von Nick Lüthi

Forcierter Generationenwechsel

Wenn Spitzenleute von Medienunternehmen wegen Personalfragen von sich reden machen, dann meist im Zusammenhang mit Stellenabbau und Entlassungen. Anders vor einer Woche. Am Swiss Media Forum in Luzern kündigte Tamedia-Geschäftsführer Martin Kall an, innert zwei Jahren 200 neue Stellen in Online-Medien schaffen zu wollen. Die Hälfte davon in Redaktionen. In erster Linie würden die bestehenden Angebote von 20min.ch und tagesanzeiger.ch/Newsnetz ausgebaut. Das sind untrügliche Symptome eines forcierten Generationenwechsels. Zu den Verlierern gehören die in den letzten Jahren entlassenen Zeitungsjournalisten.

Ein Blick auf die letzten Jahre relativiert diese auf den ersten Blick so eindrückliche Zahl. Den rund hundert Journalistenstellen, die Tamedia neu zu schaffen angekündigt hat, stehen 180 Vollstellen gegenüber, die das Medienhaus in den letzten drei Jahren gestrichen hat. Bleibt also immer noch ein negativer Saldo unter dem Strich. Der Vergleich zwischen den verschwundenen Arbeitsplätzen und den neu zu schaffenden ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Denn wir beobachten hier einen grundlegenden Umbau im Zuge des Medienwandels von Print zu online. Zeitungen stagnieren bestenfalls in der kommerziellen Entwicklung. Das Geschäft mit den Nachrichten im Internet dagegen floriert. Gemäss Aussagen von Tamedia schreiben 20min.ch und tagesanzeiger.ch schwarze Zahlen.

Weshalb aber, könnte man sich nun fragen, weshalb hat der Zürcher Medienkonzern anstatt 180 Stellen in den Zeitungen zu streichen und den Grossteil des Personals zu entlassen oder in die Frühpensionierung zu schicken, nicht einfach den ehemaligen Zeitungsjournalisten eine Arbeit in den Online-Redaktionen angeboten? Immerhin gut die Hälfte der Entlassenen hätte so weiterbeschäftigt werden können. Eine Antwort darauf liefert ein Blick auf die Liste mit den jüngsten Neuzugängen bei tagesanzeiger.ch/Newsnetz. Nur die wenigsten der angehenden Online-Redaktoren bringen eine Vergangenheit als Zeitungsjournalisten mit sich. Ein Teil kommt direkt von der Fachhochschule, andere bringen einschlägige Erfahrungen in elektronischen Medien mit sich oder haben bereits für Online-Medien gearbeitet. Unabhängig davon, was man vom real existierenden Online-Journalismus hält, unterscheidet er sich von der Arbeit für ein Druckerzeugnis. Der Aktualitätsdruck ist grösser, die Konkurrenzsituation härter, im Netz befinden sich die Nachrichtenangebote immer nur einen Klick von Unterhaltung und Zerstreuung entfernt. Es liegt auf der Hand, dafür Personal anzuheuern, das sich in diesem Umfeld bereits auskennt.

Tamedia hat diesen Generationenwechsel mit einem harten und für die Betroffenen schmerzhaften Schnitt vollzogen. Alte raus, Junge rein. Bei dieser Form des forcierten Übergangs von Print zu online droht auf der Strecke zu bleiben, was für den Journalismus letztlich unverzichtbar ist: Dossierkenntnis, Fachwissen und Expertise in den Sachgebieten der Berichterstattung. Jene Lücke, die die 180 entlassenen Journalisten und diejenigen, die freiwillig in PR und Kommunikation wechseln, hinterlassen haben, zeigt sich immer wieder dann, wenn in 20min.ch und tagesanzeiger.ch überhastet und oberflächlich berichtet wird.

