismus› auch gemeinsam engagieren für einen qualifizierten Journalismus.»</p>
<p>Das «Jahrbuch Qualität der Medien» hat tatsächlich einiges ausgelöst. Es hat mit seiner jährlichen Erscheinungsweise die Medienqualität in Kultur, Wirtschaft, Politik und bei den Medienschaffenden ins Bewusstsein gehoben. Das grösste private Medienunternehmen, Tamedia, hat im eigenen Haus eine systematische Qualitätsprüfung mit veröffentlichten Kriterien eingerichtet. Und das «Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft fög» hat durch seine kontinuierliche Untersuchungstätigkeit eine Datenreihe geschaffen, die eine wissenschaftliche Beurteilung der Medienentwicklung erlaubt. Im Jubiläumsjahr lautet die Feststellung: Es besteht Handlungsbedarf. Die bekannten Trends verstärken sich.</p>
<blockquote><p>Die Zahlungsbereitschaft der Nutzerinnen und Nutzer für journalistisch qualifizierte Informationen bleibt gering.</p></blockquote>
<p>Die grossen globalen Tech-Unternehmen wie Google, Facebook und andere dominieren den Markt. 70 Prozent der Werbegelder im Medienbereich fliessen ab ins Ausland, zum grossen Teil zu Google und Facebook. Die Zahlungsbereitschaft der Nutzerinnen und Nutzer für journalistisch qualifizierte Informationen bleibt gering: Die bezahlte Auflage der Zeitungen nimmt weiter ab, und gerade mal 11 Prozent der Bevölkerung haben im vergangenen Jahr für Online-News bezahlt, wie das aktuelle «Jahrbuch» festhält.</p>
<p>Das Vertrauen in die Informationsleistung der Sozialen Medien ist zwar mit 17 Prozent gegenüber den 47 Prozent für die klassischen Informationsmedien gering (Selbstdeklaration).Trotzdem holen sich 70 Prozent der Nutzer ihre Information aus Sozialen Medien wie Youtube, Facebook, Instagram oder WhatsApp. Die politische Information erfolgt dabei eher zufällig («emergent»), weil das Hauptinteresse der Nutzerinnen und Nutzer der Unterhaltung oder der persönlichen Beziehungspflege («Socializing») gilt.</p>
<p></p>
<p>Das Jahrbuch spricht insbesondere in Zusammenhang mit den Messenger-Diensten von einer eigentlichen «Privatisierung» der Information. In der gesamten Betrachtung der Sozialen Medien konstatiert es eine wachsende «News-Deprivation», also eine eigentliche Unterversorgung an harter, handfester Information. Der Anteil der unterversorgten «News-Deprivierten» ist nach den Feststellungen des Jahrbuchs von 21 Prozent im Jahr 2009 auf nunmehr 36 Prozent gestiegen.</p>
<blockquote><p>In der Westschweiz liegt die Konzentrationsrate bei der Presse bei 89 Prozent.</p></blockquote>
<p>Parallel dazu konstatieren die Untersuchungen des Forschungsinstituts bei den journalistischen Angeboten eine weitere Zunahme der strukturellen Medienkonzentration: Die drei grössten Anbieter weisen in der Deutschschweiz bei der Presse einen Marktanteil von 83 Prozent und im Onlinemarkt von 71 Prozent auf. In der Westschweiz liegt die Konzentrationsrate bei der Presse sogar bei 89 Prozent und Online bei 87 Prozent. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Beiträge zu, die in mehreren oder sämtlichen Publikationen eines Medienunternehmens erscheinen. Das heisst: Auch die inhaltliche Medienkonzentration verstärkt sich.</p>
<p>Unter den Bedingungen der Dominanz der globalen Tech-Unternehmen und der zunehmenden Medienkonzentration im eigenen Land geht es um mehr Vielfalt in der Schweizer Medienlandschaft und um die Stärkung eines «Informationsjournalismus, der demokratierelevant ist. Die schweizerische direkte Demokratie als Gesellschaftsform funktioniert weiterhin nationalstaatlich. Aber es braucht auch eine internationale Perspektive und Kooperationen über die Grenzen hinweg.»</p>
<p>Dabei erwähnt Mark Eisenegger ausdrücklich den «Public Open Space», also den öffentlichen Kommunikationsraum von öffentlich-rechtlichen Medien wie der BBC («Ideas Service»), die Zusammenarbeit des ORF mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA und privaten Verlagshäusern oder «ZDF Kultur», also die Kulturplattform, die das ZDF zusammen mit Partnern aus Kultur und Gesellschaft lanciert hat. Er fordert dafür den Aufbau einer «intelligenten Digitalallmend», welche neben der Stärkung der nationalen, verstanden als lokale und regionale, Medienvielfalt auch eine qualifizierte internationale Zusammenarbeit ermöglicht.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/10/15/mit-mehr-medienpatriotismus-fuer-mehr-demokratierelevanten-journalismus/">Mit «mehr Medienpatriotismus» für mehr «demokratierelevanten Journalismus»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Finanzierung der Medienqualität ist eine Zukunftsaufgabe</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/09/26/die-finanzierung-der-medienqualitaet-ist-eine-zukunftsaufgabe/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2019/09/26/die-finanzierung-der-medienqualitaet-ist-eine-zukunftsaufgabe/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Sep 2019 14:37:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Medienfinanzierung]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=72849</guid>

					<description><![CDATA[<p>Das Wegbrechen der Werbegelder wirft für die Medien existenzielle Fragen auf: Die SRG sucht den Befreiungsschlag und will das Heft selbst in die Hand nehmen. Bei Tamedia zeigt sich derweil ein perverses Paradox: Wo früher Inserate standen, prangen heute kommerzielle Botschaften im Journalismusgewand. Als ich am 24. September um 19 Uhr 53 den Fernseher ausschaltete, <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/26/die-finanzierung-der-medienqualitaet-ist-eine-zukunftsaufgabe/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/26/die-finanzierung-der-medienqualitaet-ist-eine-zukunftsaufgabe/">Die Finanzierung der Medienqualität ist eine Zukunftsaufgabe</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das Wegbrechen der Werbegelder wirft für die Medien existenzielle Fragen auf: Die SRG sucht den Befreiungsschlag und will das Heft selbst in die Hand nehmen. Bei Tamedia zeigt sich derweil ein perverses Paradox: Wo früher Inserate standen, prangen heute kommerzielle Botschaften im Journalismusgewand.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-72850" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Medienfinanzierung_20190926b.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Medienfinanzierung_20190926b.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Medienfinanzierung_20190926b-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Medienfinanzierung_20190926b-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Medienfinanzierung_20190926b-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Medienfinanzierung_20190926b-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Als ich am 24. September um 19 Uhr 53 den Fernseher ausschaltete, dachte ich: «Jetzt geht es wirklich um die Zukunft der SRG.» SRG-Generaldirektor Gilles Marchand und SRF-Direktorin Nathalie Wappler versuchten <a href="https://www.blick.ch/people-tv/tv/mit-auswirkungen-auf-programm-und-mitarbeitende-ist-zu-rechnen-srg-muss-2020-weitere-50-millionen-sparen-id15531108.html" target="_blank" rel="noopener">trotz der erneuten Sparbotschaft</a> so viel Optimismus zu verbreiten, dass man daraus nur den Schluss ziehen konnte: «Die Lage ist ernst.»</p>
<p>Das war unverkennbar beim <a href="https://www.rts.ch/play/tv/19h30/video/gilles-marchand-explique-lexercice-2020-de-la-ssr-?id=10731887" target="_blank" rel="noopener">Auftritt des Generaldirektors</a> in der RTS-Nachrichtensendung «19.30», wo er von Massnahmen im Programm und bei den Arbeitsplätzen sprach, so wie <a href="https://www.srf.ch/play/tv/tagesschau/video/srf-unter-spardruck-weniger-sendungen-weniger-stellen?id=ae0e4fb0-7fca-4202-b17f-2f5279fff2f9" target="_blank" rel="noopener">Nathalie Wappler, die in der «Tagesschau»</a> des Schweizer Fernsehens «Personalmassnahmen nicht ausschliessen» konnte. Gleichzeitig beschwor Marchand für die SRG «eine wichtige und starke Zukunft für den Service public» als gemeinschaftsbildende Kraft in und zwischen den Regionen der Schweiz. Und er kündigte gleichzeitig einen radikalen Umbau an: «In fünf Jahren werden unsere Programme gleich stark im Internet und den sozialen Medien genutzt werden wie in Radio und Fernsehen. Das heisst: 50 Prozent Broadcast – also klassisches Programmangebot – und 50 Prozent Digital – also Internet-Plattformen.» Die SRF-Direktorin Nathalie Wappler ihrerseits wollte sich nicht nur «von Sparrunde zu Sparrunde hangeln» sondern die Entwicklung selber voranbringen.</p>
