von Nick Lüthi

Tagi, auch Tagi, doch nicht Tagi

Nach «Das Magazin» und der Sonntagszeitung kommt mit dem Tages-Anzeiger auch das Flaggschiff von Tamedia aufs iPad. Heute hat die Zeitung eine neue App veröffentlicht, die das bisher kostenlose Angebot auf dem Apple-Tablet ersetzen wird. Damit unternimmt Tamedia einen Schritt gegen die von Fachleuten als inkonsistent beurteilte Markenführung beim Tages-Anzeiger: Zeitung und App bieten künftig identische Inhalte. Doch die Probleme liegen tiefer und sind noch lange nicht gelöst.

Leser Rudolf kann die Aufregung um die neue App nicht verstehen: «Den Tagi gibts ja schon lange auf iPad. Ich weiss nun nicht, was da neu sein soll.» Leser Patrick versucht den irritierten Rudolf aufzuklären: «Diese App bringt Dir die Zeitung aufs iPad. Die bisherige App [mit den Inhalten des Newsnetz, Anm. d. Red] kann man als praktisch nicht recherchierte – und oftmals leider auch nicht korrigierte aktuelle Erweiterung sehen.» Ob Rudolf nun verstanden hat, wie sich die eine App von der anderen App unterscheidet, ist nicht überliefert.

Solche Verwirrung soll es in Zukunft nicht mehr geben. Denn die heute veröffentlichte und ab September kostenpflichtige iPad-App des Tages-Anzeigers wird das aktuelle Gratisangebot mit Newsnetz-Inhalten ablösen. Das sagte Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer gegenüber der MEDIENWOCHE. Damit schafft Tamedia ein über weite Strecken identisches Nachrichtenangebot auf Papier und iPad. Das ist heute nicht so. Auf der aktuellen iPad-App, die von den Lesern zwar als Tages-Anzeiger wahrgenommen wird (siehe Rudolf), finden sich die Inhalte der Online-Redaktion vom Newsnetz. Nur vereinzelt finden sich auch Zeitungsartikel.

Für die Marke Tages-Anzeiger ist dieses Durcheinander alles andere als förderlich. Thomas Ramseier, Markenspezialist und Geschäftsführer bei Brandpulse, geht in der Beurteilung noch einen Schritt weiter. «Der Tages-Anzeiger funktioniert eigentlich nicht mehr als Marke. Eine starke Marke erzählt immer die gleiche Geschichte. Genau das macht aber der Tages-Anzeiger nicht: Das Newsnetz, das vom Publikum als Tages-Anzeiger wahrgenommen wird, erzählt etwas anderes als die Zeitung.» Ramseier weist aber auch auf die Schwierigkeiten hin vor denen Medienunternehmen stehen bei der Markenpflege: «Verlagsmarken hatten schon immer das Problem, dass sie sich jeden Tag neu erfinden müssen. Daher ist es ungleich schwieriger, eine konsistente Markenführung zu erreichen.»

Doch auch mit der neuen iPad-App, die den Inhalt des Tages-Anzeigers multimedial angereichert aufs Apple-Tablet bringt, ist das Markenproblem nur teilweise gelöst, denn die Zeitungslektüre auf dem iPad ist ein Minderheitenprogramm. Viel mehr Leute nutzen für die mobile Zeitungslektüre das iPhone. Wer aber meint, mit dem iPhone Tages-Anzeiger zu lesen, weil er den unverwechselbaren Schriftzug mit dem Zürcher Wappen auf dem Display sieht, liest in Tat und Wahrheit Newsnetz, das eine eigenständige, von der Zeitung getrennte Redaktion unterhält.

Wenn es Tamedia ein Anliegen wäre, mehr Konsistenz in die Markenführung seines Flaggschiffs zu bringen, hätte das Unternehmen beim iPhone angesetzt und nicht beim marginalen iPad. Tamedia-Sprecher Zimmer erklärt den Entscheid für eine neue iPad-App folgendermassen: «Obwohl es in der Schweiz wesentlich mehr iPhones als iPads gibt, haben wir uns dafür entschieden, die kostenpflichtige Tagi-App für das Tablet zu entwickeln, weil es für die Darstellung der Zeitungsinhalte die attraktivere Umgebung bietet als der kleine Bildschirm eines Smartphones.»