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Leserbeiträge

Ugugu 19. Mai 2011, 10:59

Ich würde den Grund für den Generationenumbruch bei Tamedia eher auf der Kostenseite denn auf der Technologieseite vermuten…

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Konrad Weber 19. Mai 2011, 11:04

Es ist ein Teufelskreis:
Dadurch dass der Online-Journalismus noch immer statt Einordnungen und Analysen hauptsächlich Kurzfutter mit Halbwertszeiten von höchstens einigen wenigen Stunden liefert, fühlen sich die Print-Journalisten den Online-Journalisten überlegen. Soll dies ändern, müssen nicht neue junge Redaktoren für den Online-Bereich eingesetzt werden, sondern hauptsächlich die alteingesessenen und erfahreneren Print-Kollegen von den positiven Seiten des Online-Journalismus überzeugt werden. Der Glaube, verschiedene Medienkanäle bedeute zwingend verschiedene Inhaltsqualitäten ist überholt.
Nur so lässt sich verhindern, dass die hauptsächlich im Online-Bereich arbeitenden Journalisten belächelt und ihre Arbeit höchstens als lästiges «wir-müssen-halt-auch-mithalten-können» geringgeschätzt wird.

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Edith Hollenstein 19. Mai 2011, 22:18

Immer mehr etablierte Printjournalisten werden ins Online wechseln, oder zumindest zu einem bestimmten Teil für diesen Kanal arbeiten (ohne lediglich Kurzfutter zu produzieren). Schliesslich will jeder Journalist, dass seine Texte beachtet und weiterverbreitet werden, auch in Zukunft. Da hilft langfristig nur eine Weiterbildung in CMS, Bildauswahl, Storytelling mit Infografiken, Ton und Video, Erzählen in Bildstrecken, Einsatz von SM, … Oder der Wechsel in die PR.

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Ronnie Grob 19. Mai 2011, 11:42

Es liegt doch auch an den Print-Mitarbeitern und ihrer Weigerung, sich mit dem Web auseinanderzusetzen. Denn an sich gibt es doch keinen vernünftigen Grund, einen verdienten Mitarbeiter, der für das gedruckte Produkt eingespart wird, online wieder einzusetzen, oder?

Das Problem ist aber auch, dass Journalisten Mühe haben, die Arbeiten, die derzeit als Online-Journalismus durchgehen, als Journalismus zu akzeptieren. Gäbe es einen Online-Journalismus, der diesen Namen durchgehend verdient, wäre das sicher anders. Leider ist ein solcher bisher nur stellenweise zu finden. Leider ist ein Grossteil von dem, was Online-Portale bieten, nicht viel mehr als das Management von Inhalten, die vom Printprodukt und den Agenturen erarbeitet wurden.

Aktueller Lesetipp dazu: “stern.de: Anatomie einer Attrappe”

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bugsierer 19. Mai 2011, 18:59

müsste man der vollständigkeit halber nicht auch noch erwähnen, dass sehr viele altgediente printler es schlicht verpasst haben, sich auf den neuen kanälen schlau zu machen?
ich erinnere mich noch sehr gut an die zeit vor ca. drei jahren, als das magazin online ging und sich trotzdem viele magazin-redaktoren mehr oder weniger offen gegen online aussprachen (und dann an den ausgiebig geführten diskussionen auch nicht teilnahmen). es war eine grundsätzliche ablehnung (aus welchen gründen auch immer) und es war eine massive verweigerung, sich mit den neuen tools überhaupt zu beschäftigen.
in diesem licht ist es zumindest nachvollziehbar, dass die verleger diesen generationenwechsel vorantreiben.

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Alois Amrein 11. Juni 2013, 11:12

Erschreckend ist doch heute die Diskrepanz bei der Qualität zwischen gedruckter Zeitung und dem Online-Portal der gleichen Zeitung, gerade auch beim Tages-Anzeiger. Während man den TAGES-ANZEIGER nach wie vor als gut gemachte und lesenswerte Zeitung betrachten kann, ist das beim TAGI-Online-Portal leider nicht der Fall. Da dominieren Sensationsartikel, schlecht recherchierte Meinungsartikel und orthographische Schludrigkeit. Manche Redaktoren/innen beherrschen nicht mal die elementarsten Rechtschreiberegeln der deutschen Sprache, wollen aber als Journalisten gelten. Hat da die Ausbildung komplett versagt oder das Selektionsverfahren von TAGES-ANZEIGER? Läuft die Selektion evtl. über den Preis?

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