von Nick Lüthi

Ein Netz-Korsett für die SRG

Die schweizerischen Verleger fordern, das Online-Angebot der SRG auf eine reine Mediathek zurückzustutzen. Warum die Diskussion über Textlängen und Sendungsbezug am Kern der Sache vorbei geht – aber letztlich nicht zu vermeiden war.

Im Laufe des Frühjahrs wird der Bundesrat darüber entscheiden, wie gross der Spielraum der SRG im Web künftig sein soll. Bis Ende Januar konnten sich interessierte Kreise im Rahmen einer Anhörung zu den geplanten Änderungen der SRG-Konzession äussern. Am ausführlichsten nahmen erwartungsgemäss die Verlegerverbände Stellung. Das gemeinsame Schreiben von Schweizer Medien, Médias Suisse und Stampa Svizzera liest sich wie ein einziger langer Verbotskatalog mit dem Ziel, die Online-Aktivitäten der SRG auf ein Minimum zu reduzieren. Nicht mehr als eine Mediathek sollen Schweizer Radio und Fernsehen im Netz anbieten dürfen. Damit geht der Streit zwischen Verlegern und SRG in die nächste Runde.

In der Absicht einen mächtigen Konkurrenten zurückzubinden, der über das Privileg der Gebührenfinanzierung verfügt, plädieren die Verleger für eine umfassende Regulierung des redaktionellen Angebots der SRG-Medien im Netz: So sollen Texte ohne direkten Sendungsbezug nicht mehr als 600 Zeichen umfassen. Das sei «absolut ausreichend, um wichtige Nachrichtenereignisse abzudecken». Der Bundesrat nennt in seinem Entwurf der Konzessionsänderung immerhin 1000 Anschläge. Ausserdem verlangen die Verleger eine Depublikation von veröffentlichten Nachrichten. Nach dreissig Tagen müssten solche Kurzmeldungen wieder aus dem Netz verschwinden. Ebenso kleinlich lesen sich die Vorschläge der Verleger zum geforderten Sendungsbezug der Textbeiträge auf den Webseiten von Radio und Fernsehen: Ein aktueller Sendungsbezug sei dann gegeben, «wenn ein Textbeitrag nicht mehr als 30 Minuten vor und nicht mehr als 30 Minuten nach der Ausstrahlung einer thematisch verbundenen Sendung publiziert wird».

In einem solchen Korsett liesse sich tatsächlich nicht viel mehr als eine Mediathek anbieten. Das Web würde zu einer reinen Redistributionsplattform degradiert. Das wäre ebenso falsch wie auch absurd. Online muss neben Radio und TV für die SRG das dritte, gleichwertige Standbein bilden, das publizistisch schon alleine deshalb nicht vernachlässigt werden darf, weil die Nutzung zunimmt. Wer seinen Betrieb massgeblich aus gesetzlich verordneten Gebühren finanziert, verpflichtet sich nachgerade, die Nutzungsvorlieben der zahlenden Nutzer zu berücksichtigen.

Dass man heute über Details wie Textlänge und Sendungsbezug diskutiert, zeugt von einem tiefen Misstrauen, das die Verleger der SRG gegenüber hegen; nicht ohne Grund. In der Vergangenheit haben Schweizer Radio und Fernsehen den Spielraum im Internet stets voll ausgereizt. Mit dem neuen, konvergenten Portal SRF.ch setzten Schweizer Radio und Fernsehen ein deutliches Zeichen der Selbstbeschränkung. Viel stärker als bei den Vorgängerportalen drs.ch und sf.tv steht die audiovisuelle Produktion im Zentrum. Auffällig sind etwa prominent platzierte Programmpromotionen.

Von einer «Online-Zeitung» kann im Zusammenhang mit SRF.ch keine Rede sein. Doch dieser Tatbeweis vermochte die Verleger bisher nicht zu überzeugen. Sie scheinen erst zufrieden zu sein mit einer zurückgestutzten SRG im Netz. Was ihnen das genau bringt, bleibt indes schleierhaft. Denn ein direkter Zusammenhang zwischen schwachem öffentlichem Rundfunk und starken Verlagsangeboten im Netz besteht zumindest nicht in dieser Unmittelbarkeit, wie ihn die Verleger suggerieren. Vielmehr muss die SRG als Sündenbock herhalten für vergangene und künftige Misserfolge der Verlage. Da nicht die Verleger der SRG die Konzession ausstellen, sondern weiterhin der Bundesrat, darf man davon ausgehen, dass der Spielraum des öffentlichen Rundfunks im Netz mit Augenmass abgesteckt und der aktuelle Rahmen der Aktivitäten als Massstab genommen wird.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

bugsierer 04. Februar 2013, 19:06

ein jammer, wie durchsichtig sich die verlage aufführen. nur wettern und motzen, wenig bis keine eigene innovationen. die folge: tschüss glaubwürdigkeit.

