von Nick Lüthi

Eine Chance für die NZZ

Die Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» steht zum Verkauf. Das haben gestern ihre beiden Besitzer Ringier und Tamedia bekanntgegeben. Als Käufer kommt eigentlich nur die NZZ infrage, die mit «Le Temps» seit zehn Jahren ein Anzeigenkombi unterhält.

Wenn Verlage ankündigen, eine ihrer Zeitungen verkaufen zu wollen, zieht normalerweise innert Kürze ein Proteststurm auf. Gewerkschaften und besorgte Politiker ermahnen die Eigentümer, eine nachhaltige Lösung für das Verkaufsobjekt zu suchen und den Titel nicht an den erstbesten Käufer zu verscherbeln.

Gestern Abend blieb es erstaunlich ruhig, nachdem Tamedia und Ringier um 17 Uhr ihre Verkaufsabsichten für «Le Temps» kundgetan haben. (Mit Verspätung folgte die obligate Protestnote doch noch). Genauso sind aber Stimmen zu vernehmen, die von einer «guten Nachricht» reden im Zusammenhang mit den Verkaufsplänen für «Le Temps». Isidore Raposo, Chefredaktor von La Région Nord vaudois, erhofft sich von einer neuen, einheitlichen Eigentümerschaft, dass sie der Zeitung eine strategische Unabhängigkeit ermögliche. Heute sind die beiden Zürcher Medienunternehmen Ringier und Tamedia mit je 46,2 Prozent an «Le Temps» beteiligt. Der Rest verteilt sich auf die Mitarbeiter, einen Genfer Bankier und die französische Tageszeitung Le Monde.

Als Grund für ihre Verkaufsabsichten nennen Tamedia und Ringier in der gemeinsamen Mitteilung indirekt die Schwerfälligkeit der geteilten Verantwortung. Sie schreiben: «Mit einem starken Mehrheitsaktionär würden angesichts der strukturellen Herausforderungen der Medienbranche die besten Voraussetzungen für den Fortbestand und die Weiterentwicklung von Le Temps geschaffen.» Und nicht der erstbeste oder der meistbietende soll den Zuschlag erhalten, sondern nur ein Unternehmen, das sich der Bedeutung der Zeitung für die Westschweiz bewusst ist, sowie den Mitarbeitenden eine Perspektive bieten kann. Findet sich bis Mitte 2014 kein valabler Käufer, erwägen Tamedia und Ringier den Anteil des Anderen zu übernehmen und «Le Temps» im Alleinbesitz weiterzuführen. Auch so würde dem Ziel einer schlankeren strategischen Führung Rechnung getragen.

Der Kreis möglicher Käufer ist einigermassen klein. Eigentlich kommt bei einer einheimischen Lösung nur die Neue Zürcher Zeitung NZZ in Frage als neue Eigentümerin von «Le Temps». Aus folgenden Gründen:

  • Was die NZZ in der Deutschschweiz, ist «Le Temps» in der Westschweiz: ein Qualitätstitel von Weltblattformat (oder zumindest mit diesem Anspruch). Das hat jüngst auch wieder das Jahrbuch «Qualität der Medien» bestätigt: «Le Temps» bilde in der Westschweiz «als einziges Medium» die Spitze der Qualitätspyramide.
  • Die beiden Titel kooperieren bereits seit zehn Jahren auf dem Werbemarkt mit dem «BusinessCombi». Die Inseratekombination der beiden Titel zielt auf sogenannte Top-Leader gemäss MACH-Typologie.
  • NZZ und «Le Temps» haben eine im Branchenvergleich erfolgreiche Digitalstrategie eingeschlagen und erzielen bereits beträchtliche Absatzzahlen beim Verkauf von E-Paper-Ausgaben. «Le Temps» setzt, gemessen an der gesamten verkauften Auflage, mit 13 Prozent sogar einen wesentlichen höheren Anteil E-Paper ab als die NZZ (8 Prozent).
  • Die NZZ als Eigentümerin von «Le Temps» würde ein Stück Medien(eigentümer)vielfalt in die von Tamedia dominierte Presselandschaft in der Westschweiz zurückbringen.
  • «Le Temps» ist ein vergleichsweise schlankes Unternehmen, das zum Beispiel über keine eigene Druckerei verfügt. Die Zeitung wird bei Edipresse/Tamedia in Lausanne gedruckt. Ebenso schreibe die Zeitung «keinen Verlust», hielt gestern Christoph Zimmer, Sprecher von Tamedia fest.  «Le Temps» hat eine grössere Sparrunde mit zahlreichen Entlassungen hinter sich.

Damit zusammenfindet, was zusammengehört, muss die NZZ beim Verhandlungsgeschick aber einen Zacken zulegen. In den letzten Jahren zog die Zürcher Zeitung mehrmals den Kürzeren. So beim Kauf der Basler Zeitung, die man so gut wie gekauft hatte, als in letzter Minute Investor Tito Tettamanti der NZZ die BaZ vor der Nase wegschnappte. Auch am Winterthurer Landboten war die NZZ-Gruppe interessiert, ging aber schliesslich auch dort leer aus, weil Tamedia von ihrem Vorkaufsrecht gebrauch machte. Bei «Le Temps» stünde keine Tamedia im Weg – schliesslich ist sie die Verkäuferin. Ausserdem gab es in der Zwischenzeit einen Wechsel an der Spitze der NZZ-Gruppe. War bei den gescheiterten Übernahmen in Basel und Winterthur noch Albert P. Stäheli am Ruder, hat jetzt Veit Dengler als CEO übernommen. Eine schnelle Akquisition von «Le Temps» könnte sein Gesellenstück werden. Dengler äussert sich auf Anfrage vorerst unverbindlich zu einem allfälligen Engagement der NZZ in der Westschweiz:

Doch selbst wenn sich die NZZ ernsthaft für einen Kauf interessieren sollte, müsste sie mit Konkurrenz rechnen. Auch bei «Le Temps» ist mit dem Interesse von ausländischen Unternehmen oder finanzkräftigen, branchenfremden Kreisen zu rechnen. So könnte die in der Romandie bereits stark verankerte französische Hérsant-Gruppe ein gutes Geschäft als Ergänzung zu ihren Regionalzeitungen wittern. Und schliesslich muss immer mit Investoren gerechnet werden, die aus weltanschaulichen Gründen eine Zeitung kaufen wollen. Am Ende entscheiden Tamedia und Ringier. Und vielleicht heisst dann der Käufer – Ringier oder Tamedia.

Nachtrag I (10.10.2013): Stellungnahme von NZZ-CEO Veit Dengler, siehe Tweet oben.

Nachtrag II (10.10.2013): Inwzwischen hat die Westschweizer Wirtschaftszeitung L’Agefi ihr Interesse an einem Kauf von «Le Temps» angemeldet. Gemäss einem Bericht der Tribune de Genève wären die Eigentümer von L’Agefi sogar bereit, dafür ihr eigenes Blatt aufzugeben, respektive in «Le Temps» zu integrieren. Geld für den Kauf sollte ausreichend vorhanden sein. Hinter der Wirtschaftszeitung steht die im Klinik- und Gesundheitsbereich tätige Aevis Holding.

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Leserbeiträge

Serge Michel 16. Oktober 2013, 23:40

We should bet on it… How much? Nzz will never take over Le Temps. They have already all the advantages thanks to the “Anzeigekombi”, can only get more problems if they get involved. The NZZ issue is not having more papers, it’s to make their huge print facility profitable. As they can not print Le Temps on it, they will not buy. We bet?

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