von Nick Lüthi

Der Sprachkurs muss warten

Im ersten Halbjahr 2012 haben bereits mehr SRG-Mitarbeiter Geld für eine «kreative Auszeit» beantragt als im ganzen Vorjahr. Erklärungen für den Ansturm gibt es mehrere. Klar ist soviel: Mit dem neuen Gesamtarbeitsvertrag, wie ihn die SRG will, wäre weitgehend Schluss mit bezahltem Urlaub – ausser für die Kader. Die sollen ihren «Entwicklungsurlaub» künftig sogar früher beziehen können.

«Weitere Vorhaben für 2012 können leider nicht mehr berücksichtigt werden.» Die Mitteilung im SRG-Intranet wird nicht wenige Radio- und Fernseh-Mitarbeiter enttäuscht haben, denn sie bedeutet: kein Sprachkurs in Spanien und keine Bildungsreise nach Berlin. Nach Auskunft der SRG wurden im letzten Jahr 165 Vorhaben genehmigt, im laufenden Jahr sind bereits 176 Gesuche eingegangen. Damit steht für das laufende Jahr kein Geld mehr zur Verfügung – und ab 2013 könnte der Topf noch schneller geleert sein. Denn die SRG will die Weiterbildungsurlaube ihrer Mitarbeiter künftig nur noch mit einem Drittel des bisherigen Betrags unterstützen. Diese Sparmassnahme soll im Rahmen eines neuen Gesamtarbeitsvertrags umgesetzt werden.

Weshalb es ausgerechnet jetzt zu einem solchen Ansturm kommt, darüber gehen die Einschätzungen auseinander. Bei der SRG spricht man von einem «Schneeballeffekt»: Je mehr Mitarbeiter von diesem Angebot Gebrauch machen, desto öfter wird davon gesprochen und weitere werden dazu animiert, auch mal eine «kreative Auszeit» zu nehmen. Für die Gewerkschaft SSM dagegen ist klar, dass die absehbare Mittelkürzung die Leute mobilisiert hat. «Mich dünkt der Grund ziemlich eindeutig: Die SRG-Mitarbeiter haben mitbekommen, dass die SRG bei den GAV-Verhandlungen verlangt hat, die Mittel radikal zu kürzen», schreibt SSM-Sekretär Ernst Gräub auf Anfrage. Ausserdem spiele die steigende Arbeitsbelastung und -hektik sicher auch eine Rolle, aber das ist kaum quantifizierbar.

Heute stehen jährlich 1,45 Millionen Franken in zwei Fonds zur Verfügung, mit denen die SRG Vorhaben von Mitarbeitern finanziert, die der «individuellen Entwicklung dienen oder die individuelle Arbeitsmarktfähigkeit fördern». Die Gelder stammen aus dem Erlös der kommerziellen Nutzung der Rechte, welche die Mitarbeiter der SRG abtreten. Verwaltet werden der Kreativitäts- und der Förderungsfonds paritätisch von SRG und der Hausgewerkschaft SSM. Dass sich das Feriengeld «grosser Beliebtheit» erfreut, wie die Gewerkschaft bereits 2003 festgestellt hatte, erstaunt nicht weiter. Pro Urlaub, für den die Mitarbeiter mindestens vier Wochen freigestellt sind, werden in der Regel 10’000 Franken bewilligt, wobei die Mitarbeiter einen Viertel der Gesamtkosten ihres Urlaubs, selber zu tragen haben.

Keine Sorge um ihren bezahlten Bildungsurlaub müssen sich derweil die 464 Kadermitarbeiter der SRG machen. Anders als das Gros der Angestellten sollen sie unter dem neuen Gesamtarbeitsvertrag besser gestellt werden. Für die Kader ist vorgesehen, dass sie ihren «Entwicklungsurlaub» schon alle drei Jahre beziehen können. Noch ist aber nichts entschieden. Die Verhandlungen um einen neuen GAV sind derzeit blockiert. Ende Juni hat die SRG zwar Bereitschaft für weitere Verhandlungen mit der Gewerkschaft signalisiert, aber gleichzeitig bekräftigt, an ihren Vorstellungen einer modernen Sozialpartnerschaft festzuhalten.

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