von Nick Lüthi

«Angst hast du immer»

Für den Fotojournalisten Pascal Mora gehören die Umwälzungen im arabischen Raum zum Arbeitsalltag. Er hat aus dem Bürgerkrieg in Libyen berichtet und mehrmals aus dem revolutionären Ägypten. Letzte Woche war Mora erstmals in Syrien und hat im umkämpften Aleppo gearbeitet. Im Gespräch mit der MEDIENWOCHE sagt der erfahrene Fotograf, weshalb es gut ist, dass er in solchen Situationen Angst hat und warum es ihn immer wieder in Kriegs- und Krisengebiete zieht.

MEDIENWOCHE: Nach einer Woche in Aleppo bist du am Montag in die Schweiz zurückgekehrt. Aus Furcht vor der bevorstehenden Entscheidungsschlacht um die syrische Stadt?
Pascal Mora: Das war einer der Gründe. Ich wusste nicht, wann und ob die Armee die Schlinge um die Stadt zuziehen wird. Man hörte, Truppen würden zusammengezogen, aber Genaueres konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Für meinen ersten Aufenthalt in Syrien war diese eine Woche gerade gut. Aber ich werde, wenn möglich, bald zurückkehren.

Bisher wurden noch keine Bilder von dir in Schweizer Medien veröffentlicht, dafür ein langer Reportagetext im Sonntagsblick. Wieso das?
Es gibt derzeit nur wenige Journalisten, die aus dem Bürgerkriegsgebiet in Syrien berichten. Das bot mir die Gelegenheit, auch mal einen Text anzubieten. Ich führte die ganze Zeit Tagebuch und hatte so das Rohmaterial für eine Reportage bereits beisammen. Als ich dann Zeit zum schreiben fand, hatte ich meinen Computer aus logistischen Gründen nicht dabei. So blieb mir nichts anderes übrig, als den ganzen Artikel auf dem iPhone zu tippen. Das geht. Aber nur zur Not.

Weshalb hast du dich nach Aleppo aufgemacht?
Vor drei Wochen fragte mich Kurt Pelda, ob ich mitkommen wolle, wenn er das nächste Mal nach Syrien reise. Diese Chance liess ich mir nicht entgehen. Kurt kannte bereits Leute in Syrien von seinem Aufenthalt her im April.

Ein spontaner Entscheid?
Nicht ganz. Syrien stand schon länger auf meinem Radar. Innerhalb einer Woche war ich reisebereit. Logistisch stellen Reportagereisen in Kriegs- und Krisengebiete inzwischen keine grosse Herausforderung mehr dar. Mein Material steht griffbereit. Eine Weste gegen Splitter und Kugeln hatte ich bereits. Auch der administrative Aufwand hält sich in Grenzen: Ein Flugticket in die Türkei ist alles, was es braucht. Das Visum für Syrien kannst du dir schenken.

Weshalb gerade Syrien?
Seit ich über die Umwälzungen in Ägypten und Libyen als Fotojournalist berichtet hatte, war für mich klar, dass ich auch in Syrien fotografieren würde. Mir war aber auch bewusst, dass es gefährlicher sein würde als etwa in Libyen. Denn für die sichere Einreise gibt es keinen von den Rebellen vollständig kontrollierten Korridor, die Situation kann von Tag zu Tag ändern. Du musst dich deshalb reinschmuggeln lassen. Und anders als in Libyen sind auch die Fronten nicht so klar auszumachen.

In Syrien warst du auf die Dienste der Freien Syrischen Armee angewiesen: Die Rebellen haben dir bei der Einreise geholfen, dich beherbergt und vor Gefahrensituationen bewahrt. Wie konntest du sicher sein, dass das stimmt, was sie dir zeigen und erzählen?
Als Fotograf kann ich nur beschreiben oder abbilden, was ich sehe. Die Rebellen könnten dir natürlich irgendwelche Tote zeigen und eine Geschichte dazu erzählen. Mir fehlt da zum Teil schon noch das Gespür, um jede Situation absolut sicher einordnen zu können. Vor Ort ist es schwierig die Informationen zu verifizieren, ausser es schlägt gerade eine Bombe ein. Dann ist sofort klar, worum es geht.