Damit wird auch klar, worum es sich bei der heute veröffentlichten iPad-App im Kern handelt: Um einen Versuchsballon, eine Testumgebung, ein Experimentierfeld. Geld verdienen kommt – wenn sich denn zahlende Leser finden – in einem zweiten oder dritten Schritt. Das bestätigt auch Christoph Zimmer: «Klar wollen wir mit der iPad-App Geld verdienen. Es geht aber auch darum auszuprobieren, was alles möglich ist, wie das Publikum das neue Angebot akzeptiert und was wir verbessern müssen, um langfristig Erfolg zu haben.»

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Leserbeiträge

Klaus Rozsa 19. Juli 2011, 20:37

Newsnetz von tamedia übt sich in politischer Zensur

Vor dem Bundestrafgericht in Bellinzona findet zur Zeit der Prozess gegen drei Italiener statt. Sie werden beschuldigt, einen Anschlag auf die IBM in Rüschlikon geplant zu haben.

Im Newsnetz Forum finden sich zahlreiche Kommentare, darunter etliche mit rechtsradikalem Gedankengut.

Die dürfen stehen bleieben. Als nachstehender Leserkommentar erschien, wurde er innert einer Viertel Stunde gelöscht. Statt 35 Kommentare sind es jetzt nur noch 28. Es wurden einfach die anderen Unter-Kommentare auch gelöscht, die Kommentarfunktion abgeschaltet.

Demokratie wie sie sein soll, im freiheitsliebenden, perfekten Land Schweiz.

Und wer ein AKWeh betreibt, nimmt der etwa keine Menschenleben in Kauf? Nicht eines, Hunderttausende. Von denen steht aber keiner vor Gericht. Hier nicht und in Japan nicht.

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Nick Lüthi 19. Juli 2011, 22:45

Lieber Klaus, wir verstehen deine Empörung, die du ja auch andernorts kundgetan hast. Allerdings halten wir den Kommentarbereich unter diesem Artikel nicht für den geeigneten Ort um über die Moderationskriterien der Newsnetz-Redaktion zu diskutieren und erst recht nicht über die Gerichtsverhandlung in Bellinzona. Heute geht es bei uns um die neue iPad-App des Tages-Anzeigers und deren Folgen für die Markenstrategie der Zeitung, wie in obenstehendem Text zu lesen ist.
Zu Sinn und Unsinn von Leserkommentaren, sowie der Rolle der Redaktionen als Moderatoren haben wir schon ausgiebig diskutiert im Rahmen einer Artikel Serie. Die Texte findest du hier, hier, hier und hier. Dort hat es weiterhin Platz für Kommentare.

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Pete 20. Juli 2011, 19:01

das hiesse ja im endeffekt, die iphone-app (und damit eigentlich auch die website) müsste kostenpflichtig werden und mit den zeitungsinhalten gefüllt sein?
oder aber, das newsnetz wird klarer gebrandet und dürfte nicht mehr mit dem original-tagi-logo unterwegs sein. was dann aber wieder der konsistenz schaden würde.
wirklich nicht einfach zu lösen, dieses markenproblem.

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Vladimir Sibirien 21. Juli 2011, 14:21

Ein guter Artikel, Nick. Das Markenproblem um den Tagesanzeiger finde ich ebenfalls eklatant. Newsnetz ist ein Konstrukt, das unter rein wirtschaftlichen Zwängen geboren wurde und Qualitätsansprüche völlig ausblendet. Selbst das Handwerkliche bleibt aussen vor – es gibt immer wieder Fehler in den Artikeln. Für die BaZ mag Newsnetz Leitartikel-Niveau haben, aber nicht für den Tagi. (Das sage ich nach 20+ Jahren BaZ-Konsum.)

Den Entscheid für’s iPad finde ich nachvollziehbar. Wer ein anspruchsvolles Format produzieren will, muss auch das Medium wählen, das den Kunden in geeigneten Situationen abholt. Unterwegs mit dem iPhone ist die Aufmerksamkeitsspanne wohlmöglich kleiner als mit dem iPad. Und Sonntags am Frühstückstisch will ich mich nicht mit einem kleinen iPhone-Bildschirm herumschlagen. Von dem her macht es mir nicht den Anschein, als ob da jemand am Reissbrett die Würfel rausgeholt hätte.

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