<blockquote><p>Nun wissen wir aber, dass die Finanzierungskrise der Schweizer Medien erst richtig begonnen hat.</p></blockquote>
<p>Fachleute haben schon längst vorhergesagt, dass der Rückgang der Fernsehwerbung die Form eines Hockeystocks hat: Zuerst geht es während Jahren langsam aber stetig etwas abwärts, bis dann das kurze, steile Stück nach unten kommt – und dann ist Schluss. So war das mit der Werbung in der Presse, so geht es jetzt auch beim Fernsehen. Derweil saugen die grossen Online-Plattformen wie Google und Facebook die Werbegelder ab.</p>
<p>Gleichzeitig hält die Politik die SRG unter Druck. Doris Leuthard hat die Haushaltsabgabe ohne Not auf 365 Franken gesenkt (anstatt auf knapp unter 400), und sie hat versprochen, die Abgabe werde weiter gesenkt, wenn die wachsende Zahl der Haushalte das erlaube. Und die Anbeter des heiligen Marktes spielen weiterhin das Spiel mit der Abrissbirne: Der Nationalrat hat am 19. September 2019 die <a href="https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20180405" target="_blank" rel="noopener">parlamentarische Initiative von SVP-Nationalrat Gregor Rutz</a> angenommen, mit der sämtliche Unternehmen von der Radio- und Fernsehabgabe befreit werden. Damit gingen dem Service public weitere 170 Millionen Franken verloren, also der SRG, den konzessionierten Privaten, der Journalistenausbildung, dem Presserat, der technischen Infrastruktur für alle Medien, der Filmförderung. Dass darunter die Medienqualität in der Schweiz leiden wird, liegt auf der Hand. Der Tessiner CVP-Nationalrat Fabio Regazzi hat in dieser Session eine etwas mildere Initiative nachgeschoben, die nur die KMU mit weniger als 250 Mitarbeitenden <a href="https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20190482" target="_blank" rel="noopener">von der Abgabepflicht befreien</a> will. Das grausame Spiel geht weiter.</p>
<blockquote><p>So gesehen ist die Sparübung bei SRF tatsächlich ein Impuls für eine dynamische Entwicklung.</p></blockquote>
<p>Wer bei Nathalie Wappler nachfragt, was es denn heisst, wenn sie ihr Schicksal in die Hand nehmen und SRF selber «Treiber» der Entwicklung sein will, bekommt zunächst imponierende Management-Begriffe zu hören wie: «Angebots-, Produktions- und Distributions-Strategie». Fragt man nochmals nach, spürt man bei der SRF-Direktorin so etwas wie Lust an Vernetzung, an der kreativen Kombination. Wappler freut sich auf das «kuratierte Audioarchiv», mit dem SRF noch in diesem Jahr thematisch gruppierte Hörangebote empfehlen will. Die Herausforderung wird sein, die Wünsche und Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer zu erfassen und sie mit den Empfehlungen aus der neuen SRF-Plattform richtig zu bedienen.</p>
<p></p>
<p>Wappler nutzt die Tatsache, dass das «Technology and production center switzerland tpc» <a href="https://medienwoche.ch/2019/07/04/tpc-zurueck-zu-srf-das-publikum-sollte-nichts-merken-von-diesem-schritt/">wieder bei SRF eingegliedert</a> ist. So kann sie Redaktion und Technik enger verknüpfen und Programmideen mit einer kleineren, qualitativ gleichwertigen und kostengünstigeren Technik realisieren lassen. Das wäre also Vernetzung zwischen dem ehemaligen tpc für die Produktion, der neuen Plattform des «Audioarchivs» für die Distribution und der beteiligten Redaktion für das inhaltliche Angebot. So gesehen ist die Sparübung tatsächlich ein Impuls für eine dynamische Entwicklung – wenn die Finanzierung sich nicht zu einem chronischen und massiven Problem auswächst. Was man nicht ausschliessen kann. Denn dann wäre die Politik als Nothelfer gefragt. Die Handlungsmöglichkeiten sind breit gestreut: Der Bundesrat kann zum Beispiel:</p>
<ul>
<li>der SRG mit einem höheren Abgabenanteil den Wegfall der Werbeeinnahmen kompensieren.</li>
<li><a href="https://medienwoche.ch/2019/08/21/befreiungsschlag-2/">eine werbefreie SRG</a> voll aus der Medienabgabe finanzieren und in diesem dualen System die Werbung ganz den privaten Medienunternehmen überlassen.</li>
<li>den Auftrag der Konzession überdenken und allenfalls budgetgerecht reduzieren.</li>
<li>den Wegfall der Fernsehwerbung mit Rahmenbedingungen für mehr Werbung kompensieren, zum Beispiel durch Zulassung von Online-Werbung.</li>
<li>der SRG erlauben, bei der «Vektorisierung» ihrer Inhalte – sprich: der Platzierung auf Youtube, Instagram, Facebook, Twitter und anderen – die Möglichkeiten der Werbung auf diesen Plattformen voll zu nutzen. Das würde dann heissen: Aus dem Service-public-Medienhaus würde ein kommerzielles Medienunternehmen.</li>
</ul>
<p>Allein schon diese Überlegungen zeigen, dass wir bei der Finanzierungskrise der Schweizer Medien an einem Punkt angelangt sind, an dem es um die Erhaltung eines qualifizierten (Service-public)-Journalismus geht, der diesen Namen wirklich verdient.</p>
<blockquote><p>Die politisch-ideologische Ausrichtung einer Publikation kann ohnehin kein Kriterium für die Medienförderung sein.</p></blockquote>
<p>Dabei müsste man über das, was als förderungswürdig gilt, eine neue, klare und harte Qualitätsdiskussion führen. Und das ist sowohl richtig als auch gefährlich: Richtig, weil gewiss nur Qualität förderungswürdig ist. Aber gefährlich, weil das Urteil über Qualität auch erfahrenen Chefredaktionen offenbar manchmal schwerfällt, wie sich etwa aktuell im Kampf um die Deutungshoheit für die Beurteilung der Klimabewegung zeigt. Und die politisch-ideologische Ausrichtung einer Publikation kann ohnehin kein Kriterium für die Medienförderung sein.</p>
<p>Das wäre dann ein gesellschaftspolitischer Entscheid im Einklang mit dem Ziel eines freiheitlichen Pluralismus. Aber wäre es denn überhaupt möglich, über förderungswürdige journalistische Qualität nach rein formalen Massstäben zu entscheiden, also ohne Eingriff in die Inhalte und die redaktionellen Werte des professionellen Journalismus? – Vor dieser Herausforderung wird die Arbeit an der Medienförderung in der Schweiz in den kommenden Monaten stehen.</p>
<p>Aber wir haben gerade in diesen Tagen für diese Frage ein schlagendes Beispiel bekommen: ein Beispiel, das passt. Es geht um den Umgang mit der Werbung. Die SRG muss sich mit dieser Frage, so scheint es, auf diese Weise gegenwärtig nicht befassen. Denn beim Fernsehen verschwindet die Werbung unwiederbringlich.</p>
<blockquote><p>Die Verlage haben die Werbung hinterrücks und mit System wieder in die redaktionellen Medien hereingeholt, aber nicht als deklarierte Anzeigen, sondern als «Native Advertising».</p></blockquote>
<p>Bei der Presse hingegen haben die grossen Verlage, Tamedia allen voran, vor einigen Jahren die Rubriken-Inserate für Jobs, Immobilien, Fahrzeuge aus dem redaktionellen Umfeld entfernt, outgesourced in eigenständige Unternehmen. Das sind heute ihre Profit-Center. Und bald danach haben die gleichen kommerziellen Verlage die Werbung hinterrücks und mit System wieder hereingeholt. Aber nicht als Anzeigen. Nicht als klar deklarierte und umrahmte Publireportage. Nein, als «Native Advertising» oder «Sponsored Post», das heisst: als die Verkleidung von Werbung im Gewand von Journalismus. In einzelnen Fällen sogar verfasst von einer Person, die für die gleiche Publikation <a href="http://www.kleinreport.ch/news/grauzone-native-advertising-bei-watson-erstellen-alle-redakteure-auch-gesponserte-artikel-87172/" target="_blank" rel="noopener">auch redaktionell tätig ist.</a></p>
<p>In der «Erklärung der Rechte und Pflichten der Journalistinnen und Journalisten» heisst es: «10. Sie vermeiden in ihrer beruflichen Tätigkeit als Journalistinnen und Journalisten jede Form von kommerzieller Werbung.» Und der Presserat hat sich ganz aktuell wieder besorgt gezeigt über die wachsende Zahl von <a href="https://www.srf.ch/sendungen/kassensturz-espresso/presserat-ist-besorgt-ueber-werbung-im-redaktionellen-kleid" target="_blank" rel="noopener">Verstössen gegen die Pflicht zur klaren Trennung</a> zwischen «redaktionellem Inhalt und Werbung». Diese klare Trennung fehlt nach meiner Beobachtung zum Beispiel bei Publikationen von Tamedia immer wieder. Und das untergräbt die Glaubwürdigkeit des Journalismus.</p>
<p>Nun protestieren 128 Journalistinnen und Journalisten aus den Tamedia-Redaktionen in einem <a href="http://www.kleinreport.ch/news/protest-brief-pietro-supino-tamedia-journalisten-sauer-uber-versteckte-native-ads-93187/" target="_blank" rel="noopener">Brief an den Verleger Pietro Supino</a>. Sie protestieren energisch, wenn sie schreiben:</p>