dass ich als alter online sack (56) noch erleben muss, dass der bundesrat über 600 oder 1000 anschläge bei SRF entscheiden muss, ist sehr skurril. meine nerven. dramatischer könnten die verlage ihre hiflosigkeit gegenüber der neuen zeit nicht mehr dokumentieren.

aber gut, nachdem sie jahrzehntelang als gelddruckmaschinen fungierten und ihnen jetzt vom bösen internet das ganze busi unter den füssen weggezogen wird, ist diese verhaltensweise zumindest nachvollziehbar. dass die alten häuser jedoch so potent auf die innovationsbremse stehen, ist unverzeihlich.

Antworten...

Hans Manser 04. Februar 2013, 22:14

Ich finde, dass das Gebührenmodell excellent sein könnte, da auch ich, wie viele in diesem Land, der Meinung bin, es würde ohne ein entsprechend staatlich gefördertes Programm für bestimmte Minderheiten und für bestimmte Programm-Arten keine, oder nur minderwertige Angebote geben.

Allerdings wünschte ich mir, das diese Institution keinerlei Formate bringt, welche sich aus ökonomischer Sicht problemlos durch ein privates Angebot rentabel erbringen liessen.
Fussball EM und WM, Roger Federer und andere teure Publikumsmagnete könnten sicherlich auch durch private rentabel gesendet werden. Die SRG könnte sich statt dessen auf die viel weniger publikumsintensiven Sportarten konzentrieren, welche eine solche Förderung wirklich benötigen würden, aber ganz sicher nur einen Bruchteil der Gelder benötigten, welche die SRG zur Zeit immer wider an Sepp Blatter und seine Kumpels “spendet”.

Auch Quizsendungen, die zwar durchaus ihre Liebhaber haben mögen, würden sicherlich nicht aus sterben, wenn die SRG nicht immer wider Sven Epiney und Co. dafür aufbieten würden.

Für meine Traummedienregelung, wünschte ich mir solche Restriktion in eigentlich allen Ressorts der SRG und das sie komplett werbefrei würde.
Die Privaten die jetzt Gebührengelder erhalten, sollten diese gestrichen werden, wofür sie aber im Austausch eine nicht zu verachtende Wertsteigerung ihrer Werbeslots bekommen würden, da der grösste Konkurrent in dem Markt komplett weg fallen würde.

Allerdings sehe ich überhaupt nicht ein, weshalb die SRG kein Online News Portal betreiben dürfen sollte. Wenn man ihr das verbieten wollen würde, so müsste man der TA-Media auf Newsnetzt ja auch jegliche Flash-Videos verbieten, denn sie dürfte, im Rahmen des Umbruchs, der durch das Internet ausgelöst wird, ja auch nicht weg von ihren Leisten. Die SRG sollte meiner Meinung nach zu einem minderheitenfördernden allgemeinen Medienunternehmen werden – ohne Werbung.

Ich halte diese gebührenfinanzierte Konkurenz, wenn sie denn in dem von mir oben beschriebenen Rahmen bleibt, für ausserordentlich marktfördernd.
Wenn ich mir die Medienlandschaft betrachte, mit der viel zitierten Weisheit: “Konkurenz belebt den Markt” im Hinterkopf, so würde ich mich ausserordentlich auf diese freuen. Um meine eigene Orthografie ist es ja bekanntermassen sehr schlecht bestellt. Wenn allerdings sogar mir, mit diagnostizierter Schreibschwäche, noch konstant Schreibfehler gewisser Onlineportale auf die nerven gehen, dann kann es um deren Qualität allein schon aus dieser Sicht nicht sonderlich gut bestellt sein.

Antworten...

Ueli Custer 08. Februar 2013, 10:38

Hans Manser schreibt ziemlich leichtfertig, dass Fussball EM und WM, Roger Federer und andere teure Publikumsmagnete sicher auch privat rentabel gesendet werden könnten. Offenbar hat er keine Ahnung von den Dimensionen im Sportrechtehandel. Die Kosten übersteigen die Möglichkeiten der Refinanzierung durch Werbung in der Schweiz bei Weitem. Das ist ja die Krux für unser kleines, dreisprachiges Land: Ohne gebührenfinanzierte SRG wäre ein einigermassen konkurrenzfähiges TV-Angebot mit Schweizer Inhalten schlicht nicht finanzierbar – vor allem bezüglich Information. Auf der andern Seite ist eine durch Zwangsgebühren finanzierte SRG in einer marktwirtschaftlichen organisierten Medienlandschaft per Definitionem ein Fremdkörper. Das ist wie Feuer und Wasser. Aber bisher hat noch niemand eine bessere Lösung vorgeschlagen – auch Hans Manser nicht.

Antworten...