von Ronnie Grob

Alles gecheckt in 7 Sekunden

Eine animierte Grafik aus dem Datenblog des Tages-Anzeigers, die Erkenntnisse über Verschiebungen in der politischen Schweiz verspricht, erlangt hohe Aufmerksamkeit. Aber ist sie diese wert? Eine Kurzanalyse.

Iwan Städler, Redaktor beim Tages-Anzeiger, twitterte am Tag nach dem Ostermontag:

7 Sekunden, um 30 Jahre Schweizer Politik zu verstehen, genial!

Menschen mit rascher Auffassungsgabe nehmen in 7 Sekunden vielleicht wahr, dass die SVP sich abgesetzt hat von den anderen bürgerlichen Parteien und nun dort politisiert, wo bisher Parteien wie die Eidgenössisch-Demokratische Union, die Schweizer Demokraten oder die Freiheitspartei politisiert hatten. Nicht sehr überraschend wurden der Tweet und die Story «Wie sich die SVP aus dem Bürgerblock verabschiedet hat» intensiv und oft zustimmend geteilt. Nicht sehr überraschend ist es aber nicht so einfach.

Zunächst mal mussten die Macher des Datenblogs durch mehrere den Beitrag kommentierende Leser überzeugt werden, tatsächlich auch Daten zu liefern und nicht nur Ergebnisse, die gar nicht nachzuvollziehen sind. Am Dienstagnachmittag dann wurde der am Montagabend online gestellte Beitrag mit Rohdaten ergänzt.


Die betreffende Datenblog-Grafik, erstellt von Mario Nowak und Michael Hermann.

Es lohnt sich, die wunderschön animierte Grafik und die zugrundeliegenden Daten genau zu studieren. Aber auch schon eine oberflächliche Betrachtung gibt einiges her:

1. Die Unschärfe der Achsen
Zwei Achsen durchziehen das Quadrat, horizontal geht es von links nach rechts, vertikal von konservativ (unten) nach progressiv / liberal (oben). Dass es über die Definition von links und rechts kaum einen Konsens gibt, ist bekannt. Sehr fragwürdig ist jedoch, dass der Begriff «liberal» Seite an Seite von progressiv steht, und gegenüber von konservativ. Wie die Begriffe gemeint sind, wird seit Dienstagnachmittag im Beitrag erklärt, aber natürlich ist das nur eine von vielen möglichen Auslegungsarten der Begriffe.

2. Die Parteiparolen als Datengrundlage
Man muss es sich vergegenwärtigten: Grundlage der animierten Grafik sind tatsächlich die von den Parteien gefassten Parolen zu den Volksabstimmungen. Die Parolenfassung ist, wie der Beitrag aufzeigt, innerparteilich oft umstritten, nicht selten führen allerlei recht zufällige Faktoren zu skurillen Ergebnissen. Parolen werden manchmal auch gefasst, um sich abzugrenzen und zu profilieren – oder aus rein werbe- und wahltechnischen Überlegungen.

3. Die Einstufung per «Faktorenanalyse»
Haben Sie letztes Jahr für die Volksinitiative Volkswahl des Bundesrates gestimmt? Dann werden sie als konservativ (Wert «-1») eingestuft, so wie die Parteien SVP und EDU, die die Ja-Parole dazu herausgegeben haben. Wunderlich, ich hätte die angestrebte Neuerung für ein progressives Anliegen gehalten, gerade auch, weil schon zwei frühere Volksinitiativen, so die Sozialdemokraten 1939, mit dem gleichen Anliegen scheiterten.

Gehörten Sie 2001 zu jenen 84,7 Prozent aller Stimmbürger, die dem «Bundesbeschluss für eine Schuldenbremse» zustimmten, so werden Sie als rechts (Wert «+2») eingestuft, so wie jene Parteien, die dazu eine Ja-Parole gefasst haben (CSP, CVP, EDU, EVP, FDP, FPS, LPS, SD und SVP).

Grundlage für die interaktive Grafik sind nämlich die Einstufungen der so genannte «Faktorenanalyse» der Forschungsstelle Sotomo, die dort seit dem «Atlas der politischen Landschaften» (Fertigstellung 2003) verwendet wird.

4. Die Skala
Tatsächlich verfügt die Skala der animierten Grafik über keine Erklärung, was überhaupt gemessen wird. Wurde sie vergessen? Unbeschriftete Skalen sind in aller Regel ein klarer Indikator für Bullshit. Plus 20 was? Minus 40 was?
Nachtrag, 23. April, 15:15 Uhr: Michael Hermann weist per E-Mail darauf hin, dass unter der zweiten (vergleichenden, nicht animierten) Grafik durchaus eine Skala zu lesen ist. Sie lautet: «Abweichung in Prozentpunkt vom Mittelwert der Stimmenden». Zu lesen ist das auch in den am Dienstagnachmittag nachgereichten Informationen zur Methode am Ende des Beitrags: «Die einzelnen Abstimmungen wurden so standardisiert, dass die Position der Parteien im politischen Raum ihrem Abstand in Prozentpunkten vom Mittelwert der Stimmenden (Median) entspricht.»

5. Das Herrschaftswissen
Dass der Beitrag online gestellt wurde ohne Rohdaten, ist ein Zeichen dafür, dass sich Journalisten nach wie vor gefallen in der Gatekeeper-Rolle und das in Geheimnisse uneingeweihte Publikum gerne aussen vor halten. Wer mit Daten etwas sagen will, muss sie so präsentieren, dass keine Fragen offen bleiben. Ein Ergebnis zu präsentieren, ohne den Weg dazu zu offenbaren, lässt den Journalist immer noch etwas Zauberer sein vor einem staunendem Publikum. Schade eigentlich nur, dass immer noch ein Grossteil dieses Publikums, darunter offenbar viele unkritische Journalisten, lieber staunt als mitdenkt.

6. Die Beweise?
«Nicht die FDP und die CVP haben sich bewegt, sondern die SVP» – tatsächlich? Ist es nicht womöglich sogar umgekehrt? Nachweisbar scheint mir lediglich, dass die SVP in den letzten Jahren mit vielen Volksinitiativen aufgetreten ist, die als konservative Anliegen eingestuft werden können. Und dass sie sich, während die anderen Parteien im Konsens bleiben, oft eine eigene Meinung und Haltung leistet.

Die Strategie, den Tagi-Leser mit einer SVP-Schlagzeile zu ködern und ihn sein Urteil über diese Partei bestätigen zu lassen, ist jedenfalls mal wieder aufgegangen; der Beitrag war am Dienstag zwischenzeitlich der meistgelesene Beitrag auf Tagesanzeiger.ch.

7. Das Fazit
Das Manipulationspotenzial bei Grafiken ist hoch. Der kritische Leser tut gut daran, sein Urteil nicht in sieben Sekunden zu fällen. Und der kritische Journalist tut gut daran, seine Informationen und Daten so aufzubereiten, dass beim Leser keine Rückfragen oder Unsicherheiten bestehen.

Diskutiert wird die Grafik auch unter dem lesenswerten Beitrag «Datenjournalismus oder politische Datenmalerei?» auf arslibertatis.com.

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Leserbeiträge

Kathrin Fischer 23. April 2014, 12:22

Danke für diesen Artikel. Und besonders für die intelligente Argumentation. Überzeugt mich, dass es einen richtigen Standpunkt gibt auf der Welt: den kritischen.

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Frank Hofmann 23. April 2014, 18:54

Immerhin ist der Titel so deutlich, dass man keine Zeit (Geld gibts ohnehin nicht für Tagi-Produkte) für die Lektüre verschwendet.

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