<p>«(…) Tamedia publiziert seit Monaten ganzseitige, textlastige Anzeigen, die in Layout, Schrift, ja Autorschaft (‹Mark van Huisseling›) eindeutig darauf abzielen, den Leser über ihren Anzeigencharakter zu täuschen und vorzugaukeln, es handle sich um redaktionellen Inhalt. An dieser offensichtlichen Täuschungsabsicht ändert weder die winzige Deklaration als ‹Anzeige› etwas noch die seit kurzem etwas grössere als ‹Sponsored›. Beide widersprechen, auf je spezifische Weise, den entsprechenden Richtlinien des Presserates zu ‹Pflichten und Rechten der Journalistinnen und Journalisten›. Der Presserat hat die Praxis der Tamedia deswegen bereits am 16. Mai dieses Jahres gerügt. (…) Wir protestieren deswegen gegen jede Form von Anzeigen mit täuschender Absicht und fordern Sie und den Verlag Tamedia dazu auf, diese Praxis umgehend einzustellen.»</p>
<p>Tamedia-Verleger Pietro Supino hat auf das Protestschreiben unverzüglich – per Mail und kleingeschrieben – geantwortet: «in der sache teile ich die ansicht, dass kommerzielle botschaften als solche erkennbar sein müssen. und ich betrachte es als meine verlegerische verantwortung, über die glaubwürdigkeit der redaktionellen arbeit wie über die trennung von redaktion und anzeigenmarkt zu wachen. in bezug auf den leser- und nutzermarkt denke ich hingegen, dass eine enge zusammenarbeit zwischen verlag und redaktion anzustreben ist.»</p>
<p>Die Duplik eines wortführenden Redaktionsmitglieds kam am gleichen Tag. Darin steht unter anderem: «Ob eine Täuschungsabsicht vorliegt, wie wir es monieren, hängt davon ab, ob der Leser auf den ersten Blick Anzeigen von redaktionellen Inhalten unterscheiden kann oder nicht.» Und weiter: «Wir sind keine Werbefachleute, sondern Journalistinnen und Journalisten. Und als solche haben wir mit solcher Lesertäuschung ein ernstes Problem.»</p>
<p>Das Beispiel gibt eine klare Antwort auf die Frage:</p>
<blockquote><p>Kann man Qualität nach formalen Massstäben messen? Ja, man kann.</p></blockquote>
<p>Allein schon die konsequente Anwendung der <a href="https://www.humanrights.ch/cms/upload/pdf/110721_ErklaerungPflichteRechte_JournalistInnen.pdf" target="_blank" rel="noopener">«Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten»</a> und der Regeln des Handwerks und der Werte der journalistischen Ethik gibt sachlich objektive, qualitative Kriterien an die Hand.</p>
<p>Daraus folgt: Wenn die öffentliche Hand Geld in die Hand nimmt für die Medienförderung, dann nur, um einen Journalismus zu unterstützen, der eine klare, konsequente Trennung von redaktionellem Inhalt und Werbung praktiziert. Auch «Native Advertising», «Sponsored Posts» und ähnlich Formen sind bei konsequenter Betrachtung nicht zulässig. Sie sind anfällig für Missbrauch und sie untergraben die Glaubwürdigkeit des Journalismus. Und diese Forderung wird gestützt durch ein paar weitere: Förderungswürdig ist Journalismus, …</p>
<ul>
<li> wenn die Arbeitsbedingungen in einem Anstellungsverhältnis durch einen Kollektivvertrag abgesichert sind.</li>
<li>wenn die professionelle journalistische Arbeit gegenüber den wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeiten eines Medienhauses/Verlags durch ein Redaktionsstatut mit einer klar nachvollziehbaren Definition der publizistischen Linie abgesichert ist.</li>
<li>wenn er unter uneingeschränkter Anerkennung der «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» ausgeübt wird bzw. ausgeübt werden kann.</li>
<li>der einen relevanten Beitrag zur Vielfalt (regional, kulturell, thematisch) leistet.</li>
<li>der einen relevanten Beitrag zur Innovation und Zukunftsfähigkeit dieser Tätigkeit leistet.</li>
<li>der von einer Gemeinschaft (Gemeinde, Verein, freiwilligen Beiträgen) getragen wird, zu deren Information und Kommunikation er einen relevanten Beitrag leistet.</li>
</ul>
<p>Die Zukunft eines solchen Journalismus dürfte gesichert sein. Dabei gilt immer der Grundsatz: Öffentliches Geld gibt es nur mit einer Leistungsvereinbarung. Das weiss jeder Bauer.</p>
<p><small>Bild: <a href="https://unsplash.com/@krisroller?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText" target="_blank" rel="noopener">Kristopher Roller</a>/<a href="https://unsplash.com/s/photos/exist?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText" target="_blank" rel="noopener">Unsplash</a></small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/26/die-finanzierung-der-medienqualitaet-ist-eine-zukunftsaufgabe/">Die Finanzierung der Medienqualität ist eine Zukunftsaufgabe</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Medienförderung: Zwischen hehren Zielen und gemeinem Business</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/09/03/medienfoerderung-zwischen-hehren-zielen-und-gemeinem-business/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Sep 2019 21:43:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Medienförderung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der neueste Vorschlag für eine staatliche Medienförderung trägt die Handschrift der Zeitungsverleger und dient vor allem dem Strukturerhalt ihrer Geschäftsmodelle. Für einen Journalismus mit Zukunft braucht es andere Rezepte. Mit hehren Zielen hat Bundesrätin Simonetta Sommaruga ein Massnahmenpaket für die Medienförderung angekündigt. Die direkte Demokratie brauche starke und unabhängige Medien. Die Medienökonomie sei in der <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/03/medienfoerderung-zwischen-hehren-zielen-und-gemeinem-business/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der neueste Vorschlag für eine staatliche Medienförderung trägt die Handschrift der Zeitungsverleger und dient vor allem dem Strukturerhalt ihrer Geschäftsmodelle. Für einen Journalismus mit Zukunft braucht es andere Rezepte.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-72143" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Medienfoerderung-Sommaruga-20190903.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Medienfoerderung-Sommaruga-20190903.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Medienfoerderung-Sommaruga-20190903-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Medienfoerderung-Sommaruga-20190903-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Medienfoerderung-Sommaruga-20190903-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Medienfoerderung-Sommaruga-20190903-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Mit hehren Zielen hat Bundesrätin Simonetta Sommaruga <a href="https://www.uvek.admin.ch/uvek/de/home/kommunikation/neue-massnahmen-zur-medienfoerderung.html" target="_blank" rel="noopener">ein Massnahmenpaket für die Medienförderung</a> angekündigt. Die direkte Demokratie brauche starke und unabhängige Medien. Die Medienökonomie sei in der Krise, aber, so die Medienministerin: «Die Medien sind das Fundament unserer Demokratie.»</p>
<p>Niemand möchte ihr da widersprechen. Und die Krise ist offenkundig. Ein grosser Teil des Werbegeldes fliesst ab ins Internet und dort zu den ausländischen Tech-Giganten und Streaming-Plattformen. Mehrere Tausend Arbeitsplätze sind in den Schweizer Medien verloren gegangen. Gerade noch vier grössere Unternehmen beherrschen in der Schweiz die «demokratiepolitisch relevante Presse» (so der Verlegerverband): Tamedia, CH Media, Ringier und NZZ. Im Windschatten dieser Medientanker pflegt Christoph Blocher ziemlich unbeachtet mit seiner <a href="https://swissregiomedia.ch" target="_blank" rel="noopener">«Swiss Regiomedia»</a> («1 Million Kontakte wöchentlich») seine wirtschaftlichen und politisch-publizistischen Interessen. Und links und rechts dehnen «Weltwoche» und «WOZ» die Spannweite der Meinungsvielfalt ein wenig aus.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wirkt die bundesrätliche Strategie der Medienförderung einigermassen zwiespältig. Sie ruft zwar nach Unabhängigkeit, Vielfalt und redaktioneller Qualität. Aber fördern will sie ein klassisches Geschäftsmodell und überholte Medienstrukturen.</p>
<blockquote><p>Dieses Fördermodell käme in hohem Mass den dominierenden Verlagshäusern zugute, die schon heute massgeblich von der indirekten Presseförderung profitieren.</p></blockquote>
