von Silke Fürst

Demokratie nach den Regeln der Datenbarone

Es ist ein beliebter Gemeinplatz: Das Internet ermögliche mehr Demokratie, mehr Partizipation, mehr Interaktivität. Wirklich? Der österreichische Medienwissenschaftler Ramón Reichert hält in seinem aktuellen Buch «Die Macht der Vielen» der populären These entgegen: Die Spielräume im Netz sind häufig nur so gross, wie Unternehmen sie tolerieren und daraus weitere Macht schöpfen können.

An der Vorstellung vom Internet als demokratischer Raum hat der spanische Soziologe Manuel Castells einen nicht unwesentlichen Anteil. Bereits in den 1990er Jahren hat er in den neuen technischen Möglichkeiten und ihren Anwendungen das Kennzeichen unserer modernen Gesellschaft gesehen. Für seine langjährigen Forschungen zur «Netzwerkgesellschaft» wurde Castells vergangene Woche in Bern mit dem hoch dotierten Balzan-Preis geehrt. Bei den Feierlichkeiten sprach Castells vom «empowerment» des Einzelnen, von mehr Autonomie und mehr «sociability» in und durch Netzwerke. Das zeige sich im Kleinen mit unseren privaten Netzwerken genauso wie im Grossen, den über das Netz organisierten sozialen Bewegungen und politischen Umbrüchen.

Ist die Macht der Vielen also tatsächlich Wirklichkeit geworden? Oder gehen auch mit den digitalen Netzen komplexe Machtverhältnisse und kaum durchschaubare Machtstrategien einher? Diesen Fragen widmet sich der österreichische Medienwissenschaftler Ramón Reichert in seinem kürzlich erschienenen Buch «Die Macht der Vielen». Eine Lektüre, die auch vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um die NSA-Affäre und die prekäre Datensicherheit bereichernd ist.

Oberfläche und Tiefenstruktur

Reichert macht deutlich, dass die Macht im Netz nicht ohne die verschiedenen Rollen und Zugriffsmöglichkeiten verstanden werden kann. Die Problematik beginnt mit den Netzwerkprotokollen, die als technische Grundlage für den Datenverkehr dienen. Auf der Oberfläche stellen sie Informationsübertragungen zwischen autonomen Knotenpunkten her. Sie sind die Voraussetzung für den kollektiven Informationsaustausch und gelten gemeinhin als «herrschafts- und machtneutrales Tool» (S. 22). Der Nutzer kann sich jedoch weder von ihnen befreien noch kann er sie durchschauen. So legen die Protokolle «im Verborgenen» für unterschiedliche Internetschichten fest, inwieweit die Datenübertragung anonym oder personalisiert stattfindet. Auf diese Weise können im Hintergrund statistische Berechnungen und Steuerungen durchgeführt werden. Die Nutzer erfahren ihre Ohnmacht in der Regel erst aus Medienberichten: Soziale Netzwerke «sammeln zu viele Daten» und ausländische Geheimdienste greifen unsere persönlichen Daten ab. Diese öffentliche Diskussion beschäftigt uns schon seit vielen Jahren und hat durch die Enthüllungen von Edward Snowden deutlich an Brisanz gewonnen.

«Was machst du gerade?»

Mit jedem Besuch in sozialen Netzwerken werden die Daten in Echtzeit erfasst und aktualisiert. Mit dem Instrument des Data Mining lassen sich Muster in den Daten finden und Berechnungen für zukünftiges Verhalten anstellen. Auf diese Weise können Zielgruppen identifiziert und im Rahmen des E-Commerce gezielt adressiert werden. Reichert sieht hierin eine Parallele zu polizeilichen Kontrollformen, die nun allerdings auf die Allgemeinheit ausgeweitet werden. Kommerzielle Organisationen «sammeln ihr Wissen über die privaten Gewohnheiten der Bürger/Bürgerinnen mit der Akribie geheimdienstlicher Methoden» (S. 41). Soziale Netzwerke wie Facebook sind nicht nur in passiver Weise «gigantische Datensammler» (S. 46), sondern ermuntern ihre Nutzer auch aktiv zu einem freizügigen Preisgeben persönlicher Informationen. Sie fordern in regelmässigen Abständen zu Status-Updates auf und fragen «What’s going on?» (S. 58). Das treibt die mit ihnen entstandene «boomende Bekenntniskultur» (S. 67) weiter voran.

