von Nick Lüthi

«Mein Sohn hat mir die Türen geöffnet»

Ringier ist in Afrika angekommen. Unter der Verantwortung von Thomas Trüb baut der Zürcher Medien- und Unternhaltungskonzern sein Auslandengagement weiter aus. Trüb war bereits die treibende Kraft hinter der Expansion Ringiers nach Osteuropa und Asien in den 1990er Jahren. In Afrika setzt Ringier ausschliesslich auf das Internet. Publizistische Projekte sind zweitrangig. Im Gespräch mit der MEDIENWOCHE bietet Thomas Trüb erstmals einen Einblick in Ringiers neue Geschäftsfelder. Dazu zählt neben der Präsenz in Afrika auch der Tablet-Markt. Ringier Studios, eine Tochterfirma mit Sitz in Kalifornien, entwickelt Apps für eigene Medien und im Auftrag von Dritten.

MEDIENWOCHE: Weshalb hat Ringier seine Geschäftstätigkeit nach Afrika ausgeweitet?
Thomas Trüb: Ringier hat in den letzten zwanzig Jahren viel Erfahrung gesammelt in neuen Märkten, zuerst in Osteuropa, später in Asien. Wir schauen uns immer um, wo sich neue Geschäftsfelder öffnen. In den letzten Jahren bin ich zweimal längere Zeit durch Afrika gereist und habe einen Kontinent im Aufbruch gesehen – auch was die Medien angeht. Für Ringier ist das der richtige Zeitpunkt in Afrika aktiv zu werden. Als erste Schritte haben wir in Ghana und Kenia Tochterunternehmen gegründet und sind in Nigeria ein Joint Venture eingegangen.

Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie die drei Länder ausgewählt?
Ghana gilt als Musterstaat und ist eines der stabilsten Länder in Westafrika. Viele internationale Konzerne und NGO haben hier ihren Hauptsitz. Kenia hat sich in letzter Zeit stabilisiert und Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas, das grosse Hoffnungen in seinen neuen Präsidenten Goodluck Jonathan setzt. Ein bisschen spielte aber auch der Zufall mit. Es könnten auch drei andere Länder sein. Entscheidend waren schliesslich auch meine Kontakte, die ich während meiner zweiten Afrikareise knüpfen konnte.

Wer kamen diese Kontakte zustande?
Nicht zuletzt dank meinem Sohn konnte ich in Afrika Fuss fassen. Er hat mir sozusagen die Türen geöffnet zum afrikanischen Markt.

Wie das?
Mein Sohn studiert in London African Studies und hat ein grosses Netzwerk von afrikanischen Mitstudierenden, die als Jungunternehmer nach Afrika zurückgekehrt sind und mit denen er mich bekannt gemacht hat.

Wie sieht die Strategie für das Afrika-Geschäft aus?
Bei solchen Aktivitäten mit Pioniercharakter hüten wir uns davor, mit fixfertigen Konzepten in einen neuen Markt einzutreten, zuerst müssen wir lernen, und erst danach können wir eine komplette Strategie entwickeln. Afrika gehört zu Ringiers Bereich Neue Märkte für den ich verantwortlich bin. Neue Märkte heisst auch, dass wir neue Geschäftsmöglichkeiten in einem eher frühen Stadium identifizieren und Raum für experimentellere Aktivitäten lassen.

Die Konzernleitung findet diese unstrukturierte Herangehensweise in Ordnung?
Die Herangehensweise hat durchaus Struktur. Es ist einfach so, dass wir in den Neuen Märkten im Vergleich zu den etablierten Geschäftsfeldern bereit sind, grössere Risiken einzugehen. Die Konzernleitung um CEO Christian Unger hat diese Aktivitäten genau im Auge. Dank meiner langjährigen Erfahrung im Auslandgeschäft lässt man mich allerdings eher an der langen Leine. Aber wir lassen uns Zeit. Ringier sucht bekanntlich nicht den schnellen Profit. Wenn ich sehe, dass der Trend nicht stimmt, bin ich der erste, der sagt: Übung abbrechen.

Welche Medien will Ringier in Afrika aufbauen?
Wir beginnen mit Plattformen für Kleinanzeigen, digitalen Marktplätzen und Couponing-Angeboten. Wenn wir die ersten Erfahrungen gesammelt haben, folgen die nächsten Schritte. Dann sind auch publizistische Angebote vorgesehen, zuerst im Bereich Sport-Journalismus.

In Osteuropa und Asien sind Sie mit journalistischen Projekten angetreten. Weshalb in Afrika nicht?
Publizistische Entwicklungshilfe liegt mir schon am Herzen. Schliesslich bin ich Journalist und bleibe Journalist. In Afrika gibt es zwar viele News-Seiten im Web. Aber damit verdient man kein Geld. Deshalb werden wir auf Inhalte setzen, mit denen man Geld verdienen kann, wie eben Sport. Wenn aber ein Verlag mit einem spannenden Angebot auf uns zukommt, sind wir offen für Kooperationen.

Ist das auch der Grund, weshalb Zeitungen und Zeitschriften kein Thema sind für Ringier in Afrika?
Wir haben Afrika gar nie als Zeitungsmarkt angeschaut. Ich glaube auch nicht, dass es einen nachholenden Markt gibt für Print. Ausserdem wären die Investitionen in Druck und Distribution zu gross. Digital können wir uns schneller bewegen, weil die Digitalisierung keine Landesgrenzen kennt. Das Potenzial für den digitalen Markt ist enorm. Der Online-Bereich ist schon viel besser aufgestellt als die Zeitungen.