<p>Der Bundesbeitrag für eine ermässigte Postzustellung der Presse soll um 20 Millionen Franken auf 50 Millionen jährlich erhöht werden. Zugunsten der Lokal- und Regionalpresse soll die Ermässigung pro Exemplar angehoben werden. Gleichzeitig will der Bundesrat die Obergrenze der förderungsberechtigten Auflage von 40&#8217;000 Exemplaren aufheben und auch Zeitungen finanziell unterstützen, die einem Kopfblattverbund angehören. Diese Vorhaben kommen in hohem Mass den dominierenden Verlagshäusern zugute, die schon heute massgeblich von der indirekten Presseförderung profitieren.</p>
<p>Das ist ihnen nicht genug. Der Verband Schweizer Medien verlangt, die Förderung <a href="https://www.schweizermedien.ch/artikel/news/2019/erweiterung-presseforderung-fruhzustellung-muss-berucksichtigt-werden" target="_blank" rel="noopener">auf die Frühzustellung der gedruckten Presse auszuweiten</a>. Nur so könne «ein tragfähiges Gesamtpaket» für «die Zeitungen als nachweislich wichtigste Mediengattung für die politische Meinungsbildung» geschnürt werden. Untersuchungen der Mediennutzung zeigen in eine ganz andere Richtung: Bei der gelegentlichen Nutzung über alle Altersgruppen ist die bezahlte Tageszeitung hinter Computer, Fernsehen und Radio zurückgefallen. Bei den Digital Natives (14 bis 29 Jahre) allein landete die Zeitung vor zehn Jahren bei der täglichen Nutzung noch auf Platz 5 (hinter Computer, iPhone, TV und Radio), heute ist sie aus diesen Plätzen herausgefallen und steht mit gerade noch 16 Prozent der Nutzung im hintersten Teil der Rangliste.</p>
<blockquote><p>Die aufgeblasene Forderung der Verleger würde bedeuten, dass die Schweizerische Eidgenossenschaft innert zehn Jahren rund 1.2 Milliarden Franken in ein mediales Auslaufmodell steckt.</p></blockquote>
<p>Aber für die gedruckte Presse, die in der bestehenden Form am Ende ihrer Geschichte steht, fordern die Schweizer Verleger, dass der Förderbetrag pro Jahr «um 90 Millionen auf jährlich 120 Millionen aufgestockt» wird, sonst sei die Versorgung der Schweiz mit demokratierelevanten Zeitungsinhalten akut gefährdet». Diese aufgeblasene Forderung würde bedeuten, dass die Schweizerische Eidgenossenschaft innert zehn Jahren rund 1.2 Milliarden Franken in ein mediales Auslaufmodell steckt. Und all das ohne jeden publizistischen Leistungsauftrag.</p>
<p></p>
<p>Der «Verband Schweizer Online-Medien» <a href="https://hallowil.ch/online-medien-fordern-subventionen-mussen-neu-uberdacht-werden.html" target="_blank" rel="noopener">reagiert entsprechend harsch</a> auf das Vorhaben. Er listet die bekannten Erträge der Schweizer Medienhäuser auf (Tamedia rund 250 Mio., Ringier 100 Mio., NZZ gegen 50 Mio., AZ-Medien rund 20 Mio. und Somedia Chur gegen 10 Mio.). Und zieht dann den einfachen Schluss: «Subventionsübung für etablierte Schweizer Verleger ist abzubrechen». Ganz so einfach muss man es sich vielleicht nicht machen. Aber mit der Suche nach einer besseren Lösung steht der Online-Verband nicht allein da.</p>
<blockquote><p>Ausschlaggebend ist für den Bundesrat also das Geschäftsmodell und nicht die Qualität der Medien.</p></blockquote>
<p>Der Bundesrat will die Online-Medien mit 50 Millionen Franken pro Jahr unterstützen, aber nur Angebote, die kostenpflichtig sind. «Unterstützt wird, wer digitale Medieninhalte verkauft und auf diesem Weg eine längerfristige Finanzierbarkeit der journalistischen Leistungen im Onlinebereich anvisiert.» Ausschlaggebend ist für den Bundesrat also das Geschäftsmodell, das auch die grossen Zeitungsverlage bevorzugen. Von der Qualität der Inhalte ist nicht die Rede.</p>
<p>Gleichzeitig sprach Bundesrätin Sommaruga an der Medienkonferenz aber auch vom «Kerngeschäft» der Medien, und das ist in ihren Worten schlicht und klar: der Journalismus. Und sie sprach von verschiedenen Bezahlformen und unterschiedlichen Produkten: von Tagesabos oder von Podcasts. Wir stehen hier vor einem neuen Suchfeld, auf dem noch andere Lösungen zu finden wären. Sie klang da schon fast wie der noch junge Verband «Medien mit Zukunft», der die Forderung vertritt, nicht mehr Medien zu fördern sondern den Journalismus.</p>
<p>Die digitale Disruption zerreisst alles in der Medienbranche: die Organisation, das Geschäftsmodell, die publizistische Arbeitsweise und die Beziehung zu den Nutzern. Arthur Gregg Sulzberger, seit 2018 Herausgeber der «New York Times», hat gesagt: Die «Times» ist nicht mehr eine Zeitung mit einer Online-Ausgabe, sie ist ein Online-Angebot mit einer Druckausgabe. Der britische «Guardian» wird von einer Stiftung getragen, Chefredaktor Alan Rusbridger hat wie Sulzberger ebenfalls dem Internet den Vorrang gegeben und die interaktive Technologie und die Social Media genutzt, um neben seinem hervorragenden Journalismus auch die Nutzer*innen zu journalistischen Leistungen heranzuziehen. Seine Nachfolgerin Katharine Viner hat diese Strategie konsequent fortgesetzt und das Unternehmen gleichzeitig wieder in die schwarzen Zahlen zurückgeführt. Ein bedeutender Teil der Finanzierung kommt inzwischen von freiwilligen Spenden überzeugter Leserinnen und Leser, denen die Leistungen des «Guardian» am Herz liegen.</p>
<blockquote><p>Eine Breitenwirkung erreichen diese schweizerischen Online-Medien freilich nicht. Sie kämpfen ausdrücklich noch immer um eine marktfähige Grösse.</p></blockquote>
<p>In der Schweiz funktionieren solche Modelle nur im Kleinen und auch dort mehr schlecht als recht. <a href="https://www.infosperber.ch/Uber-uns" target="_blank" rel="noopener">«Infosperber»</a> finanziert sich aus Spenden und Werbung auf der Basis einer Stiftung, die <a href="https://www.republik.ch/verlag" target="_blank" rel="noopener">«Republik»</a> hat aus den Abonnenten «Verleger» gemacht, <a href="https://tsri.ch/zh/" target="_blank" rel="noopener">«tsüri»</a> finanziert sich durch Beiträge von Geldgebern und durch wiederholte Crowdfundings, und verwurzelt sich in der Gesellschaft durch Bildungsangebote und die aktive Auseinandersetzung mit Stadtprojekten wie der «Smart City». Eine Breitenwirkung, wie sie die grossen englischsprachigen Medien erzielen, erreichen diese Projekte freilich nicht. Sie kämpfen, wie «tsüri», ausdrücklich noch immer um eine marktfähige Grösse.</p>
<p>Journalistische Qualität und demokratisch verankerte Vielfalt ist nicht an ein bestimmtes Bezahlmodell gebunden. Zukunftsfähige Medienförderung durch die öffentliche Hand wird sich über die traditionelle Finanzierungsform der Bezahlschranke auch über die neuen finanziellen Verbindungen zwischen Publikation und Publikum, Anbietern und Nutzern, Gedanken machen müssen. Denn die Disruption zerreisst auch das bisherige Geschäftsmodell der Zeitungsverlage. Aber das ist kein Naturgesetz, das war und bleibt eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. Medienhäuser wie Tamedia haben in eigener Kompetenz entschieden, die Inserate aus den Zeitungen herauszureissen und sie in selbständige Unternehmensteile auszulagern. Und wenn das aus technisch-ökonomischen Gründen notwendig war, so ist es auch kein Naturgesetz, das eine Querfinanzierung (oder «Rückfinanzierung») des publizistischen Angebots verbietet aus dem Ertrag dieser neuen digitalen Produkte. Und solange die Gewinne in private Kassen fliessen, stellt sich natürlich die Frage, ob Subventionen in beträchtlicher Höhe, ohne jede definierte publizistische Gegenleistung, für noch immer florierende Unternehmen wirklich der richtige Weg sind.</p>
<blockquote><p>Solange die Gewinne in private Kassen fliessen, stellt sich natürlich die Frage, ob Subventionen in beträchtlicher Höhe, ohne jede definierte publizistische Gegenleistung, wirklich der richtige Weg sind.</p></blockquote>
<p>Der Alarm wegen einer Gefährdung der redaktionellen Unabhängigkeit durch öffentliche Mittel taugt nicht, wenn es um die Erteilung eines publizistischen Leistungsauftrags geht. Der Bundesrat hat in seinem Auftrag für ein Medienförderungs-Konzept auch die bestehenden Rahmenbedingungen für «die SRG und lokal-regionalen Radio- und Fernsehveranstalter» ausdrücklich bestätigt. Und das schliesst Gebühren in Millionenhöhe für private Veranstalter als <a href="https://www.bakom.admin.ch/bakom/de/home/elektronische-medien/informationen-ueber-radio-und-fernsehveranstalter/provisorische-konzessionen.html" target="_blank" rel="noopener">Gegenleistung für einen Leistungsauftrag</a> ein, die von Radio- und TV-Sendern nicht ungern akzeptiert werden. Und dieser Leistungsauftrag trägt messbar zur Qualitätssicherung bei. Warum also nicht das Modell, das sich seit Jahren bei Privatradio und TV bewährt auf den Online-Bereich ausweiten?</p>
