von Nick Lüthi

Ein guter Online-Jahrgang

Erstmals wurde eine Online-Arbeit mit dem Schweizer Preis für Lokaljournalismus ausgezeichnet. Gewinner eines «Diamanten» ist ein Blog von NZZ Online mit einer Langzeitbeobachtung aus einem Aargauer Migrantenquartier. Auffällig: Anders als in den Kategorien Print, Radio und TV zeichneten sich die nominierten Online-Arbeiten durch einen vergleichsweise engen lokalen Fokus aus.

Im zweiten Anlauf hat es geklappt: Nachdem die Jury* vor einem Jahr keine Online-Arbeit für preiswürdig gehalten hatte, gab es am vergangenen Freitag erstmals einen «Diamanten» für lokalen Online-Journalismus. Gewonnen hat die mit 20’000 Franken dotierte Auszeichnung Nina Fargahi. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin berichtet für NZZ Online ein Jahr lang aus dem Wyde-Quartier im aargauischen Birr, wo die Autorin selber aufgewachsen war. Im Zentrum stehen die Bewohnerinnen und Bewohner der Hochhaussiedlung, die grösstmehrheitlich über keinen Schweizer Pass verfügen. Mit ihren nüchternen Beobachtungen, die sie multimedial inszeniert, setzt die Autorin einen Kontrapunkt zur oft aufgeregten Medienberichterstattung über Migrationsthemen.

Wie der Gewinnerbeitrag zeichnen sich auch die beiden anderen nominierten Arbeiten in der Online-Kategorie durch einen engen lokalen Fokus aus: Gilles Biéler von 24heures.ch nahm die Eidgenössischen Wahlen im letzten Herbst zum Anlass, in verschieden Waadtländer Gemeinden nachzufragen, wo der Schuh drückt. Herausgekommen ist eine multimediale (Text, Bild, Video) Reportageserie mit Stimmen und Ansichten von Leuten, die in den Medien sonst nur selten vorkommen. Auch die für den Preis nominierte Artikelserie von Tina Fassbind (Newsnet/tagesanzeiger.ch) blickte dorthin, wo Journalisten sonst nichtsahnend vorbeigehen: hinter verschlossene Türen und Tore in der Stadt Zürich.

Der ausgeprägte Lokalbezug der nominierten Online-Beiträge wäre nicht weiter der Rede wert – schliesslich bewarben sie sich für einen Lokaljournalismus-Preis – wenn nicht in den anderen Kategorien das Lokale offener definiert wurde: Sei es beim TV-Porträt von drei Ex-Bankern, dem Radio-Feature über Sterbebegleitung oder der DRS3-«Input»-Sendung, die nach dem Wesen der Welschen suchte.

Das Web als globales Medium par excellence erweist sich ebenso als ideale Plattform für Lokaljournalismus. Allerdings nicht so, wie das die Jury erwartet hätte: Eigenständige lokale Netzmedien hatten gegenüber den grossen Marken das Nachsehen. Alle drei nominierten Beiträge für den Medienpreis wurden von den Online-Ablegern grosser Tageszeitungen veröffentlich (NZZ, 24 Heures und Tages-Anzeiger). Das mag einerseits mit den Ressourcen zu tun haben. Grosse Medien können es sich einfacher leisten, Journalisten für Sonderaufgaben abzustellen. Andererseits auch damit, dass in der Schweiz erst jetzt eine Gründungswelle von unabhängigen lokalen Online-Medien am Anrollen ist.

Dass der (lokale) Online-Journalismus weiter an Bedeutung gewinnt, zeigt die Ankündigung des Zürcher Journalistenpreises, dass künftig auch im Web veröffentlichte Arbeiten eingereicht werden dürfen, wie Stiftungspräsident Andrea Masüger gegenüber der «Werbewoche» sagte.

*Der Autor ist Jury-Mitglied der Kategorie Online beim Schweizer Preis für Lokaljournalismus.

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