Was bringt das, wenn breite Bevölkerungskreise keinen Zugang zum Internet haben?
Das wird sich in den nächsten Jahren massiv verändern. Der Ausbau der Breitband-Infrastruktur geht schnell voran. Noch wichtiger für den Internetzugang werden mobile Geräte. Schon heute gibt es eine gute Abdeckung mit Mobilfunk. Dieser wird allerdings hauptsächlich für Telefonie und SMS genutzt. Doch auch das mobile Internet wird kommen. Wir werden deshalb auch Anwendungen dafür entwickeln.

Auf welche Konkurrenz trifft Ringier in Afrika?
Afrika ist eine weisse Landkarte. Zwar existieren viele lokale Initiativen, aber es gibt erst wenige professionelle Player im Markt. Wir sind also noch ziemlich alleine. Als Pioniere heisst man uns willkommen, weil wir Geld und Know-how mitbringen.

Ringier CEO Christian Unger war früher für den südafrikanischen Medienkonzern Naspers tätig. Öffnet das Türen für Kooperationen und Joint Ventures?
Nein, Naspers ist ein Konkurrent, da ist nichts Gemeinsames geplant. Aber es gibt so viel Platz für neue Aktivitäten. In Afrika verträgt es zehn Ringier und Naspers.

Wie häufig sind Sie in Afrika?
Vier Mal pro Jahr, meistens nur kurze Besuche. Aber mich braucht es auch nicht die ganze Zeit. Wir haben unsere Leute vor Ort.

Wie ist das Afrika-Engagement in die Konzernstrategie von Ringier eingebettet?
Ich schaue mit grossem Interesse, was Marc Walder in der Schweiz macht. Alle Medienunternehmen müssen diversifizieren, wenn sie überleben wollen. Ringier hat die wichtigen Weichen gestellt für die Zukunft. Die Fokussierung auf Unterhaltung ist ein logischer Schritt vor dem Hintergrund der Unternehmensgeschichte. Ringier war schon immer ein Unterhaltungsunternehmen. In Afrika können wir diese Erfahrung einbringen. Ich führe zurzeit Gspräche mit einem grossen Radio- und TV-Unternehmen. Für die ist es natürlich spannend zu sehen, was wir mit Radio Energy machen.

Die Neuen Märkte, für die Sie zuständig sind, hat Ringier nicht nur geografisch, sondern auch technologisch definiert. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Apps und Afrika?
Von Ringiers Unternehmenskultur her betrachtet, gibt es Gemeinsamkeiten. Wir waren immer wieder innovativ und bereit, Geld frei zu machen und zu experimentieren, sowohl in territorialen neuen Märkten als auch mit neuen Medien. Für das Geschäftsfeld der technologischen neuen Märkte haben wir in den USA die Ringier Studios aufgebaut mit Sitz in Kalifornien.

Was machen diese Ringier Studios genau?
Die Tochterfirma entwickelt Medienformate für Tablet-Computer, also in erster Linie Apps. Dabei handelt es sich um eigene Projekte, die von Ringier auf den Markt gebracht werden, aber auch um Auftragsarbeiten für Drittfirmen. Grosses Potenzial für Tablets sehen wir zudem im Bereich der Lehrmittel. Als viertes Standbein schliesslich wollen wir die von uns entwickelte Software lizenzieren und verkaufen.

Wie kommen Sie mit der schönen neuen App-Welt zurande?
Ich weiss jetzt, dass es sehr aufwändig und teuer ist, eine neue Applikation zu bauen. Und das Marketing ist sehr schwierig. Es funktioniert fast nur über virale Kanäle. Ausserdem hat der Konsument nicht auf eine bestimmte App gewartet.

Sie sprechen vom iPad-Magazin «The Collection», für dessen Entwicklung Sie verantwortlich sind. Ist es ein Erfolg?
Zahlen nennen wir keine. Was die Qualität angeht, haben wir alles erreicht, was wir wollten, aber die Verkäufe sind eindeutig enttäuschend.

Neue Märkte heisst auch neue Spielregeln. Beim iPad sind Sie von den Launen der Firma Apple abhängig. Wie gehen Sie damit um?
Wie nehmen es so, wie es ist, freuen uns aber nicht darüber. Apple wird langfristig kein geschlossenes System aufrecht erhalten können. Das widerspricht der Natur der digitalen Welt. Es ist gut vorstellbar, dass Android im Tablet-Bereich eine stärkere Rolle spiele wird und Apple zu Anpassungen zwingt.

Was treibt Sie eigentlich an, mit bald 60 weiterhin an vorderster Front im globalen Mediengeschäft mitzumischen?
Es ist der Spass, der mich antreibt. Meine Arbeit ist unglaublich spannend, auch dank der Freiheiten, die mir die Unternehmensleitung einräumt. Jede Woche bin ich in einer neuen Kultur, treffe neue Leute und kann mit jungen Menschen zusammenarbeiten.

Ist das nicht auch eine sehr einsame Arbeit?
Obwohl ich meistens alleine unterwegs, werde ich immer irgendwo erwartet. Wichtig sind die persönlichen Beziehungen, die ich über all die Jahre in der ganzen Welt aufbauen konnte. Beziehungen sind wichtiger als jeder Vertrag.

Wie lange machen Sie das noch?
Ich habe mich entschlossen, diese neuen Märkte in Afrika und in der App-Welt aufzubauen und werde noch mindestens fünf Jahre dranbleiben.

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