<blockquote><p>Unter den Bedingungen der digitalen Revolution ist die indirekte Medienförderung genauso ein Auslaufmodell wie die gedruckte Tageszeitung.</p></blockquote>
<p>Die Disruption, die Zerstörung der hergebrachten Medienstrukturen, hat nicht nur Organisations- und Finanzierungsaufgaben hervorgebracht, sondern auch Denkaufgaben. So gilt es etwa, die Rahmenbedingungen für den Journalismus unter den veränderten Voraussetzungen neu zu durchdenken. Etwa die sozialen Standards, das heisst: die Sicherung der Arbeitsplätze in ausreichender Qualität, Anzahl und Ausstattung in der digitalen Produktion (Gesamtarbeitsverträge). Die publizistischen Standards in den Redaktionen mit verbindlichen Redaktionsstatuten, publizistischen Leitlinien und einer Abgrenzung gegenüber den kommerziellen (verlegerischen) Funktionen der Medienproduktion.</p>
<p>Unter den Bedingungen der digitalen Revolution ist die indirekte Medienförderung, wie sie die Verleger fordern und der Bundesrat nun gewähren will, genauso ein Auslaufmodell wie die gedruckte Tageszeitung. Für eine legitimierte Medienförderung müssten mit Blick auf die Zukunft vielmehr zwei andere Leitsätze gelten: Öffentliches Geld gibt es, erstens, nur mit einem Leistungsauftrag. Und gefördert werden, zweitens, nicht mehr die Medien; gefördert wird qualifizierter, vielfältiger Journalismus.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/03/medienfoerderung-zwischen-hehren-zielen-und-gemeinem-business/">Medienförderung: Zwischen hehren Zielen und gemeinem Business</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>SRG und Politik: Nach der Zerreissprobe der Annäherungsversuch</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/06/29/srg-und-politik-nach-der-zerreissprobe-der-annaeherungsversuch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 29 Jun 2019 06:41:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Nathalie Wappler]]></category>
		<category><![CDATA[Audiostrategie]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=70540</guid>

					<description><![CDATA[<p>SRF-Direktorin Nathalie Wappler weckt mit einer Audiostrategie Hoffnungen für das bedrohte Radiostudio Bern: Die Eckpunkte des Projekts zeigen in Richtung eines Gleichgewichts zwischen der Bundesstadt und Zürich. Ein paar Puzzleteile, die noch fehlen, lassen sich leicht finden. Der Tag, an dem SRF-Direktorin Nathalie Wappler das Projekt einer neuen Audiostrategie bekanntgab, wurde so ein bisschen der <a href="https://medienwoche.ch/2019/06/29/srg-und-politik-nach-der-zerreissprobe-der-annaeherungsversuch/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/06/29/srg-und-politik-nach-der-zerreissprobe-der-annaeherungsversuch/">SRG und Politik: Nach der Zerreissprobe der Annäherungsversuch</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>SRF-Direktorin Nathalie Wappler weckt mit einer Audiostrategie Hoffnungen für das bedrohte Radiostudio Bern: Die Eckpunkte des Projekts zeigen in Richtung eines Gleichgewichts zwischen der Bundesstadt und Zürich. Ein paar Puzzleteile, die noch fehlen, lassen sich leicht finden.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-70541" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-SRG-Radio-Bern-Zuerich_20190628b.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-SRG-Radio-Bern-Zuerich_20190628b.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-SRG-Radio-Bern-Zuerich_20190628b-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-SRG-Radio-Bern-Zuerich_20190628b-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-SRG-Radio-Bern-Zuerich_20190628b-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-SRG-Radio-Bern-Zuerich_20190628b-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Der Tag, an dem SRF-Direktorin Nathalie Wappler das Projekt einer neuen Audiostrategie bekanntgab, wurde so ein bisschen der Tag der Fake-News im Medienjournalismus. Der «Klein-Report» titelte: <a href="http://www.kleinreport.ch/news/radiostudio-bern-srf-direktorin-wappler-blast-umzug-ab-92611/" target="_blank" rel="noopener">«Radiostudio Bern: SRF-Direktorin Wappler bläst Umzug ab»</a> (und merkte später, dass sich die Sache <a href="http://www.kleinreport.ch/news/nathalie-wappler-das-ist-keine-kehrtwende-92613/" target="_blank" rel="noopener">nicht so klar präsentiert</a>), NZZ-Inlandchef Michael Schoenenberger hielt fest: <a href="https://www.nzz.ch/meinung/die-politik-bestimmt-bei-der-srg-jetzt-mit-und-lauert-ld.1492073" target="_blank" rel="noopener">«Die Politik bestimmt bei SRF jetzt mit»</a>, und «20 Minuten» meldete noch Stunden nach der Klarstellung durch die SRF-Direktorin: <a href="https://www.20min.ch/schweiz/news/story/Radio-zieht-nicht-nach-Zuerich-um-16807883" target="_blank" rel="noopener">«Radio-Chefin stoppt Radio-Umzug von Bern teilweise»</a>.</p>
<p>Dabei hatte sich Wappler in ihrer Telefonkonferenz für die Medienschaffenden schon am Nachmittag des 27. Mai um 16.30 zuerst ein bisschen amüsiert gezeigt ob der schnellen Schlagzeilen und dann zur Audiostrategie und zur Zukunft des Radiostudio Bern unmissverständlich klargestellt: «Alles, was ich Ihnen jetzt aufzeige, ist ein Projekt. Entscheide sind noch keine gefallen. Das heisst: Der Umzug von Bern nach Zürich ist weder abgeblasen noch gestoppt.» Und sie fuhr fort: «Ich habe jetzt grade den Kommentar gelesen: Für die SRG habe nun ‹der Abschied vom freien Unternehmertum› begonnen und sie werde ab jetzt ein ‹Staatssender› sein.» So schrieb es der Branchendienst persoenlich.com, der sich dann zügig korrigierte. Die «Berner Zeitung» blieb auch am Tag danach schwarz auf weiss dabei: «Die SRG knickt vor der Politik ein.»</p>
<blockquote><p>Die neue SRF-Direktorin hat ihr Amt angetreten mit der erklärten Absicht, eine übergreifende Strategie für das gesamte Audioangenbot von SRF zu entwickeln.</p></blockquote>
<p>Vielleicht ist es ja nicht ganz so fake. Man konnte die Medienmitteilung von SRF zur Audiostrategie leicht so verstehen, als ob die SRG sich <a href="https://medienwoche.ch/2019/06/20/ein-schlag-ins-zentrum-der-festung-srg/">nun dem Nationalrat beugen wolle</a>. Der Rat hatte am 18. Juni mit einer Zweidrittel-Mehrheit den Initiativen zugestimmt, welche die SRG dazu verpflichten wollen, Radio weiterhin schwergewichtig in Bern, beziehungsweise in Lausanne, zu produzieren und Fernsehen in Zürich und Genf. Das heisst: Aktuell wollte die Politik die Verlagerung des Grossteils der Radioredaktion von Bern nach Zürich verhindern. Nathalie Wappler bestreitet diesen Zusammenhang.</p>
<p>Wahr ist, dass die neue SRF-Direktorin ihr Amt schon angetreten hat <a href="https://medienwoche.ch/2019/04/25/es-ist-nicht-alles-festbetoniert-die-dinge-koennen-und-sollen-sich-entwickeln/">mit der erklärten Absicht</a>, eine übergreifende Strategie für das gesamte Audioangenbot von SRF zu entwickeln, also für das lineare Radio und für On-Demand-Angebote wie etwa Podcasts. Das hat sie in Interviews und vor der Belegschaft deutlich gemacht.</p>
<blockquote><p>Die «Eckwerte» der Strategie entsprechen etwa zur Hälfte den Forderungen der Umzugsgegner. Man nennt das ein klassisches Kompromissangebot.</p></blockquote>
<p>Wahr ist aber auch, dass die neue SRF-Direktorin gerade mal knapp zehn Tage nach der Entscheidung des Nationalrats gegen die Umzugspläne das Projekt ihrer Audiostrategie vom SRG-Verwaltungsrat und von der Generaldirektion hat absegnen lassen. Es gibt dafür zwei Vorgaben: Die Audiostrategie wird standortunabhängig entwickelt, aber die digitale Entwicklung erfolgt konzentriert in Zürich. Die «Eckwerte» der Strategie entsprechen etwa zur Hälfte den Forderungen der Umzugsgegner. Man nennt das ein klassisches Kompromissangebot.</p>
<p></p>
<p>So sollen die Hintergrundsendungen «Echo der Zeit», «Tagesgespräch» und «Rendez-vous» in Bern bleiben, ebenso die Inland- und die Ausland-Redaktion. Die Wirtschaftsredaktion ist jetzt bereits zur Hälfte in Zürich und zur anderen Hälfte in Bern angesiedelt. Ob das so bleibt, wird auch geprüft. Die Radiochefredaktion würde ebenfalls halbe-halbe «teils in Bern, teils in Zürich arbeiten». Aus Bern abgezogen werden sollen dagegen der Nonstop-Nachrichtensender «SRF 4 News» sowie die Nachrichtenredaktion. Personalpolitisch dürfte das heissen, dass etwa 80 Stellen von Bern nach Zürich verlagert würden. Beim ursprünglich angedachten grösseren Umzug hätte SRF 170 Stellen nach Zürich verlegen wollen.</p>
