von Ronnie Grob

Die Konzern-Chefredaktoren

Die Kandidatur von Roger Köppel als SVP-Nationalrat stellt die Frage nach seiner Unabhängigkeit als Journalist. Doch wie unabhängig sind die Chefredaktoren der grossen Medienkonzerne? Die Medienkrise hat dazu geführt, dass bei den grossen Verlagen nur noch Journalisten in Führungspositionen kommen, die bereit sind, in erster Linie die Interessen ihres Arbeitgebers verfolgen und verteidigen.

Die Einnahmenkrise vieler Medien hat es Journalisten, auch guten, sehr schwierig gemacht, in Führungspositionen aufzusteigen. Erstens haben die aktuellen Amtsinhaber Sitzfleisch, freiwillig geht kaum je einer. Zweitens ist der Weg nach oben verbunden mit dem Eingehen eines Pakts der erhöhten Loyalität dem Arbeitgeber gegenüber. Das Geld in den Grossverlagen wird je länger, je mehr mit journalismusfernen Produkten verdient, und da sind die geschäftlichen Interessen des Arbeitgebers vor allem anderen zu wahren. Wer zahlt, befiehlt. Und wer nur noch oder erst wenig verdient, empfängt den Befehl und führt ihn aus.

Wie macht sich das in der Praxis bemerkbar? Ex-Tagi-Wirtschaftsredaktor Bruno Schletti wirft auf Edito.ch Tagi-Chefredaktor Res Strehle vor, er habe nach einer Intervention aus dem Umfeld der Credit Suisse einen Artikel von ihm unterdrückt. «Ich habe meine Kritik Strehle gegenüber direkt formuliert. Er hat zugehört und nichts geantwortet – keine Reaktion.» Auch gegenüber Edito.ch schweigt Strehle, lediglich Unternehmenssprecher Zimmer antwortet, der Artikel sei «aufgrund der zu dünnen Belege und der Vermischung von Fakten und Meinungen» nicht erschienen.

Strehle, der selbst reihenweise Leute entliess oder in die Frühpensionierung verabschiedete, wird über seine Pensionierung hinaus für den Tages-Anzeiger arbeiten. Seine Nachfolge im Frühjahr 2016 wurde bereits jetzt, ein Jahr vorher, geregelt. Die Wahl fiel auf einen, der bereits einen Job hat, den «Sonntagszeitung»-Chefredaktor Arthur Rutishauser. Die Betrauung von Rutishauser mit dieser Doppelbelastung ist ein Affront für alle ambitionierten Journalisten im Haus Tamedia und darum herum. Denn es gibt offenbar nicht eine Frau und nicht einen Mann, den man mit der Leitung dieser Zeitung hätte betrauen können. Natürlich ist dem nicht so, vielmehr geht es der Tamedia-Leitung um die Kontrolle über die Redaktionen, zudem hat Rutishauser bei der «Sonntagszeitung» bewiesen, dass er ein Sparprogramm im Sinne der Firma durchziehen kann. Der Entscheid muss als vorausschauend eingestuft werden, denn mit einer Fusion der beiden Titel ist durchaus zu rechnen. Journalistisches bei Tamedia wird immer häufiger zusammengefügt, kleiner gemacht und am Ende geschlossen. Derweil Hunderte Millionen Franken für Kleinanzeigenportale ausgegeben werden, die man selbst aufzubauen verpasst hat.

Dass sich Res Strehle gar keinen kritischen Fragen mehr stellt, ist aber nicht wahr. Er gibt Auskunft, wie es aussieht mit der Umsetzung der «Stauffacher-Deklaration», die vorsieht, bis Mitte 2016 beim Tagi einen Frauenanteil von 30 Prozent zu erreichen. Nicht so gut, lautet die Antwort. Aber das Problem wird dann sowieso Nachfolger Rutishauser erben. Und der wird das Thema wieder ganz neu beurteilen dürfen. Statt dass ambitionierte Frauen in Führungspositionen gehievt werden, erhalten sie mutmasslich bedeutungslose Absichtserklärungen. Und für ambitionierte Männer sieht es eher noch schlechter aus, wie Strehle gegenüber Persoenlich.com mitteilt: «Einzelne Kollegen verliessen den Tagi, weil sie sich bewusst wurden, dass sie in naher Zukunft nicht weiter aufsteigen können. Wenn ein Kollege zu mir kommt und fragt: ‹Wo bin ich in drei Jahren?›, dann kann ich ihm nichts versprechen, denn in einzelnen Funktionen hier sind die Frauen nach wie vor deutlich untervertreten, in der Tagesleitung zum Beispiel. Gäbe es diese Stauffacher-Deklaration nicht, die ich unterschrieben habe und weiterhin unterstütze, wären wir zweifellos flexibler.»

Die wie Klone in schwarzen Anzügen auftretenden Herren der Tamedia-Unternehmensleitung fahren eine Strategie der Zermürbung. Weil sie die negativen Schlagzeilen über Massenentlassungen scheuen, demoralisieren sie ihre Mitarbeiter, wo es nur geht, vor allem die teuren mit den guten Verträgen. So geht, wer immer es sich leisten kann oder es nicht mehr aushält, freiwillig. Wer schon jemals beobachtet hat, wie eine Wohnungsverwaltung vorgeht in einem Boombezirk mit alteingesessenen Mietern, kennt das Prinzip. Wenn die Heizung nicht mehr funktioniert und das Fenster nicht mehr repariert wird, geht irgendwann auch der Renitenteste. Keine Frage, Wandel ist notwendig. Es müssen sich einfach alle bewusst sein, dass es ein Wandel auf Kosten des Journalismus ist.

Der Chefredaktor des Grosskonzern-Medientitels ist je länger je weniger ein Journalist, sondern ein Verlagsvertreter. Bewertet wird seine Leistung nicht mehr nach journalistischen Gesichtspunkten, sondern nach Restrukturierungsleistungen und Loyalitätsdemonstrationen. Wer ist nun gefährlicher für das freie Wort? Ein Chefredaktor, der parteiisch ist? Oder ein Chefredaktor, der in erster Linie den Verlagsinteressen dient? Ideal wäre ein Chefredaktor, der absolut frei von Interessen schreibt und schreiben lässt, was Sache ist. Aber so einer benötigt die völlige Freiheit von Geldsorgen und Beziehungsabhängigkeiten – vollumfänglich ist das nur in der Theorie der Fall.

Die Vermögenden könnten solche Journalisten problemlos finanzieren, wenn sie denn wollten, denn Geld gibt es nun wirklich nicht zu wenig in der Schweiz. Doch an einem ergebnisoffenem Journalismus sind viele von ihnen nur bedingt interessiert. Lieber sind ihnen Journalisten, die direkt ihren Interessen dienen.

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