Du hast also als eingebetteter Reporter in Syrien gearbeitet.
Ich mag diesen Begriff nicht. Aber klar: Wenn man so will, war ich eingebetteter Fotograf bei der Freien Syrischen Armee. Komplett unabhängig zu berichten, ist eine Fiktion. Du bist immer auf den Goodwill einer Partei angewiesen. Was wäre die Alternative gewesen? Ich hätte in Damaskus ein Journalistenvisum beantragen können, um dann die ganze Zeit einen Aufpasser neben mir zu haben – wenn ich überhaupt akkreditiert worden wäre. Die Regierung gibt dir die Möglichkeit nicht, frei zu berichten. Die Rebellen sind zwar auch Partei, behindern die Medienarbeit aber weniger, weil sie die Öffentlichkeit suchen.

Wo liegen für dich die Grenzen bei der Abbildung von Kriegshandlungen?
In Syrien habe ich auch Tote fotografiert. Krieg ist Mord und Totschlag. Eine Reportage aus einem Kriegsgebiet ohne Gewaltdarstellung wäre etwas sonderbar. Es verträgt eine gewisse Dosis, aber der Kontext muss stimmen. In Aleppo habe ich aber auch den Alltag fotografiert, den Markt, die Leute auf den Strassen. Es ist ja nicht so, dass in einem Krieg dauernd und überall gekämpft und geschossen wird. In ganzen Regionen und Quartieren herrscht vordergründig Normalität. Das den Redaktionen zu vermitteln, die von dir Kriegsbilder erwarten, ist nicht immer ganz einfach.

Konntest du dich in Aleppo frei bewegen?
Ich war nur einmal alleine unterwegs in der Stadt. Dabei wurde mir aber schnell mulmig. Ohne Ortskenntnis ist das auch fahrlässig und gefährlich. In dem Haus, wo wir untergebracht waren, schaute man gut zu uns. Ausserdem geht es manchmal nicht anders, als deinen Kontaktleuten einfach blind zu vertrauen.

Hast du bei der Arbeit in Syrien auch Angst gehabt?
Angst hast du in solchen Situationen immer. Diese Angst ist aber nicht vergleichbar mit dem Gefühl, wenn man in unmittelbarer Gefahr steckt. Es ist eher eine Grundstimmung. Aber das ist gut und muss auch so sein. Denn ohne Angst wird man naiv und geht zu weit. Die Angst leitet dich auch.

Wie gut kennst du Syrien?
Nicht wirklich gut. Ich kenne die Geografie des Landes und habe mich mit der Geschichte auseinandergesetzt. Aber ansonsten war ich froh, mich auf Kurt Pelda verlassen zu können, der das Land von früheren Aufenthalten her kannte.

Spricht du Arabisch?
Nur ein kleines bisschen. Aber das macht schon viel aus, wenn du ein paar Sätze kennst und sagen kannst, wer du bist und was du machst. Ausserdem sprechen viele Syrer besser englisch, als ich Arabisch kann. Die Verständigung war nie wirklich ein Problem.

Weshalb zieht es dich immer wieder in Kriegs- und Krisengebiete?
Für mich gibt es zwei Gründe. Einerseits sehe ich eine Notwendigkeit von uns Journalisten und Fotografen über den Krieg in Syrien zu berichten. Zu Beginn des Konflikts, als es praktisch unmöglich war, in das Land reinzukommen und nur wenige Informationen aus dem Land drangen, hat man gesehen, wohin das führt: Das Regime konnte sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit morden. Ich finde es wichtig, dass professionell über Konflikte, wie jener in Syrien, berichtet wird. Mittlerweile ist das Problem ist ja nicht mehr, dass es zu wenig Bilder gibt. Im Gegenteil: Youtube ist voll mit Propagandavideos der Kriegsparteien. Als Fotojournalist, der keine Interessen vertritt in diesem Konflikt, versuche ich ein unabhängiges Bild zu zeigen. Zum anderen ist es der Kontrast zu meinem Leben in der Schweiz, der mich fasziniert. Du lernst deine Privilegien dann am meisten schätzen, wenn du einfach so gehen kannst. Als ich an der türkisch-syrischen Grenze den Stacheldraht zur Türkei passierte zusammen mit Frauen und Kindern aus Syrien, wurde mir das ziemlich stark bewusst: Ich kann einfach gehen und mich ins nächste Flugzeug nach Zürich setzen, sie aber müssen flüchten und ihre Heimat verlassen.

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