<blockquote><p>Für heute gilt, so SRG-Generaldirektor Marchand: Die Aktualität geht nach Zürich und die Radio-Sendungen mit Hintergrund- und Magazin-Charakter bleiben in Bern.</p></blockquote>
<p>Die Medienmitteilung von SRF strotzt von «würde», «sollte», «soll geprüft werden», und sie vermeidet jeden politischen Zusammenhang. Anders SRG-Generaldirektor Gilles Marchand im kritischen <a href="https://www.rts.ch/play/radio/forum/audio/srf-revoit-son-projet-de-demenagement-du-studio-radio-de-berne-a-zurich-interview-de-gilles-marchand?id=10519535" target="_blank" rel="noopener">Interview der RTS-Sendung «Forum»</a>. Auf die Frage, ob es sich bei diesem Projekt nicht um «Salamitaktik» handle, erklärt der Generaldirektor, die SRG habe versucht, in einem «Zielkonflikt eine intelligente Lösung» zu finden. Es sei der Zielkonflikt zwischen den politischen Verfechtern des Föderalismus und den unternehmerischen Erfordernissen des Medienunternehmens. Wie «die SRG-Organisation in 15 Jahren» aussehe, könne heute niemand sagen. Für heute gilt, so Marchand: Die Aktualität geht nach Zürich und die Radio-Sendungen mit Hintergrund- und Magazin-Charakter bleiben in Bern. Über die Organisationsentwicklung in der Westschweiz seien noch keine Entscheidungen getroffen worden.</p>
<p>Für die Audiostrategie von SRF-Direktorin Nathalie Wappler heisst das im Einzelnen: «Radio SRF 4 News» soll in Zürich zu einem Newsroom-Radio weiterentwickelt werden, das zwar weiterhin ein lineares Programm ausstrahlt, aber stärker auf On-Demand-Formate setzt. Die News-Inhalte für die Morgensendung von «Radio SRF1» könnten allenfalls in Zürich produziert werden. Auch eine Verschiebung von Aufgaben der Redaktion Nachrichten/Teletext von Bern nach Zürich soll geprüft werden.</p>
<p>Die Bündelung der Aktualität aus allen Medien – Radio, Fernsehen, Multimedia/Online – in Zürich hat ihre innere Logik, die auch manche Umzugsgegner im Radiostudio Bern nachvollziehen können. Umstritten bleiben dürfte die Konzentration der «Arbeiten zur Audiostrategie für das lineare Radio und das On-Demand-Angebot» in Zürich. Es umfasst unter anderem die «Entwicklung von Podcasts und anderen digitalen Projekten», aber auch Komponenten des Marketing und der formalen Gestaltung. Dies und die «Ausarbeitung einer Audiostrategie» brauche «die Nähe zum Entwicklungszentrum», sagt Wappler. Das stösst bei den Radioleuten in Bern zumindest teilweise auf Kritik, denn Podcasts und Angebote für Smart Speakers wurden auch hier entwickelt – einfach in flexiblen, dezentralen Strukturen und mit knappen Mitteln; Innovation von Radio und Audio hatten bei Wapplers Vorgänger Ruedi Matter keine Priorität.</p>
<blockquote><p>Und es besteht die Befürchtung, dass «Bern» mit der angekündigten Audiostrategie eben doch auf die Dauer ausgehungert werden könnte.</p></blockquote>
<p>Es könnte sein, dass das für das Radiostudio Bern auch in Zukunft gilt. Die Konzentration der digitalen Entwicklung in Zürich löst bei der Belegschaft in Bern «Ernüchterung», «Unsicherheit» und «Perspektivlosigkeit» aus. Das sind die Stichworte, wenn man nach der Stimmungslage fragt. Und es taucht der Wunsch auf, Online-Journalistinnen und -Journalisten in die Berner Informationsredaktionen zu integrieren, um grade bei grösseren Beiträgen enger zusammenzuarbeiten und die Qualität zu sichern. Die föderalistische, regionale Nähe und die multimediale Arbeitsweise sollen miteinander verbunden werden. Und es besteht die Befürchtung, dass «Bern» mit der angekündigten Audiostrategie eben doch auf die Dauer ausgehungert werden könnte. Umso mehr, weil der Sparauftrag, der die SRG vor einem Jahr auf die Umzug-Idee brachte, weiterhin auf der Radioinformation lastet.</p>
<p>Die Chefredaktion Radio hat weiterhin den Auftrag, am Standort Bern Einsparungsmöglichkeiten in Höhe von drei Millionen Franken aufzuzeigen. Das kann den Abbau von 20 bis 25 Stellen bedeuten. In einer Übergangsphase mit erheblichen Umbau- und Innovationskosten auf der einen Seite, massivem Rückgang der Werbeerträge auf der anderen, muss man entschieden die Frage stellen, ob nicht auch der Service public ein Anrecht auf Übergangs- und Innovationsförderung hat.</p>
<p>Das Grundproblem der Audiostrategie liegt darin, dass sie jetzt zur Lösung eines durchaus legitimen politischen Problems benutzt wird: Zur Erhaltung der föderalistisch-demokratischen Funktion des Service public. Aber sie müsste im Zusammenhang mit der Digitalisierung auch konsequent multimedial gedacht werden. Offenbar will Nathalie Wappler das angehen. Neben der Audiostrategie will sie für SRF <a href="https://www.persoenlich.com/medien/die-situation-auf-dem-werbemarkt-ist-dramatisch" target="_blank" rel="noopener">eine umfassende Angebotsstrategie für SRF entwickeln</a>.</p>
<blockquote><p>Umgekehrt wäre es auch sinnvoll, die Magazin- und Hintergrundformate von SRF, insbesondere im Kernbereich von Politik und Wirtschaft, in Bern zu bündeln.</p></blockquote>
<p>Unter den Bedingungen der konvergenten und digitalen Medienproduktion ist es durchaus sinnvoll, die schnelle und aktuelle Berichterstattung an einem Ort organisatorisch zu bündeln, also die bisher getrennten Redaktionen miteinander zu verknüpfen und «Radio SRF 4 News» von Bern nach Zürich zu verschieben.</p>
<p>Umgekehrt wäre es dann wohl auch sinnvoll, die Magazin- und Hintergrundformate von SRF, insbesondere im Kernbereich von Politik und Wirtschaft, in Bern zu bündeln. Es wäre keine Revolution, etwa die «Arena» oder Magazine wie die «Rundschau» auch multimedial in der Bundesstadt zu produzieren. Das Schweizer Fernsehen ist mit seiner Bundeshausredaktion ja bereits in Bern präsent.</p>
<p>Es liegen bei der Organisation der SRG in der Region Bern ohnehin noch ein paar lose Teile herum. Bei näherem Hinsehen gilt das schon für den Teil der Chefredaktion, der im Entwurf zur Audiostrategie für die Leitung der verbleibenden Radio-Hintergrundsendungen in Bern bleiben soll: als halbierte Einheit einer eigentlich funktionierenden Abteilung, an deren Zukunftsfähigkeit manche zweifeln, wenn sie von der Digitalentwicklung abgeschnitten wird.</p>
<p>Daneben entsteht die neue digitale Plattform, die als Mediathek Sendungen der vier Sprachregionen für alle SRG-Nutzerinnen und Nutzer on Demand und personalisiert bereithalten soll. Nach Gilles Marchands Vorstellungen soll das eine digitale Schweiz werden, die die Landesteile verbindet.</p>
<blockquote><p>Diese neuartige Redaktion würde nicht einfach mit «grossen Kisten» betraut, sondern auch mit Themen, die uns im Alltag über die Sprachgrenzen hinweg beschäftigen.</p></blockquote>
<p>Ein weiteres Teil ist die am Standort Bern geplante <a href="https://www.bernerzeitung.ch/region/bern/Zueckerchen-der-SRG-fuer-Bern/story/29168524" target="_blank" rel="noopener">interregionale, «multilinguale» Redaktion</a>, die der Konferenz der Chefredaktoren aller Unternehmenseinheiten in den Sprachregionen unterstellt werden soll. Ihr Auftrag ist noch nicht ganz klar. Aber als Projekt scheint sie einigermassen gefestigt. Das hat auch Gilles Marchand vor Kurzem wieder bekräftigt. Auch eine Leitungsperson sei bereits gefunden. Zehn bis fünfzehn Redaktorinnen und Redaktoren sollen aus den Sprachregionen delegiert werden. Sie sollen zunächst in eine Projektphase von drei bis fünf Jahren starten. Diese neuartige Redaktion würde nicht einfach mit «grossen Kisten» betraut, wie etwa «Digitalland» oder «Klimawandel» oder der «Fête des Vignerons», sondern auch mit Themen, die uns im Alltag über die Sprachgrenzen hinweg beschäftigen, nach dem Motto: «Wie machen es die anderen?»</p>
<p>Solche grossen Alltagsthemen gibt es ja genug: Das Gesundheitswesen, Steuer- und Wirtschaftspolitik, unsere Beziehungen zu den europäischen Nachbarn, die Digitalisierung im Alltag, in Beruf und Privatleben, und der Klimawandel sowieso. Die Klima-Wissenschaftler beklagen sich zu Recht, dass sie seit dreissig Jahren predigen und dass in der Politik nichts geschehen ist. Und diese Untätigkeit der Politik hat auch mit den Medien zu tun. Der Service public muss nicht nur als moralisch und staatspolitischer Verständigungshelfer fungieren, sondern ebenso sehr als Seismograph für unterirdische Erschütterungen, die vielleicht grössere gesellschaftliche Beben ankündigen.</p>
<blockquote><p>Diese Struktur sollte für die Wiederherstellung der guten Beziehungen nach der ganzen Disruption mit einem entsprechenden Beitrag aller Beteiligten wieder gefunden werden.</p></blockquote>