Neuer «Digital Divide»

Einzelne Mitteilungen mögen dabei wenig Informationswert haben, doch auf die Masse gerechnet, ergibt sich begehrtes Wissen für die unterschiedlichsten Zusammenhänge. Zumal die bei der Nutzung installierten Cookies zusätzlich persönliche Daten abgreifen. So lassen sich beispielsweise mit der Analyse von Millionen Tweets ganze Landkarten dazu entwerfen, in welchen Gebieten die Menschen besonders stark von «Allergien, Impotenz, Schlaflosigkeit und Depressionen» (S. 47) betroffen sind und welche Medikamente sie einnehmen. Dieses ermittelte Wissen wird nicht der öffentlichen Diskussion zur Verfügung gestellt, sondern kommerziell verwertet. Damit ist Twitter nicht mehr nur ein Kurznachrichtendienst, sondern ein mächtiges Analyseinstrument in den Händen jener, die für den Zugriff auf die Daten zahlen. So zeichnet sich eine neue Wissenskluft, eine neue Form des «Digital Divide» ab. Angesichts der enormen Ausbreitung des Internets geht es nun nicht mehr darum, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen von der Internetnutzung ausgeschlossen sein könnten. Vielmehr geht es darum, dass nur eine kleine Gruppe von Menschen den Zugriff und die Kontrolle über die Daten hat.

Längst werden die Daten auch zur Prognose von sozialen Bewegungen genutzt. Weil sich diese auch über soziale Netzwerke organisieren, sind mehrere Protestbewegungen in den letzten Jahren als «Facebook-Revolutionen» in die Geschichte eingegangen. Die Kehrseite ist, dass der Austausch in sozialen Netzwerken detaillierte Daten liefert, die Regierungen für die «politische Kontrolle sozialer Bewegungen» (S. 51) nutzen können. Durch soziale Netzwerke können sich politische Bewegungen also nicht nur entwickeln, sondern auch frühzeitig erkannt und somit bekämpft werden.

Die «Facebook-Welt»

Auf den ersten Blick scheint es allein in der Macht der Nutzer zu liegen, welche Netzwerke Zuspruch finden, sich zu wichtigen Plattformen entwickeln oder sich im Gegenteil langsam auflösen. Dieser Eindruck täuscht. Mit PR-Arbeit ist es Facebook über Jahre hinweg gelungen, das Bild einer sich ständig vergrössernden und global ausweitenden Community zu etablieren. Nicht zuletzt mit dem Medienecho auf die «Facebook-Revolutionen» konnte der Eindruck erweckt werden, dass Facebook das soziale Netzwerk schlechthin ist. Und obschon nur ein Bruchteil der Nutzer tatsächlich miteinander in Kontakt tritt, etablieren Mitgliederzahlen und Entwicklungsprognosen die Vorstellung einer einheitlichen Community. Die Vielfältigkeit der Nutzungsweisen wird so auf einen Nenner gebracht (S. 70).

Genau das hat Nachrichtenwert. Die Medien visualisieren die «Facebook-Welt» oder «Die Internet-Weltordnung» und machen aus den Mitgliederzahlen Schlagzeilen und Titelstories. Dadurch werden Trends im positiven wie im negativen Sinne beschleunigt. Bereits im Januar 2012 wusste die Frankfurter Rundschau «StudiVZ vor dem Ende», das Netzwerk werde 2012 «kaum überleben». Hier wird die Masse zum Massstab gemacht. Dadurch werden zahlreiche Netzwerke von der Berichterstattung fast gänzlich ausgeschlossen, wie eine aktuelle Studie an der Universität Mainz zeigt. Die Berichterstattung nimmt damit Einfluss auf «die Durchsetzung und Akzeptanz» bestimmter Netzwerke.

Wir, das Netzwerk

Reichert macht deutlich, dass solche Repräsentationen der Gemeinschaft von Anfang an daran mitwirken, dass bestimmte Netzwerke entstehen (S. 127-144). Kommerzielle Bildagenturen haben wenige Motive entworfen, mit denen Netzwerke symbolisiert werden. Sie kursieren auf der ganzen Welt und stiften positive Konnotationen und ein imaginatives «Wir». In Anlehnung an das Motiv des verbindenden Reigentanzes werden die Nutzer häufig als kreisförmige und herrschaftsfreie Gemeinschaft dargestellt. Dagegen werden Angebote, die durch Crowdsourcing entstehen, durch eine Aneinanderreihung einzelner Gesichter visualisiert. Auf diese Weise entsteht der Eindruck, dass die mitwirkende Gemeinschaft transparent und übersichtlich ist. Die Mitwirkung der Beteiligten hört bei dieser Darstellung jedoch auf. Die einzelnen Mitwirkenden können nicht entscheiden, ob und in welcher Weise sie dargestellt werden. Vermittelt wird nicht die Individualität der Mitwirkung, sondern die Idee der Beteiligungskultur.

