von Nick Lüthi

«Wir bewegen uns auf der grünen Wiese»

Fernsehen und Internet verschmelzen zu einer neuen hybriden Multimediaplattform. Doch wie das genau geht und wer dabei welche Rolle spielt, weiss noch niemand so richtig. Ende Mai hat die SRG einen Aktionsplan für hybrides Fernsehen verabschiedet. Und nun heisst es: ausprobieren. Im Zentrum der SRG-Experimente stehen der Teletext-Nachfolger HbbTV, sowie Anwendungen für Zweitbildschirme.

Der Firmensitz von Swiss TXT steht sinnbildlich für das veränderte Marktumfeld der SRG-Tochter. Zusammen mit der Telekommunikationsfirma Orange teilt man sich ein Bürogebäude in einem ehemaligen Bieler Industriequartier. Noch vor vier Jahren residierte die Teletext-Firma Tür an Tür mit den Beamten der Stadtverwaltung im Kongresshochaus. Auch wenn sich Swiss TXT in den letzten Jahren zum IT- Dienstleister gewandelt hat, bleibt der Teletext das unbestrittene Flaggschiff. 27 Jahre nach seiner Einführung verzeichnet der rudimentäre Nachrichtendienst auf dem TV-Bildschirm regelmässig eine Million Leser; seine Allzeitrekordwerte erzielte der Dienst in den letzten Jahren.

Wie lange sich dieser Erfolg halten lässt, ist derzeit so ungewiss wie noch nie zuvor seit dem Start 1984. Denn bei der anstehenden Weiterentwicklung des Teletext geht es um mehr, als nur um eine nächste Version der Bildschirmnachrichten mit neuer Schrift und ein bisschen Multimedia. Es geht vielmehr um die grosse Frage, wie Internet und TV verschmelzen. Das aber entscheiden nicht Swiss TXT und SRG alleine. Alle Akteure aus dem TV- und Internetgeschäft, von Geräteherstellern, über Programmveranstalter bis zu Plattform- und Netzbetreiber, versuchen sich ein Stück vom Kuchen abzuschneiden und treiben mehr oder weniger unkoordiniert die von ihnen favorisierten Lösungen voran.

Vor dieser unübersichtlichen Ausgangslage hat die Geschäftsleitung der SRG Ende Mai einen Aktionsplan verabschiedet, mit dem sie ihren Weg in die hybride Fernsehzukunft finden will. Zum einen setzt die SRG, wie praktisch alle grossen europäischen TV-Sender auf Hybrid broadcast broadband TV, kurz: HbbTV. Dieser technische Standard ermöglicht es, Zusatzinformationen auf den Fernsehbildschirm zu bringen, ähnlich dem heutigen Teletext, aber mit multimedialen und interaktiven Komponenten. Zum anderen will die SRG Angebote entwickeln für den sogenannten Second Screen, also für den Smartphone-, Tablet- und Laptop-Bildschirm, den viele TV-Zuschauer parallel zum fernsehen vor den Augen haben.

Treibende Kraft hinter der SRG-Strategie ist die Untergruppe TV+ und deren Leiter Martin Spycher. Als Product Manager bei Swiss TXT kennt er nicht nur die Erfolgsgeschichte des Teletext aus dem Effeff, sondern hat auch Erfahrung darin, ein «alte» Medium in die digitale Welt zu führen. Die von ihm mitentwickelte Teletext-App fürs iPhone wurde bis heute 90’000 mal heruntergeladen und das trotz eines vergleichsweise hohen Preises von 4.40 Franken. Darauf ist Spycher sichtlich stolz. Doch die Aufgabe, die nun beim Hybridfernsehen auf ihn wartet, ist einiges anspruchsvoller. Das sieht auch Spycher selbst so, wenn er sagt: «Wir bewegen uns auf der grünen Wiese. Es gibt keine Best-practice-Beispiele, an denen wir uns orientieren könnten.»

Die ersten Schritte in die hybride TV-Welt hat die SRG bereits hinter sich. Eine Vorreiterrolle spielte dabei das Westschweizer Radio und Fernsehen RTS. Weil das Konvergenzprojekt in der Romandie bereits einen Schritt weiter ist als in der Deutschschweiz, gibt es dort Kapazitäten für Experimente. So bieten die Hauptabendnachrichten «Le Journal» seit März eine Browserapplikation an, mit der während der Sendung Zusatzinformationen zu den einzelnen Beiträgen eingeblendet werden. Martin Spycher erklärt: «Wenn im Fernsehbeitrag zum Beispiel die Wahlergebnisse der ersten beiden Kandidaten angezeigt werden, zeigt die Applikation für den Zweitbildschirm die vollständigen Resultate an.» Ein Anwendung, die das Schweizer Fernsehen SF noch nicht anbietet.

Auch bei HbbTV hat die Westschweiz die Nase vorn. Im Herbst führt RTS einen Testbetrieb durch. Die Deutschschweiz ist erst im nächsten Jahr dran. «Der Kern des Angebots bildet der bisherige Grundservice des Teletext, also Nachrichten, Sport und allenfalls Wetter», sagt Martin Spycher im Gespräch mit der MEDIENWOCHE. «Neu dazu kommen Bild und Video, in erster Linie Nachrichten-, Magazin- und Sportsendungen zum nachschauen.» Was mit HbbTV alles möglich ist, zeigen ausländische Sender, die schon länger mit dieser Technologie arbeiten. So hat zum Beispiel France Télévisions, der öffentlich-rechtliche Anbieter Frankreichs, während des French Open Tennis-Turniers sämtliche Spiele über HbbTV gezeigt. Wer sich beim Spiel auf dem Hauptplatz langweilte, konnte auf die Nebenplätze zappen ohne den Sender zu wechseln. Gab es früher mit dem Druck auf die Teletext-Taste auf der Fernbedienung nur die nackten Resultate, sieht man jetzt auch bewegte Bilder.

Auch wenn heute erst in groben Zügen erkennbar ist, wohin die SRG mit ihrer Hybrid TV-Strategie zielt, so ist immerhin klar, worum es sicher nicht geht. «Man stellt mir immer wieder die Frage», sagt Martin Spycher, «ob wir jetzt ein konstenpflichtiges Videoportal planen, mit Desperate Housewives, HBO-Serien und Spielfilmen – das machen wir nicht.» Wenn schon Video-on-Demand, sagt Spycher weiter, dann mit eigenen Inhalten. Ebenso wenig steht HbbTV für die Web-Nutzung am Fernsehbildschirm. «Beides wäre technisch machbar, liegt aber nicht in unserem Interesse und ist auch nicht Aufgabe der SRG als Service public-Anbieter. Ziel von HbbTV ist es in erster Linie, die grosse Nutzerschaft von Teletext in die neue hybride TV-Welt mitzubewegen.» Doch vorerst, und wohl noch ein paar Jahre lang, wird der gute alte Teletext zuverlässig wie eh und je seinen Dienst tun.

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Leserbeiträge

Oliver Baumann 17. Juli 2012, 10:31

Also ein Video-on-Demand-Portal, wie es Spycher im letzten Abschnitt des Artikel anspricht, hatte die SRG ja bereits einmal. Wurde in der Zwischenzeit – wohl mangels Erfolg – aber wieder eingestellt.

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