<p>Die SRG muss sich nicht nur mit der Politik versöhnen. Sie muss sich wieder stärker in der Gesellschaft verankern. Sie muss die lokalen und regionalen Ressourcen erschliessen, nicht nur bei den Eidgenössischen Technischen Hochschulen, sondern auch bei den Universitäten und Verbänden und bei den kompetenten und artikulationsfähigen Einwohnern, den Eingewanderten und den Eingeborenen. Bis hin zum User-Generated-Content und anderen Formen der Einbindung der Bevölkerung in eine interaktive Mediennutzung, wie sie ja auch die Eidgenössische Medienkommission EMEK postuliert.</p>
<p>Der Blick auf dieses Ganze ist anregend: Multimediale Angebote und eine mehrsprachige, interregionale Redaktion als lebendige Verbindung in die Regionen der Schweiz erscheinen für die digitale Medienzukunft ein sinnvolles Ensemble. Stadt, Kanton und die SRG-Genossenschaft Bern, Freiburg, Wallis sind aus ihrer ganzen Geschichte heraus zweifellos eine geeignete Trägerschaft für eine entsprechende institutionelle SRG-Struktur. Diese Struktur sollte für die Wiederherstellung der guten Beziehungen nach der ganzen Disruption mit einem entsprechenden Beitrag aller Beteiligten wieder gefunden werden.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/06/29/srg-und-politik-nach-der-zerreissprobe-der-annaeherungsversuch/">SRG und Politik: Nach der Zerreissprobe der Annäherungsversuch</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ein Schlag ins Zentrum der Festung SRG</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/06/20/ein-schlag-ins-zentrum-der-festung-srg/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2019/06/20/ein-schlag-ins-zentrum-der-festung-srg/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Ruoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 20 Jun 2019 19:19:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Radiostudio Bern]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Führungsspitze der SRG ist gefangen in ihren eigenen Organisationsvorstellungen. Sie ist nicht imstande, adäquat auf die Kritik an ihrer Standortpolitik zu reagieren. Nach dem deutlichen Entscheid des Nationalrats muss sich nun etwas bewegen. Es ist ein Fiasko. Am 30. Mai 2018 hat SRG-Generaldirektor Gilles Marchand in der Runde seiner Direktoren festgestellt, dass die SRG <a href="https://medienwoche.ch/2019/06/20/ein-schlag-ins-zentrum-der-festung-srg/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/06/20/ein-schlag-ins-zentrum-der-festung-srg/">Ein Schlag ins Zentrum der Festung SRG</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Führungsspitze der SRG ist gefangen in ihren eigenen Organisationsvorstellungen. Sie ist nicht imstande, adäquat auf die Kritik an ihrer Standortpolitik zu reagieren. Nach dem deutlichen Entscheid des Nationalrats muss sich nun etwas bewegen.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-70288" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-SRG-Fiasko-20190620.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-SRG-Fiasko-20190620.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-SRG-Fiasko-20190620-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-SRG-Fiasko-20190620-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-SRG-Fiasko-20190620-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-SRG-Fiasko-20190620-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Es ist ein Fiasko. Am 30. Mai 2018 hat SRG-Generaldirektor Gilles Marchand in der Runde seiner Direktoren festgestellt, dass die SRG auf die Kritik an ihrer Zentralisierungsstrategie nicht eingehen und schon gar nicht nachgeben darf, weil das öffentliche Medienhaus sonst ständig dem Druck der Politik ausgesetzt sein würde.</p>
<p>Er hat damit aus einer Strukturfrage eine Machtfrage gemacht, und er ist damit krachend gescheitert. Gut ein Jahr später, am 18. Juni 2019, hat der Nationalrat mit <a href="https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/amtliches-bulletin/amtliches-bulletin-die-verhandlungen?SubjectId=46531#votum14" target="_blank" rel="noopener">120 Stimmen gegen 54 Nein bei 10 Enthaltungen</a> der SRG-Spitze erklärt, wie sie ihre Strukturpolitik bei der Wahl der Produktionsstandorte auszurichten hat. Hätten nicht sechs Nationalräte die Anweisungen der Präsidentin falsch verstanden, wäre das Resultat mit 126 Befürwortenden gegen 48 Gegnern der parlamentarischen Initiativen noch deutlicher ausgefallen.</p>
<blockquote><p>Bei einer kühlen Analyse muss die SRG-Spitze feststellen, dass sie mit ihrem Kurs gescheitert ist.</p></blockquote>
<p>«Die SRG-Führung könnte diese politische Entscheidung für sich auch positiv deuten», sagt Regula Rytz, Präsidentin der Grünen und eine der sechs Initiantinnen. «Es ist eine Liebeserklärung an das Radiostudio Bern, es zeigt den grossen Respekt vor der jahrzehntelangen Qualitätsarbeit dort, und es ist eine Steilvorlage für die SRG-Führung. Sie kann auf dieser Basis ihre Strategie mit den legitimen Interessen von Politik und Gesellschaft abstimmen und gestärkt in die Zukunft gehen.»</p>
<p>Aber noch sind die Spitzen der SRG mit Präsident Jean-Michel Cina und Generaldirektor Gilles Marchand offenbar mit der Verarbeitung des Schocks voll ausgelastet. Bei einer kühlen Analyse müssen sie feststellen, dass sie mit ihrem Kurs gescheitert sind. Und die Geschichte dieses Scheiterns ist noch nicht geschrieben.</p>
<p>Ein Blick auf einige Trümmer an diesem Weg zeigt aber schon: Das Fiasko ist so gross, dass es gar nicht von ein, zwei Einzelnen angerichtet werden konnte. Es ist die Geschichte einer Planung, die vor Jahren begonnen hat und als deren Ergebnis bereits Millionen von Gebührengeldern in Beton gegossen wurden. Es sieht aus wie eine dieser Geschichten, bei der die Verantwortung auf der Führungsebene kollektiv verteilt wird und bei der die Untergebenen die Konsequenzen tragen, etwa in Form eines Stellenabbaus.</p>
<p>Bei der SRG liegt die Verantwortung in dem verschlungenen Gefüge von Generaldirektion, Verwaltungsrat und Spitzen des Trägervereins. Zumindest nach aussen erweckt dieses Gefüge nicht den Eindruck eines Systems von Checks and Balances, von wechselseitiger Kontrolle, Prüfung von Alternativen und versammelter, vielfältiger Fachkompetenz.</p>
<p></p>
<p>Das Führungsgremium der BBC beispielsweise, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/BBC_Trust" target="_blank" rel="noopener">der BBC Trust (bis April 2017)</a>, hatte eine ganz andere Zusammensetzung. Er setzte sich zusammen aus Fachleuten aus dem Bank- und Finanzbereich, aus führenden Kulturmanagern, erfahrenen Medienschaffenden und Kommunikationswissenschaftern, ehemaligen UNO-Mitarbeitenden und Mitgliedern aus den verschiedenen Generationen und Frauen und Männern sowieso. Ausdruck einer kompetenten, vielfältigen Gesellschaft aus den verschiedenen Nationen Grossbritanniens.</p>
<blockquote><p>Bis heute ist nicht klar, ob die Umzugsoperationen überhaupt je Einsparungen bringen werden.</p></blockquote>
<p>In Bezug auf die Frage der Finanz-Transparenz der SRG hat Christoph Ammann, Regierungspräsident und Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Bern, noch jüngst öffentlich moniert, dass der Kanton bei den Gesprächen über eine Unterstützung bei Immobilienproblemen keine Unterlagen erhalten habe, mit denen er die Zahlen habe plausibel machen können. Das heisst nicht, dass die vorgelegten Zahlen falsch wären. Es heisst einfach, dass die SRG offenbar nicht imstande war, Stadt und Kanton Bern gegenüber die erforderliche finanzielle Transparenz für eine professionelle Prüfung herzustellen.</p>
<p>Bis heute ist nicht klar, ob die geplanten Umzugsoperationen überhaupt je Einsparungen bringen werden, wie dies die SRG-Spitze anfänglich nannte als Grund für den Abzug der Radiochefredaktion aus dem Studio Bern. Die Baukosten für die neuen und geplanten Betonstrukturen in Zürich reichen deutlich über 200 Millionen Franken. Ein grosses Bauprojekt am Standort Leutschenbach wurde inzwischen einigermassen diskret eingestellt. – All das mag erklärbar sein, und Manches hat seine Logik. Aber die SRG hat mit wechselnden Zahlen und Begründungen ein gutes Stück ihrer Vertrauensbasis verloren.</p>
<blockquote><p>Die Belegschaft wurde in den Prozess nicht wirklich einbezogen, obwohl sie täglich die Substanz der Information liefert.</p></blockquote>
