von Nick Lüthi

Sommerliche Klischeepflege

In der Sommerserie «Landesteile Vorurteile» zeichnet SRF Kultur Zerrbilder der schweizerischen Sprachregionen. Mit der Klammerfunktion, für die sich der nationale Rundfunk gerne rühmt, ist es für einmal nicht weit her. Dass SRF auch anders kann, zeigt die aktuelle Interview-Reihe «Bonjour, les Romands!».

Das kennen wir doch. Vor zwei Jahren unternahm DRS 3 (Heute: Radio SRF 3) eine Expedition in die ferne, «unbekannte Welt» jenseits des Röstigrabens. «Chez les Welsch» hiess die Sendereihe über Sitten und Bräuche in der Romandie. «Doch die unbekannte Welt entpuppte sich (..) als die sattsam bekannte, die aus den ewig gestrigen Klischees besteht», stand im Juli 2011 hier zu lesen. Ein Jahr später hiess es bei DRS 3 «Buongiorno Svizzera» und man feierte Polenta, Grotto, Sonnenschein.

Nun geht es weiter im Takt. Auch in diesem Jahr steht die Klischeepflege auf dem Programm von Schweizer Radio- und Fernsehen. «Landesteile Vorurteile» heisst die aktuelle Sommerserie von SRF Kultur. Und man gibt sich grosse Mühe, dem Titel gerecht zu werden. Da wird jeder Gemeinplatz gezückt, jede Belanglosigkeit bemüht. Als erstes springen einem, wie schon in früheren Jahren, die dümmlichen Cartoons ins Auge: Hier die faulen,weissweintrinkenden Romands, da der stoppelbärtige Tessiner Gigolo. Neu dazugekommen sind die «urwüchsigen Rätoromanen» und die «soliden Deutschschweizer». Lustig gemeint, sauglatt umgesetzt. Man bemüht sich zwar, in den vier Filmbeiträgen zu jedem Landesteil, den  Vorurteilen Fakten gegenüberzustellen. Das gelingt mässig bis gar nicht. Am Ende bleiben die überzeichneten Zerrbilder haften.

Irritierend wirkt der vorurteilsbeladene Zugang zu Land und Leuten vor allem deshalb, weil sich die SRG gerne für ihre Klammerfunktion rühmt, mit der sie dazu beitrage, die Schweiz zusammenzuhalten. Was der öffentliche Rundfunk hier anstellt, ist das Gegenteil davon; Trennendes zelebrieren, anstatt Verbindendes zu suchen. Entsprechend bescheiden ist der Erkenntnisgewinn: Die anderen sehen uns anders als wir selbst uns sehen.

Weit interessanter als sattsam bekannte Klischees abzufeiern, wäre es nach unbekannten Gemeinsamkeiten zu suchen. Ein naheliegendes Beispiel: Rösti als Westschweizer Gericht, von wegen trennender «Röstigraben». Oder das in allen Landesteilen ambivalente Verhältnis zu den gleichsprachigen Nachbarländern. Oder gesamtschweizerisches Brauchtum in seiner regionalen Ausprägung zeigen; Jassen, Schwingen, was auch immer. An Stoff mangelt es nicht. Wohl aber an Fantasie.

Neben der dümmlichen Klischeepflege verbleichen die gelungenen Reportagen über Künstler aus der ganzen Schweiz, die ebenfalls zum Gesamtpaket von «Landesteile Vorurteile» gehören. Die Beiträge wirken in ein falsches Korsett gezwängt. Doch nun ist der Rahmen gesetzt, daran lässt sich nichts mehr ändern. Und in einem Jahr geht es wohl weiter im gleichen Stil. Im völkerkundlichen Vorurteilskabinett von Schweizer Radio und Fernsehen fehlt noch der Ausländer. Eine billige Karikatur liesse sich auch von ihm zeichnen. Doch es geht auch anders.

Einen klischeefreien Blick über die Sprachgrenze zeigt das gleiche Schweizer Radio und Fernsehen in einer anderen Sommerserie. Die Interviewreihe «Bonjour, les Romands!» lässt seit dieser Woche sechs mehr oder weniger bekannte Figuren aus der Westschweiz ausführlich zu Wort kommen. Anstelle des «Mittagsgesprächs» mit einem aktuellen Gast sprechen SRF 1 und 4 eine Woche lang jeden Mittag mit der gleichen Person. Den Anfang macht die Waadtländer Regierungsrätin und Sicherheitsdirektorin Jaqueline de Quattro, eine gebürtige Deutschschweizerin, die seit über 40 Jahren in der Romandie lebt. Auch die weiteren Persönlichkeiten sind Grenzgänger zwischen Deutsch- und Westschweiz. «Bonjour, les Romands!» legt damit den Fokus auf das Verbindende zwischen den Landesteilen und nicht auf das Trennende, wie dies die Kultur-Serie mit den Vorurteilen als Rahmen getan hat.

Hinweis:
Der letzte Abschnitt wurde nachträglich am 11.7. um 00:26 eingefügt. In der ersten Fassung von 14:18 lautete er wie folgt:
«Dass Klischeepflege in den nationalen Medien nicht a priori peinlich sein muss, zeigt Mal um Mal die Morgensatire «120 Secondes» des Westschweizer Radio und Fernsehen RTS. Wenn schon den Miteidgenossen überzeichnen, dann aber richtig.»

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