Nutzung gegen den Strich

Neben den unterschiedlichen Machtformen der Wenigen verliert Reichert nicht aus dem Blick, dass die Macht der Vielen zum Teil nur schlecht oder gar nicht kontrolliert werden kann. Die zahlreichen Steuerungsversuche können nicht verhindern, dass Nutzer die Intentionen und Strategien unterwandern können. Gegen Fake-Profile oder ein zurückhaltendes Mitteilungsverhalten ist Facebook machtlos. Zudem gibt es vielfältige Möglichkeiten der widerspenstigen und kreativen Nutzung. Die bildlichen und zahlengetriebenen Repräsentationen der Gemeinschaft können ihre beabsichtigte Wirkung verfehlen. Auch können sich die Nutzer selbst mitteilen, Inhalte kommentieren und parodieren und in völlig neue Kontexte stellen. Durch Feedbacks und Empfehlungen entsteht zwischen den Nutzern eine eigene Dynamik, was Zuspruch findet und was nicht.

Diese Nutzungsweisen sind nicht vorhersehbar und ihnen kann kaum Einhalt geboten werden. Entsprechend kann auch positive Resonanz nicht erzwungen werden. Das Pentagon versucht sich beispielsweise darin, das Videoportal Youtube als Verlängerung für eigene PR und Propaganda zu nutzen. Dazu wird in den Videos der amateurhafte und dadurch authentisch wirkende Aufnahmestil imitiert. Diese Strategie wurde jedoch von vielen Nutzern entlarvt und entsprechend kritisch kommentiert (S. 152). Gleichwohl können sich die Nutzer mit ihrem subversiven Verhalten jeweils nur in den Spielräumen bewegen, die ein Portal zur Verfügung stellt. Und die schiere Möglichkeit, dass Nutzer sich gegen den Strich verhalten können, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie das auch alltäglich tun.

Flüchtige Moderne

Auch die generierten Daten und die mit ihnen durchgeführten Analysen haben ihre Grenzen. Sie basieren auf der automatischen Erkennung von Wörtern und müssen Mehrdeutigkeiten ausblenden. Jene Muster, die erkannt werden, sind alles andere als stabil. Die Internetnutzung ist in ständiger Veränderung und übersteigt dadurch die Möglichkeit der vollständigen Erfassung und Vorhersehbarkeit. Die Macht der Vielen liegt also auch in ihren «instabilen Bewegungsströmen» (S. 36). Damit fügen sich Reicherts Beobachtungen in das Bild der «Flüchtigen Moderne», mit der Zygmunt Bauman unsere Zeit beschrieben hat. Alles, was im Internet erfasst und analysiert wird, ist eine flüchtige Momentaufnahme. Allerdings wird genau das erfolgreich ausgeblendet, um Daten gewinnbringend verkaufen und Einfluss auf die öffentliche Berichterstattung nehmen zu können.

«Durch ein Meer von Unwägbarkeiten»

Das Dilemma, dass regulative und kaum durchschaubare Techniken zugleich grosse Nutzungs- und Vernetzungsfreiheiten ermöglichen, kann auch Reichert nicht lösen. Aber sein Buch trägt dazu bei, die digitalen Netze differenziert zu betrachten – also weder euphorisch zu bejubeln noch zu verteufeln. Es öffnet den Blick darauf, wie eine Gemeinschaft mobilisiert und instrumentalisiert wird, aber auch wie sie sich beständig verändert und nie ganz bändigen lässt. Für jeden Einzelnen und in der öffentlichen Diskussion wird sich immer wieder die Frage stellen: «Wie ist es möglich, nicht regiert zu werden?» (S. 69). Voraussetzung dafür sind neue Einsichten in die Macht und Ohnmacht der Vielen. In Reicherts Augen können seine Analysen freilich nur ein «Übergang» und keine «unverrückbaren Letztbegründungen» sein (S. 187). Damit schliesst sich der Autor am Ende jener Metaphorik an, die für die Kommunikation über das Internet so charakteristisch ist: Wir navigieren «durch ein Meer von Unwägbarkeiten».

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