von Nick Lüthi

Wer schwächelt, wird fit getrimmt

In den nächsten drei Jahren will das Zürcher Medienhaus Tamedia 34 Millionen Franken an Kosten einsparen. Geprüft würden «alle Optionen». Besonders bei den Zeitungen in der Westschweiz sorgt das neuerliche Sparpaket für rote Köpfe.

Als am vergangenen Donnerstag Tamedia die Geschäftszahlen für das vergangene Jahr bekannt gab, liess sich bereits erahnen, dass bald ein nächstes Sparprogramm folgen würde; von «negativer Entwicklung», «Umsatzrückgang» und – ausblickend – «Kostensenkungsmassnahmen» war die Rede. Konkrete Zahlen nannten aber Tamedia-Präsident Pietro Supino und CEO Christoph Tonini keine. Inzwischen ist die Summe bekannt: Eine Sparkur im Umfang von 34 Millionen Franken, verteilt über die nächsten drei Jahre, steht dem Unternehmen bevor. Hauptbetroffene sind die kostenpflichtigen Zeitungen. Diese erbringen zwar weiterhin mehr als die Hälfte des Betriebsertrags, verlieren aber unwiederbringlich an Ertragskraft. 18 Millionen sollen deshalb die vier Tageszeitungen in der Westschweiz einsparen, 16 die Deutschschweizer Titel.

Seit diese Zahlen und insbesondere die Verteilung zwischen den Sprachregionen intern bekannt wurden, ist bei den Redaktionen in Lausanne und Genf Feuer im Dach. Über das Westschweizer Radio und Fernsehen schlugen sie Alarm: Bis zu 100 Redaktionsstellen seien in Gefahr, «Le Matin» drohe gar die Einstellung. Politikerinnen und Politikersowie die Berufsverbände protestieren gegen die Ankündigung und bekunden bereits ihre Solidarität und versprachen den Zeitungen ihre Unterstützung im Bemühen darum, eine vielfältige Presselandschaft in der Westschweiz zu erhalten.

Die Chefredaktoren sahen sich vor den Kopf gestossen und vermuteten hinter den für sie überraschenden Sparmassnahmen eine Machtdemonstration der Konzernzentrale in Zürich. Dort hält man die Aufregung für «nicht berechtigt» und versucht die Wogen zu glätten. Ausser dem Umfang des Sparpakets sei noch gar nichts beschlossen. Man habe bereits in den vergangenen Jahren immer wieder Sparmassnahmen ergriffen, viele davon ohne direkte Folgen für das Medienangebot, zeigt sich Unternehmenssprecher Christoph Zimmer zuversichtlich.

Die Vergangenheit hat auch gezeigt, dass Tamedia wenig Federlesen macht, wenn das Ziel einmal feststeht: Wer schwächelt, wird ohne Rücksicht auf Verluste fit getrimmt. Die unternehmensweit angestrebte Ergebnismarge von 15 Prozent ist der Massstab, an dem sich alle Produkte messen lassen müssen. Nicht Geldgier, sondern das Ziel langfristig handlungsfähig zu bleiben, rechtfertigten diesen Wert. «Wir wollen weiter in neue Geschäftsfelder investieren», sagt Unternehmenssprecher Zimmer. In den letzten zwölf Jahren habe Tamedia bereits rund 1.5 Milliarden Franken investiert. Dies sei ohne gute Ergebnisse nicht möglich.

Dass es beim aktuellen Sparpaket die Westschweiz stärker treffen soll als die Deutschschweiz, erklärt man bei Tamedia mit den grösseren strukturellen Schwierigkeiten der französischsprachigen Zeitungen und den geringeren Aussichten auf Besserung. Insbesondere der Boulevard-Titel «Le Matin» bereitet dem Unternehmen Sorge. Im letzten Jahr, so steht es im Kurzbericht zum Geschäftsjahr 2012, konnte die überregionale Tageszeitung «die gesetzten Ziele nicht erreichen». Trotz Kostensenkung sei es nicht gelungen, die seit Jahren bestehenden Verluste abzubauen.

Es soll aber nicht nur gespart. Auch neue Einnahmequellen will Tamedia erschliessen. So hat «Le Matin» mit dem Ringier-Blatt «Blick» zusammengespannt, um mit Glücksspielangeboten für die Leser Geld zu verdienen. Aber auch mit neuen publizistischen Projekten versucht Tamedia die Ertragslage verbessern, etwa mit dem Lifestyle-Magazin «Encore», das «Le Matin Dimanche» und Sonntagszeitung beigelegt wird.

Auch wenn der Fokus nun auf der Westschweiz liegt, kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Zeitungen in der Deutschschweiz von den Sparmassnahmen betroffen sein werden. Konkrete Massnahmen seien aber auch hier noch keine beschlossen, heisst es bei Tamedia. Ein mögliches Sparprojekt, von dem in den letzten Monaten intern verschiedentlich die Rede war, ist eine engere Kooperation der Deutschschweizer Regionalzeitungen. So könnte die Berner Zeitung auch den Mantel für die Zürcher Landzeitungen liefern. Ein solcher Schritt wäre mit dem Abbau von Journalistenstellen verbunden. Bis jetzt gab es von Tamedia kein Bekenntnis dazu, bei den kommenden Sparmassnahmen das historische Kerngeschäft, den Journalismus, möglichst unangetastet zu lassen. Gut ist für das Unternehmen, was rentiert. Der Journalismus, zumal jener in gedruckten Zeitungen, hat dabei immer schlechtere Karten.

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