<p>Das überrascht auch nicht, denn die Integration der Radio-Information aus Bern in den Newsroom am Leutschenbach wurde gerade mal einen Monat vor der «No Billag»-Abstimmung angedacht (<a href="https://medienwoche.ch/2018/09/13/wenn-man-viel-geld-hat-kann-man-an-fuenf-standorten-sendungen-herstellen/">der ehemalige SRF-Direktor Ruedi Matter im «Medienwoche»-Interview</a>), einen Monat nach der Abstimmung als Gegenstand der unternehmerischen «Prüfung» angekündigt und wenige Wochen danach bereits als realisierungsreif bezeichnet. Die Belegschaft wurde dabei nicht wirklich einbezogen, obwohl sie täglich die Substanz der Information liefert. Die SRG-Trägerschaft der betroffenen Region Bern-Freiburg-Wallis wurde ausgegrenzt mit ihrer Kritik, und beide, Belegschaft wie Trägerschaft, wurden <a href="https://medienwoche.ch/2019/05/07/mitgliederbeschimpfung-als-praesidialer-fehltritt/">öffentlich zu rückwärtsgewandten Verfechtern von Sonderinteressen erklärt</a>. Und im Vorfeld seiner Nachfolgeregelung hat SRF-Direktor Ruedi Matter noch ein paar Kaderpositionen mit seinen Leuten besetzt und damit bis auf die oberste Führungsebene eine Denkweise gefestigt, wie sie unter anderem auch in kommerziellen deutschen Fernsehanstalten gepflegt wird. Matter hat selber einen wichtigen Teil seiner Karriere in diesem Milieu erlebt und von dort einen Führungsstil und ein Businessdenken mitgebracht, das für den Service public der Medien in der Schweiz besser nicht prägend sein sollte.</p>
<p>In dem Prozess der tiefgreifenden Umwandlung, in dem es auch darum geht, die SRG wieder stärker in der Gesellschaft zu verankern, ist das in der vielfältigen Kultur der Schweiz keine besonders gute Voraussetzung. Und Nathalie Wappler, die neue SRF-Direktorin, ist damit in ihrem unmittelbaren Umfeld gefangen in einem alten Beziehungsnetz, das eine eng vernetzte Führungsmannschaft (sic!) gewoben hat. Das stört sie vielleicht nicht. Aber sie wäre frei, das zu ändern.</p>
<blockquote><p>Für SRG-Generaldirektor Gilles Marchand beruht die Kritik an seiner Standortpolitik nur auf einem «grossen Missverständnis».</p></blockquote>
<p>All das produziert Spannungen und Risse in der SRG: In der tragenden Struktur des Vereins und in der professionellen Struktur des Unternehmens. Und in der letztlich entscheidenden Beziehung zwischen der SRG, der Politik und der Gesellschaft.</p>
<p>In dieser Situation macht SRG-Generaldirektor Gilles Marchand nach der unmissverständlichen Klärung im Nationalrat nicht einmal eine Andeutung von Gesprächsbereitschaft. Er wiederholt die bekannten Argumente, verweist – im Interview mit «24 heures» – auf die breite Verankerung in der Schweiz mit 7 Hauptstandorten und 17 Regionalstudios, auf die Einsparungen bei der Infrastruktur anstatt beim Personal, auf «das gleiche Ziel» und vielleicht «Differenzen bei der Methode» zwischen SRG und Politik, und schliesslich erklärt er alles «zu einem grossen Missverständnis». Und gleichzeitig warten seine Kader in Bern und anderswo auf eine neue Richtungsbestimmung, eine neue Weichenstellung, damit sie ihren Mitarbeitenden entsprechende Zeichen geben können. Aber der Generaldirektor ist offenbar erst am Montag bereit zu einer breiten internen Kommunikation.</p>
<blockquote><p>«Die Politik will nicht eingreifen in die redaktionelle Arbeit und in die Programmgestaltung.»<br />
<small>Albert Rösti, Präsident SVP</small></p></blockquote>
<p>Im Klartext: Der Kernpunkt des Problems bleibt bei all dieser Argumentation aussen vor: Die SRG plant, sämtliche, also alle publizistischen Entscheidungsstrukturen der Information in der Deutschschweiz von Bern nach Zürich zu verlegen. Sie zerstört damit die professionelle Entscheidungsstruktur, die seit Jahrzehnten die national und international anerkannte Qualität des Radios prägt, und sie zerstört damit die geografische Distanz zwischen Radio und Fernsehen, die verhindert, dass das Fernsehen das Radio zunehmend vereinnahmt. Man sieht das bereits in der Suisse Romande, wo das «Forum» – quasi das Westschweizer «Echo der Zeit» – <a href="https://medienwoche.ch/2019/06/05/ist-das-noch-radio-oder-ist-das-schon-fernsehen/">in der Tendenz in eine Fernsehdiskussion verwandelt wird</a>.</p>
<p>Regula Rytz, Präsidentin der Grünen, ist «erstaunt über die fehlende Reaktion» der SRG-Spitze auf ihr Gesprächsangebot. SVP-Präsident Albert Rösti erklärt auf Nachfrage der MEDIENWOCHE: «Die Politik will nicht eingreifen in die redaktionelle Arbeit und in die Programmgestaltung.» Aber er macht klar, dass der Staat beim öffentlich finanzierten Service-public-Anbieter ein strukturpolitisches «Mitgestaltungsrecht» in Anspruch nimmt, das man «im Normalfall nicht überstrapazieren» will. Sollte die SRG das Signal aber nicht verstehen, müsste der Nationalrat sich mit der kleinen Kammer kurzschliessen. «Ich kann mir nicht vorstellen», so Rösti, «dass der Ständerat die klare Mehrheit im Nationalrat bei seinen Entscheidungen nicht berücksichtigen wird.»</p>
<blockquote><p>SVP-Präsident Rösti erkennt an der Basis seiner Partei einen starken Wunsch nach einer Stärkung des lokalen und regionalen Angebots der SRG.</p></blockquote>
<p>Dabei vollzieht der SVP-Präsident in dieser Auseinandersetzung eine klare Rückkehr zum Service public der SRG. Die Zustimmung zur «No Billag»-Initiative war auch eine Protestaktion gegen die Medienpolitik von Bundesrat und Parlament. Aber «bei No Billag hat das Volk entschieden», sagt Rösti, «das akzeptieren wir und auf dieser Grundlage reden wir jetzt mit, und da wird man sicher über den Auftrag und das Tätigkeitsfeld des Service public und über die Finanzierung der Medien insgesamt diskutieren müssen.» Und er erkennt in der Basis der SVP insbesondere einen starken Wunsch nach einer Stärkung des lokalen und regionalen Angebots.</p>
<p>Rytz begrüsst bei allen politischen Unterschieden dieses Bekenntnis der SVP zum Service public: «Das ist doch ein Geschenk für die SRG! Die Parteipräsidien haben in diesem Streit ihre staatspolitische Verantwortung wahrgenommen. Wir sind bereit, mit der SRG einen Ausweg aus ihrer selbstgewählten Sackgasse zu finden. Denn es wäre verheerend, wenn sich nun alle in ihre Schützengräben zurückziehen und den Machtkampf eskalieren lassen. Nun ist Zeit für einen echten Dialog.»</p>
<blockquote><p>Man müsste wohl Raum schaffen für eine strukturelle und personelle Erneuerung an der Spitze.</p></blockquote>
<p>Mittlerweile wird der Ruf nach mehr Führung durch die Politik immer lauter, genauer gesagt: der Ruf nach einem Eingreifen von Bundesrätin und Uvek-Vorsteherin Simonetta Sommaruga (<a href="https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/srg-spitze-und-bundesraetin-muessen-eine-loesung-suchen/story/29389645" target="_blank" rel="noopener">so Claudia Blumer in den Tamedia-Zeitungen</a>). Das verlangt Vorsicht und Fingerspitzengefühl, um die Grenze zwischen der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen und dem Eingriff in die Programmfreiheit nicht zu überschreiten. Aber vielleicht wird sich die Intervention der Politik nicht vermeiden lassen. Denn die Wiederholung der immer gleichen Antworten aus Generaldirektion und Verwaltungsrat der SRG macht den Eindruck, dass die Führungsspitze des Service-public-Medienhauses völlig gefangen ist in ihren eigenen Organisationsvorstellungen.</p>
<p>Man müsste wohl Raum schaffen für eine strukturelle und personelle Erneuerung an der Spitze. Und für die Wiederbelebung der Trägerschaft als lebendige, dynamische Verbindung zwischen der Gesellschaft und ihrem Medien-Service. Die Bevölkerung der Schweiz, die den Service public finanziert und nutzt, bietet viele und hoch qualifizierte Ressourcen.</p>
<p>Und man müsste zugleich energisch die Frage anpacken, was denn der Service public der Medien in der digitalisierten Schweiz künftig leisten soll – nach Inhalt und Form, und für all die Gruppen, Generationen und Geschlechter, die der Bundesrat im Auftrag ja schon angesprochen hat. Vielleicht würde die SVP dann triumphierend sagen, dass sie das ja schon seit Jahren verlangt. Sei&#8217;s drum. Vielleicht schafft die gemeinsame Initiative von der Rechten über die Mitte bis zu den Grünen bessere Voraussetzungen für eine konstruktive Kontroverse zu diesem Thema als bisher.</p>
<p>Und vielleicht erkennt die Führung der SRG ja noch rechtzeitig die Chance, die in dem Fiasko steckt.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/06/20/ein-schlag-ins-zentrum-der-festung-srg/">Ein Schlag ins Zentrum der Festung SRG</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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